Die Kraft der Vorbilder – Wie Orientierung an anderen Menschen unser Leben prägt und trägt

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In einer Zeit, in der traditionelle Gewissheiten brüchig geworden sind und die Vielfalt der Lebensentwürfe kaum noch überschaubar scheint, gewinnt die Frage nach Orientierung eine neue Dringlichkeit. Der Mensch ist von Natur aus ein Wesen, das sich an anderen orientiert, das nachahmt, bewundert und sich fragt, wie ein gelingendes Leben aussehen könnte. Besonders in Phasen des Übergangs, der Unsicherheit oder der großen Lebensentscheidungen suchen wir nach Menschen, die uns zeigen, dass ein bestimmter Weg möglich ist, dass Schwierigkeiten überwunden werden können und dass ein sinnerfülltes Dasein kein leeres Versprechen bleiben muss. Die folgenden Betrachtungen gehen der Frage nach, welche Rolle Vorbilder im Leben einzelner Menschen und in Gemeinschaften spielen, wie sie uns stärken können und worin der Unterschied zwischen einer gesunden Orientierung und einer ungesunden Abhängigkeit liegt. Im Mittelpunkt stehen dabei die Erfahrungen hochbetagter Ordensleute, die in ihrem langen Leben auf vielfältige Weise die tragende Kraft von Leitfiguren erfahren haben.

Die persönliche Erfahrung mit einer Leitfigur

In jungen Jahren kann eine einzige Begegnung das gesamte weitere Leben beeinflussen und eine Richtung vorgeben, die man ohne diesen Menschen vielleicht nie eingeschlagen hätte. So gab es in meinem eigenen Leben eine Frau namens Jean, die etwa zwei Jahrzehnte älter war als ich und die mir zur Ratgeberin und Freundin wurde. Sie verkörperte vieles von dem, was ich mir für mein eigenes Dasein erträumte, denn sie war frei denkend, fröhlich, stark und weise zugleich. Natürlich hatte auch sie ihre Schwächen und Unvollkommenheiten, doch das Entscheidende war, dass sie mir zeigte, dass ein solches Leben möglich war und wie es in der Praxis aussehen konnte. Letztlich habe ich vieles anders gemacht als sie, doch das ist nicht der eigentliche Sinn einer solchen Orientierung an einem anderen Menschen.

Inspiration statt Nachahmung

Der wahre Wert eines Vorbildes liegt nicht in der exakten Kopie seines Lebensweges, sondern in der Inspiration und der inneren Auseinandersetzung, die es in uns auslöst. Es ist die Ermutigung und die Hoffnung, die von einem solchen Menschen ausgehen können, die uns beflügeln und uns zeigen, dass unsere eigenen Träume keine Hirngespinste sind. Die Psychoanalytikerin Margarete Mitscherlich hat einmal sinngemäß geschrieben, dass wir alle Ideale und Leitfiguren brauchen, an denen wir uns orientieren und nach deren Verwirklichung wir streben können. Ohne solche Orientierungspunkte seien wir einem Gefühl der Leere ausgesetzt, und das lebendige Interesse an den Dingen der Welt und an unseren Mitmenschen gehe verloren. Gleichzeitig wies sie aber auch auf die Risiken hin, die in der Verehrung von Personen liegen können, denn im schlimmsten Fall kann dies bis zur kollektiven Vergötzung autoritärer Führungspersonen führen.

Der Wandel der Leitfiguren in der heutigen Gesellschaft

Welche Rolle Leitfiguren in der heutigen Gesellschaft spielen, ist unter Fachleuten umstritten und wird kontrovers diskutiert. Manche Beobachter vertreten die Ansicht, dass aufgrund eines wachsenden Wertevakuums, des Verlustes gesellschaftlicher Selbstverständlichkeiten und der rasanten Veränderungen in der Kommunikationstechnik der Bedarf nach Orientierung und damit auch nach Leitfiguren zunimmt. Gleichzeitig scheint es, dass die heutigen Leitfiguren etwas anderes sind als noch vor wenigen Jahrzehnten und dass sie andere Funktionen erfüllen als die Helden und Heiligen vergangener Generationen. Ein Beispiel dafür sind jene Personen, die in den digitalen Netzwerken ihr Privatleben vermarkten und bei denen es vor allem um Konsum und Selbstdarstellung geht. Diese neue Form der öffentlichen Präsenz wirft die Frage auf, ob solche Figuren tatsächlich als echte Orientierung dienen können oder ob sie lediglich eine flüchtige Faszination erzeugen.

