Die Belastungsprüfung als Wort des Jahres und die Schwächen der Finanzwelt

Screenshot youtube.com Screenshot youtube.com

Im Jahr 2011 kürte die Gesellschaft für deutsche Sprache einen Begriff zum Wort des Jahres, der ursprünglich aus der Humanmedizin stammte und sich im Laufe der Monate zu einem allgegenwärtigen Ausdruck in nahezu allen Lebensbereichen entwickelte. Die Belastungsprüfung, ein Wort, das zuvor vor allem in medizinischen Zusammenhängen geläufig war, durchdrang die öffentliche Diskussion wie kaum ein anderer Begriff. Ob in der Finanzwelt, der Politik, der Energiewirtschaft oder im gesellschaftlichen Diskurs – überall wurde geprüft, getestet und hinterfragt, wie belastbar Systeme, Institutionen und Strukturen tatsächlich sind. Diese Entwicklung spiegelte eine tiefgreifende Verunsicherung wider, die sich nach der Finanzkrise und in Zeiten politischer Umbrüche in der Gesellschaft breitgemacht hatte. Der folgende Text beleuchtet die Bedeutung dieses Begriffs, seine vielfältigen Anwendungen und die weitreichenden Konsequenzen der damit verbundenen Methoden in der Finanzwelt.

Ein medizinischer Begriff erobert die Alltagssprache

Die Belastungsprüfung erwies sich aus sprachlicher Sicht als äußerst produktiv und war in den verschiedensten Bereichen anzutreffen. Nicht nur Banken wurden auf ihre Belastbarkeit getestet, auch große Infrastrukturprojekte, politische Konstellationen und ganze Industrien wurden einer solchen Prüfung unterzogen. Die Praxis und somit das Wort erlangten dadurch politische, wirtschaftliche und gesamtgesellschaftliche Relevanz. Die Belastungsprüfung ist mittlerweile als fester Bestandteil der Alltagssprache anzusehen. Sie steht sinnbildlich für das Bedürfnis, in einer komplexen und unsicheren Welt Gewissheit über die Stabilität von Systemen zu erlangen.

Von der Klinik in die Politik und Wirtschaft

Das Bahnhofsprojekt in Stuttgart wurde ebenso einer Belastungsprüfung unterzogen wie die damalige grün-rote Landesregierung in Baden-Württemberg. Auch deutsche Atomkraftwerke mussten sich einer solchen Prüfung stellen, insbesondere nach den Ereignissen in Japan. Diese Vielfalt der Anwendungen zeigt, wie universell einsetzbar der Begriff ist und wie sehr er das Bedürfnis der Gesellschaft nach Sicherheit und Überprüfbarkeit widerspiegelt. Die Belastungsprüfung wurde zu einem Instrument, um Vertrauen in Institutionen und Strukturen wiederherzustellen oder zu überprüfen. Dabei spielte es keine Rolle, ob es sich um finanzielle, politische oder technische Systeme handelte.

Die Belastungsprüfung im Bankenwesen

Bei der Belastungsprüfung von Banken geht es um die Frage der Belastbarkeit. Konkret bedeutet dies, dass geprüft wird, inwieweit die in den Bankbilanzen vorhandenen Vermögenspositionen von Wertverlusten betroffen sein könnten. Diese Vermögenspositionen umfassen vor allem Wertpapiere und Kredite. Die Wertverluste können durch äußere Faktoren wie Zinsänderungen, Konjunkturveränderungen, Umwelteinflüsse oder politische Einflüsse ausgelöst werden. Hier wird also ein Blick in die Zukunft geworfen, um abzuschätzen, wie sich verschiedene Szenarien auf die Stabilität der Bank auswirken könnten.

