Die Religion des ewigen Wachstums und ihre Folgen für die menschliche Zivilisation

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Die moderne Zivilisation hat sich einem Dogma verschrieben, das unser gesamtes Zusammenleben, unsere Wirtschaftssysteme und sogar unsere zwischenmenschlichen Beziehungen tiefgreifend prägt. Während frühere Epochen die Welt als statisches Gefüge begreifen, in dem Ressourcen streng begrenzt waren, hat sich in der Neuzeit ein unerschütterlicher Glaube an die ständige Mehrung des materiellen Wohlstands entwickelt. Dieses Streben nach immerwährender Expansion durchdringt heute alle gesellschaftlichen Schichten und politischen Ideologien, unabhängig von deren ursprünglichen philosophischen Wurzeln. Es formt eine globale Glaubensgemeinschaft, die in der unaufhörlichen Produktion von Gütern die ultimative Lösung für sämtliche menschlichen Probleme sieht.

Der Wandel vom statischen Weltbild zur Expansionsgesellschaft

In der langen Geschichte der Menschheit waren die Menschen durch die Evolution daran gewöhnt, die verfügbaren Ressourcen als unveränderlich zu betrachten. Wenn eine Person oder eine Gemeinschaft mehr Besitz anhäufte, musste zwangsläufig eine andere Person oder Gemeinschaft weniger erhalten. Traditionelle Glaubenssysteme suchten daher nach Wegen, die Herausforderungen der Menschheit mit den jeweils vorhandenen Mitteln zu bewältigen, sei es durch eine gerechtere Verteilung des Vorhandenen oder durch den Verweis auf ein jenseitiges Paradies. Die heutige Epoche hingegen basiert auf der festen Überzeugung, dass wirtschaftliche Expansion nicht nur möglich, sondern absolut unverzichtbar ist.

Die Illusion der unbegrenzten Problemlösung durch Konsum

Spirituelle Praktiken mögen zwar inneren Frieden stiften, doch materielle Nöte lassen sich nach moderner Lesart ausschließlich durch ständige Produktion überwinden. Dieser Leitsatz besagt vereinfacht, dass jedes Problem durch die Beschaffung zusätzlicher Güter gelöst werden kann. Regierende und Wirtschaftsfachleute begründen diese Notwendigkeit mit drei zentralen Argumenten. Erstens ermöglicht eine steigende Produktion einen höheren Konsum, was den allgemeinen Lebensstandard anheben und das Glück der Menschen mehren soll.

Demographische Zwänge und die Verteilungsfrage

Zweitens ist ein ständiges Wachsen der Wirtschaft zwingend erforderlich, um den bestehenden Zustand zu erhalten, solange die Bevölkerung zunimmt. Wenn beispielsweise die Einwohnerschaft eines riesigen Landes wie Indien jährlich um 1,2 Prozent zunimmt, muss die Wirtschaftsleistung im gleichen Maße zulegen, um Arbeitslosigkeit und sinkende Einkommen zu verhindern. Drittens stellt sich die Frage nach den zahlreichen verarmten Bürgern, die am gesellschaftlichen Reichtum bisher nicht teilhaben. Bleibt der Gesamtbesitz gleich, kann man den Armen nur geben, indem man den Reichen nimmt, was zu harten Konflikten führen würde. Ein wachsender Gesamtbesitz verhindert diese Verteilungskämpfe und sichert den sozialen Frieden.

Der universale Heilsbringer für alle gesellschaftlichen Krisen

Das Streben nach Expansion hat sich zu einem Allheilmittel entwickelt, das auf nahezu jedes private und staatliche Problem angewandt wird. Würden Länder in Asien oder Afrika stetig zulegen, könnten ihre Bürger Automobile und volle Vorratskammern ihr Eigen nennen, anstatt radikalen Ideologien zu verfallen. Auch in Regionen, die von Armut und Unterdrückung geplagt sind, würde ein aufstrebender Mittelstand das Fundament für freie Gesellschaften bilden. Sogar private Zerwürfnisse, etwa in einer kriselnden Ehe, sollen durch den Erwerb eines größeren Hauses oder die Anschaffung technischer Haushaltshelfer gelöst werden.

