Die Illusion der Berechenbarkeit: Wie komplexe Finanzwetten die Weltwirtschaft erschütterten
Screenshot youtube.comDie globale Finanzkrise, die im Jahr 2008 ihren Höhepunkt erreichte, offenbarte die fatalen Folgen einer Finanzwelt, die sich immer weiter von der realen Wirtschaft entfernte. Im Zentrum dieses Desasters standen hochkomplexe Konstrukte, die das Ausfallrisiko von Krediten in handelbare Wertpapiere verwandelten und dabei eine Scheinsicherheit vorgaukelten. Um die Mechanismen dieses Wahnsinns und die daraus resultierenden Ungleichbehandlungen bei Unternehmenspleiten zu verstehen, muss man die Funktionsweise dieser Finanzprodukte genauer betrachten. Synthetische Kreditderivate sind äußerst komplizierte Gebilde, die auf der Basis von ganz gewöhnlichen Kreditbeziehungen konstruiert werden. Bei einem klassischen Darlehen erhält die Kundschaft Geld, zahlt regelmäßig Zinsen und tilgt das erhaltene Kapital entweder in Raten oder in einer Summe.
Die Aufteilung in Risikoklassen
Bis zum fertigen Produkt durchlaufen diese Forderungen jedoch mehrere Abstraktionsstufen. Auf der Stufe eins kauft ein Finanzinstitut Forderungen auf und refinanziert sich auf herkömmlichem Weg. Eine Sparkasse hat jeweils einen Kredit an vier verschiedene Personen zum Zinssatz von 9,5 Prozent gewährt. Die Darlehen sollen nicht länger in den Büchern der Sparkasse verbleiben. Also verkauft sie diese als Kreditportfolio an ein Finanzinstitut, das zur Finanzierung des Kaufpreises eine Schuldverschreibung herausgibt.
Die Berechnung der Ausfallwahrscheinlichkeiten
Zahlungskräftige Anleger kaufen diese Schuldverschreibung und erhalten im Beispiel jährlich 6,5 Prozent Zinsen. Aus dem so eingesammelten Geld werden die Forderungen erworben. Die Sparkasse ist nun die Kredite und das damit verbundene Risiko los und verfügt über liquide Mittel für neue Geschäfte. Sofern die Darlehen ordnungsgemäß zurückbezahlt werden, verdient das Finanzinstitut pro Jahr drei Prozent. Auf der Stufe zwei lässt das Institut vor dem Ankauf der Forderung die Ausfallwahrscheinlichkeit von einer Bonitätsbewertungsagentur ermitteln.
Die Schaffung von vorrangigen und nachrangigen Papieren
Alle Forderungen besitzen demnach eine Ausfallwahrscheinlichkeit von zehn Prozent. Das Institut kauft die Forderungen, refinanziert sich aber über ein strukturiertes Wertpapier. Die Forderungen an die vorrangige Schuldnergruppe werden zusammengefasst, ebenso wie die Forderungen an die nachrangige Gruppe. Für das erste Refinanzierungspapier gewährt das Institut den Anlegern einen Zinssatz von vier Prozent, weil dieses Papier als relativ sicher gilt. Es erfolgt nur dann keine Rückzahlung, wenn es zu einem Zahlungsausfall bei beiden vorrangigen Schuldnern kommt.
Die Illusion der mathematischen Sicherheit
Die Wahrscheinlichkeit für einen solchen Doppelausfall beträgt rechnerisch ein Prozent. Das zweite Refinanzierungspapier ist an die Forderungen gegenüber der nachrangigen Schuldnergruppe gebunden. Hierfür gibt es neun Prozent Zinsen, denn die Rückzahlung wird verweigert, wenn nur einer der beiden nachrangigen Schuldner bei der Kreditrückzahlung scheitert. Die Ausfallwahrscheinlichkeit für diesen Fall liegt bei 19 Prozent. Damit wurde ein vorrangiges Wertpapier mit geringem Risiko und ein nachrangiges Wertpapier mit hohem Risiko geschaffen.
