Lausitzer Geschichte: Die Mechanismen der staatlichen Überwachung im sorbischen Siedlungsgebiet

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Die historische Aufarbeitung der staatlichen Überwachung in der ehemaligen Deutschen Demokratischen Republik offenbart tiefgreifende Einblicke in die Mechanismen der Machtsicherung. Besonders im sorbischen Siedlungsgebiet, einer kulturell eigenständigen Region, verfolgte das Ministerium für Staatssicherheit gezielte Strategien, um das christliche und nationale Milieu zu durchdringen. Die Rekrutierung von inoffiziellen Mitarbeitern diente dabei nicht nur der reinen Informationsbeschaffung, sondern auch der gezielten Steuerung und Kontrolle des kulturellen Lebens. Eine detaillierte Betrachtung dieser Personengruppen zeigt, wie unterschiedliche Generationen und Berufsgruppen in das System der Bespitzelung eingebunden wurden. Diese Analyse verdeutlicht die komplexe Verflechtung von persönlicher Biografie und staatlichem Überwachungsapparat.

Die demografische Struktur der geworbenen Personen

Die Informanten im sorbischen Bereich wurden im Durchschnitt in einem mittleren Lebensalter geworben. Von der statistisch erfassten großen Anzahl an inoffiziellen Mitarbeitern gehörte nur ein sehr kleiner Teil der jüngsten Altersgruppe an. Der weitaus größte Anteil befand sich im jungen bis mittleren Erwachsenenalter, gefolgt von Personen in der Lebensmitte. Ein weiterer beträchtlicher Teil war bereits im fortgeschrittenen Alter, während nur eine Minderheit die älteste Altersklasse repräsentierte. Unter den jüngsten Geworbenen befanden sich Personen im jugendlichen Alter, die sich noch in der schulischen Ausbildung befanden oder gerade erst eine berufliche Laufbahn begonnen hatten.

Die Bandbreite der rekrutierten Informanten

Der älteste geworbene Informant war bereits im hohen Rentenalter und hatte zuvor als Bürgermeister die Gemeinde gut überblickt. Er nahm weiterhin aktiv am gesellschaftlichen Leben teil, was ihn für die staatlichen Sicherheitsorgane besonders nützlich machte. Die Dauer der inoffiziellen Zusammenarbeit lässt sich für jeden Einzelnen exakt bestimmen. Sie umfasst den Zeitraum vom Tag der Werbung bis zum Tag der offiziellen Ablage. Für die noch kurz vor dem Ende der DDR aktiven Mitarbeiter gilt ein festgelegtes Stichtagsdatum als Abschluss, da eine formelle Entlassung nicht mehr aktenkundig erfolgte.

Die Dauer der inoffiziellen Zusammenarbeit

Im Durchschnitt arbeiteten die auf den speziellen Linien für sorbische Angelegenheiten oder Kultur und Kirche tätigen Personen mehr als ein Jahrzehnt mit der Staatssicherheit zusammen. Die erfassten Mitarbeiter waren abhängig von ihrem Alter zum Zeitpunkt der Werbung unterschiedlich lange für das Ministerium tätig. Die inoffizielle Tätigkeit erwies sich als besonders stabil, wenn der Kandidat im reifen Erwachsenenalter geworben wurde. Bei alldem ist jedoch zu beachten, dass der gesellschaftliche Umbruch am Ende der DDR für viele der Informanten das ungewollte Ende der Zusammenarbeit bedeutete. Ungeachtet dessen lässt sich konstatieren, dass die Dauer des Einsatzes als Informant in dieser Region signifikant länger war als im gesamtstaatlichen Durchschnitt.

Die Gründe für langjährige Bindungen

Die überdurchschnittliche Länge der Tätigkeit im sorbischen Bereich ist darauf zurückzuführen, dass der Auswahlkreis an möglichen Mitarbeitern deutlich kleiner war. Für die Staatssicherheit bedeutete dies, trotz eventueller Nichteignung in Einzelfällen länger als gewöhnlich an einem Informanten festzuhalten. Ein Beispiel dafür ist ein Informant, der erst spät als inoffizieller Mitarbeiter abgelegt wurde, obwohl er bereits Jahre lang allenfalls bedingt einsatzfähig war. In der offiziellen Begründung hieß es, dass die Person aufgrund von Gesundheitsproblemen und Alkoholkonsum dekonspiert war. Die operative Nutzbarkeit war begrenzt, da keine Verbindungen zu interessanten Personen mehr bestanden und auch bei Reisen ins westliche Ausland keine bedeutsamen Kontakte aufgebaut werden konnten.

