Zweite Weltkrieg – Geschichte: Kriegsverlauf und Vernichtungspolitik

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Der Zweite Weltkrieg begann nicht als ein von Anfang an fest umrissener Kampf zwischen zwei großen Lagern. Die Fronten, Bündnisse und Zielsetzungen verschoben sich im Laufe der Jahre mehrfach. Besonders die nationalsozialistische Kriegführung veränderte ihren Charakter mit dem Verlauf der Feldzüge. Die folgende Darstellung ordnet die militärische Entwicklung ein und beleuchtet, wie sich die Verfolgungs- und Vernichtungspolitik gegenüber Juden und Slawen entfaltete. Sie zeigt zudem, wie eng Kriegsverlauf und Radikalisierung der NS-Politik miteinander verbunden waren.

Die Entstehung der Kriegskoalitionen

Der Krieg wurde von Hitler im Jahr 1939 mit dem Überfall auf Polen eröffnet. Im darauffolgenden Jahr richteten sich die Angriffe nach Norden und Westen. Die späteren Siegermächte bildeten zu diesem Zeitpunkt noch keine gemeinsame Allianz. Sie fanden erst im weiteren Verlauf des Krieges zusammen. Die Sowjetunion stand Hitler sogar bis zum Juni 1941 in einem Nichtangriffspakt gegenüber.

Das eigentliche Kriegsziel in der Diskussion

Es ist fraglich, ob die Vernichtung der europäischen Juden das ursprüngliche und eigentliche Kriegsziel Hitlers war. In den Führungskreisen der Nationalsozialisten wurden im Laufe der Jahre verschiedene Optionen erwogen. Die systematische physische Vernichtung war zweifellos im rassistisch-antisemitischen Fanatismus des NS-Staates angelegt. Dass sie tatsächlich praktiziert wurde, hing jedoch eng mit dem unerwarteten Kriegsverlauf zusammen. Die Entwicklung war nicht von Beginn an in allen Einzelheiten geplant.

Polen als erstes Ziel

Nach Einschätzung des Historikers Arno Mayer verfolgten die Nationalsozialisten mit dem Überfall auf Polen nicht die Absicht, die dortige jüdische Bevölkerung in ihre Gewalt zu bekommen, um sie später zu vernichten. Die Besetzung Polens war als erster Schritt zur Eroberung deutschen Lebensraums im Osten gedacht. Die ersten Pogrome und Repressionen gegen polnische Juden waren eng mit Unterdrückungsmaßnahmen gegen die übrige polnische Bevölkerung verknüpft. Auch die christlichen Polen wurden systematisch geknechtet.

Der Fernplan der Umsiedlung

Im November 1939 legte das Reichssicherheitshauptamt einen sogenannten Fernplan zur Umsiedlung in den Ostprovinzen vor. Slawen und Juden galten gleichermaßen als Feindgruppen der Deutschen. Ziel war die endgültige Lösung angeblicher Volkstumsfragen. Der Plan sah eine Entjudung und eine Entpolonisierung der deutschen Ostprovinzen vor. Der Historiker Ernst Piper betont, dass sich der rassistische Verfolgungswahn mit gleicher Radikalität gegen Polen wie gegen Juden richtete.

Die Sowjetunion als größeres Zielgebiet

Die jüdische Bevölkerung in der Sowjetunion war mit rund fünf Millionen Menschen noch größer als in Polen. Auch hinter dem Überfall auf die Sowjetunion stand nicht die Absicht, diese Menschen zwecks späterer Vernichtung in die Gewalt zu bekommen. Die Operation Barbarossa diente der Eroberung neuer Lebensräume im Osten. Sie war zugleich ein Feldzug zur Auslöschung des sowjetischen Regimes und der bolschewistischen Ideologie.

Verschmelzung der Feindbilder

Im Nationalsozialismus verschmolzen Antislawismus, Antisemitismus und Antibolschewismus auf unheilvolle Weise. Die Rede vom jüdischen Bolschewismus brachte diese Verbindung zum Ausdruck. Die Mordaktionen der SS-Einsatzgruppen und ihrer Helfer begannen unmittelbar nach der Invasion. Sie forderten Hunderttausende Opfer. Die Täter gingen davon aus, unter den Juden befänden sich die gefährlichsten bolschewistischen Kader.