Die Bedeutung für die Persönlichkeitsentwicklung

Leitfiguren sind insbesondere für die Entwicklung persönlicher Werte und für wertebasierte Entscheidungen von großer Bedeutung, wie Fachleute der Psychologie immer wieder betonen. Nur durch konkrete menschliche Beispiele seien Werte und moralische Haltungen erlernbar, und Entscheidungen würden stärker an den Werten einer Leitfigur orientiert getroffen als aufgrund abstrakter Regeln. Es braucht jedoch eine gewisse geistige Reife, um mit solchen Orientierungsfiguren gut und gesund umzugehen. Dazu gehören die eigenständige Auswahl sinnvoller Leitfiguren und die persönliche, auch kritische Bewertung ihres Verhaltens und ihrer Lebensführung. Erst durch die bewusste Entscheidung, welche Eigenschaften man übernehmen kann und will, kann eine Leitfigur positiv prägen und eine Entwicklung hin zu persönlicher Reife unterstützen.

Die überraschende Rolle der Leitfiguren im Ordensleben

Was hat das nun mit den alten Ordensleuten zu tun, deren Lebensgeschichten ich kennenlernen durfte? Ich hatte schon länger nicht mehr darüber nachgedacht, wie wichtig Jean für mich als junge Frau gewesen war und welchen Einfluss sie auf mein Leben gehabt hatte, bis ich mit den Ordensleuten ins Gespräch kam. Denn diese erzählten mir überraschend viel von Leitfiguren, die für ihren eigenen Weg wichtig oder sogar ausschlaggebend für ihre Lebensentscheidungen gewesen waren. Für sie waren in Kindheit und Jugend solche Orientierungsfiguren insbesondere Lehrkräfte an Ordensschulen oder Mitarbeitende in der kirchlichen Jugendarbeit, aber auch Verwandte, die selbst dem Orden angehörten. Es waren Menschen, die sie persönlich kannten und die sie bewunderten, und oft blieb es nicht bei der bloßen Bewunderung, sondern sie beschlossen, in die Fußstapfen dieser Menschen zu treten.

Die Frage nach der Tragfähigkeit einer radikalen Orientierung

Doch wie ist es, wenn man sich in seinem Leben bewusst an Leitfiguren orientiert und diese Orientierung so weit geht, dass sie eine ganze Lebensentscheidung bestimmt? Wie geht es weiter, wenn eine Leitfigur einen sogar dazu bringt, ihr so weitgehend nachzueifern, dass man in einen Orden eintritt, weil die bewunderte Person ebenfalls diesem Orden angehörte? Wie sieht eine so weitreichende Orientierung aus und kann eine auf dieser Grundlage getroffene Entscheidung ein ganzes Leben lang halten? Diese Fragen beschäftigen nicht nur Außenstehende, sondern auch die Ordensleute selbst, die im Rückblick auf ihr langes Leben prüfen, was sie getragen hat und was sie vielleicht auch belastet hat. Die Antworten, die ich erhielt, waren vielfältig und zeugten von einer tiefen inneren Auseinandersetzung mit dem eigenen Weg.

Die Beerdigung als Wendepunkt

Schwester Margarete Liebermann, die lange Zeit bei den Schwestern vom Heiligen Herzen im Internat verbracht hatte, erzählte mir von einer Ordensfrau, die sie damals besonders bewunderte. Diese Schwester sei über Land gefahren, um für die Internatsschülerinnen Nahrungsmittel zu besorgen, und habe sich für die Mädchen wirklich aufgeopfert. Noch während der Schulzeit von Margarete Liebermann sei diese Schwester verstorben, und auf ihrer Beerdigung sei den Schülerinnen das Leben dieser Frau eindringlich vor Augen geführt worden. In diesem Moment habe sie gedacht, dass dies ein sinnvolles Leben gewesen sei, und diese Erkenntnis habe sich tief in ihr Herz eingeprägt. Diese Begegnung mit dem Tod und dem gelebten Opfer einer anderen Frau wurde für sie zu einem entscheidenden Impuls für ihren eigenen Lebensweg.

Der alte Pater und seine Leitbilder

Pater Heinrich Bodenhaus ist bereits hochbetagt und sitzt leicht schief in seinem Stuhl, als ich mich zu ihm setze, und zunächst schaut er kaum auf. Doch als er beginnt, von seinen Kindheitserinnerungen zu erzählen, leuchten seine Augen auf, und er schildert, wie er damals viele Leitfiguren in der katholischen Kirche fand. Er erlebte die Kirche als einen positiven Ort, der auch dadurch so stark auf ihn wirkte, weil er dort eine große Einheit und Geschlossenheit wahrnahm, die ihn beeindruckte und ihm Halt gab. Später, in seiner Studienzeit, lernte er dann Jesuiten kennen, die er bewunderte und deren Lebensweise ihn tief beeindruckte. Als er bereits als Kaplan tätig war, beschloss er, es nicht bei der bloßen Bewunderung zu belassen, sondern fragte sich, warum er dieses Ideal nicht selbst leben könne.