Die politische und geschlechtsspezifische Zusammensetzung

In weiteren Punkten unterschied sich die Struktur der inoffiziellen Mitarbeiter im sorbischen Bereich von der der gesamtdeutschen Mitarbeiter. Dies betraf den Anteil an Mitgliedern der herrschenden Partei unter den Informanten sowie den Anteil an weiblichen inoffiziellen Mitarbeitern. Während landesweit ein großer Teil der Informanten Parteimitglied war, lag deren Anteil im sorbischen Bereich bei knapp der Hälfte. Frühere Untersuchungen bezifferten den Frauenanteil landesweit auf einen höheren Wert, während er sich im sorbischen Bereich auf einen geringen einstelligen Prozentwert belief. Sowohl der hohe prozentuale Anteil an Parteimitgliedern als auch der geringe Frauenanteil sind Indizien dafür, dass es den hauptamtlichen Mitarbeitern nur in begrenztem Umfang gelang, in das christliche sorbische Milieu einzudringen.

Die Schwierigkeiten bei der Rekrutierung

Es war für die Sicherheitsorgane eine große Herausforderung, geeignete Personen für eine effektive Zusammenarbeit in diesem spezifischen Umfeld zu gewinnen. Die enge Verflechtung von Kirche und nationaler Identität erschwerte den Zugang für staatliche Bespitzelung. Dennoch gelang es, eine beachtliche Anzahl von Personen zu verpflichten, die sich über mehrere Generationen erstreckte. Bei der Zuordnung dieser Personen findet ein bekanntes generationentheoretisches Modell Verwendung. Dieses verbindet die Herausbildung einer neuen Generation mit dem späten Jugendalter, einem Lebensabschnitt, in dem nachhaltige Prägungen für die Entwicklung des Einzelnen stattfinden.

Die Motivation der verschiedenen Altersgruppen

Erst im späten Jugendalter verfügen Menschen über die Fähigkeit, ihre Wahrnehmungen zu problematisieren oder die überkommenen Wertmuster der Erwachsenenwelt in Frage zu stellen. Die erste Generation der Informanten setzte sich bis auf eine Ausnahme ausschließlich aus Männern zusammen. Diese waren bereits in der Weimarer Republik oder später in der Zeit des Nationalsozialismus sozialisiert worden. Sie hatten sich in der nationalsozialistischen Partei und deren Organisationen engagiert und wurden nach dem Krieg dafür mit einem Berufsverbot belegt. Wehrmachtangehörige, die in sowjetische Kriegsgefangenschaft geraten waren, blieben jahrelang interniert oder inhaftiert.

Der Weg zur Rehabilitation durch Kooperation

Ihre vor oder während des Krieges begangenen Taten meinten sie durch unbedingten Gehorsam und Indienststellung für die sich antifaschistisch gebende neue Ordnung wiedergutmachen zu können. Die Machthaber honorierten diesen Werdegang mit der Floskel, sie hätten zur Sache des Friedens und des Sozialismus gefunden. Die zweite Generation umfasste im sorbischen Bereich ebenfalls fast nur Männer. Sie wurden im Jugend- und frühen Erwachsenenalter im Nationalsozialismus sozialisiert und wuchsen mit einem bipolar ausgerichteten Weltbild auf. Diese Generation nahm die inhaltliche Umwidmung ihres Weltbildes in ein sozialistisches in Kauf, um sich zu rehabilitieren und um sozial aufzusteigen.

Die Prägung der Aufbaugeneration

Der dritten Generation, die als Aufbaugeneration bezeichnet wird, gehörten Männer und Frauen an. Sie hatten ihre Kindheit in der nationalsozialistischen Zeit verlebt, um im Jugend- und frühen Erwachsenenalter in den stalinistischen Strukturen sozialisiert zu werden. Ihre Persönlichkeitsformung verlief so, dass sie sich nach der Grundschulzeit nicht mehr dem Erziehungseinfluss des Elternhauses unterlagen. Durch den Besuch von Internaten entwickelten sie sich zu klassenbewussten und fortschrittlichen Menschen. Im beruflichen und gesellschaftlichen Leben stilisierten sich die Vertreter dieser Generation zu Erbauern des Sozialismus.