Beteiligung einheimischer Kräfte

An den Mordaktionen beteiligten sich vom Baltikum über Ostpolen und den Westen Weißrusslands bis zur Ukraine auch einheimische nationalistische Kräfte. Diese Beteiligung war so umfangreich, dass auf der Wannseekonferenz im Januar 1942 Estland bereits als judenfrei bezeichnet werden konnte. Die Zusammenarbeit zwischen deutschen Besatzern und lokalen Kräften verstärkte die Gewalt erheblich. Sie zeigt, wie weit die Radikalisierung bereits fortgeschritten war.

Radikalisierung durch Kriegsverlauf

Der Krieg und die Besatzungspolitik in Polen sowie der Krieg gegen die Sowjetunion waren von Anfang an von äußerster Brutalität geprägt. Im weiteren Verlauf des Unternehmens Barbarossa steigerten sie sich nochmals. Der Feldzug führte nicht zum erwarteten schnellen Sieg. Er geriet ins Stocken und wendete sich gegen den Angreifer. Diese Entwicklung trug maßgeblich zur Radikalisierung der deutschen Kriegführung bei.

Die Wannseekonferenz und ihre Folgen

Nach Ansicht von Arno Mayer brach sich im Zuge dieser Entwicklung der absolute Vernichtungswille gegen die Juden Bahn. Die Wannseekonferenz bezifferte die Zahl der betroffenen Juden auf elf Millionen. Es handelte sich um Menschen unterschiedlicher Nationalität, die sich im deutschen Machtbereich aufhielten. Sie waren wehrlose Opfer. Ihre umfassende und systematische Vernichtung wurde seit Anfang 1942 mit größter Energie und Rücksichtslosigkeit betrieben.

Die hypothetische Überlegung Mayers

Mayer verknüpfte seine Argumentation mit einer hypothetischen Überlegung. Solange der Siegeszug der Wehrmacht andauerte, beschränkten sich die Verbrechen auf Übergriffe deutscher Sicherheitskräfte und einheimischer Kollaborateure. Diese Tötungen waren weitgehend unsystematisch. Sie entsprachen der Erwartung eines raschen Sieges. In dieser Phase schwebte NS-Führern eine Endlösung in Form einer Evakuierung der europäischen Juden weit nach Osten vor.

Die Bedeutung des gescheiterten Blitzkriegs

Wäre der Blitzkrieg im Osten so erfolgreich verlaufen wie ein Jahr zuvor im Westen, hätte die Geschichte womöglich einen anderen Verlauf genommen. Die osteuropäischen Völker wären sicherlich versklavt worden. Sie wären jedoch nicht in jene Abgründe der Entmenschlichung gestoßen worden, die vom Herbst 1941 an ihren Tribut forderten. Erst das Scheitern des Blitzkriegs habe die Nationalsozialisten dazu bewogen, alle Hemmungen fallenzulassen. Hitler formte den Krieg in einen barbarischen Kampf um Sein oder Nichtsein um.

Die Rolle der slawischen Völker

Ein problematischer Aspekt der Argumentation Mayers betrifft das Schicksal der slawischen Völker. Es ist fraglich, ob es ihnen bei einem vollständigen deutschen Sieg besser ergangen wäre. Vieles spricht für das genaue Gegenteil. Viele der geplanten Maßnahmen konnten nicht realisiert werden, weil der Krieg eine unvorhergesehene Wendung nahm. Ein deutscher Sieg hätte vermutlich zu noch größeren Verbrechen geführt.

Der Charakter des Polenfeldzugs

Schon der Krieg gegen Polen trug einen völlig anderen Charakter als die Kriege im Norden oder Westen. Der Historiker Ernst Piper beschreibt das Geschehen in Polen als keinen gewöhnlichen Krieg. Es war nicht einfach die Eroberung eines fremden Landes. Der Feldzug trug genozidalen Charakter. Er war der erste Schritt auf dem Weg zum rassenideologischen Vernichtungskrieg.

Lebensraum als Auslöschung

Wenn Hitler und andere vom Lebensraum im Osten sprachen, meinten sie nicht ein Kolonialreich. Sie meinten Auslöschung. Es ging um Raum und Ressourcen. Die dort lebenden Menschen waren nicht von Interesse. Sie konnten verschwinden, sollten verschwinden und mussten verschwinden.

Der Hungerplan vom Mai 1941

Am 2. Mai 1941 legten die zuständigen Staatssekretäre und der Chef des Wehrwirtschafts- und Rüstungsamts, General Georg Thomas, die Verteilung der Ressourcen fest. Der Krieg sollte nur weitergeführt werden, wenn die gesamte Wehrmacht im dritten Kriegsjahr aus Russland ernährt würde. Dabei wurde bewusst in Kauf genommen, dass zig Millionen Menschen verhungern würden. Die Versorgung der deutschen Bevölkerung hatte Vorrang. Diese Politik stand in direktem Zusammenhang mit der relativen guten Versorgung der Deutschen während des Krieges.

