Die Entfesselung der Finanzmärkte und die Folgen für die gesellschaftliche Ordnung
Screenshot youtube.comDie globale Wirtschaft hat sich in den vergangenen Jahrzehnten grundlegend gewandelt, wobei sich die Finanzsphäre immer weiter von der realen Güterproduktion entfernt hat. Diese Entwicklung wurde durch politische Entscheidungen begünstigt, die den Märkten freie Bahn ließen und dabei die sozialen sowie ökonomischen Konsequenzen für die breite Bevölkerung ausblendeten. Was einst als Motor für Wohlstand und Fortschritt gepriesen wurde, hat sich zu einem System entwickelt, das Risiken vergesellschaftet, während Gewinne privatisiert werden. Um die heutigen gesellschaftlichen Spaltungen und die enorme Konzentration von Reichtum zu verstehen, muss man die Mechanismen dieser entfesselten Geldwirtschaft genau betrachten.
Die grundlegenden Bausteine des Kapitalmarktes
Es ist unübersehbar, dass die Interessenvertretung der Großbanken mit ihrer Strategie zum Abbau staatlicher Vorschriften überaus erfolgreich war. Was jedoch an gesetzlichen und behördlichen Regeln im Vordergrund verschwunden ist, kehrt durch die Hintertür in den Alltag der Anleger zurück. Bei der Gestaltung von Geldanlagen werden frei ausgehandelte Vertragswerke derart kompliziert, dass für normale Bürger völlig undurchsichtige Verhältnisse entstehen. Die Kundschaft muss daher äußerst wachsam sein und genau prüfen, welche Verpflichtungen sie eingeht. Kommt seitens der Anbieter noch ein uneinsichtiges und verantwortungsloses Gebaren hinzu, gerät die gesamte Volkswirtschaft in eine existenzielle Bedrohung.
Die Rückkehr der Komplexität durch die Hintertür
Grundsätzlich existieren lediglich zwei einfache Wertpapiergrundformen, aus denen sich sämtliche Finanzinstrumente der Welt ableiten lassen. Beide sind im Kern simpel strukturiert und für jedermann leicht zu durchschauen, nämlich die Unternehmensbeteiligung und die Schuldverschreibung. Mit der Ausgabe von Unternehmensbeteiligungen verschafft sich ein Betrieb frisches Eigenkapital, um Investitionen zu tätigen. Der Erwerber solcher Papiere erhält eine Miteigentümerschaft an der Firma, darf auf der Hauptversammlung mitbestimmen und partizipiert an den ausgeschütteten Gewinnanteilen. Ist das Unternehmen dauerhaft erfolgreich, steigt der Wert dieser Papiere und beschert dem Eigentümer zusätzliche Vermögenszuwächse.
Der Siegeszug der Spekulation
Im Gegensatz dazu nimmt ein Betrieb, ein Geldhaus oder ein Staat mit der Begebung von Schuldverschreibungen einen klassischen Kredit auf. Der Käufer dieser Papiere erwirbt keinerlei Miteigentum, sondern lediglich ein Forderungsrecht gegen den Herausgeber. Als Gegenleistung für das überlassene Kapital erhält der Gläubiger regelmäßige Zinszahlungen und am Ende der festgelegten Laufzeit sein eingesetztes Geld zurück. Die heutzutage angebotenen Geldanlagen sehen jedoch völlig anders aus und folgen keiner einfachen Logik mehr. Dort finden sich hochkomplizierte Hebelprodukte auf Börsenindizes mit exakt definierten Auslöseschwellen und automatischen Verlustbegrenzungen.
Die Instrumentalisierung der Börsenindizes
Ferner gibt es Mischvermögen, die eine höhere Wertentwicklung als reine Zinsanlagen versprechen, aber durch die Reaktionsgeschwindigkeit ihrer Rechenmodelle enorme Kursrückschläge riskieren. Ebenso werden kreditgebundene Wertpapiere feilgeboten, deren Verzinsung sich aus komplexen Formelwerken und mehreren variablen Zinssätzen zusammensetzt. Die Finanzwirtschaft hätte niemals solch gewaltige Dimensionen annehmen können, wenn man bei den beiden einfachen Grundformen geblieben wäre. Ebenso hätte die Branche nicht explodieren können, wenn die Anleger ihre Mittel wirklich langfristig und am realen Wirtschaftswachstum orientiert angelegt hätten. Stattdessen rückte der Spekulationsaspekt unaufhaltsam in den absoluten Vordergrund des Marktgeschehens.
