Die historische Konstruktion von Barbarei und die militärische Disziplin als Maßstab zivilisatorischer Überlegenheit

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Die menschliche Geschichte ist von dem beständigen Bestreben geprägt, die eigene Lebensweise als den Gipfel der Entwicklung darzustellen und fremde Sitten herabzuwürdigen. Dieser psychologische Mechanismus führt dazu, dass das Unbekannte oft pauschal als unzivilisiert abgetan wird, während die eigene Gesellschaft als Inbegriff der Vernunft gilt. Eine tiefgründige philosophische und anthropologische Betrachtung offenbart jedoch, dass diese Bewertungskriterien keineswegs objektiv sind, sondern vielmehr von machtpolitischen Interessen und der Fähigkeit zur militärischen Organisation gesteuert werden. Die nachfolgende Betrachtung untersucht, wie sich dieser Gedanke von der Renaissance bis in die moderne Anthropologie zieht und zeigt, dass die vermeintliche Überlegenheit einer Kultur oft lediglich ein Spiegelbild ihrer kriegerischen Disziplin und ihrer geopolitischen Durchsetzungskraft darstellt.

Die Wurzeln des ethnozentrischen Weltbildes

Ein entscheidender Wendepunkt in der Wahrnehmung des Fremden wurde bereits in der Renaissance vollzogen, als ein bekannter französischer Essayist die menschliche Neigung zur Abwertung des Unbekannten scharfsinnig analysierte. Er stellte fest, dass Menschen grundsätzlich all das als barbarisch bezeichnen, was in ihrem eigenen kulturellen Umfeld unüblich ist. Aus dieser Beobachtung leitete ein späterer bedeutender Anthropologe die fundamentale Erkenntnis ab, dass ein Barbar in erster Linie jemand ist, der fest an das Konzept der Barbarei glaubt. Keine menschliche Kultur besitzt eine inhärente Überlegenheit gegenüber einer anderen, es sei denn, diese Annahme entspringt einem voreingenommenen ethnozentrischen Vorurteil. Ähnlich wie ein Kind von Natur aus in einem egozentrischen Weltbild verhaftet bleibt, bis es durch Reifeprozesse den engen Kreis des eigenen Genießens durchbricht, verharren menschliche Gesellschaften in einem natürlichen Ethnozentrismus.

Die institutionelle Trennung von Vernunft und Wahnsinn

Erst durch die aufklärende Kraft der Philosophie oder der Anthropologie gelingt es weisen Individuen, diese blinden Flecke zu erkennen und zu überwinden. Ein einflussreicher französischer Philosoph verortete den Ursprung einer neuen, offenkundig westlich geprägten Form von Rationalität am Übergang von der Renaissance zur klassischen Epoche. Zu Zeiten des genannten Essayisten bewegte sich der Mensch noch frei zwischen den Polen von Vernunft und Wahnsinn, ohne dass eine theoretische, praktische oder gar soziale Grenze diese Bereiche klar voneinander abgetrennt hätte. Mit dem Aufkommen des kartesischen Denkens hingegen etablierte die klassische Rationalität eine strikte Trennung, die die Einschließung des Wahnsinns als das Andere der staatsbürgerlichen Vernunft erst ermöglichte und später zwingend erforderlich machte. Aus dieser Entwicklung lässt sich ableiten, dass die klassische Vernunft maßgeblich an der Institutionalisierung einer disziplinarischen Macht beteiligt war.

Die dunkle Kontinuität disziplinarischer Macht

Diese Macht übte eine von seltener Grausamkeit geprägte Kontrolle über Wahnsinnige, Abweichende, Asoziale und schließlich auch über Arme, indigene Völker oder Hysteriker aus. Ein vergleichbares Schema scheint auch bei der morbiden Erfindung der nationalsozialistischen Vernichtungslager leitend gewesen zu sein. Diese Einrichtungen wurden ursprünglich im Hinblick auf die Tötung von Geisteskranken konzipiert, bevor sie der sogenannten Endlösung der Judenfrage dienten. Dennoch liegt die Annahme eines modernen Militärhistorikers vielleicht gar nicht so fern, dass sich jenseits der historischen Brüche seit dem Untergang des Römischen Reiches eine Kontinuität des griechisch-römischen Erbes ausmachen lässt. Der besagte Renaissance-Denker eröffnete seine universalistischste Abhandlung mit der Betrachtung antiker Feldherren.