Der Handel mit dem Ausfallrisiko
Auf der Stufe drei wird die Spielerei mit den Wahrscheinlichkeiten weitergetrieben. Es wird eine weitere Schicht herausgegeben, bei der die Rückzahlung verweigert wird, wenn die vorrangige Gruppe und gleichzeitig die nachrangige Gruppe ausfallen. Die entsprechende Wahrscheinlichkeit beträgt rechnerisch 3,61 Prozent. Zudem wird eine Kreditausfallversicherung eingebaut, bei der ein Versicherer das Ausfallrisiko gegen Zahlung einer Prämie übernimmt. Diese Versicherung wird gehandelt, und wer sie besitzt, erzielt hohe Gewinne, sofern die Schuldner wackeln.
Die fatalen Folgen der Finanzkrise
Damit kann man auf beide Ereignisse setzen, entweder auf eine hohe Verzinsung bei gutem Verlauf oder auf den Totalausfall durch den Kauf der Versicherung. Letzteres gleicht dem Abschluss einer Feuerversicherung auf das Haus eines Nachbarn mit dem Ziel, die Versicherungsprämie zu kassieren, wenn dessen Haus abbrennt. In dieser dritten Stufe haben wir es mit den eigentlichen synthetischen Kreditderivaten zu tun. Es handelt sich um eine künstliche Meta-Konstruktion auf der Basis von Kreditbeziehungen und Kreditrisiken. So vereinfachend das Beispiel auch sein mag, es wird hier der Wahnsinn deutlich, der im Zuge der Finanzkrise im Jahr 2007 betrieben wurde.
Der Denkfehler der unabhängigen Ereignisse
Dort hat man permanent neue Kreditportfolios zusammengemischt, einzig mit dem Zweck, diese mit Ausfallversicherungen zu unterlegen. Aufgrund der Zahlenspielerei wirkten die Ausfallwahrscheinlichkeiten überhaupt nicht bedrohlich. Dies ist ein Grund für die Tatsache, dass auch kritische Portfolios bis zum Jahr 2007 locker eine Bestnote in der Bonitätsbewertung erhalten konnten. Der fundamentale Denkfehler liegt in dem rein mathematisch-statistischen Ansatz. Von dieser Warte aus gesehen sind die Ausfallereignisse nämlich vollkommen unabhängig voneinander.
Das Risiko der korrelierten Märkte
Wenn ein Schuldner aus dem Osten seinen Kredit nicht zurückzahlt, wird dies kaum einen Einfluss auf die Rückzahlung des Kredites haben, den ein anderer Schuldner aus dem Westen aufgenommen hat. Das ist jedoch grundfalsch, denn was hier vollkommen ausgeblendet wird, ist die Vorstellung eines Zusammenbruchs des gesamten Marktes. Und den gab es im Endeffekt leider, weshalb räumlich weit entfernte Schuldner doch recht eng zusammenhängen. Bei einer sehr geringen Korrelation liegt die Ausfallwahrscheinlichkeit des Portfolios in der Tat dicht bei den berechneten 3,61 Prozent. Diese Wahrscheinlichkeit steigt aber mit wachsender Korrelation rasant an.
Die Akteure und die Verlierer
Eine Korrelation von eins bringt dann den Tod, nämlich den vollkommenen Zusammenbruch des Gesamtmarktes bei Eintritt eines einzelnen Kreditausfalls. Man kann das, was im Zuge dieses Wahnsinns passierte, wohl kaum als Ausdruck von Naivität abtun. Dafür waren die Akteure vermutlich viel zu intelligent, sodass man ihnen im günstigsten Fall eine giergesteuerte Verblendung unterstellen muss. Viel eher ist jedoch gezielte Bösartigkeit zu vermuten, denn die permanente Erschaffung neuer Portfolios war unverantwortlich und letztendlich sogar verbrecherisch. Hier war eine regelrechte Finanzmafia am Werk, die von Handelsgewinnen und Transaktionsgebühren bei immer wieder neu in den Markt geworfenen Innovationen profitierte.