Die Anpassung an die neuen Verhältnisse

Sie folgten blind den Direktiven der Parteiführung und waren gewillt, die neu geschaffenen Institutionen inklusive der bewaffneten Organe aktiv zu unterstützen. Mit dem Kirchenaustritt manifestierten sie den Bruch mit den Konventionen ihrer Vorfahren. Bei der vierten Generation handelte es sich um Personen, die in der Endphase des Krieges oder nach Kriegsende geboren worden waren. Sie wurden in den diktatorischen Strukturen sozialisiert und wuchsen in die Rolle des neuen sozialistischen Menschen hinein. Sie nahmen die Herrschaftsstrukturen als gegeben an und brachten sich aktiv in diese ein.

Der Wandel der Beweggründe im Zeitverlauf

Diese Gruppe war die erste, welche eine dezidiert sozialistische Feindbilderziehung vom Beginn ihres Lebens mitmachte. Die fünfte Generation ist hingegen nur mit einer sehr geringen Anzahl an inoffiziellen Mitarbeitern vertreten. Diese Altersgruppe umfasst die seit Mitte der späteren Jahre bis zum Ende der DDR ins Jugendalter hineingewachsenen Jahrgänge. Sie vollzog zuerst eine innere und später auch massenhaft eine physische Abwendung vom real existierenden Sozialismus. Die distanzierte Generation konnte nicht am sozialen Aufstieg auf Kosten der alten Eliten partizipieren.

Das Ende der ideologischen Bindung

Sie wollte auch nicht mit der gesellschaftlichen Modernisierung auf Kosten der Umweltzerstörung konform gehen. Ließen sich Vertreter der erstgenannten Generationen aus einer antifaschistischen und sozialistischen Überzeugung für die Anliegen von Partei und Staat in Dienst nehmen, so war dieser Mythos in der Endphase des Regimes verblasst. Die Erfahrung mit dem real existierenden Sozialismus widersprach dem propagierten humanistischen Menschenbild. Eine Abkehr vom christlichen sorbischen Herkunftsmilieu erschien der letztgenannten Generation nicht mehr verlockend. Zudem hatte die herrschende Partei im Ausgleich dafür keine sozialen Aufstiegschancen mehr zu bieten.

Die institutionelle Fokussierung der Überwachung

In der zugänglichen Aktenlage werden zahlreiche inoffizielle Mitarbeiter aufgeführt, die auf den speziellen Linien des Ministeriums zum Einsatz kamen. Ein großer Teil davon wurde bereits in den frühen Jahren der DDR geworben. Ein weiterer erheblicher Anteil kam bis zur Zeit der internationalen Entspannungsabkommen hinzu. Nur noch ein kleiner Rest wurde in den letzten Monaten vor dem Ende der DDR rekrutiert. Der Nationalität nach handelte es sich bei den genannten Personen überwiegend um Sorben.

Die berufliche Zusammensetzung der Informanten

Informanten deutscher Herkunft, die in den sorbischen Institutionen beschäftigt waren und die Sprache beherrschten, sind gesondert gekennzeichnet. Bis auf wenige Ausnahmen waren alle inoffiziellen Mitarbeiter auch Mitglieder der sorbischen Interessenvertretung. Ein Großteil dieser ehrenamtlich Tätigen hat zudem eine herausragende Rolle im sorbischen kulturellen Leben gespielt. Dies beweisen entsprechende Einträge in sorabistischen Lexika, Überblicksdarstellungen und Erinnerungsbänden. Darüber hinaus wurden etliche von ihnen zu Lebzeiten mit einem Porträt oder Interview in den sorbischen Medien geehrt.

Die Würdigung im Dienste des Staates

Nach ihrem Ableben wurden einige sogar mit einem Nekrolog gewürdigt. Die Autoren der Texte versäumten es dabei nicht, die herausragende Rolle der Gewürdigten beim Aufbau des Sozialismus zu unterstreichen. Sie hoben deren Beitrag zur Instrumentalisierung der sorbischen Sprache und Kultur für die totalitäre Herrschaft hervor. Dem Beruf nach handelte es sich bei den aufgeführten Informanten zumeist um Personen aus dem kulturellen und schulischen Bereich. Dazu zählten zahlreiche Redakteure, viele Kulturschaffende und eine große Gruppe von Lehrern.