Vom Bewundern zum Nachahmen

So wurde Heinrich Bodenhaus Jesuit, und in den folgenden langen Jahren im Orden musste er erleben, wie viele seiner Mitbrüder die Gemeinschaft verließen. Darunter litt er ebenso wie unter den tiefgreifenden Veränderungen der Kirche, und er fragte sich immer wieder, warum er selbst noch immer dabei war und was ihn eigentlich hielt. Als er mir davon erzählte, was ihn dennoch im Orden bewahrte, nannte er tatsächlich wieder die Leitfiguren, die ihn ursprünglich zum Ordensleben motiviert hatten. Diese seien immer noch Leitbilder für ihn, und von ihnen zehre er bis heute, sagte er mit einer Überzeugung, die keine Zweifel zuließ. Es ist bemerkenswert, wie die gleichen Menschen, die ihn einst zum Eintritt bewogen hatten, ihn auch in den schwierigen Zeiten des Zweifelns und der Krise im Orden hielten.

Die heilige Theresia als Quelle der Hoffnung

Nicht nur Pater Bodenhaus erfährt die tragende Kraft von Leitfiguren, denn viele Ordensleute finden in ihnen Halt, wenn der Weg schwer wird und die Zweifel überhandnehmen. Schwester Staffler spricht in diesem Zusammenhang über eine Heilige, deren Beispiel ihr bis heute Hoffnung schenkt und sie in dunklen Zeiten aufrichtet. Diese Heilige habe eine sehr schwere Zeit durchgemacht, in der sie gemeint habe, sie sei verloren, und doch habe sie den Glauben nicht verloren. Das wecke in Schwester Staffler das Vertrauen, dass Gott trotz aller Schwierigkeiten ihr Halt sein werde, und sie habe in ihrem eigenen Leben erfahren, dass Gott treu sei und sie nicht fallen lasse. Solche Erzählungen zeigen, wie eine Leitfigur, die selbst durch tiefes Leid gegangen ist, zur Quelle der Zuversicht für andere werden kann.

Orientierung bis ins hohe Alter

Die hochbetagten Ordensleute zeigen mir, dass über das ganze Leben hinweg bis ins hohe Alter die Orientierung an Leitfiguren bei der Bewältigung von Herausforderungen wichtig und hilfreich sein kann. Ich denke, dass es ihnen ähnlich geht wie mir mit Jean, denn sie finden Kraft darin, dass ihnen andere vorangegangen sind und ihnen durch ihr Leben ganz konkret gezeigt haben, wie ein sinnerfülltes Dasein gelingen kann. Das Beispiel ihrer Leitfiguren sagt ihnen, dass es möglich ist, und zeigt ihnen, wie es aussehen kann, und eröffnet auf diese Weise neue Möglichkeitsräume für das eigene Denken und Handeln. Diese Erfahrung ist nicht an ein bestimmtes Alter gebunden, sondern kann in jeder Lebensphase neue Kraft und Zuversicht schenken. Es ist ein stiller Trost, zu wissen, dass andere den Weg bereits gegangen sind und dass man nicht allein ist mit seinen Fragen und Zweifeln.

Leitfiguren jenseits der Klostermauern

Man muss nicht in einem Orden leben und nicht einer bestimmten Konfession angehören, um Leitfiguren zu finden und sie als hilfreich zu erleben. Es kann jedem Menschen Halt geben, ihn inspirieren und ihm neue Möglichkeiten eröffnen, wenn er sich an Persönlichkeiten orientieren kann, die einen nachahmenswerten Weg gegangen sind. Solche Menschen haben Schwierigkeiten gemeistert und in ihrem Leben trotz Rückschlägen und Hindernissen Gutes bewirkt, und allein ihr Beispiel kann ermutigen. Man kann sich zu jedem Zeitpunkt im Leben, nicht nur als junger Mensch, bewusst Leitfiguren suchen und Beziehungen zu Menschen pflegen, die einem etwas Erstrebenswertes voraushaben. Oder man kann über solche Menschen lesen, ihre Lebensgeschichten studieren und daraus Kraft für den eigenen Weg schöpfen.

Die ermutigende Wirkung des Beispiels

Eine Leitfigur ermutigt uns, indem sie zeigt, dass man Dinge tun und erreichen kann, die man sich eigentlich nicht zutrauen würde, und dass die eigenen Grenzen vielleicht weiter sind, als man denkt. Das Leben des anderen Menschen hilft dabei, das eigene zu reflektieren und neu zu bewerten, und kann in schweren Zeiten Hoffnung geben. Wenn wir sehen, dass jemand noch Schwereres überstanden hat und dass auch nach einem Schicksalsschlag das Leben gut weitergehen kann, dann schöpfen wir daraus die Kraft, nicht aufzugeben. Die Leitfigur lebt uns vor, dass es weitergehen kann, und allein dieses Wissen kann den Unterschied zwischen Verzweiflung und Zuversicht ausmachen. So wird das Beispiel eines anderen Menschen zu einer stillen Quelle der Stärke, aus der wir in unseren eigenen Krisen schöpfen können.

