Geschichte: Der Rauschgifthandel und die Korruption im südvietnamesischen Staat

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Der Vietnamkrieg war nicht nur ein militärischer Konflikt, sondern auch ein Schauplatz tiefgreifender politischer und gesellschaftlicher Verwerfungen, die das System Südvietnams von innen heraus zersetzten. In den späten Jahren des Krieges offenbarte sich ein Netzwerk aus Korruption und organisierter Kriminalität, das bis in die höchsten militärischen und politischen Führungsebenen reichte. Der Rauschgifthandel entwickelte sich zu einem einträglichen Geschäftsfeld, das die Autorität des Staates untergrub und die Moral der eigenen Truppen zerstörte. Diese Entwicklungen fanden nicht im Verborgenen statt, sondern wurden durch das Zusammenspiel von militärischen Kommandeuren, politischen Fraktionen und kriminellen Vereinigungen erst möglich gemacht.

Die Wurzeln eines korrupten Systems

Während die maritime Schutztruppe in den Einfuhrhandel von Betäubungsmitteln verwickelt war, übernahmen Hintermänner des Staatspräsidenten aus den Reihen der eigenen Armee einen Großteil der Verteilung und des Verkaufs an die amerikanischen Soldaten innerhalb des Landes. Hochrangige Befehlshaber der südvietnamesischen Streitkräfte arbeiteten dabei im Allgemeinen mit chinesischen Verbrecherorganisationen aus dem Stadtteil Cholon zusammen. Sobald große Rauschgiftlieferungen eintrafen, die vom Militär selbst geschmuggelt oder durch von ihm geschützte chinesische Gruppen ins Land gebracht wurden, übergab man diese üblicherweise zum Abpacken und Verteilen an die Gangster in Cholon. Von dort aus schwärmten chinesische und vietnamesische Boten über das Land aus und lieferten an Militärbefehlshaber vom Mekongdelta bis zur entmilitarisierten Zone kiloschwere Pakete mit Heroin. In drei der vier Militärzonen überwachten und schützten hochrangige Offiziere die örtliche Verteilung.

Die Kontrolle der militärischen Verteilernetze

Im Mekongdelta steuerten Oberste den örtlichen Verkauf, die einem bestimmten General treu ergeben waren. Im zentralen südlichen Landesteil wurde die Verteilung zum Zankapfel zweier sich befehdender Generäle, die allerdings dem Staatspräsidenten gleichermaßen ergeben waren. Im nördlichen Militärbezirk schließlich lenkten Stellvertreter des Truppenkommandeurs den Handel. Im Juni 1971 ließ der oberste amerikanische Polizeiberater im Land dem Militärkommando ein Memorandum über die Beteiligung eines dieser Generäle am Rauschgifthandel zukommen. In diesem Schreiben wurde auf die Beziehung zwischen den chinesischen Verbrecherorganisationen aus Cholon und den vietnamesischen Generälen hingewiesen.

Geheime Berichte über hohe Offiziere

Eine vertrauliche Quelle hatte der Ermittlungsdirektion mitgeteilt, dass der Vater des betreffenden Befehlshabers zusammen mit einem chinesischen Geschäftsmann aus Cholon Rauschgifthandel betrieb. Dieser Geschäftsmann unternahm von der Hauptstadt aus regelmäßige Reisen in die Heimatstadt des Generals, gewöhnlich mit der nationalen Fluggesellschaft, aber manchmal auch mit dem Privatflugzeug des Militärführers. Bei seiner Ankunft am Flughafen holte ihn eine Eskorte ab, die sich aus Angehörigen des militärischen Sicherheitsdienstes und der Militärpolizei zusammensetzte. Der Geschäftsmann wurde dann mutmaßlich zum Vater des Generals begleitet, wo er kiloweise Rauschgift gegen amerikanische Währung übergab. Die örtliche Polizei wusste angeblich von diesen Aktivitäten, hatte aber Angst, diese Rechtsbrüche zu melden, da sie fürchtete, man würde sie nur zu Sündenböcken machen.

