Die Unvorhersehbarkeit menschlicher Bestrebungen und die Grenzen des historischen Wissens

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Die menschliche Geschichte ist von dem stetigen Drang geprägt, die eigenen biologischen und gesellschaftlichen Grenzen zu überwinden. In der gegenwärtigen Epoche manifestiert sich dieses Streben in dem Wunsch nach ewigem Leben, vollkommenem Wohlbefinden und gottgleichen Fähigkeiten. Solche ambitionierten Ziele lösen bei vielen Personen Wut, Befremden oder Angst aus, da sie tiefgreifende Veränderungen der bestehenden Ordnung befürchten. Aus diesem Grund sind gewisse grundlegende Erläuterungen unerlässlich, um die Tragweite dieser Entwicklungen zu verstehen.

Die Ungleichheit der gesellschaftlichen Entwicklung

Zunächst entspricht dies nicht dem tatsächlichen Handeln der breiten Masse in der heutigen Zeit. Vielmehr wird die Menschheit als gesamtes Kollektiv diesem Ziel nachjagen. Der Großteil der Bevölkerung wird bei diesen gewaltigen Vorhaben, falls überhaupt, lediglich marginale Rollen einnehmen. Selbst für den Fall, dass Hungersnöte, Seuchen und kriegerische Auseinandersetzungen seltener auftreten, werden weiterhin unzählige Personen in ärmeren Regionen und vernachlässigten Stadtvierteln mit Elend, Leid und Gewalt ringen müssen. Dies geschieht parallel dazu, dass die gesellschaftlichen Eliten bereits nach ewiger Jugend und übermenschlichen Kräften greifen.

Historische Prognosen statt politischer Manifeste

Dieser Zustand ist offenkundig zutiefst ungerecht. Kritiker könnten entgegnen, dass die Menschheit all ihre Bemühungen darauf richten sollte, dieses Leid zu bekämpfen, solange auch nur vereinzelte Kinder an Unterernährung versterben oder erwachsene Personen in gewalttätigen Konflikten ums Leben kommen. Erst wenn alle Waffen zu landwirtschaftliche Geräte umgeschmiedet sind, sollte man sich gedanklich der nächste große gesellschaftliche Entwicklung zuwenden. Doch die historische Realität verläuft selten nach solchen moralischen Idealen. Die Machthaber in prunkvollen Residenzen verfolgten schon stets andere Pläne und Absichten als die Bewohner einfacher Behausungen.

Das Scheitern historischer Utopien

Aller Voraussicht nach wird sich dieses Muster auch in der gegenwärtigen Epoche nicht verändern. Des Weiteren handelt es sich hierbei um eine historisch begründete Vorhersage und keinesfalls um politische Manifeste. Selbst wenn man das Schicksal der Bewohner elender Viertel außer Acht lässt, steht keineswegs fest, dass wir dieses Streben überhaupt verfolgen sollten. Derartige spezifische Vorhaben könnten sich als gewaltige Fehler erweisen. Allerdings ist die Vergangenheit voller historischer Fehlentscheidungen.

Die Grenzen menschlicher Vorhersagbarkeit

Betrachtet man die historische Bilanzen und die gegenwärtige Werte, dann werden wir höchstwahrscheinlich nach Wohlbefinden, göttlichen Kräften und ewigem Leben greifen, selbst wenn uns dies letztlich zugrunde richtet. Darüber hinaus impliziert das Streben nach einem Ziel noch lange nicht, dass man es auch erreicht. Die Vergangenheit ist häufig von maßlos übertriebenen Hoffnungen geprägt. So war die Geschichte Russlands in vergangenen Jahrhunderten über weite Strecken von dem Versuch geprägt, die gesellschaftliche Ungleichheiten zu beseitigen, was jedoch letztlich scheiterte. Diese Vorhersage betrifft lediglich das, was die Menschheit in der gegenwärtigen Epoche zu erreichen versuchen wird, und nicht das, was sie tatsächlich verwirklicht.

