Die Mechanismen der Finanzprodukte und die Macht des Zinseszinses

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Die moderne Finanzwelt bietet eine Fülle an komplexen Instrumenten, die es Anlegern ermöglichen, an den Märkten teilzuhaben, oft jedoch mit erheblichen Risiken und versteckten Kosten. Während der Handel mit derivativen Produkten und Zertifikaten in Deutschland eine enorme Popularität genießt, bleiben die zugrundeliegenden Mechanismen und die damit verbundenen Gefahren für viele Privatanleger undurchsichtig. Gleichzeitig offenbart die mathematische Logik des Zinseszinses eine exponentielle Dynamik, die nicht nur das individuelle Vermögen, sondern auch gesamtwirtschaftliche Wachstumsmodelle fundamental prägt. Eine kritische Betrachtung dieser Strukturen zeigt, wie sehr die Finanzindustrie von der Unwissenheit der Kunden profitiert und wie tief verwurzelt die ethischen Bedenken gegenüber der Geldvermehrung durch Zinsen in unserer Geschichte sind.

Die immense Beliebtheit von Zertifikaten in Deutschland

In Deutschland genießen Zertifikate eine Beliebtheit, die in keinem anderen Land der Welt ihresgleichen sucht. Es stellt sich die Frage, warum Erträge unbedingt mithilfe von Wetten eingefahren werden müssen, obwohl es auch sichere Anlageformen gibt. Zinsen waren im Laufe der Geschichte immer wieder sehr umstritten, weshalb ein genauer Blick auf Zinseszinsen und das Zinsverbot lohnenswert ist. Eines steht jedoch fest: Wenn wir der riesigen Fülle wettbasierter Finanzinstrumente nicht Einhalt gebieten, ist die nächste Finanzkrise vorprogrammiert. Die Chancen auf eine Kehrtwende stehen leider schlecht, da es zu viele mächtige Interessengruppen gibt, die den gegenwärtigen Zustand beibehalten möchten, oder anders ausgedrückt: Es sind zu viele Zyniker am Werk.

Die Strategie des risikofreudigen Anlegers

Die Y-Aktie notiert Anfang Mai bei 40 Euro. Das letzte Jahr ist für die Y-Aktiengesellschaft gut gelaufen, und es wird eine Dividende in Höhe von 2 Euro je Aktie erwartet. Der Dividendenbeschluss wird auf der nächsten Hauptversammlung in etwa drei Wochen getroffen. Friedhelm ist fest von der Y-Aktiengesellschaft überzeugt und hat bereits 350 Aktien in seinem Depot. Er würde gerne sehr viel mehr Y-Aktien erwerben, dafür fehlt ihm jedoch zurzeit das Geld, und einen Kredit für sein Spekulationsvorhaben aufnehmen möchte er nicht.

Die Nutzung von Kaufoptionen zur Depotoptimierung

Eine Kaufoption auf Y-Aktien zum Basispreis von 40 Euro und einer Laufzeit von drei Monaten kostet aktuell 2 Euro. Dieser Betrag ist genau so hoch wie die in drei Wochen von der Hauptversammlung des Unternehmens zu beschließende Dividende. Herr Friedhelm kann mit ziemlicher Sicherheit davon ausgehen, in drei Wochen 700 Euro als Zahlungseingang verbuchen zu können, da 350 Aktien mal 2 Euro Dividende je Aktie 700 Euro ergeben. Er überzieht nun bereits heute für drei Wochen sein Konto um 700 Euro und erwirbt für diesen Geldbetrag 350 Kaufoptionen, da eine Option ebenfalls 2 Euro kostet. Der Sollsaldo auf dem Konto wird dann nach Eingang der Dividende ausgeglichen, und die Überziehungszinsen für drei Wochen kann er locker kompensieren, wenn der Kurs der Y-Aktie wunschgemäß nach oben geht.

