Die Gier nach dem schnellen Geld und die Illusion der regulierten Finanzmärkte

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Die modernen Finanzmärkte haben sich von ihrer ursprünglichen Aufgabe, die reale Wirtschaft mit Kapital zu versorgen, längst zu einem eigenständigen Kosmos der Selbstbereicherung entwickelt. In diesem System stehen nicht mehr der Aufbau von Werten oder die Förderung von Innovationen im Mittelpunkt, sondern die Jagd nach minimalsten Kursbewegungen innerhalb von Sekundenbruchteilen. Eine kleine Gruppe von Akteuren hat sich dabei völlig von der realen Wirtschaft entkoppelt und betreibt ein Spiel, das die globalen Geldströme in eine schiefe Lage bringt. Die politischen Institutionen und Zentralbanken versuchen zwar durch massive Geldgeschenke das System am Laufen zu halten, doch sie befördern damit genau jene Mechanismen, die eine stabile Ordnung unmöglich machen.

Der obsessive Fokus auf winzige Kursschwankungen

Die Teilnehmer dieses spekulativen Spiels wollen ausschließlich von den kleinsten Bewegungen der Kurse profitieren, mögen diese Schwankungen auch noch so unbedeutend sein. Um dieses Ziel zu erreichen, sitzen diese kurzfristig orientierten Händler stundenlang vor ihren Bildschirmen und verfolgen in starrer Konzentration das ständige Auf und Ab der Märkte. Falls das eigene Kapital nicht ausreicht, wird einfach auf Pump gehandelt, wobei die Geldhäuser dank der ständigen Liquiditätsspritzen der Zentralbank gerne aushelfen. Für einen solchen Spekulanten stellt eine Haltedauer von wenigen Tagen oder gar Wochen eine absolut unzumutbare Qual dar. Es muss zwingend bereits nach einigen Minuten oder spätestens nach wenigen Stunden in der eigenen Kasse klingeln.

Der Wandel vom Handelsraum zum heimischen Bildschirm

Vor gut zwei Jahrzehnten gab es noch physische Handelsräume, in denen jedermann vor Monitoren saß und durch geschicktes oder eher glückliches Kaufen und Verkaufen von Aktien und Devisen schnelle Gewinne erzielen wollte. Inzwischen ist die Technik so weit fortgeschritten, dass der weitaus größte Teil dieser Händler seine Tätigkeit vom heimischen Rechner aus betreibt. Die moderne Struktur des weltweiten Netzes macht diese Verlagerung in die privaten Wohnzimmer überhaupt erst möglich. Die Akteure nutzen heutzutage eine technische Ausstattung, die früher ausschließlich den großen professionellen Börsenhändlern vorbehalten war. Komplexe Informationssysteme, geeignete Programme zur Analyse der Datenflut sowie rasende Datenleitungen verhelfen dem Nutzer innerhalb weniger Klicks zum schnellen Erfolg oder eben zum totalen Misserfolg.

Die fragwürdige Rechtfertigung des spekulativen Treibens

Die meisten dieser kurzen Händler machen kein Geheimnis daraus, dass die Aussicht auf schnell und bequem verdientes Geld der alleinige Antrieb ihres Tuns ist. Es gibt jedoch auch Teilnehmer, die sich ernsthaft als Wohltäter der gesamten Volkswirtschaft betrachten. Durch ihr ständiges Handeln würden sie angeblich zu einer höheren Effizienz der Kapitalmärkte beitragen und dafür sorgen, dass die Märkte flüssig bleiben. Mit dem gleichen unsinnigen Argument könnte ein Ladendieb behaupten, sein Wirken sei segensreich, weil dadurch die Beobachtungsgabe von Detektiven geschult werde. Diese Spekulanten stiften keinerlei Nutzen, sondern verursachen immense Schäden, indem sie die Schwankungsanfälligkeit der Märkte künstlich aufblähen.