Die großen Gestalten der Geschichte als Trost

Schwester Margarete Liebermann, die mir von der Beerdigung jener Schwester erzählte, hat wohl das sinnvolle Leben gefunden, das ihr diese Ordensfrau vorgelebt hatte. Sie führt sich aber nicht nur diese Frau vor Augen, die sie selbst kannte, sondern auch große Gestalten der Kirchengeschichte und berühmte geistliche Persönlichkeiten. Wenn sie Probleme bekomme, schaue sie auf diese großen Figuren in der Geschichte und sage sich dann, dass sie als kleine Margarete nicht meine, alles besser zu wissen. Wir könnten nicht alles wissen und nicht alles verstehen, aber diese Menschen seien doch großartig gewesen, und ihr Beispiel gebe Halt und Orientierung. Sie liest bewusst über das Leben solcher Menschen oder schaut sich Darstellungen ihres Wirkens an, um sich dadurch ermutigen zu lassen.

Die Medien als Zugang zu fremden Lebensgeschichten

Schwester Margarete Liebermann empfindet es als ein großes Geschenk, dass wir heute Zugang zu Lebensgeschichten haben, durch die man lesend oder hörend das Leben anderer Menschen von innen nachempfinden kann. Man könne sich dadurch ermutigen lassen, und die Medien eröffneten einen Zugang zu Erfahrungen, die sonst unerreichbar blieben. Mit dieser Haltung steht sie nicht allein, denn andere Ordensleute, mit denen ich sprach, stützen sich auf den Heiland als großes Vorbild oder identifizieren sich mit Heiligen, die Kämpfe überstanden und Treue gehalten hatten. Auch jene, die ihr Leben für ihre Überzeugung hingegeben hatten, dienen als kraftvolle Beispiele dafür, dass ein Mensch über sich hinauswachsen kann. Die Vielfalt der möglichen Leitfiguren ist dabei so groß wie die Vielfalt der menschlichen Lebenswege selbst.

Schwester Tietz und das Bild der Magd

Ein weiteres eindrucksvolles Beispiel für die Kraft einer Leitfigur finde ich in Schwester Tietz, die ihr Leben lang in verschiedenen Einrichtungen des Ordens als Krankenschwester gearbeitet und Aufgaben in Küche und Garten übernommen hat. Sie ist eine kleine, zarte Frau, die sich auf einen Rollator stützt, und sie meldete sich zunächst etwas zögerlich, als ich in die Runde fragte, wer mir aus seinem Leben erzählen würde. Sie ist eine warmherzige, fröhliche und gleichzeitig sehr bescheidene Frau, die ungern im Mittelpunkt steht, und ich bin froh, dass sie dennoch bereit war, mir von sich zu erzählen. Als ich ihr Zimmer betrete, sitzt sie an ihrem Tisch und brütet über einem Puzzle, das ihre ganze Aufmerksamkeit zu fordern scheint. Wir plaudern ein wenig, und sie erklärt mir die vielen Heiligenbilder, die in kleinen Rahmen über ihrem Bett hängen.

Die Gottesmutter als Identifikationsfigur

Eine besondere Beziehung hat Schwester Tietz zum heiligen Josef, dem sie oft ihre Anliegen vorträgt, doch am wichtigsten ist ihr Maria, die Mutter Jesu. Sie hat sich die Gottesmutter zum Vorbild genommen und betrachtet sie als Bild einer Magd, die in Demut dient und dabei von Gott gesehen wird. Der Dienst von Schwester Tietz am Krankenbett und im Garten mag der äußeren Welt als unbedeutend erscheinen, doch sie kann sich darin mit der heiligen Maria vergleichen und sich ebenso wie diese als Dienerin Gottes verstehen. Diese Identifikation verleiht ihrem scheinbar kleinen und unscheinbaren Leben eine tiefe Würde und einen Sinn, der über das Sichtbare hinausreicht. In einer Welt, die auf das Schwache und Kleine herabsieht, findet sie in dieser Leitfigur die Bestätigung, dass ihr Dienst wertvoll und von Gott gewollt ist.