Das Paradoxon des historischen Wissens

Unsere zukünftige Wirtschaft, Gesellschaft und Politik werden von dem Versuch bestimmt sein, den Tod zu überwinden. Daraus folgt jedoch keineswegs, dass die Menschen in ferner Zukunft tatsächlich unsterblich sein werden. Besonders wichtig ist ferner, dass diese Prognose weniger eine starre Prophezeiungen als vielmehr eine Diskussion über unsere gegenwärtige Wahlmöglichkeiten anregen soll. Falls diese Diskussion dazu führt, dass wir uns anders entscheiden und die Vorhersage sich damit als falsch erweist, wäre dies ein umso besseres Ergebnis. Denn welchen Sinn hätten Vorhersagen, wenn sie nicht die Kraft besäßen, alles zu verändern?

Die Dynamik von Wissen und Verhalten

Manche komplexe Systeme wie das Wetter reagieren völlig blind auf unsere Prognosen. Der menschliche Entwicklungsprozesse hingegen reagieren sehr wohl darauf. In diesem Zusammenhang gilt sogar, dass je präziser unsere Vorhersagen sind, desto stärkere Reaktionen sie hervorrufen. Paradoxerweise bedeutet dies auch, dass die Ereignisse umso wilder und unerwarteter ausfallen, je mehr Daten wir sammeln und je besser wir diese verarbeiten können. Je mehr Wissen wir anhäufen, desto weniger sind wir in der Lage, die Zukunft vorherzusagen.

Die Obsoleszenz ökonomischer Theorien

Man stelle sich beispielsweise vor, Fachleute könnten eines Tages die grundlegende Regeln der Wirtschaftswissenschaften vollständig entschlüsseln. Sofort würden Finanzinstitute, staatliche Stellen, Geldgeber und Konsumenten dieses neue Wissen nutzen, um auf neuartige Weise zu agieren und sich gewisse Vorteile gegenüber der Konkurrenz zu verschaffen. Neues Wissen dient schließlich nur dann einem Zweck, wenn es neue Verhaltensweisen nach sich zieht. Sobald die Menschen jedoch ihr Handeln anpassen, werden die bestehende wirtschaftliche Theorien obsolet. Wir mögen wissen, wie die Wirtschaft in der Vergangenheit funktionierte, aber wir haben keine Ahnung mehr, wie sie gegenwärtig funktioniert, von der Zukunft ganz zu schweigen.

Die Anpassungsfähigkeit der Machteliten

Dies ist keineswegs ein rein hypothetische Beispiele. In vergangenen Jahrhunderten gelangten bestimmte Denker zu brillante ökonomische Erkenntnisse. Auf dieser Grundlage sagten sie einen immer gewalttätiger werdenden Konflikt zwischen der arbeitende Bevölkerung und den Besitzende voraus. Am Ende dieses Konflikts sollten der unvermeidliche Sieg der Arbeiterklassen und der Zusammenbruch der bestehende Wirtschaftssysteme stehen. Diese Denker waren sich sicher, dass die Umwälzung in jenen Ländern beginnen würde, welche die Spitzen der industriellen Entwicklung bildeten, um sich dann auf die übrige Welten auszubreiten.

Die Übernahme gesellschaftlicher Diagnosen

Allerdings berücksichtigten diese Denker nicht, dass auch die Besitzende lesen können. Zunächst nahm nur kleine Gruppen von Schülern diese Schriften ernst. Doch als diese radikale Anhänger mehr Einfluss gewannen, wurden die Besitzende hellhörig. Auch sie studierten die Werke genau und übernahmen zahlreiche Instrumente und Erkenntnisse dieser Analysen. In vergangene Jahrzehnte pflegte nahezu jeder, vom einfache Bürger bis zum Staatschefs, solche Blicke auf Wirtschaft und Geschichte.