Die Vernetzung der Spekulanten im digitalen Raum

Nach dem Platzen der großen Technologieblase zu Beginn des Jahrtausends war es um diese kurzfristigen Händler zunächst etwas ruhiger geworden. Im Zuge der fortschreitenden Vernetzung drängen sie sich jedoch wieder in den Vordergrund und propagieren das Prinzip des gemeinschaftlichen Handels. Dieser Begriff beschreibt den ständigen Informationsaustausch innerhalb der spekulativen Gemeinschaft. Bestimmte Impulsgeber treten dabei als besonders erfolgreiche Handelsprofis auf und erzeugen Stimmung, während die Nachahmer versuchen, diese vermeintliche Expertise für das eigene Handeln auszunutzen. Auf diese Weise schaukeln sich die Massen gegenseitig hoch und folgen blind den Signalen weniger Lautstarker.

Die unerschöpfliche Geldquelle der Zentralbank

Damit dieses spekulative Treiben überhaupt finanziert werden kann, benötigen die Banken ständigen Nachschub an flüssigen Mitteln. Der Begriff der Geldzuweisung steht für die Versorgung der Kreditinstitute durch die Europäische Zentralbank. Die Banken können über ihre nationalen Institute ihre Liquiditätswünsche kundtun und erhalten gegen Hinterlegung von Wertpapieren eine Gutschrift auf ihren Konten. Um diese Wünsche zu erfüllen, schreibt die Zentralbank in regelmäßigen Abständen Geschäfte aus, bei denen es feste oder variable Zinssätze gibt. Beim festen Zinssatz gibt die Zentralbank die Kosten vor, während die Banken lediglich die gewünschte Kredithöhe angeben müssen.

Die Steuerung der Geldmenge und der Zinskonditionen

Beim variablen Zinssatz wird lediglich eine Untergrenze vorgegeben, woraufhin die Banken nicht nur die Höhe, sondern auch den maximalen Zins bieten. Beide Formen geben der Zentralbank die Möglichkeit, das Volumen der Kredite zu steuern und die Zinskonditionen zu bestimmen. Haben die Banken zum Beispiel Gebote von insgesamt 200 Milliarden abgegeben und die Zentralbank teilt nur 100 Milliarden zu, erhält jede Bank nur die Hälfte. Grundsätzlich ist die Geldaufnahme bei der Zentralbank die einfachste und attraktivste Form der Geldbeschaffung für das gesamte System. Reicht das Volumen nicht aus, können sich die Institute untereinander aushelfen, was früher in einem fast perfekten globalen Netzwerk funktionierte.

Der Zusammenbruch des globalen Vertrauensnetzwerks

Seit der großen Finanzkrise hat sich die Bankenwelt jedoch in Gewinner und Verlierer aufgespalten, was das alte System der gegenseitigen Hilfe zerstörte. Die Verlierer müssen hohe Abschreibungen vornehmen, was in letzter Konsequenz zu einem akuten Geldmangel führt. Als das Misstrauen in die Vorstandsetagen einzog, war die Zentralbank mit ihren unbegrenzten Zuweisungen gefordert, um das System vor dem Kollaps zu bewahren. Im Herbst 2008 erfolgte eine Umstellung auf feste Zinssätze, wobei die Kreditwünsche der Banken ohne jede Einschränkung erfüllt wurden. Die Zinssätze sanken in der Folgezeit in immer tiefere Bereiche und erreichten schließlich historische Tiefststände von unter einem Prozent.

Die Flutung des Systems mit langfristigen Krediten

Neben den kurzfristigen Geschäften gibt es auch längerfristige Refinanzierungsgeschäfte mit einer Laufzeit von mehreren Monaten. Der damalige Chef der Zentralbank legte im Winter 2011 und im Frühling 2012 zwei gewaltige Programme auf, um dem Bankensystem zu helfen. Es wurden jeweils etwa 500 Milliarden als feste Zuweisung mit voller Zuteilung zu minimalen Zinssätzen bereitgestellt. Das wirklich Beachtliche an diesem gewaltigen Kreditprogramm war die Laufzeit von drei Jahren, was den Instituten eine enorme Planungssicherheit gab. Trotz dieser gigantischen Summen und extrem günstigen Konditionen kamen die verbesserten Bedingungen kaum bei den normalen Verbrauchern an.