Der Lobgesang der Maria als Spiegel des eigenen Lebens

Ich muss an den Lobgesang der Maria denken, in dem sie von sich als einer Magd spricht, die in ihrer Niedrigkeit von Gott angesehen wurde. In diesem uralten Text heißt es, dass Gott die Mächtigen vom Thron stürzt und die Niedrigen erhöht, und dass er Großes an denen tut, die ihm vertrauen. Es berührt mich tief, wie sehr dieser Text zu Schwester Tietz passt und wie er ihr Leben in ein größeres Licht stellt. In Maria hat sie eine Leitfigur gefunden, die sie nicht nur Demut lehrt und ihr hilft, ihren bescheidenen Dienst zu tun, sondern die ihr gleichzeitig Würde verleiht. Die Gottesmutter ist in dieser Sichtweise sowohl die demütige Magd als auch die Himmelskönigin, die die Gotteskinder unter ihrem Mantel birgt und schützt.

Die Integration eines inneren Bildes

Aus der Sicht der Tiefenpsychologie ist das, was Schwester Tietz hier tut, wenn sie sich mit Maria identifiziert, die Integration eines Bildes in das eigene Selbst. Diese Möglichkeit steht jedem Menschen in Bezug auf seine Leitfiguren offen, denn wir können die Eigenschaften und Facetten einer bewunderten Person in unser eigenes Selbstbild aufnehmen. In ihrem Fall kann Schwester Tietz durch diese Integration den Reichtum und die verschiedenen Seiten des Marienbildes für sich nutzen und daraus Kraft ziehen. Sie muss als Ordensschwester dienen und für andere verfügbar sein, aber ebenso wie Maria wird auch sie in ihrem demütigen Dienst von Gott gesehen und kann in ihrem Wirkungskreis Leben geben. Die Gottesmutter ist in dieser Betrachtung nicht nur ein fernes Ideal, sondern eine innere Begleiterin, die in den eigenen Alltag hineinwirkt.

Die alte Tradition der Einbildung

In der christlichen Mystik des Mittelalters gibt es sogar ein eigenes Wort dafür, wenn man ein Bild einer heiligen Person in sich aufnimmt und es zum Teil der eigenen Innenwelt macht. Die Aufnahme von Heiligenbildern in die eigene Innenwelt durch Identifikation und Betrachtung hat eine lange und reiche Tradition in der katholischen Spiritualität. So können Lebensgeschichten und andere Lebensbilder zu kraftspendenden Quellen werden, die den Menschen in seinem Alltag begleiten und stärken. Für Schwester Tietz ist das eine erfahrbare Realität, und sie formuliert im Gespräch ausdrücklich, dass sie Maria als Bild hat. Wie ein Bild stellt sie sich Maria vor Augen, und als Vor-Bild ist sie ihr Identifikationsfigur, die ihr zeigt, wer sie sein kann und darf.

Die Dankbarkeit für ein gelungenes Ordensleben

Später im Gespräch sagt Schwester Tietz noch einmal, dass sie sehr dankbar sei und sehr gern im Kloster lebe. Sie habe sich die Mutter Gottes zum Vorbild genommen dafür, eine Magd zu sein, und sie sei wirklich glücklich in ihrem Ordensleben gewesen. Was für ein starkes und berührendes Beispiel dafür, wie hilfreich und tragend Leitfiguren sein können, wenn man sich ihnen mit offenem Herzen zuwendet. Im Zusammensein mit Schwester Tietz konnte ich auch tatsächlich beobachten, wie in ihrem Leben die Orientierung an der Leitfigur Maria wirksam ist und ihren Alltag durchdringt. Hierbei spielt das Puzzle, das mir gleich beim Betreten ihres Zimmers aufgefallen war, eine besondere und überraschende Rolle.

Das Puzzle als Gebet für die Welt

Die heilige Maria ist im katholischen Verständnis nicht nur die demütige Dienerin, sondern auch die große Mutter, die für alle Menschen im Gebet eintritt. Schwester Tietz erzählt mir, dass sie beim Puzzeln immer betet, dass der liebe Gott diese Welt, die so durcheinander ist, wieder ganz macht, so wie sie hier am Tisch die Teile wieder zu einem Ganzen zusammensetzt. Danach zeigt sie auf einen kleinen Kaktus, der in einem Topf auf ihrem Fensterbrett vor sich hin mickert, und sagt, dass sie mal sehen werde, ob sie ihn wieder gesund pflegen könne. So gehört beides in ihrem Leben zusammen, die Fürbitte für die gesamte Welt und die Fürsorge für die kleine, kümmerliche Pflanze. Schwester Tietz ist wie die Himmelskönigin eine Mutter, die im Gebet für die ganze Welt eintritt und zugleich als demütige Dienerin im Kleinen wirkt.