Das kalkulierte Risiko und die doppelte Gewinnchance

Im schlimmsten Fall, bei stark sinkendem Aktienkurs, verzichtet er auf die Ausübung der Option. Diese ist dann wertlos, er hat somit auf seine Dividende verzichtet und muss zudem die Überziehungszinsen schultern, aber dieses Risiko ist für ihn überschaubar. Die Gewinnchance schätzt er wesentlich höher ein. Bei steigendem Kurs der Y-Aktie profitiert er gleich doppelt, nämlich über die Wertsteigerung seines Depots und zusätzlich durch den Wertzuwachs bei der Option. Um auf eine solche Idee zu kommen, muss man schon ein recht ausgebuffter Börsenprofi sein.

Die alternative Strategie der vorsichtigen Anlegerin

Auch Frieda hält sich für einen solchen Profi. Ihr Konzept unterscheidet sich von dem Plan des Friedhelm, weil sie nicht so felsenfest wie er vom Erfolg der Y-Aktiengesellschaft überzeugt ist. Gleichwohl traut sie der Gesellschaft mittelfristig etwas zu, sie rechnet in den kommenden drei Monaten jedoch eher mit einer Seitwärtsbewegung. Ihrer Meinung nach wird der Kurs der Y-Aktie in dieser Zeit bei etwa 40 Euro verharren oder auch nur leicht ansteigen. Frieda erwirbt Anfang Mai 200 Y-Aktien, jedoch zum Abschlagspreis.

Die Konstruktion des Abschlagsgeschäfts

Sie verkauft nämlich gleichzeitig eine Kaufoption auf die Y-Aktie mit einem Basispreis von 42 Euro und einer Laufzeit von drei Monaten. Diese Option hat derzeit einen Wert von 1,60 Euro. Den Optionspreis kassiert Frieda als verkauende Partei der Option, und hieraus ergibt sich der Abschlagspreis, weil sie nicht 40 Euro, sondern nur 38,40 Euro an finanziellen Mitteln für die Aktie aufwenden muss. Dafür hat sie einem unbekannten Vertragspartner das Recht überlassen, ihm die Y-Aktie innerhalb der nächsten drei Monate zum Preis von 42 Euro zu überlassen, falls er das wünscht. Der Partner erwartet somit einen deutlich steigenden Aktienkurs.

Die Berechnung der möglichen Erträge

Frieda weiß nun, dass sie sich im Fall einer von ihr erwarteten Seitwärtsbewegung der Y-Aktie an einem schönen Ertrag erfreuen kann. Würde die Aktie bei 40 Euro verharren, hätte sie immer noch die Optionsprämie von 1,60 Euro verdient, weil der Vertragspartner in diesem Fall die Option nicht ausüben würde. Bezogen auf den Kapitaleinsatz von 40 Euro sind das 4 Prozent in einem Quartal, auf ein Jahr hochgerechnet also 16 Prozent Rendite. Auch bei einem über 42 Euro liegenden Kurs sähe die Lage für sie ganz gut aus. Zwar müsste sie in diesem Fall die Aktie zum Schleuderpreis von 42 Euro abgeben, könnte sich jedoch über einen Kursgewinn von 3,60 Euro erfreuen.

Die Grenzen privater Spekulation im Vergleich zu Banken

Geld verlieren würde sie, falls die Y-Aktie unter 38,40 Euro sinken würde. Dann hätte sie eine Minusentwicklung bei ihrem Aktienbestand. Frieda und Friedhelm mögen ausgebuffte Börsenprofis sein, so clever wie Banken sind sie jedoch nicht. Denen gelänge es im Unterschied zu unseren Laienspekulanten nämlich, ihr persönliches Risiko gänzlich zu eliminieren, indem sie jeweils ein entsprechendes Zertifikat an den Markt brächten. Würden Frieda und Friedhelm ihre tollen Ideen nicht mit eigenem Geld, sondern den finanziellen Mitteln von Freunden umsetzen, hätten sie den Zertifikatgedanken nahezu perfekt umgesetzt.