Die Abwälzung der Kosten auf die ahnungslosen Verbraucher

Bei den Überziehungskrediten langen die deutschen Banken nach wie vor gnadenlos zu und verlangen Zinsen von fast zwölf Prozent. Im Vergleich zum Vorjahr waren das nur minimale Abstriche, obwohl die Kosten der Banken bei der Zentralbank gleichzeitig um die Hälfte gesunken waren. In anderen europäischen Ländern wie Österreich oder den Niederlanden liegen die Kosten für solche Überziehungen bei weitem nicht so hoch. Die Banken schieben die Vorteile der Zentralbankpolitik nicht an die Kunden weiter, sondern behalten die Spannen für sich. Dieses Verhalten zeigt deutlich, wer die Zeche für die Rettung des Systems am Ende bezahlt.

Die Idee einer weltweiten Abgabe auf Finanzgeschäfte

Um dieses unsinnige Treiben einzudämmen, forderte ein renommierter Nobelpreisträger bereits in den siebziger Jahren eine weltweite Abgabe auf internationale Devisengeschäfte. Inspiriert von den Gedanken eines berühmten Ökonomen sollte diese Abgabe kurzfristig orientierte Spekulationen auf Währungsschwankungen bremsen. Wechselkurse sollten seiner Überzeugung nach langfristige wirtschaftliche Phänomene widerspiegeln und nicht durch kurzfristige Gier verzerrt werden. Die Zeiten haben sich seitdem leider nicht zum Besseren gewandelt, sondern wir blicken heute auf eine gigantische Spekulationsmaschinerie. Frühere Bremsen wie die Börsenumsatzsteuer wurden im Zuge der allgemeinen Deregulierungswelle abgeschafft und durch nichts Gleichwertiges ersetzt.

Die Notwendigkeit einer echten Spekulationsbremse

Ausdruck der Dominanz des renditegetriebenen Agierens sind heutzutage nicht nur die Tageshändler, sondern auch diverse Spekulationsfonds und der ausufernde Handel mit Rohstoffen. Eine echte Finanztransaktionssteuer ist notwendiger denn je, weil sie die bei kurzfristigem Handel entstehenden Kosten erhöht und somit langfristiges Engagement fördert. Vor allem dem Hochgeschwindigkeitshandel würde eine solche Abgabe das Wasser abgraben und die Märkte beruhigen. Eine solche Steuer darf sich jedoch nicht nur auf den reinen Börsenhandel beschränken, da sonst sofort in den außerbörslichen Bereich ausgewichen wird. Das Argument, dass in bestimmten Finanzzentren bereits Steuern auf Aktien existieren, ist lächerlich und ignoriert die ungeheure Vielfalt der anderen Instrumente.

Der zähe Widerstand gegen die Regulierung der Märkte

Die Europäische Kommission hat einen konkreten Vorschlag unterbreitet, der für den Handel von Aktien und Anleihen minimale Abgaben vorsieht. Dabei soll das Geschäftssitzprinzip gelten, um eine Verlagerung von Handelsaktivitäten in steuerfreie Länder zu verhindern. Trotz der äußerst geringen Steuersätze soll diese Abgabe jährlich gewaltige Summen einbringen, was das Ausmaß der Handelsvolumina verdeutlicht. Es kann jedoch nicht das Ziel sein, staatliche Einnahmen zu maximieren, sondern primär geht es um die Eindämmung der reinen Spekulation. Von daher wäre ein Rückgang der Einnahmen sogar zu begrüßen, da dies weniger schädliche Transaktionen bedeuten würde.

Die Hinhaltetaktik der Finanzindustrie und ihrer Verbündeten

Anfang des Jahres 2013 wurde die Einführung einer solchen Steuer in elf europäischen Ländern beschlossen, doch eine schnelle Umsetzung ist nicht in Sicht. Vertreter der Finanzbranche warnen vor drohenden Milliardenlöchern und ziehen sogar vor den Europäischen Gerichtshof, um das Projekt zu verzögern. Auf der Insel fürchtet man Nachteile im Handel und argumentiert, dass Unternehmen abwandern könnten, wenn die Abgabe kommt. Ein notwendiges Instrument zur Eindämmung der unsäglichen Spekulation wird auf diese Weise wieder einmal systematisch zerredet. Die wahren Profiteure dürfen weiter ungestört ihre Gewinne auf Kosten der Allgemeinheit einfahren.

 

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