Das Zusammenfügen der Worte im Herzen

Später bin ich noch auf einen anderen interessanten Zusammenhang zwischen Maria und dem Puzzle von Schwester Tietz gestoßen, der mich tief beeindruckt hat. In einer alten Überlieferung heißt es, dass Maria alle Worte und Ereignisse bewahrte und sie in ihrem Herzen erwog und zusammenfügte. Das griechische Wort, das hier für das Erwägen verwendet wird, bedeutet wörtlich das Zusammenfügen von Teilen, ähnlich wie bei einem Puzzle. Wie in einem Puzzle fügt Maria die Dinge, die sie erlebt, und die Worte, die andere erzählen, in ihrem Herzen zusammen, um zu verstehen, was geschieht und was der Plan Gottes für sie und die Welt ist. Diese innere Arbeit des Zusammenfügens und Deutens ist eine Haltung, die auch Schwester Tietz in ihrem stillen Gebet am Puzzletisch einnimmt.

Die bewusste Suche nach Leitfiguren

Ich möchte von Schwester Tietz und den anderen Ordensleuten lernen, mir bewusst Leitfiguren zu suchen, die mich herausfordern und mir zeigen, wie ich auch leben könnte. Vielleicht finde ich sogar Identifikationsfiguren, die ich in mein Selbstbild integrieren kann und die mich in meinem Innersten stärken. Die bewusste Arbeit mit Leitfiguren ist eine Quelle der Kraft, die ich durch die Ordensleute neu entdeckt habe und die ich nicht mehr missen möchte. Es ist eine stille und doch kraftvolle Übung, sich immer wieder zu fragen, wer einen inspiriert und warum, und was man von diesem Menschen in das eigene Leben übernehmen kann. Diese Praxis kann das eigene Leben bereichern und ihm eine Richtung geben, die über den bloßen Alltag hinausweist.

Die Gründerfiguren als gemeinsames Leitbild

Eine Besonderheit bei Ordensleuten ist, dass sich ihnen die Gründer des jeweiligen Ordens als gemeinsames Vorbild anbieten und eine verbindende Wirkung entfalten. Deren Vision haben sie mit dem Ordenseintritt aufgegriffen, und dadurch erleben sie auch untereinander eine tiefe Verbindung und Zugehörigkeit. Die Gründerfiguren haben eine einende Wirkung für die Gemeinschaften, weil sich die Einzelnen am gleichen Leitbild orientieren und daraus eine gemeinsame Identität schöpfen. Die Ordensmitglieder verstehen sich als Nachfolger Christi, aber auch als eine spezielle Gruppe von Menschen, die gemeinsam auf den Spuren ihrer Gründerpersönlichkeiten unterwegs sind. So orientieren sich die Jesuiten gemeinsam an dem Leitmotiv, die größere Ehre Gottes zu suchen, und dieses gemeinsame Ziel verbindet sie über Generationen hinweg.

Schwester Maithaler und die Vision der Gründerin

Schwester Maithaler beispielsweise, die an verantwortlicher Stelle an der Reform ihres Ordens vor mehreren Jahrzehnten mitgewirkt hatte, berichtet von einer besonderen Erfahrung. Sie erzählt, wie ihr die Orientierung an ihrer Gründerin in einer belastenden Auseinandersetzung mit kirchlichen Entscheidungsstellen half und ihr Kraft gab. Sie fand Ermutigung dafür, in den ihr wichtigen Punkten fest zu bleiben, und blickte dabei auf das Beispiel der Gründerin ihres Ordens, Sophie Barat. Diese sei loyal zur Kirche gewesen, aber ihrer Vision sei sie immer gefolgt, und das sei für die Verhandlungen sehr wichtig gewesen. Die Frage, wo man auf eine Forderung der Kirche eingehen könne und wo man für die eigene Vision kämpfen müsse, wurde durch das Beispiel der Gründerin beantwortet.

Der Wunsch nach Erneuerung des Ordens

Schon als junge Frau war es der Wunsch von Schwester Maithaler gewesen, den Orden wieder ganz auf die Vision der Gründerin auszurichten, und dies konnte sie in den Verhandlungen tatsächlich in großen Teilen verwirklichen. Sie erzählt aus ihrer ersten Zeit im Orden, dass das Noviziat sehr streng gewesen sei und dass es um veraltete Vorstellungen gegangen sei, die sie als junge Kandidatin nicht hinterfragen konnte. Doch sie habe sich damals geschworen, dass sie, sollte sie je etwas zu sagen haben, den Orden im Sinne der Gründerin erneuern wolle. Immer wieder habe sie gedacht, dass die Gründerin das sicher nicht so gewollt habe, denn Sophie Barat sei eine sehr offene Frau gewesen. Als dann das große Konzil kam und die Orden aufrief, zu ihrem ursprünglichen Charisma zurückzukehren, war das für Schwester Maithaler eine Befreiung und eine Bestätigung ihres lang gehegten Wunsches.