Die Funktionsweise von Zertifikaten und versteckte Kosten

Würden die beiden darüber hinaus ihren Freunden gegenüber einen handelbaren Markt versprechen, also ihnen die Möglichkeit verschaffen, sich von ihrer Geldanlage jederzeit gegen Berechnung einer Gebühr zu trennen, wären sie im Endeffekt genau so clever wie Investmentbanken. Mit Eigenwerbung und einer gewissen Erfolgsquote müssten sie es schaffen, andere Personen aufzutreiben, die bereit wären, Anteile der Kunden, die ausgestiegen sind, zu übernehmen. Diese anderen Personen würden bei der Anteilsübernahme weitere Gebühren in die Kasse spülen. Bei einem Zertifikat sammelt ein Emittent Kundengelder ein und verbrieft das Ganze durch eine Schuldverschreibung. Die Gelder werden spekulativ angelegt, in Aktien oder auch Kennzahlen, die die Entwicklung von Wertpapier-, Gold-, Rohstoff- oder Nahrungsmittelpreisen abbilden.

Das verbleibende Risiko für den Anleger

Irgendein Restrisiko bleibt für den Kunden immer, auch bei sogenannten konservativen Zertifikatstypen. Denn in allen Zertifikaten tauchen, mehr oder weniger versteckt, derivative Finanzinstrumente auf. Nicht in jedem Fall ist die Konstruktion so simpel wie in unseren Beispielen. Friedhelm hat übrigens ein Überertragszertifikat gebastelt, Frieda ein Abschlagszertifikat. Weitere Zertifikatstypen wurden bereits in anderen Zusammenhängen beschrieben.

Die anhaltende Beliebtheit in Deutschland

Und je komplizierter ein Zertifikat ist, desto besser lassen sich die vom Kunden zu tragenden und dem Emittenten zufließenden Kosten verstecken. Gerade in Deutschland sind Zertifikate, ungeachtet aller Einbrüche durch Finanzkrisen und trotz der Pleite der Bank Lehman, nach wie vor sehr beliebt, auch und gerade bei Privatanlegern. Man kann da auch sehr schön die vielen eher risikoscheuen Kunden ansprechen, indem man eine Kapitalgarantie einbaut. Auch diese ist jedoch, wie wir in dem entsprechenden Zusammenhang gesehen haben, Augenwischerei. Der Riesenerfolg beim Absatz von Zertifikaten in Deutschland ist jedenfalls verblüffend.

Die lukrative Masche der Finanzindustrie

Wir vereinigen mehr von diesen Produkten auf uns als der Rest der Welt. Möglicherweise liegt das daran, dass die Deutschen in puncto Aktienanlagen immer noch sehr zurückhaltend sind. Zertifikate sind Schuldverschreibungen, hinter denen in der Regel eine große, bekannte Bank steht. Das klingt für viele immer noch im Prinzip recht solide. Und ein kleines bisschen Zockerei kann ja auch nicht schaden.

Die Verschiebung von Risiken auf den Kunden

Jedenfalls hat sich die Zertifikatemasche für die Finanzindustrie als ein äußerst lukratives Geschäftsmodell erwiesen. Risiken werden auf die Kunden verlagert, und der Emittent verdient an der Konstruktion der Papiere sowie am Handel mit den Papieren. Nach Angaben der Deutschen Bundesbank im Monatsbericht vom September 2012 entfielen im Jahr 2011 insgesamt 96 Prozent der Erträge deutscher Kreditinstitute auf das Zins- und Provisionsgeschäft. Während der Zinsüberschuss in den Bankbilanzen um 0,8 Prozent auf 91 Milliarden Euro zurückging, nahm der Provisionsüberschuss um 0,6 Prozent auf 29 Milliarden Euro zu. Kein Wunder, dass die Finanzbranche angesichts der großen Bedeutung des Provisionsgeschäftes ein virulentes Interesse daran hat, das provisionsträchtige Zertifikatskarussell stets gut geölt laufen zu lassen.