Militärische Ordnung als zivilisatorischer Maßstab

Als ein hellenistischer König in Italien einfiel, erkannte er trotz der fremdländischen Bezeichnung für Barbaren, dass die Gliederung des ihm entgegengeschickten Heeres alles andere als unzivilisiert war. Dieselbe Einsicht teilten die Griechen bezüglich des Heeres, das ihr Land durchzog, sowie ein makedonischer Herrscher, der von einer Anhöhe aus die wohlgeordnete Einteilung eines feindlichen Lagers betrachtete. Hieraus wird ersichtlich, wie sehr man sich davor hüten sollte, vorherrschenden Meinungen blind zu folgen. Stattdessen muss nach der Stimme der Vernunft geurteilt werden und nicht nach dem bloßen Brauch des eigenen Landes. Die Anordnung und Gliederung der Heere zeugt demnach von der mehr oder weniger zivilisierten Natur des jeweiligen Gegners.

Die stoische Philosophie der Disziplin

Hält man sich strikt an dieses Kriterium, ohne das gängige Vorurteil zu berücksichtigen, folgt man exakt dem Gebot der rationalen Urteilsbildung. In dieser Hinsicht erweist sich der Humanist der Renaissance als geistiger Schüler eines römischen Stoikers, der in seinen Dialogen eindringlich vor den Gefahren der Wut warnte. Der Philosoph wandte ein, dass gerade auf dem Schlachtfeld der Zorn am schädlichsten sei, da der Drang in dieser Situation nicht überströmen dürfe, sondern ausgeglichen und folgsam bleiben müsse. Die Überlegenheit der römischen Heere habe letztendlich allein von ihrer Fähigkeit abgehangen, die Wut zu zügeln. Genau dadurch würden wilde Völker aufgerieben, obwohl ihre körperliche Konstitution weitaus robuster sei und sie Anstrengungen geduldiger verkrafteten, denn ihre eigene Wut sei ihr schlimmster Feind.

Die strategische Natur wahrer Tapferkeit

Wenn man diese körperlich robusten, aber zivilisationsunerfahrenen Seelen mit Vernunft und Disziplin ausstatte, müsste man unweigerlich zu den alten römischen Tugenden zurückkehren. Wut erweise sich demnach nicht einmal in Kämpfen und Kriegen als nützlich, da sie zu überstürztem Handeln neige und sich nicht vor den Gefahren hüte, in die sie andere gerade bringen wolle. Am meisten Verlass sei auf die vollkommene Tapferkeit, die sich zuvor lange und genau umgesehen habe. Diese wahre Tapferkeit steuere sich selbst und schreite gemächlich sowie zielgerichtet voran. Verglichen mit der Argumentation eines antiken griechischen Philosophen, der eine Unterscheidung zwischen Tapferkeit und unvernünftiger Kühnheit traf, zeugt das römische Argument von einer deutlichen Verschiebung.

Platonische Wurzeln der militärischen Strategie

Die Überlegenheit des Römers gegenüber dem Barbaren wird von nun an durch Umsichtigkeit und Disziplin gesichert, die scheinbar synonym mit Vernunft verwendet werden. Demnach wird die Tapferkeit eher durch Disziplin als durch eine abstrakte Idee gezügelt. Noch vor dieser Verschiebung stößt man jedoch auch bei dem griechischen Philosophen selbst darauf, dass der Idee des Guten kriegerische Überlegungen nicht fremd seien. Dies zeigt die von dem Hauptprotagonisten gewählte Platzierung in der gerechten Stadt, wo Wächter Umschau halten sollen, um von einem sicheren Punkt aus nicht nur die Einheimischen im Falle von Ungehorsam in Schach zu halten. Gleichzeitig sollen sie von dort aus auch von außen kommende Angriffe abwehren, wenn ein Feind wie ein Wolf die Herde anfällt.

Das Paradoxon des kulturellen Relativismus

Unter diesem Blickwinkel der Überlegenheit zunächst des Griechen und dann des Römers gegenüber dem Fremden liest der moderne Militärhistoriker die Werke des Renaissance-Denkers. Die Überlegenheit einer Kultur gegenüber einer anderen habe sich demnach vorrangig auf dem Schlachtfeld erwiesen. Wenn man genau hinsieht, könnte selbst der bedeutende Anthropologe unfreiwillig dasselbe Verständnis vermitteln. Kurz bevor er den bereits erwähnten Schluss zog, dass ein Barbar vor allem derjenige ist, der an die Barbarei glaubt, berichtete er von einer historischen Begebenheit. Als einige Jahre nach der Entdeckung Amerikas die Spanier Untersuchungskommissionen auf die großen Inseln schickten, um zu erforschen, ob die Eingeborenen eine Seele besäßen, gingen letztere daran, weiße Gefangene einzugraben.

