Das globale Finanzen: Systemische Risiken und die Illusion der Sicherheit im außerbörslichen Derivatehandel
Screenshot youtube.comDie moderne Finanzwelt hat sich zu hochkomplexen Systemen entwickelt, in denen spekulative Instrumente dominante Rollen spielen. Diese Entwicklung hat die traditionelle Funktion von Märkten als Orte der realwirtschaftlichen Wertschöpfung grundlegend verändert. Stattdessen dominieren heute abstrakte Wettgeschäfte auf zukünftige Preisentwicklungen, die oft losgelöst von der tatsächlichen Wirtschaftstätigkeit stattfinden. Das Verständnis dieser Mechanismen ist essenziell, um die systemischen Risiken und die Machtverhältnisse im globalen Finanzsystem begreifen zu können.
Die Gefahren und Mechanismen des außerbörslichen Derivatehandels
Finanzderivate erlauben beträchtliche Gewinne bei minimalem Kapitaleinsatz durch ausgeprägte Hebelwirkungen. Diese Finanzinstrumente werden entweder an geregelten Handelsplätzen oder direkt zwischen Vertragspartnern gehandelt. Beim außerbörslichen Handel schließen Käufer und Verkäufer direkte Vereinbarungen, ohne dass vermittelnde Börsen beteiligt sind. Dabei können sowohl standardisierte als auch individuell gestaltete Instrumente gehandelt werden. Standardisierte Instrumente weisen einheitliche Bedingungen auf, etwa feste Fälligkeitstermine oder Mindestanlagesummen.
Die Struktur des außerbörslichen Handels
Nicht standardisierte Derivate hingegen werden jeweils in Einzelfällen zwischen den Vertragsparteien ausgehandelt. Alles, was außerbörslich gehandelt wird, bezeichnet man als Handel über die Theke. Börsengehandelte Derivate sind hingegen stets standardisiert. Die weltweit an Börsen gehandelten Derivate erreichen jährlich enormes Volumen. Das globale jährliche Handelsvolumen der außerbörslichen Derivate wird von der Bank für Internationalen Zahlungsausgleich hingegen auf vielfache Beträge davon geschätzt.
Das unverhältnismäßige Volumen der Finanzspekulation
In der Gesamtsumme handelt es sich um Wertschöpfungen, die vielfache Beträge des weltweiten Bruttoinlandsprodukts übersteigen. Zur Rechtfertigung dieses Handels führen Finanzlobbyisten das Argument ins Feld, diese modernen Instrumente dienten primär der Absicherung von Preisänderungsrisiken und nicht spekulativen Zwecken. Absicherungen realwirtschaftlicher Vorgänge können hiermit jedoch nicht gemeint sein. Denn in der Gegenüberstellung von weltweiter Wirtschaftsleistung und Derivatevolumen wird deutlich, dass rein rechnerisch jede Transaktion vielfach abgesichert wäre. Der Finanzindustrie geht es vielmehr um die Absicherung von Wertpapierbeständen, Forderungen und den hieraus resultierenden Zahlungsströmen.
Die Illusion der realwirtschaftlichen Absicherung
Wer beispielsweise Aktien in seinem Depot hält, kann diesen Kurs durch den Kauf von Verkaufsoptionen nach unten abfedern, falls man sich von dem Bestand in einigen Monaten trennen möchte. Steigt der Kurs in den kommenden Monaten, so verzichtet man auf die Ausübung der Option und verkauft die Aktie zum hohen Börsenpreis. Bei gesunkenem Kurs kann man über die Ausübung der Option zumindest den ursprünglichen Kaufpreis kassieren. Wer in einigen Monaten hohe Zinszahlungen in fremder Währung erwartet, kann über Devisentermingeschäfte bereits jetzt feste Kurse für den Zahlungseingang vereinbaren. In beiden Fällen liegt finanzökonomisch motiviertes Sicherungsgeschäft über Derivate vor.
Die wahre Natur der Finanzwetten
Beide Vereinbarungen sind aber auch der Rubrik der Wetten zuzuordnen. Der jeweilige Vertragspartner der Option beziehungsweise des Devisentermingeschäfts hat andere Auffassungen bezüglich der zukünftigen Kursentwicklung. Diese anderen Auffassungen möchte der Partner durch Eingehen der Gegenposition zu Geld machen. Mit der wohlklingenden Formulierung, Derivate seien zur Steuerung von Preisänderungsrisiken in immer komplexer werdenden Welten notwendig, wird die Allgemeinheit auf falsche Fährten gelockt. Man denkt dabei an realwirtschaftliche Vorgänge, diese treten jedoch gegenüber den finanzwirtschaftlich motivierten Derivatepositionen weit in den Hintergrund.