Die überraschende Entdeckung eines alten Sparbuches

Die Überraschung war groß, als ein Mann nach dem Tod seiner Mutter in deren Wohnung ein Sparbuch mit einem Guthaben von 106000 DM fand. Zinsgutschriften und weitere Zahlungsvorgänge waren nicht dokumentiert. Der etliche Jahre zuvor verstorbene Vater des Mannes hatte das Sparkonto im Jahr 1959 kurz nach der Geburt seines Sohnes in einer Filiale der Dresdner Bank eröffnet. Jetzt marschierte der Sohn mit seinem Fund zur Bank und wollte sich das Guthaben inklusive aufgelaufener Zinsen und Zinseszinsen auszahlen lassen. Man wies ihn ab und sagte ihm, dass das Konto im Hause nicht geführt werde.

Der juristische Kampf um das Guthaben

Es sei ja auch undenkbar, dass bei einer so hohen Summe 50 Jahre lang keine einzige Kontobewegung stattgefunden haben sollte, weshalb das Sparbuch eine Fälschung sein müsse. Der Sohn ließ sich nicht beirren, und ein hinzugezogener Sachverständiger bescheinigte die Echtheit der Sparurkunde. Die Dresdner Bank wurde also zur Auszahlung verpflichtet. Daraufhin ging die Bank in die nächste Instanz. Inzwischen nannte sie sich Commerzbank, an der Hartnäckigkeit in Bezug auf die Verweigerung der Auszahlung änderte sich jedoch nichts.

Die Beweislast der Kreditinstitute

Jetzt ging man davon aus, dass die Unterschriften, welche die Entgegennahme der Einzahlungssumme dokumentierten, von Personen stammten, die niemals eine Zeichnungsberechtigung aufgewiesen hatten. Aber auch die zweite Instanz sah die Bank in der Pflicht. Es sei ihre Aufgabe, einen Beweis für die Behauptung einer fehlenden beziehungsweise nicht vorhandenen Zeichnungsberechtigung zu erbringen. Ein solcher Beweis lag nach Auffassung des Gerichts nicht vor. Auch im Hinblick auf zwischenzeitliche Auszahlungen trägt die Bank eine Beweislast.

Die exponentielle Kraft des Zinseszinses

Der Kunde muss lediglich die Höhe seines Guthabens beweisen, und dazu reicht die Vorlage des alten Sparbuches. Dem Mann stand im Endeffekt ein Guthaben von etwa 300000 Euro zu. Die Einzahlung von umgerechnet 54000 Euro aus dem Jahr 1959 hatte sich durch Zinsen und Zinseszinsen in knapp 50 Jahren nahezu um das Sechsfache erhöht. Kreditinstitute mögen in Sachen Zinsen noch so aufgeschlossen sein, wenn der durch Zinseszinsen entstehende Exponentialeffekt zu ihrem Nachteil zuschlägt, sind sie nicht so begeistert. Das bekannteste Beispiel für die ungeheure Wucht des Zinseszinseffektes ist der durch den englischen Moralphilosophen Richard Price im 18. Jahrhundert erwähnte Josephspfennig.

Das Gedankenexperiment des Josephspfennigs

Hätte Joseph von Nazareth im Geburtsjahr seines Sohnes einen einzigen Cent verzinslich angelegt, so ergäbe sich heute, sofern das Geld regelmäßig Zinsen und Zinseszinsen erbracht und niemals angerührt worden wäre, eine unvorstellbar hohe Summe. Selbst bei einer jährlichen Verzinsung von verhältnismäßig bescheidenen 2 Prozent hätte man heute ein Guthaben von mehr als 2000 Billionen Euro. Das ist etwa das Zehnfache dessen, was die globale Finanzwelt an Vermögen auf sich vereinigt, und das 28-Fache des Weltbruttoinlandsprodukts. Dies wäre trotzdem geradezu bescheiden gegenüber dem Effekt, der sich im Falle einer Verzinsung von 5 Prozent pro Jahr ergäbe. Aus dem Cent des Joseph würde eine 43, gefolgt von 39 Nullen.