Die Gründerin als Trost in persönlichen Krisen

Sophie Barat war für Schwester Maithaler aber nicht nur Orientierung in der Arbeit für den Orden, sondern auch in persönlichen Krisen hilft ihr bis heute die Identifikation mit dieser weiblichen Leitfigur. Im Zusammenhang mit einer schwierigen Zeit, in der sie eine Führungsposition innehatte, erzählt sie, dass sie manchmal etwas einsamer gewesen sei. Sie habe sehr viel an die Gründerin gedacht, die eine ganz schwere und lange Krise innerhalb des Ordens durchgemacht habe. Der Gründerin seien immer drei Worte wichtig gewesen, die sinngemäß bedeuten, zu lieben, zu leiden und zu schweigen, also durchzustehen und zu vertrauen, dass es wieder besser werde. Daran zu denken habe ihr geholfen, und es sei dann auch tatsächlich wieder besser geworden, sagt sie mit ruhiger Gewissheit.

Die verbindende Kraft gemeinsamer Leitfiguren

Auf diese Weise kann eine Leitfigur sowohl Orientierung für Entscheidungen und für den Umgang mit Hindernissen bieten als auch Halt geben in persönlichen Krisen und Zeiten der Einsamkeit. Es kann die eigene Einsamkeit lindern, weil man weiß, dass ein anderer Mensch Ähnliches erlitten und auch überstanden hat und dass man nicht allein ist mit seinem Leid. Für die Jesuiten spielen Persönlichkeiten aus der Geschichte des Ordens, insbesondere der Gründer Ignatius, eine große Rolle, wie Pater Kroger bestätigt. Er sagt, dass der Gründer das Fundament der Gemeinschaft sei, und in diesem Wort klingt an, dass es hier nicht nur um eine individuelle Beziehung geht. Die Gründerfiguren haben eine verbindende Wirkung für die Gemeinschaften, weil sich die Einzelnen am gleichen Leitbild orientieren und daraus eine geteilte Identität erwächst.

Die kulturelle Prägung durch die Gründer

Die Kultur und die Spiritualität der Orden wird über Jahrhunderte hinweg von dem geprägt, was die Gründer ihnen mitgegeben haben und was sie als Erbe hinterließen. Die kollektive Identifikation mit ihnen hilft der Gruppe, die gleichen Ziele zu verfolgen und sich auf gemeinsame Werte zu einigen, die das Zusammenleben tragen. Diese gemeinsame Ausrichtung schafft eine innere Kohäsion, die auch dann hält, wenn äußere Umstände sich ändern und die Gesellschaft sich wandelt. Die Orden sind darin ein Beispiel für jede Gemeinschaft, die sich fragt, was sie zusammenhält und worauf sie sich in schwierigen Zeiten besinnen kann. Die gemeinsame Leitfigur wird so zum Anker, der die Gemeinschaft im Strom der Zeit stabilisiert und ihr eine Richtung weist.

Gemeinsame Leitfiguren in der säkularen Welt

Die Frage drängt sich auf, ob es heute in der säkularen Welt gemeinsame Leitfiguren gibt, die uns als Gesellschaft verbinden und uns eine gemeinsame Richtung geben. Vielleicht würde eine stärkere kollektive Identifikation mit einer wichtigen Figur aus der Geschichte der Region oder des Landes unsere Gesellschaft stärker einen und ihr Halt geben. Die Idee des friedlichen geeinten Europa stellt sich die Frage, welche Kraft sie noch hat und ob sie mit konkreten Persönlichkeiten verknüpft werden kann. Was ist mit gemeinsamen Leitfiguren in der Familie, und kennen wir die Geschichten unserer Vorfahren und lassen wir uns von ihnen im positiven Sinne prägen? Der Großvater, der sich im Krieg mutig gegen eine Anweisung gestellt hat, oder die Urgroßmutter, die sich für die Rechte der Frauen eingesetzt hat, können solche verbindenden Figuren sein.

Die Geschichte des eigenen Ortes als Quelle der Orientierung

Die Geschichte unseres Dorfes, des Landstriches oder unseres Stadtteils ist bevölkert von möglichen Leitfiguren, die unser Zusammenleben positiv prägen und Einigkeit fördern können. Das bedeutet keine Ausgrenzung der neu Hinzugekommenen, denn die Beschäftigung mit der regionalen Geschichte führt auch zur Erkenntnis, dass kaum jemand schon immer hier war. Jeder Ort ist erst durch Zuwanderung und den damit verbundenen Wandel das geworden, was er heute ist, und diese Erkenntnis kann eine gemeinsame Öffnung für Neues ermöglichen. Gleichzeitig kann sie eine positive Identifikation mit dem Ort und seinen Geschichten fördern, die das Zusammenleben bereichert und stärkt. So wird die lokale Geschichte zu einer Quelle gemeinsamer Leitfiguren, die verbinden statt trennen und die Vielfalt als Reichtum begreifen.