Die Rolle der lokalen Sicherheitskräfte

Einmal in den Städten oder Armeestützpunkten in der Nähe amerikanischer Einrichtungen eingetroffen, wurden die Großlieferungen über ein Netz ziviler Händler oder vietnamesische Armeeangehörige niederer Ränge an die amerikanischen Soldaten verkauft. In der Hauptstadt und beim umliegenden Militärbezirk wickelte ein Netzwerk aus Zivilisten den Großteil der Vermarktung ab. Als jedoch süchtige Soldaten von der Hauptstadt in isolierte Gefechtsstellungen entlang der Grenze und der entmilitarisierten Zone verlegt wurden, gewannen die Drogenhändler der eigenen Armee immer größere Bedeutung. Die Beschaffung des Stoffes erfolgte oft durch einfache Kontakte zum Zaun, wo man mit Soldaten der eigenen Armee sprach und bei Verfügbarkeit direkt kaufen konnte. Selbst in riesigen amerikanischen Armeeeinrichtungen am Stadtrand betätigten sich vietnamesische Offiziere als Händler, von denen man den Stoff oft direkt erhielt.

Der Straßenverkauf an die Truppe

Ein anderer für den Staatspräsidenten kompromittierender Weg des Rauschgifthandels war der Schmuggel durch Vertreter seiner Fraktion im Unterhaus der Nationalversammlung. Die Unfähigkeit vieler dieser Politiker stellte allerdings eher ein Risiko als einen Aktivposten dar. Die Leichtigkeit, mit der sich diese Schmuggler erwischen ließen, bereitete dem Apparat in der Auseinandersetzung mit dem Premierminister politische Probleme. Obwohl aus dem sicherheitsbewussten Militär nur Andeutungen über den massiven Schmuggel der Fraktion sickerten, machten die Possen der Unterhausabgeordneten Schlagzeilen in der ganzen Welt. Zwischen September 1970 und März 1971 wurden nicht weniger als sieben Abgeordnete, die von Studienreisen ins Ausland zurückkehrten, bei Versuchen erwischt, alles Mögliche nach Südvietnam zu schmuggeln.

Parlamentarischer Schmuggel und politische Risiken

Mit ihrem empörenden Verhalten im Sitzungssaal, wo die Abgeordneten mit vulgären Beleidigungen aller Art um sich warfen, verspielte das Unterhaus den Respekt der ländlichen Bevölkerung. Stimmen bei wichtigen Abstimmungen wurden an den Höchstbietenden verschachert, und die örtliche Presse informierte ständig über die jeweils gängigen Preise. Außer regelmäßigen Gehaltszuzahlungen und besonderen Neujahrsvergütungen verdienten die Abgeordneten der Fraktion pro richtig abgegebener Stimme bei entscheidenden Regierungsmaßnahmen beträchtliche Summen in amerikanischer Währung. Tatsächlich wählten selbst eingefleischte Oppositionsmitglieder richtig, um sich etwas dazuzuverdienen, wenn die Niederlage ihrer Seite unvermeidlich schien. Im Unterhaus überließ der Staatspräsident Mitgliedern des Unabhängigkeitsblocks die Verhandlungen und die Auszahlung.

Der käufliche Parlamentarismus

Dieser Block, der nahezu ausschließlich aus geflüchteten Katholiken aus dem Norden bestand, schlug seit seiner Gründung eine militant antikommunistische Linie ein. Obwohl nominell unabhängig, traf sich der Führer des Blocks bald nach seiner Gründung mit dem Staatspräsidenten und willigte ein, diesen im Tausch gegen ungenannte Gefälligkeiten zu unterstützen. Der Einfluss des Blocks reichte weit über seine numerische Stärke hinaus, da alle Mitglieder Schlüsselpositionen als Ausschussvorsitzende, Geldbeschaffer oder Einpeitscher besetzten. Mit nur 19 Mitgliedern stellte der Unabhängigkeitsblock im Jahr 1973 sechs der 16 Ausschussvorsitzenden des Unterhauses. Während der Debatten über das Wahlgesetz war es ein Mitglied des Blocks, der die Verabschiedung eines umstrittenen Artikels im Parlament deichselte.