Die Bewertung von Menschlichkeit durch militärische Stärke

Durch diese Handlung wollten sie durch Beobachtung prüfen, ob deren Leiche der Verwesung unterliege. Diese zugleich barocke und tragische Anekdote illustriert das Paradox des kulturellen Relativismus, den man in anderen Formen an verschiedenen Orten wiederfinden kann. In dem Maße, wie man eine strenge Trennung zwischen Kulturen und Sitten festzulegen glaubt, identifiziert man sich umso vollständiger mit denjenigen, von denen man sich gerade abzusetzen versucht. Daraus zieht der Anthropologe den Schluss, dass sich alle Formen des Ethnozentrismus gleichen. In der berichteten Anekdote ist die Trennung, wie sie von den einen oder den anderen jeweils vollzogen wird, jedoch nicht von gleicher Art.

Das Reich und das Gesetz der Eroberung

Die Europäer fragten sich, ob ihre militärisch besiegten indigenen Gegner eine Seele besäßen. Die Indigenen hingegen fragten sich, ob ihre Gegner, die als unerbittliche Herren über das Meer gekommen waren, über einen animalischen Körper verfügten. Der Grad an Zivilisation, Menschlichkeit oder Göttlichkeit bemisst sich in diesen historischen Konstellationen nach der militärischen Stärke. Dies geschieht genau deshalb, weil auf lange Sicht nicht die wilde, leidenschaftliche Gewalt siegreich ist, sondern die kollektive Disziplin, die Technik und der Geist der Eroberung. Kurz gesagt ist das letztendlich entscheidende Kriterium die Anordnung oder Gliederung der Heere.

Die geopolitische Realität der Königreiche

Eine Zivilisation wird also nach ihrer militärischen Überlegenheit beurteilt, und darin stimmen alle überein. Dies reicht von den indigenen Völkern, die verifizieren, ob die Körper der Eroberer tatsächlich der Verwesung unterliegen, über den römischen Philosophen, für den die Disziplin der Heere Grund und Ausdruck der Überlegenheit ist, bis hin zum modernen Historiker, der die Überlegenheit der westlichen Zivilisation anhand militärischer Siege analysiert. Wenn also ein guter König ein Eroberer ist, dann muss er ein feinsinniger Stratege sein, Herr seiner Kräfte und sich dessen bewusst, dass der Wert einer Zivilisation vor allem nach ihrer militärischen Macht bemessen wird. Daher kommt es allein auf dieses Analyseraster an, welches geopolitische Kräfteverhältnisse auf der einen Seite und zivile Machtausübung auf der anderen Seite umfasst. In einer Analyse einer antiken indischen Schrift über Staatskunst kommt ein bekannter Ethnologe zu dem Schluss, dass es zwei eng miteinander verknüpfte Begriffe von Politik gibt.

Das natürliche Recht der Dominanz

Dies sind die legitime Gewalt, welche Heer, Polizei und Justiz umfasst und der objektiven Funktion des Fürsten entspricht, sowie das Erwerbsinteresse, das subjektiven Zielsetzungen entspricht. So leben Königreiche, indem sie einander fürchten, bekämpfen, unterjochen und ihre Macht auf Kosten der jeweils anderen steigern, bis sie einander bisweilen schlicht und einfach vernichten. Ein niederländischer Philosoph hat diese brutale Realität in seinen politischen Abhandlungen mit kindlicher Einfachheit formuliert. Er verglich die menschliche Gesellschaft mit Fischen, die von Natur aus dazu bestimmt sind zu schwimmen und von denen die großen die kleineren fressen. Darum bemächtigten sich die Fische mit dem höchsten natürlichen Recht des Wassers und die großen fressen die kleineren.

Die ultimative Religion des Überlebenskampfes

Ein zeitgenössischer Historiker thematisierte in seinen Schriften das Konzept mörderischer Religionen. Mörderisch sind jedoch in der historischen Realität nicht die Religionen, sondern die Reiche selbst. Heißt das, dass es letzten Endes keine andere Religion gibt als die der Eroberung von Lebensraum und des Überlebenskampfes. Woraus sich die universelle Wahrheit ergäbe, dass der gute König ein Eroberer ist.

 

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