Die persönliche Frage nach den eigenen Leitfiguren

Für Einzelne wie für Gruppen können positive Leitfiguren also eine Hilfe sein, doch die entscheidende Frage bleibt, wie man eine gute Leitfigur findet und woran man sie erkennt. Ich frage mich selbst, ob ich außer Jean noch weitere Menschen kenne, die Werte gelebt haben, die auch mein Leben verwirklichen soll oder die mir zeigen können, wie man eine Spur des Segens hinterlässt. Wie würde sich mein Leben verändern, wenn ich mich innerlich mehr mit ihnen auseinandersetzen würde und ihre Erfahrungen auf mein eigenes Dasein bezöge? Welche Auswirkungen würde das auf mich, auf die Menschen in meinem Leben und auf die Welt haben, wenn ich bewusster nach Orientierung suchte? Diese Fragen laden dazu ein, nicht nur passiv zu warten, sondern aktiv nach Menschen zu suchen, die uns inspirieren und herausfordern können.

Der Rückblick auf verlorene Leitfiguren

Ich denke auch an meine Leitfiguren von früher, an die, die ich aus den Augen verloren habe, und frage mich, ob ich die Werte noch lebe, die mich einmal bewogen haben, mein jetziges Leben zu wählen. Was würden meine damaligen Leitfiguren zu meiner aktuellen Situation sagen, und würden sie mich ermutigen oder vielleicht auch kritisch hinterfragen? Dieser Rückblick ist keine sentimentale Übung, sondern eine ehrliche Selbstprüfung, die helfen kann, den eigenen Kompass neu auszurichten. Manchmal entdecken wir dabei, dass wir uns von dem entfernt haben, was uns einst wichtig war, und dass es Zeit ist, eine neue Orientierung zu suchen. Die Leitfiguren unserer Jugend können uns auch im Alter noch etwas sagen, wenn wir bereit sind, ihnen zuzuhören und ihr Beispiel auf unsere heutige Situation zu beziehen.

Die Rolle der erfahrenen Begleitung

Nicht nur ferne Menschen oder bereits verstorbene Persönlichkeiten eignen sich als Leitfiguren, denn gerade für junge Menschen kann es hilfreich sein, sich in ihrem Umfeld eine erfahrene Begleitung zu suchen. Das könnte jemand sein, der schon länger im gleichen Berufsfeld arbeitet und aufgrund seiner Erfahrung guten Rat geben kann, oder der aus anderen Gründen die eigene Lebenssituation versteht. Junge Eltern können sich mit Menschen beraten, die schon lange Mutter oder Vater sind und denen die Erfüllung dieser Aufgabe so gelingt, wie es den eigenen Werten entspricht. Paare können mit einem erfahreneren Paar über Beziehungsfragen sprechen und von deren Weisheit profitieren. Solche Begleiter müssen nicht perfekt sein, sondern sollten Menschen sein, die Erfahrungen gesammelt und diese reflektiert haben und die ähnliche Vorstellungen und Werte teilen.

Die Leitfigur als ehrliche Begleiterin

Es sind Leitfiguren, die Fehler gemacht haben und immer noch machen, aber die daraus lernen und offen damit umgehen, und gerade das macht sie glaubwürdig und nahbar. Sie sind Menschen, die den Weg, den man eingeschlagen hat, bereits gegangen sind und einem vor Augen führen können, dass es möglich ist, auf diesem Weg Gutes zu erleben und zu erreichen. Jean war für mich sowohl Leitfigur als auch erfahrene Begleiterin, denn sie gab mir ehrliche kritische Rückmeldungen, die ich annehmen konnte, ohne mich angegriffen zu fühlen. Sie durfte mich hinterfragen und korrigieren, und das hat mir sicher gutgetan und mich in meiner Entwicklung gefördert. Noch wichtiger aber war für mich, dass sie mich an ihrem Leben Anteil haben ließ und mir erzählte, wie sie ihre persönlichen Herausforderungen bewältigte.

Die andauernde Verbindung über die Entfernung hinweg

Das tut sie heute immer noch, obwohl sie inzwischen wieder in den Vereinigten Staaten lebt und uns ein Ozean trennt. Wir sprechen ab und an per Bildtelefonie, und ich darf miterleben, wie sie mit ihrem Prozess des Älterwerdens umgeht und welche Haltung sie dazu einnimmt. Auch darin ist sie mir eine Leitfigur, denn sie zeigt mir, dass man dem Altern mit Würde und Humor begegnen kann und dass das Leben in jeder Phase seine eigenen Aufgaben und Geschenke bereithält. Diese andauernde Verbindung über die Entfernung hinweg ist ein Beweis dafür, dass echte Leitfiguren nicht an die physische Nähe gebunden sind. Sie wirken weiter in uns, auch wenn sie weit weg sind, und ihre Stimme bleibt in unserem Inneren lebendig als Quelle der Ermutigung und der Orientierung.