Die globale Einigkeit der Wachstumsgläubigen

Dieses Credo vereint einstige Feinde und völlig unterschiedliche Weltanschauungen auf einer gemeinsamen Grundlage. Ehemals verfeindete Lager während des Kalten Krieges teilten die tiefe Überzeugung, durch wirtschaftliche Expansion ein Paradies auf Erden erschaffen zu können, und stritten lediglich über den besten Weg dorthin. Heute setzen völlig unterschiedliche politische Führer auf diese Karte, um ihre Macht zu festigen und ihre jeweiligen ideologischen Ziele zu erreichen. Ein bekannter Regierungschef Indiens wurde primär wegen seiner wirtschaftlichen Erfolge in einer einzelnen Provinz an die Spitze des riesigen Landes gewählt.

Wirtschaftlicher Erfolg als politisches Legitimationsmittel

Auch in der Türkei sichert eine Partei ihre langjährige Herrschaft durch den Verweis auf stetige wirtschaftliche Aufschwünge. In Japan versprach ein national denkender Regierungschef, die Wirtschaft aus einer Starre von zwei Jahrzehnten zu befreien, und griff dafür zu unkonventionellen Methoden, die in der Fachwelt schnell einen eigenen Spitznamen erhielten. Im benachbarten China orientiert sich die herrschende Partei in der Praxis an der Devise, dass Entwicklung die einzige entscheidende Wahrheit sei, völlig ungeachtet ursprünglicher ideologischer Lehren. In einem wohlhabenden Stadtstaat in Südostasien geht man noch weiter und koppelt die Gehälter der Regierungsmitglieder direkt an das Bruttoinlandsprodukt, sodass persönlicher finanzieller Erfolg untrennbar mit der nationalen Expansion verbunden ist.

Der quasi-religiöse Status der Expansion

Diese Besessenheit erscheint uns heute völlig normal, weil wir in dieser spezifischen Epoche leben, doch historische Herrscher verknüpften ihr Schicksal selten mit der Mehrung der Wirtschaftsleistung. Dass heutige Staatsmänner ihr politisches Überleben an das Wachsen der Ökonomie knüpfen, zeigt, dass dieses Prinzip einen fast religiösen Status erlangt hat. Man kann diesen Glauben durchaus als eigene Glaubenslehre bezeichnen, da er für sich beansprucht, die meisten moralischen Fragen der Menschheit zu beantworten. Da ständige Expansion als Quelle alles Guten gilt, werden Menschen dazu angehalten, ihre ethischen Streitigkeiten beizulegen, um sich dem zu widmen, was den größten langfristigen Nutzen bringt.

Die Zerstörung traditioneller Werte im Namen des Profits

Dieses Dogma des Immer-Mehr zwingt Einzelpersonen und Staaten dazu, alles zu missachten, was der Expansion im Weg stehen könnte. Während in der Vergangenheit Kollektivierungen zahlreichen Bauern das Leben kosteten und ganze Ökosysteme zerstörten, werden heute andere Werte dem ungezügelten Markt geopfert. Ökologische Lebensräume, gewachsene Gesellschaftsstrukturen und traditionelle Familienbande werden systematisch abgebaut, sobald sie den freien Markt bremsen. Ein Softwareentwickler, der ein hohes Stundengehalt erzielt, steht beispielsweise vor dem Dilemma, seinen pflegebedürftigen Vater selbst zu versorgen oder eine billige Arbeitskraft aus einem fernen Land zu engagieren.

Die moralische Verblendung durch Marktmechanismen

Der freie Markt fordert in einem solchen Fall klar die Auslagerung der Pflege, um die eigene Produktivität und das allgemeine Wachsen der Wirtschaft nicht zu gefährden. Diese Forderung ist jedoch kein objektives Naturgesetz, sondern ein verschleiertes moralisches Urteil, das Familienbande zugunsten des Bruttoinlandsprodukts opfert. Wenn sich manche Menschen auf die Entwicklung von Programmen spezialisieren, während andere alte Menschen versorgen, mag die Gesamtproduktion steigen, doch der Preis dafür ist der Verlust der Menschlichkeit. Mit solchen Werturteilen hat das marktwirtschaftliche System die Grenze zur reinen Wissenschaft überschritten und den Rang einer Glaubenslehre eingenommen.

