Die verborgenen Kosten virtueller Gemeinschaften und der Preis der digitalen Vernetzung
Screenshot youtube.comSoziale Plattformen haben sich in den vergangenen Jahren zu einem festen Bestandteil des täglichen Lebens entwickelt und prägen die Art und Weise, wie Menschen miteinander kommunizieren, Informationen austauschen und ihre Identität nach außen tragen. Diese digitalen Räume versprechen Verbindung und Teilhabe, bergen jedoch gleichzeitig erhebliche Risiken für die Privatsphäre und die persönliche Selbstbestimmung. Während Nutzer diese Dienste scheinbar kostenlos in Anspruch nehmen, zahlen sie in Wirklichkeit mit ihren persönlichsten Informationen, die zu wertvollen Handelsgütern werden. Die folgende Betrachtung beleuchtet die Mechanismen dieser datenbasierten Geschäftsmodelle und zeigt auf, welche Konsequenzen die Preisgabe persönlicher Informationen haben kann.
Die Illusion des kostenlosen Angebots
Soziale Netzwerke sind aus dem Alltag nicht mehr wegzudenken und werden von ihren Nutzern wie ein virtuelles Wohnzimmer gestaltet und erweitert. Bei dieser Gestaltung hinterlassen die Menschen eine Vielzahl von digitalen Spuren, die weit über das hinausgehen, was ihnen bewusst ist. Im Vertrauen auf die virtuellen Freunde mag dies sinnvoll erscheinen, doch im Hinblick auf fremde Nutzer und die Plattformen selbst sollte jeder genau überlegen, welche Inhalte er wie und für wen sichtbar veröffentlicht. Eine der bekanntesten Plattformen ist das Netzwerk mit dem blauen Logo, das als größtes seiner Art gilt und an dem sich die Grundprinzipien sozialer Netzwerke besonders gut verdeutlichen lassen. Je mehr Nutzer eine solche Plattform hat, desto größer wird ihr Einfluss und desto eher lassen sich die Menschen dazu bewegen, ihre Daten preiszugeben.
Die wahre Währung im digitalen Raum
Auch wenn die Bedienung dieser Angebote einfach erscheint und viele Vorteile mit sich bringt, sollte man sich stets vor Augen führen, dass es am Ende auch um finanzielle Interessen geht. Die entscheidende Frage lautet, wie diese Plattformen Geld verdienen, obwohl sie für die Nutzer keinerlei Kosten verursachen. Die Antwort darauf ist ebenso einfach wie beunruhigend: Die virtuelle Währung sind die persönlichen Daten der Nutzer. Die Plattform weiß eine enorme Menge über jeden Einzelnen und kann Personen sehr präzise einschätzen und kategorisieren. Diese Informationen bilden die Grundlage für ein milliardenschweres Geschäftsmodell, das auf der Auswertung und Vermarktung persönlicher Daten beruht.
Die umfassende Sammlung persönlicher Informationen
Wie alle sozialen Netzwerke sammelt auch diese Plattform so viele Daten wie technisch möglich. Dies umfasst nicht nur die Informationen, die bei der Kontoerstellung zwingend eingegeben werden müssen, wie Name, Wohnort, Geburtsdatum, Geschlecht und Kontaktmöglichkeiten. Auch freiwillig bereitgestellte Angaben wie Lebensereignisse, beispielsweise abgeschlossene Ausbildungen, die Geburt von Kindern, Hochzeiten oder Umzüge, werden erfasst. Hinzu kommen Verknüpfungen mit anderen Nutzern, eigene Beiträge, Zustimmungen zu Inhalten und Markierungen sowie zahlreiche weitere Informationen. Diese Datensammlung geht weit über das hinaus, was die meisten Nutzer sich vorstellen können.
Die verräterischen Spuren digitaler Fotografie
Wenn Menschen mit ihrem Mobiltelefon unterwegs sind und Fotos aufnehmen, um sie anschließend mit anderen zu teilen, geben sie oft mehr preis als nur das Bild selbst. Viele Mobilgeräte fragen bei der ersten Inbetriebnahme, ob sie den geografischen Standort speichern dürfen. Bei Zustimmung wird beim Fotografieren automatisch die Position erfasst, an der sich Gerät und Nutzer befinden. Die sogenannten Metadaten der Bilder enthalten zusätzlich weitere Informationen wie Datum, Uhrzeit und das verwendete Gerätemodell. Durch die Nutzung der Plattform haben Nutzer dieser das Recht übertragen, ihre Fotos einschließlich aller Metainformationen zu verwenden.