Die Unterrepräsentation der Arbeiterschaft

Aber auch Beschäftigte in staatlichen und wirtschaftlichen Institutionen waren stark vertreten. Hierzu gehörten Funktionäre der Interessenvertretung, Staatsbedienstete und sonstige Angestellte. Seltener sind Angehörige der bildungsfernen Schichten wie Arbeiter, Landwirte, Handwerker und Selbstständige vertreten. Ebenso sind regimeferne Gruppen wie Pfarrer, Wissenschaftler sowie Studenten nur vereinzelt zu finden. Da die Staatssicherheit mit ihrer speziellen Linie das Hauptaugenmerk auf den institutionellen Bereich legte, ist der hohe Konzentrationsgrad in diesem gesellschaftlichen Umfeld nicht verwunderlich.

Die Logik der Überwachung in Institutionen

Bereits zu DDR-Zeiten mussten die hauptamtlichen Mitarbeiter kritisch feststellen, dass gerade die idealisierten Arbeiter im Netz deutlich unterrepräsentiert waren. Funktionsträger des Regimes waren dagegen weit überrepräsentiert. Arbeiter und Handwerker brauchten ihr gesellschaftliches Fortkommen in der Regel nicht an entsprechende Loyalitätsbekundungen gegenüber Partei und Staat zu binden. Funktionsträger hingegen waren in der Grenzzone zwischen individuell beeinflussbarem Nahraum und dem Arkanum der Herrschaft tätig. Sie partizipierten an beiden Bereichen und hatten die Mitbürger ihres Arbeitsbereiches von Grenzverletzungen abzuhalten.

Die spezifische Eignung von Journalisten

Zugleich mussten sie zwischen den Welten beiderseits der Grenze vermitteln. Meist kam es auf das lang erprobte Zusammenarbeiten dieser Basisfunktionäre an, die qua Person und durch die schiere Dauer ihrer Amtsausübung diese Abgrenzungs- und Vermittlungsarbeit leisteten. Redakteuren, Kulturschaffenden und Lehrern hingegen kam per definitionem die Aufgabe zu, die totalitäre Herrschaftspraxis in der Öffentlichkeit zu legitimieren. Sie sollten die Mitbürger mit ihren sozialen Ressourcen und Kompetenzen für das sozialistische Experiment aktivieren. In der Gruppe der Redakteure finden sich sowohl Verlagsmitarbeiter als auch Rundfunk- und Zeitungsredakteure.

Die systematische Einbindung der Medienkader

Der Anteil an inoffiziellen Mitarbeitern der Staatssicherheit unter den Journalisten war besonders hoch. Kontakte sind Existenzbedingungen für jeden Journalisten, unabhängig von einem geheimdienstlichen Hintergrund. Hinzu kommt ihre spezielle Qualifikation, ihre Fähigkeit zur gründlichen Recherche und ihr in der Regel ausgeprägter analytischer Verstand. Die journalistische Ausbildung in der DDR erfolgte einzig und allein an einer bestimmten Universität in Leipzig. Da die Fakultät direkt dem Zentralkomitee der Partei unterstand, war dies ein Garant für die Erziehung parteitreuer Kader.

Die langfristige Kontrolle des kulturellen Lebens

Diese Kader waren im Bedarfsfall auch für geheimdienstliche Zwecke einsetzbar. Die journalistischen Mitarbeiter der DDR waren beginnend mit ihrer Zulassung zur Ausbildung bis zu ihrem Tätigwerden sorgfältig ausgewählte Personen. Sie galten als politisch zuverlässig, was durch schwerpunktbezogene Sicherheitsüberprüfungen der Staatssicherheit begleitet wurde. Diese Überprüfungen bestimmten jedoch nicht allein die berufliche Entwicklung, sondern begleiteten sie nur. Somit wurde das kulturelle und mediale Leben der sorbischen Minderheit über Jahrzehnte hinweg systematisch durchdrungen und kontrolliert.