Der ernüchternde Vergleich ohne Zinseszins

Preisfrage: Welches Ergebnis käme heraus, wenn man Zinsen auf ein Kapital von einem Cent für einen Zeitraum von 2000 Jahren ohne Zinseszinseffekt berechnen würde. Das Ergebnis ist ernüchternd. Bei einem Zinssatz von 2 Prozent hätte man heute 0,41 Cent, bei 5-prozentiger Verzinsung käme man knapp über einen einzigen Euro. Der Zinseszinseffekt bringt uns ins Grübeln. Nachdenken sollten wir allerdings nicht nur über die explosionsartige Vermehrung von Anlagesummen, sondern auch über unser Wachstumsdogma.

Die Dynamik des Bruttoinlandsprodukts

Mit dem verhält es sich genauso. Wir erwarten eine regelmäßige und kräftige Steigerung des Bruttoinlandsprodukts. Der sich jeweils ergebende neue Wert bildet dann die Basis, also den Grundwert für die nächste Steigerungsrate. Je höher der Grundwert ist, desto stärker wirkt sich die Erhöhung in absoluten Zahlen, also zum Beispiel in einer Recheneinheit wie Euro oder Dollar, aus. Und umgekehrt bringt auch eine hohe prozentuale Wachstumsrate bei einem geringen Grundwert keinen nennenswerten absoluten Betrag hervor.

Der historische Vergleich des Wirtschaftswachstums

Im Jahre 1950 wurde in der kurz zuvor gegründeten Bundesrepublik Deutschland ein Bruttoinlandsprodukt von 50 Milliarden Euro erwirtschaftet. Inzwischen sind wir bei 2650 Milliarden Euro angelangt. In den 1950er Jahren, so wissen wir alle, begann das Wirtschaftswunder. 1951 verzeichnete man zum Beispiel ein preisbereinigtes Wachstum von fast 10 Prozent, also 5 Milliarden Euro. Würde man diese Steigerungssumme auf unser heutiges Niveau übertragen, hätten wir 0,2 Prozent reales Wachstum, ein Ergebnis, das allgemein auf große Enttäuschung und Unzufriedenheit stieße.

Die Illusion hoher Wachstumsraten

Umgekehrt würde ein aktuelles reales Bruttoinlandsprodukt-Wachstum von heute nahezu unvorstellbaren 10 Prozent unser Bruttoinlandsprodukt um 265 Milliarden Euro steigern. Das wäre also mehr als fünf Mal dessen, was 1950 insgesamt erwirtschaftet wurde. Mit dem gleichen Phänomen konfrontiert uns der Josephspfennig. Um bei einer jährlichen Verzinsung von 2 Prozent auf einen Euro anzuwachsen, benötigt er 233 Jahre. Die Vermehrung um 900000 Euro, von 100000 Euro auf eine Million, schafft er in 117 Jahren.

Die Bedeutung des aktuellen Niveaus

Und wenn das Vermögen den Wert von 100 Millionen Euro erreicht hat, kommen weitere 10 Millionen in knapp fünf Jahren hinzu. Auf den Grundwert, anders formuliert auf das Niveau, welches zu einem bestimmten Zeitpunkt existiert, kommt es an. Unser aktuelles Niveau ist sehr, sehr hoch. Wir sollten uns daher weniger Gedanken darüber machen, wie wir unser Bruttoinlandsprodukt immer weiter steigern können, sondern vielmehr Verteilungsfragen in den Fokus unserer Betrachtung stellen. Dabei geht es nicht nur um Ungleichheit in materieller, sondern auch in sozialer und gesellschaftlicher Hinsicht.

Die rechtliche Regelung des Zinseszinses

Der Problematik des Zinseszinseffektes trägt auch das Bürgerliche Gesetzbuch Rechnung. In Paragraf 248, Absatz 1, des Bürgerlichen Gesetzbuches heißt es, dass eine im Voraus getroffene Vereinbarung, dass fällige Zinsen wieder Zinsen tragen sollen, nichtig ist. Allerdings gibt es Ausnahmen. So können Guthabenzinsen gutgeschrieben und weiter verzinst werden. Daher konnte sich der Mann aus unserem Ausgangsfall im Endeffekt auch an der Auszahlung von 300000 Euro bei einer ursprünglichen Anlagesumme in Höhe von 54000 Euro erfreuen.