Die Rekonstruktion von Bewegungsprofilen
Denkt man diese Möglichkeiten weiter, weiß die Plattform genau, wo sich Nutzer zu welchem Zeitpunkt aufgehalten haben. Genauer gesagt, wo sich ihr Mobilgerät befand, was in der Praxis meist dasselbe bedeutet. Aus der Fülle dieser Informationen lässt sich schnell herausfinden, mit wem jemand wahrscheinlich unterwegs war. Hochgeladene Fotos, die zur gleichen Zeit am gleichen Ort entstanden sind, stellen zwar keine Garantie dar, bilden jedoch ein starkes Indiz. Wenn mehrere Nutzer eine identische Reihe von Fotos verschiedener Orte hochladen, die jeweils zur gleichen Zeit entstanden sind, handelt es sich nicht mehr um Zufall, sondern zeigt deutlich, dass diese Personen gemeinsam unterwegs waren.
Die versteckte Ortung durch Software
Nicht nur Fotos übertragen Standortinformationen, auch die Anwendungssoftware auf dem Mobilgerät erfasst die Position und übermittelt diese, zumindest bei den Standardeinstellungen. Jeder Beitrag und jede Nachricht enthält somit weit mehr Informationen als den reinen Text, den der Nutzer eingibt. Hinzu kommen Angaben, die nicht die Nutzer selbst, sondern andere für sie eingeben. Man mag zwar die Plattform bewusst nicht nutzen, um nicht aufzufallen, doch diese Vorsichtsmaßnahme nützt wenig, wenn ein Bekannter jemanden in einem Beitrag markiert und dies nicht unterbunden wurde. Auf diese Weise werden Bewegungsprofile erstellt, ohne dass die Betroffenen dies aktiv steuern können.
Die kommerzielle Verwertung privater Momente
An dieser Stelle stellt sich die Frage, welchen Nutzen die Plattformen und andere Akteure aus all diesen Informationen ziehen. Zwar mögen die Plattformen die Rechte an den Fotos besitzen, doch was lässt sich schon mit Millionen von Urlaubsschnappschüssen anfangen? Tatsächlich eröffnet sich damit eine Vielzahl von Möglichkeiten, die sowohl positive als auch negative Auswirkungen haben. Kartendienste verwenden solche Bilder beispielsweise gern, um realistische Ansichten von Orten zu generieren. Hunderte von Anwendern bewegen sich in der Umgebung bekannter Bauwerke und machen Fotos aus den verschiedensten Blickwinkeln. Mit etwas Rechenleistung lässt sich daraus eine dreidimensionale Ansicht aus allen möglichen Perspektiven erstellen.
Die dunkle Seite der Gesichtserkennung
Diese Entwicklung mag reizvoll sein und für diejenigen interessant, die bestimmte Orte noch nicht besuchen konnten. Die Kehrseite der Medaille ist jedoch weitaus weniger angenehm. Vor einiger Zeit wurde bekannt, dass ein Unternehmen mehrere Milliarden Fotos aus dem Internet gesammelt hat, aus öffentlich zugänglichen Quellen wie sozialen Netzwerken und Videoplattformen. In Kombination mit den Namen der Nutzer, die ja im Regelfall mit dem Foto verknüpft sind, erlaubt dieser Datenbestand eine Verletzung der Privatsphäre, die bisher kaum für möglich gehalten wurde. Das Unternehmen entwickelte beispielsweise eine Spezialbrille, die diesen Datenbestand nutzt und es ermöglicht, nahezu in Echtzeit Personen auf der Straße zu identifizieren und alle möglichen Informationen über sie anzuzeigen.
Die Überwachung im öffentlichen Raum
Nach eigenen Angaben nutzen hunderte Behörden, aber auch private Unternehmen diese Dienste. Die Plattform sitzt also auf einem riesigen Datenschatz, der für alle möglichen Zwecke verwendet werden kann. Doch sie steht nicht allein da. Vielen ist nicht bekannt, dass auch andere beliebte Dienste zum selben Konzern gehören. Hier kommen also neben den bei der Hauptplattform hinterlegten Informationen noch weitere Quellen hinzu, die jede für sich bereits viele persönliche Daten enthalten. Im Zusammenspiel dieser Dienste wird das Bild, das der Konzern von jedem Einzelnen entwickeln kann, immer detaillierter und umfassender.
Die Vision des durchsichtigen Menschen
Die Schreckensvision des gläsernen Menschen nimmt so immer mehr Gestalt an. Es überrascht daher nicht, dass man in der öffentlichen Berichterstattung manchmal den Eindruck gewinnen kann, die Plattform würde ungezügelt personenbezogene Daten sammeln und diese frei an jeden beliebigen Interessenten weitergeben. Dies ist natürlich nicht der Fall, da dies rechtlich nicht zulässig wäre. Spätestens seit Inkrafttreten der europäischen Datenschutzverordnung sind die Bußgeldgrenzen so hoch, dass sich ein solches Vorgehen kaum lohnen würde. Die Plattform hat durch diverse Datenpannen ohnehin schon genug Schwierigkeiten zu bewältigen.