Die Macht des Unabhängigkeitsblocks

Dieser Artikel erforderte ein Minimum an 40 Unterschriften von Unterhausmitgliedern für jeden Nominierungsantrag bei der bevorstehenden Präsidentschaftswahl und ermöglichte es dem Staatspräsidenten, einen Rivalen von der Kandidatur auszuschließen. Am Anfang der Debatte soll der Abgeordnete ein paar Stimmen der Bergstämme für nur 350 Dollar pro Stück gekauft haben, die meisten Voten der kambodschanischen Minderheit für lediglich 700 Dollar das Stück. In den drei Tagen intensiver Verhandlungen vor der Endabstimmung stieg der Preis für die letzten Abgeordneten, die als Mehrheitsbeschaffer noch gebraucht wurden, von 1000 auf 1800 Dollar pro Stimme. Loyalität zum Staatspräsidenten schien ihre Vorzüge zu haben, denn kein Mitglied der Opposition stand jemals auch nur unter dem Verdacht, in einen ernsten Fall von Schmuggel verwickelt zu sein. Alle in Rauschgift- und Goldhandel verstrickten Unterhausabgeordneten waren entweder gegenwärtige oder frühere Mitglieder des Unabhängigkeitsblocks.

Wahlmanipulation und lukrative Privilegien

Der Grund dafür war einfach, da Oppositionsabgeordneten häufig das notwendige Kapital fehlte, um solche Reisen zu finanzieren, und sie sich nicht darauf verlassen konnten, dass die Hafenbehörden bei ihrer Rückkehr wegsahen. Regierungsfreundliche Abgeordnete dagegen, die offizielle Reisezuschüsse erhielten oder durch monatelanges richtiges Abstimmungsverhalten über Ersparnisse verfügten, konnten ihre vier Ausreisevisa pro Jahr nutzen. Ein solches Privileg stand allen Abgeordneten in den Sitzungsferien zu, weshalb es zu einem Schwall regierungsfreundlicher Parlamentarier kam, die auf Staatskosten ins Ausland reisten. In den Jahren 1969 und 1970 besorgten sich Abgeordnete für ihre Reisen ausländische Währung im Wert von 821000 Dollar. Ein prominenter Abgeordneter der Regierungsseite brachte es in dieser Zeit auf über 100 Tage im Ausland.

Die Ausnutzung staatlicher Reiseprivilegien

Obwohl die meisten Abgeordneten der Regierungsseite gewöhnlich mit irgendeiner Schmuggelware oder nicht deklarierten zollpflichtigen Waren zurückkehrten, wurden sie unkontrolliert durch den Zoll gewinkt. Selbst wenn ein Abgeordneter erwischt wurde, verhängten die Zollbeamten lediglich eine Geldstrafe und ließen die illegalen Waren durch. Im August und Dezember 1970 zum Beispiel entdeckten die vietnamesischen Beamten auf dem Flughafen Gold und zollpflichtige Waren im Koffer eines Abgeordneten. Der Repräsentant zahlte eine nominelle Strafe, und die ganze Sache wurde vertuscht, bis sie auf der Höhe der Schmuggelkontroverse mehrere Monate später aufflog. Mit Ausbruch der Rauschgiftepidemie unter den Soldaten und der Liberalisierung der Reisegesetze für Mitglieder der Nationalversammlung schien sich das Tempo des parlamentarischen Schmuggels zu erhöhen.

Das Versagen der Zollkontrollen

Im Dezember 1970 beschloss eine Gruppe von Getreuen des Staatspräsidenten, die das Verwaltungsbüro des Unterhauses kontrollierten, den Abgeordneten vier Auslandsreisen pro Jahr statt zwei zu erlauben. Als wenige Wochen später die alljährliche Sitzungspause anbrach, berichtete eine Tageszeitung, dass 140 der 190 Mitglieder der Nationalversammlung kurz vor einer Auslandsreise stehe. Der Schmuggelboom, der folgte, führte im März 1971 innerhalb von zehn Tagen zu drei sensationellen Zollbeschlagnahmungen, als die Volksrepräsentanten zurückkehrten. Zu den zunächst erwischten Abgeordneten zählte ein katholischer Flüchtling aus dem Norden und Mitglied des regierungsfreundlichen Blocks. Auf einem regulären Flug übergab ein chinesischer Schmuggler einen Koffer an eine Flugbegleitung, die bei der Landung einer gründlichen Durchsuchung unterzogen wurde.