Die geplante Hungersnot

Der Historiker Rolf-Dieter Müller erinnert daran, dass Hitler und Göring für den Winter 1941/42 die größte Hungersnot der Weltgeschichte erwarteten. Diese Hungersnot hätte nicht aus kriegsbedingten Erschwernissen resultiert. Sie wäre das Ergebnis einer klar erkennbaren Absicht der NS-Führung gewesen, die sowjetische Bevölkerung sterben zu lassen. Das Massensterben war von vornherein einkalkuliert und gewollt. Es bildete den Ausgangspunkt für den Generalplan Ost.

Der Generalplan Ost

Der Generalplan Ost war ein auf dreißig Jahre angelegtes Programm zur Besiedlung und Germanisierung des bis zum Ural reichenden deutschen Ost-Imperiums. Himmlers Planungsamt billigte der sowjetischen Bevölkerung nur noch den Status von Sklavenarbeitern zu. Ihre Zahl sollte zunächst um 31 Millionen Menschen verringert werden. 14 Millionen Menschen, die vorübergehend als Arbeitskräfte gebraucht wurden, sollten in Reservaten gehalten und allmählich abgeschoben werden. Der Holocaust an den Juden war in diesen größeren Völkermord eingebettet.

Verbrecherische Befehle

Der Kommissarbefehl vom 13. Mai 1941 ordnete die sofortige Erschießung kommunistischer Funktionäre an. Die Richtlinien für das Verhalten der Truppe in Russland stellten einen Freibrief zum rücksichtslosen Durchgreifen gegen alle Widerständler dar. Das Schicksal slawischer Zwangsarbeiter und Millionen sowjetischer Kriegsgefangener zeugt von der Brutalität dieser Politik. Die Behandlung der Kriegsgefangenen war an keiner anderen Front des Zweiten Weltkriegs von solcher Gleichgültigkeit und Verachtung geprägt.

Bruch aller Konventionen

Im rassistisch-ideologischen Vernichtungskrieg war Nazi-Deutschland jedes Mittel recht. Internationale Konventionen, Kriegsvölkerrecht und Respekt vor dem Feind spielten gegenüber slawischen Soldaten keine Rolle. Was gegenüber britischen Soldaten selbstverständlich beachtet wurde, galt für slawische Untermenschen nicht. Die Gefangenen wurden als Ballast und unbrauchbares Menschenmaterial betrachtet. Sie wurden auf Transporten und in primitiven Lagern dem Verhungern überlassen.

Massenmord an Kriegsgefangenen

Hunderttausende Kriegsgefangene wurden aus politischen und rassischen Gründen ausgesondert und liquidiert. Unzählige wurden auf Straßen und in Dörfern erschlagen oder erschossen. Viele starben, weil sie vor Erschöpfung nicht weitermarschieren konnten. Andere wurden getötet, weil sie den Anflug von Widerspruch zeigten. Die Gleichgültigkeit gegenüber dem Leben der Gefangenen war beispiellos.

Die Blockade Leningrads

Aufgrund des Kriegsverlaufs konnten die Nationalsozialisten die im Hungerplan und im Generalplan Ost gesteckten Maximalziele nicht realisieren. Dennoch waren die Opfer unter den slawischen Völkern ungeheuer. Die verheerende Blockade Leningrads zeigte, wie es in weiten Teilen der europäischen Sowjetunion ausgesehen hätte, wenn die Nationalsozialisten sich hätten durchsetzen können. Die Belagerung forderte Hunderttausende zivile Opfer. Sie war ein Beispiel für die geplante Vernichtungspolitik.

Die Herrenmenschen-Mentalität

Schriftliche Hinterlassenschaften zeigen, mit welch zynischer Verachtung die Machthaber des Dritten Reichs über die slawischen Völker sprachen. In einer Direktive Hitlers vom Juli 1941 ging es um den Umgang mit der Ukraine. Die Slawen sollten für die Deutschen arbeiten. Soweit man sie nicht brauchte, sollten sie sterben. Impfzwang und deutsche Gesundheitsfürsorge wurden als überflüssig betrachtet.

Verachtung für Bildung und Gesundheit

Die slawische Fruchtbarkeit war unerwünscht. Die Menschen sollten Präservative benutzen oder abtreiben, je mehr, desto besser. Bildung wurde als gefährlich angesehen. Es genügte, wenn die Menschen bis 100 zählen konnten. Nur die Bildung, die brauchbare Handlanger schuf, war zulässig. Jeder Gebildete galt als künftiger Feind.