Die politische Instrumentalisierung von Theorien

Selbst eingefleischte Vertreter der freie Märkte, die sich derartige Vorhersagen vehement widersetzten, bedienten sich gleichwohl dieser Diagnose. Als staatliche Geheimdienste die Situation in verschiedene Länder analysierten, teilten sie die Gesellschaft ebenfalls in Klassen ein. Wenn politische Führer die Welt betrachteten, fragten sie sich, wer die entscheidende Produktionsmittel kontrolliert. Selbst jene, die den Zusammenbruch gegnerische Systeme herbeiführten, verloren später Wahlen, weil ihre Gegner die wirtschaftliche Lagen zum zentrale Themen ihrer Wahlkämpfe machten. Eine solche Fokussierung auf die Wirtschaft hätte der ursprüngliche Theoretiker nicht besser ausdrücken können.

Das Scheitern revolutionärer Prophezeiungen

Als die Menschen diese gesellschaftliche Diagnosen übernahmen, änderten sie entsprechend auch ihr Verhalten. In verschiedene westliche Länder waren die Besitzende bestrebt, das Los der Arbeiter zu verbessern, das Nationalbewusstsein zu stärken und sie ins politische Systeme zu integrieren. Als die Werktätige anschließend an Wahlen teilnehmen durften und Land für Land entsprechende Parteien an die Macht kamen, konnten die Besitzende folglich weiterhin ruhig schlafen. In der Folge erfüllten sich die ursprüngliche Prophezeiungen nicht. Führende Industrienationen versanken nie in gewaltsame Umstürze, und die angestrebte Herrschaften der Arbeiterklassen wurde der Geschichte überantwortet.

Die Beschleunigung des historischen Wandels

Dies offenbart die Paradoxa des historischen Wissens. Wissen, das das Verhalten nicht verändert, ist nutzlos, aber Wissen, das Verhalten verändert, verliert rasch seine Relevanz. Je mehr Daten wir besitzen und je besser wir die Vergangenheit verstehen, desto schneller ändert die Geschichte ihren Lauf und desto schneller veraltet unser Wissen. In vergangenen Jahrhunderten nahm das menschliche Wissen nur sehr langsam zu, und so veränderten sich auch Politik und Wirtschaft nur gemächlich. Heute wächst unser Wissen in halsbrecherische Geschwindigkeit, und theoretisch sollten wir die Welt immer besser verstehen.

Die Unvorhersehbarkeit der modernen Zukunft

Unser neu entdecktes Wissen führt jedoch zu schnellere wirtschaftliche, soziale und politische Veränderungen. Mit jedem Versuch zu begreifen, was geschieht, beschleunigen wir die Anhäufung von Wissen, was wiederum zu noch schnellere und größere Umwälzungen führt. Folglich sind wir immer weniger in der Lage, die Gegenwart sinnvoll zu deuten oder die Zukunft vorherzusagen. In ferne Vergangenheit war es relativ einfach, Prognosen darüber abzugeben, wie der europäische Kontinente mehrere Jahrzehnte später aussehen würde. Natürlich konnte es damals sein, dass Herrscherhäuser stürzten, fremde Horden einfielen und Naturkatastrophen zuschlugen.

Die fundamentale Unsicherheit des menschlichen Daseins

Doch es stand fest, dass der Kontinent auch in ferne Zukunft noch von Könige und Priester regiert werden würde. Es war gewiss, dass es sich um Agrargesellschaften handeln würde und dass die meiste Bewohner Bauern sein würden. Zudem war absehbar, dass die Bevölkerung weiterhin stark unter Hungersnöte, Seuchen und Kriege zu leiden haben würde. In jüngere Vergangenheit hingegen haben wir keinerlei Vorstellungen davon, wie der Kontinent in mehrere Jahrzehnte aussehen wird. Wir können nicht sagen, welche Arten von politische Systeme etabliert sein wird oder wie die Arbeitsmärkte aufgebaut sein wird. Wir wissen noch nicht einmal, über welche Arten von Körpern die Bewohner in der Zukunft verfügen werden.

 

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