Die Aufdeckung des Schmuggelbooms

Die Durchsuchung förderte fast zehn Kilo eines laotischen Rauschgifts nebst einem Brief an den Abgeordneten ans Licht. Mit ungewöhnlicher Unempfindlichkeit für den hohen offiziellen Status folgten die Beamten des Zollbetrugsdezernats der Spur und fanden bei der Durchsuchung der Büros den Personalausweis des chinesischen Schmugglers. Obwohl ein Sprecher später bekanntgab, dass die Beschlagnahmung gründlich untersucht werde, wurde der Abgeordnete nie offiziell angeklagt und verschwand still von der Bildfläche. Am 17. März landete ein weiterer regierungsfreundlicher Abgeordneter mit einer Maschine aus Bangkok auf dem Flughafen. Sehr zu seiner Überraschung bestand ein Zollbeamter darauf, sein Gepäck einer gründlichen Durchsuchung zu unterziehen, und öffnete eine Geschenkschachtel, die vier Kilo Rauschgift enthielt.

Sensationelle Zollbeschlagnahmungen

Als er eine Woche später seinen Rückzug aus dem Unterhaus bekanntgab, stritt er ab, tatsächlich ein Schmuggler zu sein, und behauptete, er habe lediglich zugestimmt, ein Päckchen nach Saigon mitzunehmen, um einer Dame einen Gefallen zu tun. Er gab zu, Geld für die Mitnahme des Päckchens angenommen zu haben, leugnete aber jede Kenntnis von dessen Inhalt. Hatten die Vorwürfe gegen diese beiden recht unbedeutenden Abgeordneten schon eine gewisse Bestürzung verursacht, löste die Verhaftung wegen Goldschmuggels eines 3. Repräsentanten einen großen Skandal aus. Dieser war 2. Vizepräsident des Unterhauses, Vorsitzender einer parlamentarischen Union und von 1967 bis 1970 Fraktionsvorsitzender des Unabhängigkeitsblocks. Als er auf dem Flughafen einer Maschine nach Saigon bestieg, durchsuchte der thailändische Zoll sein Gepäck und entdeckte 15 Kilo reines Gold.

Der Goldschmuggel und seine Folgen

Die vietnamesische Botschaft intervenierte jedoch und sorgte für seine sofortige Freilassung, nachdem ein weiterer Abgeordneter in die Innenstadt gerast war, um Beistand zu erbitten. Vier Tage später berichtete eine Zeitung, dass der thailändische Zoll diesen Abgeordneten seit mehreren Jahren unter Verdacht habe, Teil eines internationalen Schmugglerrings zu sein. Die aus dem Gepäck beschlagnahmten 15 Kilo sollen Teil einer größeren Lieferung von 90 Kilo Gold gewesen sein, die von diesem Ring nach und nach geschleust wurde. Verlässliche Quellen berichteten, dass andere Mitglieder des Unabhängigkeitsblocks bei der Finanzierung der Lieferung geholfen hatten. In jedem Fall hatten Unterhausabgeordnete seit über drei Jahren Rauschgift, Gold und zollpflichtige Waren nach Südvietnam geschmuggelt.

Internationale Verstrickungen und politische Motive

Festnahmen waren selten, und wenn es dazu kam, regelte der Abgeordnete die Angelegenheit fast immer, indem er still eine Geldstrafe zahlte. Die Frage, warum die vietnamesischen Zollbeamten plötzlich so aggressiv vorgingen und warum die Fraktion plötzlich dem erniedrigenden Schimpf ausgesetzt war, drei ihrer treuesten Parlamentarier innerhalb von zehn Tagen mit Schmuggel in Verbindung gebracht zu sehen, ließ sich leicht beantworten. Die Antwort lag, wie im Land üblich, in den herrschenden politischen Verhältnissen. Ironischerweise war der Plagegeist des Staatspräsidenten ausgerechnet der Premierminister seiner eigenen Wahl.

 

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