Das Geschäft mit zielgerichteter Werbung
Der wirtschaftliche Kern des Geschäftsmodells ist die zielgerichtete Werbung. Die Nutzer machen sich durch die Verwendung der Plattform als Empfänger von Werbebotschaften interessant. Sie hinterlegen ihre persönlichen Daten, sie geben Zustimmung zu Beiträgen und geben damit etwas über ihre Vorlieben preis, sie markieren Orte, an denen sie sich gerade befinden, Personen, mit denen sie unterwegs sind, und vieles mehr. Anhand dieser Informationen ist es möglich, jeden Nutzer in eine Kategorie einzuordnen, beispielsweise nach Geschlecht, Altersgruppe, finanzieller Situation, Familienstand, Reiseverhalten, politischen Interessen und Kaufgewohnheiten.
Die Präzision des digitalen Marketings
Werbetreibende wiederum haben abhängig vom Produkt oder der Dienstleistung, die sie anbieten, eine bestimmte Zielgruppe, für die dieses Angebot interessant ist. Die Plattform verkauft nun die Schaltung von Werbeanzeigen an die gewünschte Zielgruppe. So ist die Wahrscheinlichkeit, dass die Werbung Erfolg hat, deutlich höher als bei ungezielter Werbung auf einer normalen Internetseite. Dabei erhält der Werbetreibende natürlich keine Informationen über die einzelnen Personen. Er bucht eine bestimmte Kategorie von Nutzern, beispielsweise nach Alter, Geschlecht, geografischer Lage und Interessen. Die Anzeige wird dann genau den Plattform-Nutzern gezeigt, die in das gewünschte Profil passen.
Die unsichtbare Verfolgung im Netz
Wenn Nutzer sich wundern, warum sie in ihrer Chronik immer wieder gesponserte Beiträge, also Werbeanzeigen, sehen, die zumindest nicht komplett an ihren Interessen vorbeigehen, kennen sie nun den Grund. Die Plattform bietet ihren Werbekunden an, einen speziellen Code in ihre Internetseiten einzubinden. Dieser kleine Programmteil verbindet die Plattform mit der Internetseite. Irgendwann melden sich Nutzer bei der Plattform an und diese Anmeldung bleibt aktiv, während sie weiter im Internet surfen. Wenn sie dann eine Seite mit diesem Code aufrufen, wird diese Information an die Plattform übermittelt. Diese weiß dann beispielsweise, dass sich jemand in einem bestimmten Online-Handelsumgesehen hat.
Die maßgeschneiderte Beeinflussung
Dies erlaubt die Schaltung von noch spezifischerer Werbung, etwa für genau das Produkt, das jemand betrachtet hat. Natürlich werden hier keine personenbezogenen Daten direkt übermittelt, sondern die Nutzerdaten verschlüsselt, sodass die Plattform den einzelnen Nutzer nicht eindeutig identifizieren kann. Während man Werbung noch als eine vielleicht störende, aber eher unschädliche Nebenerscheinung der Nutzung eines sozialen Netzwerks sehen kann, sind andere Möglichkeiten, die sich aus den gesammelten Nutzerdaten ergeben, deutlich problematischer. Soziale Netzwerke sind für viele Anwender mittlerweile ein zentraler Teil ihres Lebens geworden, eine Art Ersatzfamilie. Das, was sie dort lesen, erscheint ihnen oft über jeden Zweifel erhaben.
Die gezielte Steuerung öffentlicher Meinung
Die gezielte Verwendung von Inhalten auf der Plattform zur Meinungsbildung ist spätestens seit der öffentlichen Diskussion über Datenanalysen und deren Rolle in Wahlkämpfen bekannt. Die der Plattform zur Verfügung stehenden Daten eignen sich nämlich hervorragend, um ganz gezielt Gruppen von Menschen mit einer dem Zweck entsprechenden Version der Wahrheit zu versorgen. Eine wichtige Rolle spielen dabei die sogenannten unsichtbaren Anzeigen oder Seiten. Diese Werbemittel sind im Dunkeln, weil nicht jeder sie zu sehen bekommt. Sie tauchen nicht im allgemein zugänglichen Informations- und Werbematerial eines Unternehmens oder einer Partei auf.