Die Verschachtelung der Anlagevehikel
Unternehmensbeteiligungen und Schuldverschreibungen wurden zum Spielball kurzfristiger Gewinninteressen und dem Hochgeschwindigkeitshandel durch Computerprogramme ausgeliefert. Zudem erfand die Branche die Börsenindizes, die weltweit im Bereich von 100 angesiedelt sind. Diese Indizes dienen nur vordergründig dazu, die Kursentwicklung der enthaltenen Werte widerzuspiegeln. Vielmehr fungieren sie als entscheidender Maßstab für spekulativ agierende Marktteilnehmer und bilden die Grundlage für unzählige Wetten auf zukünftige Kursbewegungen. Schon früh entdeckte die Industrie auch das Sammeln von Geldern in großen Töpfen als lukratives Geschäftsfeld.
Die Erfindung der Kreditverbriefungen
Man bündelt Wertpapiere, Edelmetalle und andere Vermögenswerte und gibt Anteilsscheine an diesem Gesamtvermögen aus. Unter dem werblichen Versprechen, dass eine breite Streuung das Risiko mindere, werden diese Töpfe der Kundschaft angeboten. Auf diese Weise wird ein Sondervermögen nach dem anderen aufgelegt und die Renditeversprechen werden immer undurchsichtiger. Vor einigen Jahren wurden sogar Dachvermögen zugelassen, die wiederum in andere Sondervermögen investieren und so die Transparenz endgültig zerstören. Weitere Gewinnmargen generiert die Branche durch ständiges Umschichten, damit die Kundschaft stets das vielversprechendste Produkt im Depot wähnt.
Das Geschäftsmodell der Verwirrung
In den 1980er Jahren des vergangenen Jahrhunderts hielten zudem neuartige Absicherungsgeschäfte Einzug in die breitere Masse. Früher dienten solche Termingeschäfte ausschließlich der Risikoabsicherung von Profihändlern, doch plötzlich durfte jeder mit ungedeckten Optionsscheinen den Reiz des finanziellen Hebels auskosten. Die Idee, den massiven Kapitaleinsatz mit hohen Gewinnchancen zu verbinden, lockte unzählige private Spekulanten an die Märkte. Irgendwann erkannte die Industrie, dass man solche Termingeschäfte wunderbar mit dem klassischen Kreditgeschäft verknüpfen kann. Dies war die Geburtsstunde der kreditgebundenen Wertpapiere, die insbesondere im deutschsprachigen Raum reißenden Absatz fanden.
Die Macht der Interessenvertretung
Vor rund 10 Jahren kam eine weitere Neuerung in Mode, nämlich die Verbriefung von normalen Krediten. Der exzessive Handel mit den daraus konstruierten künstlichen Schuldtiteln führte die Weltwirtschaft direkt in die schwere Krise des Jahres 2007. Man muss sich stets vor Augen führen, dass die schiere Produktvielfalt und die extreme Komplexität das eigentliche Geschäftsprinzip darstellen. Auf Basis der gezielten Verwirrung und Verunsicherung ihrer Kundschaft macht die Branche lukrative Geschäfte. Dabei werden große Renditeversprechen abgegeben, ohne in hinreichender Weise auf die massiven Risiken hinzuweisen.
Die Gefahr der systemgefährdenden Häuser
Zur Beschreibung der einfachen Grundformen reicht ein Prospekt im Umfang weniger Seiten völlig aus. Im Zusammenhang mit den modernen Finanzinnovationen werden jedoch häufig Vertragswerke über mehrere 100 Seiten ausgefertigt. An diesem Papierboom verdient neben den Banken sogar die verarbeitende Industrie, was die Absurdität des Systems unterstreicht. Die Interessenvertretung der Finanzwirtschaft ist überaus mächtig und verfügt über enorme Geldmittel. Hinter diesen Kapitalströmen stehen das Großkapital und die gesellschaftlich Privilegierten, die eine hohe Verzinsung ihrer Geldanlagen einfordern.
Das Versagen der Aufsicht
Eine solche Rendite ist eigentlich nur erreichbar, wenn man bereit ist, entsprechend hohe Risiken in Kauf zu nehmen. Wenn gewaltige Anlagesummen in riskante Verwendung fließen, ergeben sich massive Auswirkungen auf gesamte Volkswirtschaften und letztlich auf die Welt. Besonders kritisch wird die Lage für eine Volkswirtschaft, wenn viele Banken im Spiel sind, die als systemgefährdend gelten. Diejenigen Akteure, die in solchen Häusern das Spekulationsgeschäft betreiben, befinden sich in einer überaus komfortablen und abgesicherten Position. Ein Fachbegriff aus der Versicherungswirtschaft beschreibt diesen Widerspruch zwischen Gemeinwohl und Eigennutz als moralische Versuchung.