Die irdischen Wunder des kapitalistischen Glaubens

Anhänger dieses Systems lehnen die Bezeichnung als Religion oft ab, doch während alte Glaubensgemeinschaften schwinden, behauptet sich diese Lehre mit großer Kraft. Im Gegensatz zu traditionellen Religionen, die Belohnungen im Jenseits versprechen, werden hier materielle Wunder auf der Erde versprochen und oft auch tatsächlich erreicht. Die Überwindung von Hunger und Seuchen sowie die Abnahme globaler Gewalt sind maßgeblich auf diesen unerschütterlichen Glauben an die Expansion zurückzuführen. Das System hat die Menschen gelehrt, die Wirtschaft nicht mehr als Nullsummenspiel zu betrachten, bei dem der Gewinn des einen der Verlust des anderen ist, sondern als Situation, in der alle Beteiligten gleichzeitig profitieren können.

Das oberste Gebot der ständigen Reinvestition

Aus dieser Überzeugung leitet das System sein erstes und wichtigstes Gebot ab: Erwirtschaftete Gewinne müssen stets in neue Expansion investiert werden. In früheren Zeiten verschwendeten Herrscher ihren Reichtum für prunkvolle Feste oder versteckten Edelmetall in tiefen Kellern. Heutige Anhänger dieser Lehre nutzen ihre Überschüsse, um neue Arbeitskräfte einzustellen, Produktionsstätten zu erweitern oder völlig neue Waren zu erschaffen. Wer dies nicht selbst kann, übergibt das Kapital an Finanzinstitute, die es an Bauern für neue Felder, Bauherren für neue Siedlungen oder die Rüstungsindustrie weiterleiten.

Der unaufhaltsame Kreislauf des Kapitals

Die Gewinne aus all diesen Unternehmungen ermöglichen es, die aufgenommenen Kredite samt Zinsen zurückzuzahlen, wodurch immer mehr Geld für neue Projekte zur Verfügung steht. Dieses Rad der Expansion steht niemals still, denn das System kennt keinen Zustand der Zufriedenheit, in dem man sich einfach zurücklehnen könnte. Wer einen Freund beobachtet, der über eine größere Summe freien Kapitals verfügt und nach Anlagemöglichkeiten sucht, versteht sofort, warum dieser Kreislauf nie endet. Niedrige Zinsen auf Sparkonten treiben die Menschen in riskantere Geschäfte, sei es in Immobilien oder in Aktienmärkte ferner Länder, nur um das Vermögen weiter zu vermehren.

Die Prägung der Jugend durch expansionistische Spiele

Diese Lektion wird der jüngeren Generation durch allgegenwärtige Spiele bereits in der Kindheit eingebläut. Alte Strategiespiele wie Schach basierten auf einer statischen Wirtschaft, bei der man mit einer festen Anzahl von Figuren begann und diese niemals vermehren konnte. Solche Spiele erforderten keine Investitionen, sondern lediglich taktisches Denken mit den vorhandenen Mitteln. Moderne Brett- und Computerspiele hingegen drehen sich ausschließlich um Investitionen, Ressourcengewinnung und unaufhörliches Wachsen.

Die Simulation der kapitalistischen Realität

In populären Aufbaustrategiespielen, die in historischen oder fiktiven Epochen angesiedelt sind, gelten durchweg dieselben marktwirtschaftlichen Prinzipien. Das Ziel besteht darin, eine Siedlung oder ein ganzes Reich zu gründen, beginnend mit einem winzigen Dorf und wenigen Anbauflächen. Die anfänglich erwirtschafteten Rohstoffe müssen klug investiert werden, wobei die gewinnbringendste Strategie darin liegt, möglichst wenig in unproduktive Güter und maximal in ertragreiche Anlagen zu stecken. Der Bau weiterer Siedlungen erhöht die Einnahmen der nächsten Runde, was den Erwerb von Verteidigungsanlagen und den Ausbau zu großen Städten mit Häfen und Universitäten ermöglicht.

Der Triumph der Expansion als Lebensprinzip

Wer am meisten in die Produktion investiert, erschließt sich neue Kontinente, gründet eigene Zivilisationen und gewinnt das Spiel. Diese virtuellen Welten spiegeln exakt die reale Mentalität wider, in der wir heute leben, und trainieren den Nachwuchs unbemerkt auf die Prinzipien des ewigen Wachstums. Die Botschaft ist klar: Stillstand bedeutet Rückschritt, und nur die ständige Mehrung des Besitzes führt zum ultimativen Sieg über die Konkurrenz.

 

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