Die systemischen Risiken nicht standardisierter Geschäfte
Erschreckend ist darüber hinaus das im Vergleich zu den börsennotierten Derivaten hohe Volumen der außerbörslichen Geschäfte. Alle außerbörslichen Geschäfte entziehen sich offizieller Erfassungen, da die Werte lediglich geschätzt werden. Nicht standardisierte außerbörsliche Geschäfte können aufgrund der individuellen Vereinbarungen zu bösen Überraschungen führen. Wenn aufgrund verklausulierter Vertragsbedingungen überraschende Zahlungsverpflichtungen eintreten, sind die Folgen oft verheerend. Derivate sind schon gefährlich genug, außerbörsliche Derivate toppen dieses Risiko noch.
Das Versagen der regulatorischen Maßnahmen
Die Konsequenz könnte eigentlich nur darin liegen, solche Auswüchse durch einschlägige Gesetze zu stoppen. Alternativ könnte man sie durch spürbar hohe Eigenkapitalunterlegungspflichten für die Vertragspartner uninteressant machen. So weit lehnt sich allerdings angesichts der Machtausstattung der Finanzlobby keine gesetzgebende Institution aus dem Fenster. Stattdessen bekamen wir die europäische Marktinfrastrukturverordnung. Im Jahr der weltweiten Finanzkrise beschlossen die Staats- und Regierungschefs der führenden Industrienationen, den außerbörslichen Derivatehandel transparenter zu machen.
Transparenz statt wirksamer Begrenzung
In Europa wurde daraufhin die entsprechende Verordnung ins Leben gerufen. Diese Verordnung trat im Spätsommer des Jahres der Verordnungseinführung in Kraft. Sie sieht Pflichten zur Verrechnung standardisierter außerbörslicher Derivate über zentrale Abwicklungsstellen vor. Diese Stellen haben dann Überblick über die Umfänge und Volumen der getätigten Geschäfte. Außerdem sind alle außerbörslichen Derivate, auch die nicht standardisierten, an Transaktionsregister zu melden. Statt echter Begrenzungen schaffen wir lediglich Transparenz. Das nunmehr transparentere Kasino steht den Spekulanten jedoch nach wie vor rund um die Uhr zur Verfügung.
Die Folgen für die private Altersvorsorge
Die Sorge um unsere Altersvorsorge wurde uns von Politikern und sogenannten Finanzfachleuten tief eingeimpft. Daher kümmern wir uns nicht nur um private Vorsorgeverträge, sondern auch um betriebliche Altersvorsorge. Hier warten schon Pensionsfonds auf uns. Kleine Ursache, große Wirkung: Unscheinbare Praktikanten haben für prekäre Verhältnisse bei den Landesbanken gesorgt. Banken benutzen gerne und überall das Wort Finanzprodukte, welches Sachlichkeit vortäuschen soll. Und wenn es eng wird, hilft auch die beste Verkaufsoption nicht mehr. Aber was soll es; man muss immer optimistisch bleiben und auf gute Verhältnisse von Verkaufs- zu Kaufoptionen hoffen. Als zusätzlicher einordnender Gedanke lässt sich festhalten, dass die Regulierung von Finanzmärkten oft nur den Anschein von Sicherheit erweckt, ohne die zugrundeliegenden Risiken tatsächlich zu beseitigen. Die Verlagerung von Risiken durch komplexe Instrumente dient primär der Gewinnerzielung weniger Akteure, während die Gesellschaft die Kosten von Krisen tragen muss. Ein tiefgreifendes Umdenken in der Finanzpolitik wäre notwendig, um die Stabilität des gesamten Wirtschaftssystems langfristig zu gewährleisten. Solange jedoch die Interessen der Finanzindustrie Vorrang vor dem Gemeinwohl haben, bleiben solche Reformen bloße Kosmetik. Die Geschichte der Finanzkrisen lehrt uns, dass Transparenz allein keine Stabilität schafft, wenn die Anreize für riskantes Verhalten unverändert bleiben.