Der Risikowert als zentrale Messgröße

Die Finanzindustrie arbeitet bei solchen Belastungsprüfungen auf Basis komplexer mathematischer Modelle. Eine ganz wesentliche Rolle nimmt hierbei der sogenannte Risikowert ein, eine Kennzahl, die das potenzielle Verlustrisiko eines Wertpapierbestands beziffert. Das Ergebnis einer solchen Berechnung gibt an, wie hoch der maximale Verlust eines Wertpapierbestands innerhalb eines bestimmten Zeitraums sein könnte, und zwar bei einem bestimmten Sicherheitsniveau. Ein solches Ergebnis könnte beispielsweise lauten, dass ein Wertpapierbestand einen Risikowert von 15 Millionen Euro bei einer Haltedauer von einem Tag und einem Sicherheitsniveau von 98,2 aufweist. Übersetzt bedeutet dies, dass mit einer Wahrscheinlichkeit von 98,2 Prozent dieser Wertpapierbestand bis zum nächsten Tag keinen Wertverlust von mehr als 15 Millionen Euro erleiden wird.

Die trügerische Sicherheit der Wahrscheinlichkeit

Man ist zunächst geneigt, über die 98,2 Prozent zu schmunzeln und zu fragen, ob denn ein Verlust von 14 Millionen oder 0 Millionen ebenfalls möglich sei. Und was ist mit den restlichen 1,8 Prozent, die nicht durch die Wahrscheinlichkeit abgedeckt sind? Diese Fragen sind berechtigt, doch sie verdecken einen noch viel gravierenderen Schönheitsfehler des Risikowerts. Man geht bei den Berechnungen nämlich davon aus, dass Risiken im Zusammenhang mit Wertpapierkursen aufgrund von Zinsänderungen, Konjunkturänderungen und anderen Faktoren normalverteilt sind. Dies bedeutet, dass für eine Aktie kleine Kursausschläge wesentlich wahrscheinlicher sind als große.

Der Irrtum der Normalverteilung

Diese Annahme der Normalverteilung ist jedoch nicht korrekt. Etliche Fachleute haben schon vor geraumer Zeit immer wieder darauf hingewiesen, dass die Normalverteilung die Realität an den Finanzmärkten nicht korrekt abbildet. Allen voran der inzwischen verstorbene Mathematiker Benoît Mandelbrot hat wiederholt betont, dass die Normalverteilung die tatsächlichen Gegebenheiten an den Börsen verzerrt darstellt. Es kommt viel häufiger zu großen Kurseinbrüchen, als es die Normalverteilung unterstellt. Die unvorhergesehenen Ereignisse, die sogenannten Schwarzen Schwäne, sind es, die den Anhängern der Normalverteilung immer wieder einen Strich durch die Rechnung machen.

Schwarze Schwäne – Die unberechenbaren Ereignisse

Schwarze Schwäne sind Ereignisse, die so unwahrscheinlich sind, dass sie in der Normalverteilung praktisch nicht vorkommen, die aber dennoch eintreten und verheerende Folgen haben können. Mit dem Terroranschlag 2001 in New York, der Flutwelle im Pazifik 2004 und der Reaktorkatastrophe von Fukushima 2011 hatten wir innerhalb einer Zeitspanne von nur zehn Jahren drei Schwarze Schwäne. Jedes dieser Ereignisse hätte – unter dem Aspekt einer Normalverteilung betrachtet – jeweils nur im Zeitabstand von Jahrhunderten auftreten dürfen. Dennoch traten sie alle innerhalb eines einzigen Jahrzehnts ein. Dies zeigt eindrücklich, wie unzureichend das Modell der Normalverteilung ist, um die Realität der Finanzmärkte und der Welt insgesamt abzubilden.

Die Spekulationsmaschinerie läuft weiter

Trotz dieser Erkenntnisse werden Risiken von Finanzanlagen unbeirrt unter der Prämisse einer Normalverteilung gemessen. Die Spekulationsmaschinerie läuft wie gehabt weiter, als hätte es keine Finanzkrisen gegeben. Das Ergebnis kennen wir inzwischen zur Genüge: Finanzkrisen am laufenden Band. Die Belastungsprüfung, die eigentlich dazu dienen sollte, Stabilität und Sicherheit zu gewährleisten, wird so zu einem Instrument, das die tatsächlichen Risiken verschleiert statt offenlegt. Die Diskrepanz zwischen dem, was die Modelle vorhersagen, und dem, was tatsächlich geschieht, könnte kaum größer sein.