Der Unterschied zwischen Drogeriemarkt und Großbank
Zum Schluss spalteten sich die Akteure in Gewinner und Verlierer auf. Diejenigen, die nach dem Zusammenbruch des Segments für minderwertige Hypothekenkredite und nicht regulierte Schattenfinanzierer abgesahnt hatten, waren rechtzeitig mit Ausfallversicherungen eingedeckt. Auf der anderen Seite standen die Versicherer, die seinerzeit nur dank einer Milliardenhilfe der amerikanischen Regierung überleben konnten. Wenn ein großer Drogeriemarktbetreiber Anfang des Jahres 2012 pleiteging, fielen aufgrund massiver Filialschließungen rund 11000 Arbeitsplätze weg. Da die Kette vorwiegend weibliches Personal beschäftigte, sprach man von den nun bald arbeitslosen Beschäftigten.
Die Definition der Systemrelevanz
Zur Abfederung der finanziellen Folgen sollte eine Auffanggesellschaft gegründet werden, was für die Betroffenen den Vorteil gehabt hätte, nicht gleich in die Arbeitslosigkeit zu rutschen. Eine solche Auffanggesellschaft benötigt jedoch Geld, und die Banken waren nur gegen Gewährung einer staatlichen Bürgschaft zur Kreditvergabe bereit. Da der Bund sich nicht zuständig fühlte, waren die Länder in der Pflicht, doch einige wenige scherten aus und die Sache platzte. Es ging dabei lediglich um einen Millionenbereich, mit dem die Beschäftigten ein Jahr lang den größten Teil ihres Gehaltes bekommen hätten. Im krassen Gegensatz dazu werden für systemrelevante Banken staatliche Bürgschaften und Garantien sowie direkte Beihilfen im Milliardenbereich gewährt.
Die Rettung der Großbanken
Seit dem Jahr 2008 erhielten Kreditinstitute in der Europäischen Union von ihren Staaten 1600 Milliarden Euro als direkte Finanzhilfe und Garantien. Als systemrelevant werden Unternehmen bezeichnet, die so groß und wirtschaftlich bedeutend sind, dass ihre Insolvenz für eine Volkswirtschaft teurer ist als die Kosten einer Rettung. Eine kleine Stadtsparkasse mit einer Bilanzsumme von 130 Millionen Euro ist definitiv nicht systemrelevant. Würden bei dieser kleinen Sparkasse sämtliche Kundenkredite in Höhe von 60 Millionen Euro ausfallen, könnte das Institut über den Haftungsverbund mit Leichtigkeit gerettet werden. Das bilanzielle Eigenkapital von knapp zehn Millionen Euro würde einen Teil abfangen, und die ausstehenden Einlagen wären ruckzuck beglichen.
Die Sanierungspläne für den Ernstfall
Eine große Universalbank ist da schon eine andere Nummer und gehört nach Einschätzung der Finanzaufsicht zu den gefährlichsten Instituten. Ein internationaler Finanzstabilitätsrat veröffentlichte Ende 2012 eine Liste von Banken, die aufgrund ihrer Größe und Vernetzung als systemrelevant gelten. Insgesamt kommen 28 Banken hierfür infrage, die alle zukünftig zusätzliches Eigenkapital aufbauen müssen. Diese systemrelevanten Kreditinstitute sind zudem verpflichtet, ein Testament vorzulegen, das im Falle eines Zusammenbruchs Fragen zur Aufspaltung und Abwicklung klärt. Ein solches Dokument ist somit ein Sanierungsplan für den Fall einer aufziehenden bedrohlichen Lage und enthält Szenarien für eine Kapitalerhöhung oder einen Notverkauf von Vermögensbestandteilen.
Das Argument für ein Trennbankensystem
Sinnigerweise handelt es sich bei den systemrelevanten Spitzeninstituten ausnahmslos um Banken, die neben dem normalen Geschäft gleichzeitig das Wertpapier- und Emissionsgeschäft betreiben. Diese Kandidaten liefern so ungewollt ein weiteres Argument für die Befürworter eines Trennbankensystems, das das klassische Kreditgeschäft vom riskanten Handelsgeschäft strikt trennt.
