Die Fragmentierung der Realität
Stattdessen bekommt jede Zielgruppe ihre ganz spezielle Version der Wahrheit gezeigt. Diese muss gar nicht falsch sein. Es reicht schon, nur die eine Tatsache in den Blick zu rücken, die dem Zweck dienlich ist, und alle anderen Fakten zu unterschlagen. Auch ohne gezielte Manipulation ist in den sozialen Netzwerken ein Trend zu beobachten, der auf die freie Meinungsbildung Einfluss hat. Der Mensch ist ein Herdentier und damit anfällig für die Meinung der Masse. Wenn man im realen Leben diskutiert, findet man meist einen gesunden Durchschnitt von Meinungen vor. Es mag zu jedem Thema eine Tendenz geben, aber die meisten Diskussionen sind ausgeglichen.
Die Dynamik digitaler Konflikte
Im Internet ist das oft anders. Eine Diskussion startet mit einer Meinung, schnell beteiligen sich immer mehr Menschen und geben eine Tendenz vor. Weicht die eigene Meinung von der der Mehrheit ab, dann folgt oft der viel beschriebene Sturm der Entrüstung. Statt sachlicher Diskussion und tatsächlichem Beschäftigen mit dem Thema wird nur noch auf diejenigen eingeprügelt, die eine andere Meinung als die Herde haben. Ein soziales Netzwerk kann keine persönliche Diskussion ersetzen, zumindest nicht vollständig. Die anonyme Masse, die sich in den Netzwerken tummelt, und die teilweise nur um der Diskussion willen mitmacht, ist weniger zielführend als eine kleine Diskussionsgruppe vertrauter Menschen.
Die Vertrautheit realer Gespräche
Vor allem ist eine solche Gruppe in der realen Welt vertrauenswürdiger, denn die Meinungen und auch die Entwicklung der eigenen Überzeugung bleiben dort im kleinen Kreis, statt der Öffentlichkeit preisgegeben zu werden. Nicht nur die sozialen Netzwerke selbst und ihre Werbekunden profitieren von den dort gespeicherten Daten. Wenn persönliche Daten öffentlich sind, kann jeder beliebige Nutzer ganz einfach darauf zugreifen und diese Informationen gegebenenfalls für eigene Zwecke missbrauchen. Welche Auswirkungen das haben kann, mussten bereits verschiedene Personen am eigenen Leib erfahren. Name und Geburtsdatum, also Informationen, die jedem sozialen Netzwerk vorliegen, reichten aus, um bei Online-Händlern unter fremdem Namen Konten zu eröffnen und für Tausende Euro Waren zu bestellen.
Die Folgen gestohlener Identität
Die Versandadressen entsprachen natürlich nicht der echten Adresse und die Ware wurde selbstverständlich nie bezahlt. Bis zu diesem Zeitpunkt bemerkt ein Opfer den Identitätsdiebstahl in der Regel gar nicht. Aus den öffentlich zur Verfügung stehenden Informationen kann sich der Betrüger eine glaubhafte E-Mail-Adresse zusammenstellen, die für die komplette Kommunikation verwendet wird. Doch irgendwann sind die Händler, die nach wie vor auf ihr Geld warten, der fruchtlosen Mahnungen müde und schalten ein Inkassounternehmen ein. Dieses fackelt nicht lange, ermittelt die echte Person, deren Identität gestohlen wurde, und versucht, das Geld einzutreiben.
Die langfristigen Konsequenzen des Datenmissbrauchs
Einträge bei Auskunfteien, negative Bonität, endlose Schriftwechsel mit Händlern, Auskunfteien und anderen Parteien fressen Zeit, Geld und Nerven. Das Schlimme dabei ist, dass nicht selten die falschen Daten dann zum echten Datensatz werden. Auch wenn man überhaupt nichts falsch gemacht hat, bleibt der Makel an einem hängen. Einen absoluten Schutz davor gibt es nicht, nur die Empfehlung, möglichst wenige persönliche Informationen ins Netz zu stellen. Dazu gehört, dass man sich selbst diszipliniert und bei jedem Beitrag überlegt, ob man ihn wirklich veröffentlichen will, was er enthalten soll und für welches Publikum er sichtbar ist.
Die eigene Verantwortung im digitalen Raum
Denn so groß die Macht der Plattformen sein mag, das Problem sitzt auch vor der Tastatur. Jeder Einzelne trägt Verantwortung für die Informationen, die er über sich selbst preisgibt. Die scheinbare Bequemlichkeit des Teilhabens an virtuellen Gemeinschaften hat ihren Preis, der oft erst Jahre später sichtbar wird. Die Entscheidung, welche Aspekte des privaten Lebens öffentlich gemacht werden, sollte daher mit großer Sorgfalt getroffen werden. Letztlich bleibt die Frage, ob der vermeintliche Nutzen sozialer Vernetzung die Risiken des Datenverlustes und der Überwachung wirklich aufwiegt. Die Antwort darauf muss jeder für sich selbst finden, wobei die hier dargestellten Mechanismen als Grundlage für diese Entscheidung dienen können.