Religion als Ablenkungsmittel

Die Religion sollte den slawischen Völkern als Ablenkungsmittel überlassen werden. An Verpflegung bekamen sie nur das Notwendigste. Die Deutschen betrachteten sich als Herren, die zuerst kamen. Die slawischen Eingeborenen sollten auf möglichst niedrigem Kulturniveau dahinvegetieren. Ihre Zahl sollte entsprechend den Siedlungsfortschritten dezimiert werden.

Die Schreib- und Lesefähigkeit als Gefahr

Die Schreib- und Lesefähigkeit der russischen Untermenschen würde nach Ansicht Hitlers nur schaden. Die Kenntnis der Verkehrsschilder genügte. Es reichte völlig, in jedem Dorf einen Radiolautsprecher aufzustellen. Die Menschen sollten den ganzen Tag mit fröhlicher Musik beschallt werden. Um Hygiene und Gesundheit sollte man sich nicht kümmern.

Verbrannte Erde beim Rückzug

Auf ihrem von der Roten Armee erzwungenen Rückzug hinterließ die Wehrmacht verbrannte Erde. Über die Räumung der Ukraine sagte Heinrich Himmler, dass kein Mensch, kein Vieh, kein Zentner Getreide und keine Eisenbahnschiene zurückbleiben sollte. Kein Haus sollte stehenbleiben. Kein Bergwerk sollte vorhanden sein, das nicht für Jahre gestört war. Kein Brunnen sollte vorhanden sein, der nicht vergiftet war.

Das Schicksal Russlands bei einem deutschen Sieg

Hätten die Nationalsozialisten ihre Ziele erreicht, wäre Russland von der Landkarte verschwunden. Seine Bevölkerung wäre zu großen Teilen vernichtet oder vertrieben worden. Dazu ist es zwar nicht gekommen. Dennoch lässt das, was den slawischen Völkern angetan wurde, den Historiker Rolf-Dieter Müller vom anderen Holocaust sprechen. Die Verbrechen an den Slawen wurden lange Zeit weniger beachtet als der Holocaust an den Juden.

Die Angst vor der Rache

Die Täter waren sich dessen, was sie angerichtet hatten, durchaus bewusst. Sie fürchteten die schlimmste Rache. Anders als Hitler im Falle einer Niederlage voraussah, wurde das deutsche Volk von der Roten Armee nicht ausradiert. Den Deutschen begegnete nicht Hass, sondern die Bereitschaft zur Aussöhnung. Diese Feststellung traf der Historiker Müller bereits 1988, noch zu sowjetischen Zeiten.

Erinnerungskultur und Kalter Krieg

Es gab und gibt redliche Bemühungen, dem ungeheuerlichen Geschehen einen Platz im kollektiven historischen Gedächtnis der Deutschen zu sichern. Filme, Artikel, Bücher und Ausstellungen tragen dazu bei. Im Osten Deutschlands war und ist das Bewusstsein für die dramatische deutsch-russische Geschichte stärker ausgeprägt als im Westen. In der alten Bundesrepublik wurde die Aufarbeitung zunächst vom Kalten Krieg überlagert. Die alten Ressentiments konnten unter dem Label des Antikommunismus weiter gepflegt werden.

Propaganda in den 1950er-Jahren

In den 1950er-Jahren konnte die CDU ungehindert Wahlplakate kleben. Unter der Überschrift „Alle Wege des Marxismus führen nach Moskau“ war ein bedrohliches, furchteinflößendes Gesicht mit unverkennbar slawischen Zügen zu sehen. Die russische Bedrohung wurde erneut beschworen. Die Aufarbeitung der eigenen Verbrechen trat in den Hintergrund. Die Feindbilder des Kalten Krieges überlagerten die Erinnerung an den Vernichtungskrieg.

Geschichtsvergessenheit und Geschichtsklitterung

In späteren Jahren wurde die Erinnerung an den Vernichtungskrieg im Osten durch politische Interessen überlagert. Die Vorstellung, Russland könne Teil eines gemeinsamen Europa werden, verdrängte die Auseinandersetzung mit der Vergangenheit. Die dünnen Grundlagen dieser Annahme wurden erst spät erkannt. Die Aufarbeitung der Verbrechen an den slawischen Völkern bleibt eine dauerhafte Aufgabe. Sie ist Voraussetzung für ein wahrhaftiges Verständnis der Geschichte.

 

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