Der Schock des Zusammenbruchs
Ein klassisches Beispiel ist der Fahrradfahrer, der sein Rad ohne Selbstbeteiligung gegen Diebstahl versichert und es deshalb leichtsinnig an unsicheren Orten abstellt. Genau so ergeht es dem Spekulationsbanker, der unverzagt riskante Geschäfte tätigt, in der festen Gewissheit, dass sein Haus im Ernstfall vom Staat gerettet wird. Die Versicherungswirtschaft reagiert auf solche Versuchungen mit gezielten Gegenmaßnahmen wie Selbstbeteiligungen oder strengen Ausschlussklauseln. Was den Versicherern recht ist, sollte der staatlichen Bankenaufsicht eigentlich ebenfalls billig sein. Hier wird einerseits deutlich, wie dringlich eine schärfere Regulierung des Finanzsektors ist.
Die Steuerflucht der Privilegierten
Andererseits führt uns die Trägheit des Gesetzgebers bei der Umsetzung solcher Regeln vor Augen, wie mächtig die Bankenlobby tatsächlich ist. Alle bisher auf den Weg gebrachten Änderungen sind lediglich halbherzige Vorhaben bei den Eigenkapitalvorschriften oder der Einführung einer Finanzumsatzsteuer. Das aus der moralischen Versuchung gespeiste Selbstbewusstsein der Branche wurde jedoch ernsthaft angekratzt, als eine große amerikanische Investmentbank pleiteging. Göttergleich agierende Bankmanager wurden damals in die Wüste geschickt und es wurde ein unmissverständliches Zeichen gesetzt. Die Botschaft lautete, dass keine noch so große Bank vor dem Marktversagen sicher sei.
Der Konsum im Schatten der Legalität
Für eine echte Stabilisierung des Systems benötigen wir jedoch noch viel mehr solcher unmissverständlichen Zeichen. Parallel dazu driftet die Geldwirtschaft immer weiter von der realen Güterwirtschaft auseinander. Das steueroptimierte und steuerbefreite Geld der Reichen landet zwar irgendwann wieder in der Welt der Güter, aber unter völlig anderen Vorzeichen. Ein eindrucksvolles Beispiel lieferte eine Großrazzia der Steuerfahnder in einem exklusiven italienischen Wintersportdorf am Ende des Jahres 2011. Die Beamten hielten teure Sportwagen und Limousinen an und überprüften deren Fahrer sowie die einschlägig bekannten Luxusgeschäfte.
Die Messung der Ungleichheit
Von den etwa 250 überprüften Fahrzeugen waren gut die Hälfte auf Privatpersonen zugelassen, die oft nur minimale Einkünfte deklariert hatten. Bei den Haltern der anderen Luxusschlitten handelte es sich um Gesellschaften, die laut Steuererklärung Verluste machten und deren wahre Eigentümer in Steuerparadiesen sitzen. Die Prüfungsergebnisse in den Luxusgeschäften förderten ebenfalls erstaunliche Umsatzzahlen zutage, die weit über den normalen Steigerungen lagen. Die Privilegierten achten bei solchen Transaktionen peinlich genau darauf, den Staat und seine Steuereinnahmen möglichst komplett außen vor zu lassen. Man bleibt in diesen Kreisen gerne unter sich und meidet den offenen Markt, um keine Spuren zu hinterlassen.
Die extreme Konzentration des Reichtums
Es mutet schon eigenartig an, wenn sich eine Regierung als überaus erfolgreich feiert und fast zeitgleich einen Bericht vorlegt, der die wachsende Kluft zwischen Arm und Reich belegt. Die Reichen werden immer reicher und die Armen immer ärmer, was inzwischen allgemein bekannt ist. Bei der Frage nach der gesellschaftlichen Schieflage spielen zwei Faktoren eine Schlüsselrolle, nämlich die Vermögensverteilung sowie die Einkommensverteilung. Zur Beurteilung des Ausmaßes an Ungleichverteilung kann man für beide Bereiche ein statistisches Ungleichheitsmaß hinzuziehen. Dieses Maß wurde von einem italienischen Statistiker im frühen 20. Jahrhundert entwickelt und ist bis heute der Standard.
Der winzige Anteil der Superreichen
Bei extremer Ungleichverteilung ergibt sich ein Koeffizient von eins, was bedeutet, dass sich das gesamte Vermögen eines Landes in der Hand einer einzigen Person befindet. Der Wert 0 spiegelt hingegen die absolute Gleichverteilung wider, bei der alle Personen den exakt gleichen Anteil am Gesamtvermögen besitzen. Nach Untersuchungen namhafter Wirtschaftsforschungsinstitute ist das Nettovermögen in Deutschland extrem ungerecht verteilt. Die ermittelten Zahlen ergeben einen Koeffizienten von 0,81, was bereits sehr nahe an der maximalen Ungleichheitsgröße eins liegt. Eine einfache grafische Umsetzung dieser Daten zeigt die krassen Verhältnisse noch deutlicher als jede bloße Zahl.