Ausnahmen und praktische Anwendungen

Ferner ist die Emission einer abgezinsten Anleihe, auch Nullkuponanleihe genannt, möglich, bei der man beispielsweise 80 Euro einzahlt und am Ende der Laufzeit 100 Euro zurückerhält. In der Differenz von 20 Euro stecken Zinsen und Zinseszinsen. Diese Nullkuponanleihen sind in Finanzkreisen unter anderem deswegen sehr beliebt, weil man mit ihrer Hilfe Produkte mit Kapitalgarantie konstruieren kann. Und zu guter Letzt sind Zinseszinsen teilweise auch dann erlaubt, wenn sie dem Kunden zum Nachteil gereichen, wenn er sie also im Zusammenhang mit einer Kreditaufnahme berappen muss. Bei einem Girokonto dürfen die in der Quartalsabrechnung für eine Kontoüberziehung ermittelten Sollzinsen dem Sollsaldo belastet werden.

Die ethischen und religiösen Bedenken gegenüber Zinsen

Auf den dadurch erhöhten Sollsaldo fallen im nächsten Quartal weiterhin Zinseszinsen an, sofern das Konto nicht ins Haben kommt. Über das Problem von Zinsen und Zinseszinsen sind unzählige Bücher und philosophisch-theologische Abhandlungen verfasst worden. Ein regelrechtes Zinsverbot finden wir im Alten Testament und im Koran. So heißt es beispielsweise im Buch Levitikus, dass man von seinem Bruder keinen Zins und Wucher nehmen soll. Der Koran sagt in Sure 3, Vers 130, dass Gläubige die Zinsen nicht in mehrfacher Verdoppelung verschlingen sollen, sondern Allah fürchten sollen.

Die Kritik am Kapitalismus und die Definition von Wucher

Im Zins- beziehungsweise Zinseszinsverbot spiegelt sich grundsätzliche Kritik am Kapitalismus wider. Zinsen und Wucher werden im Prinzip gleichgesetzt. Das wird auch in den genannten Textstellen aus der Bibel und dem Koran deutlich. Man soll keinen Zins und Wucher nehmen, und eine mehrfache Verdoppelung von Zinsen kommt ebenfalls dem Wucher gleich. Die Frage ist jedoch, ob Zinsen generell schlecht sind.

Die Trennung von Zins und Wucher im modernen Recht

In unserer kapitalistischen Wirtschaftsordnung werden die Begriffe Zins und Wucher getrennt. Zinsen sind grundsätzlich nicht zu beanstanden, wer über Geldkapital verfügt und vorerst auf Konsum verzichtet, soll durch eine Zinszahlung belohnt werden, wenn er das Kapital einem anderen überlässt. Die Ausnutzung einer Zwangslage oder Drohgebärden zwecks Durchsetzung höherer Zinsansprüche sind hingegen verboten. Im Wucherparagrafen 138, Absatz 2, des Bürgerlichen Gesetzbuches heißt es, dass insbesondere ein Rechtsgeschäft nichtig ist, durch das jemand unter Ausbeutung der Zwangslage, der Unerfahrenheit, des Mangels an Urteilsvermögen oder der erheblichen Willensschwäche eines anderen sich oder einem Dritten für eine Leistung Vermögensvorteile versprechen oder gewähren lässt, die in einem auffälligen Missverhältnis zu der Leistung stehen. Wann ein Missverhältnis vorliegt, hängt vom Einzelfall ab.

Die Doppelzüngigkeit der Kreditvergabe

Bei einem Kredithai, der seinem verzweifelten Kunden einen Jahreszinssatz von 40 Prozent in Rechnung stellt, ist die Sache ziemlich eindeutig. Aber was ist mit der biederen Bank oder Sparkasse, die sich zurzeit quasi unbegrenzt Geld bei der Europäischen Zentralbank zu 0,50 Prozent besorgen kann und ihrem Privatkunden einen Zinssatz von 18 Prozent in Rechnung stellt, wenn dieser sein Konto überziehen muss?

 

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