Die Illusion der fairen Arbeitseinkommen
Je stärker sich die Verteilungskurve nach rechts neigt, umso extremer sind die sozialen und ökonomischen Verhältnisse. Mehr als 50 Prozent der Bevölkerung haben ein verschwindend geringes Vermögen und vereinen lediglich einen Bruchteil von 1,4 Prozent des Gesamtvermögens auf sich. Um die Verteilungskurve zu schließen, besitzen 99,5 Prozent der Haushalte insgesamt 68,8 Prozent des Vermögens. Das restliche halbe Prozent der Bevölkerung muss den gewaltigen Anteil von 31,2 Prozent des Gesamtvermögens auf sich vereinen. Hier sprechen wir von den absoluten Super-Privilegierten, die den Reichtum der Nation kontrollieren.
Der Niedriglohnsektor in der Exportnation
In den Nachbarländern Schweiz und Österreich sieht die Situation beim Vermögen mit ähnlichen Werten kaum besser aus. Auch dort liegt der Ungleichheitskoeffizient bei Werten um 0,8, was eine massive Konzentration beweist. Bei der Betrachtung der Arbeitseinkünfte liegt der Koeffizient in Deutschland bei einem Wert von 0,25. Auf den ersten Blick lässt dieser Wert ein relativ hohes Maß an Gleichverteilung vermuten und wiegt die Beobachter in Sicherheit. Bei genauerer Betrachtung der Struktur unserer Arbeitseinkünfte ergibt sich jedoch ein völlig anderes und weitaus düsteres Bild.
Die absurden Gehaltsspannen
Nach Forschungsergebnissen arbeitet in Deutschland fast jeder 4. Erwerbstätige für einen Stundenlohn von unter 9,15 Euro. Dieser Betrag gilt gemäß der Definition internationaler Wirtschaftsorganisationen als Niedriglohnschwelle. Im Niedriglohnsektor werden durchschnittlich rund 6,68 Euro in den westlichen und 6,52 Euro in den östlichen Bundesländern pro Stunde bezahlt. Insgesamt 4,1 Millionen Beschäftigte verdienen weniger als 7,00 Euro brutto in der Stunde. Davon müssen sogar 1,4 Millionen Menschen mit weniger als 5,00 Euro pro Stunde auskommen.
Die Umverteilung von unten nach oben
Dies geschieht in einem Land, das sich als Exportweltmeister und als eine der reichsten Nationen der Welt bezeichnet. Für solche Stundenlöhne würde ein Notar oder Spitzenbeamter noch nicht einmal für wenige Minuten den Kugelschreiber schwingen. Völlig abstrus wird das Gesamtbild, wenn man die astronomischen Stundenlöhne von Spitzenmanagern spekulativer Sondervermögen hinzuzieht. Diese Manager erhalten für eine einzige Arbeitsstunde Beträge, die ein Normalverdiener in seinem gesamten Leben nicht zusammenbringen kann. Aber nicht nur bei den Arbeitseinkommen ergibt sich ein äußerst schiefes und ungerechtes Bild der Gesellschaft.
Die Realität der unteren Schichten
Wissenschaftler untersuchten auf der Basis breiter Bevölkerungsdaten die Veränderung des verfügbaren Einkommens der privaten Haushalte in einem Zeitraum von 10 Jahren. Das verfügbare Einkommen ergibt sich daraus, dass man die gesamten Einkünfte eines Haushalts addiert und davon die direkten Steuern sowie Sozialabgaben abzieht. Zu diesen Einnahmen werden zusätzlich noch staatliche Transferzahlungen wie Arbeitslosengeld oder Kindergeld hinzuaddiert. Die untersuchten Haushalte wurden in 10 Einkommensgruppen unterteilt, um die Verschiebungen exakt nachvollziehen zu können. Die unteren 5 dieser 10 Gruppen verzeichneten ausnahmslos Einkommensverluste mit unterschiedlichen prozentualen Werten.
Die Folgen der gesellschaftlichen Spaltung
Die ärmste Gruppe musste dabei Rückgänge von mehr als 10 Prozent hinnehmen, während das Mittelfeld lediglich ein Prozent verlor. Ab der 6. Gruppe geht es bergauf, wobei die Spitzengruppe einen Zuwachs von mehr als 15 Prozent verzeichnen konnte. Diese Zahlen belegen eindrucksvoll, dass die Schere zwischen Arm und Reich nicht nur beim Vermögen, sondern auch bei den laufenden Einkünften immer weiter auseinanderklafft. Die Mechanismen der Finanzmärkte begünstigen diese Entwicklung, da Kapitalerträge weit höher besteuert werden können als Arbeitseinkünfte. Solange die politischen Rahmenbedingungen nicht grundlegend geändert werden, wird sich an dieser Schieflage kaum etwas ändern.

















