Der Verlust der Dorfgemeinschaft: Wie Nachbarschaft zur Schicksalsgemeinschaft wurde und warum sie zerbrach

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Die Nachbarschaft, einst das engste und verlässlichste soziale Gefüge jenseits der eigenen Familie, hat im Laufe der Jahrhunderte eine tiefgreifende Wandlung erfahren. Was in der Antike als selbstverständliche Gemeinschaft des Gebens und Nehmens begann, als ein Netz aus gegenseitiger Hilfe, gemeinsamen Mahlzeiten und geteilter Arbeit, ist in der Gegenwart zu einer bloßen räumlichen Nähe geworden, die kaum noch soziale Verpflichtung kennt. Die Klage über den Verlust dieser alten Geborgenheit ist dabei keineswegs eine Erfindung der Moderne, sondern zieht sich wie ein roter Faden durch die gesamte Kulturgeschichte des Abendlandes. Die folgenden Ausführungen zeichnen den Weg von der archaischen Dorfgemeinschaft über die mittelalterliche Allmende bis hin zur städtischen Mietskaserne nach und zeigen, wie wirtschaftliche Umwälzungen, technischer Fortschritt und politische Reformen die nachbarschaftlichen Bande Stück für Stück zerrissen haben. Dabei wird deutlich, dass jeder Epoche ihre eigene Verklärung der vergangenen Zeit eigen ist und dass die Sehnsucht nach der guten alten Nachbarschaft so alt ist wie ihr Verfall selbst.

Das Ideal der Dorfgemeinschaft im Altertum

Bereits vor beinahe 3000 Jahren empfahl der griechische Dichter Hesiod, der zugleich als Ackerbauer sein Brot verdiente, seinen Mitmenschen eine klare Regel für den Umgang mit Nachbarn und Feinden. Wer einen Menschen liebe, so riet er, den solle man zum gemeinsamen Mahl einladen, wer einem jedoch feindlich gesinnt sei, der solle fernbleiben. Vor allem aber solle man zuerst denjenigen rufen, der in unmittelbarer Nähe wohne, denn dieser sei der nächste und wichtigste Gefährte im Alltag. In seinen Schriften zeichnet der Dichter das Bild einer Dorfgemeinschaft, die von gegenseitigem Respekt, geteilter Arbeit und einer tiefen Verbundenheit geprägt ist, einer Gemeinschaft, in der jeder jeden kennt und in der niemand allein gelassen wird. Es ist ein Idyll der Nähe und der Fürsorge, in dem das gemeinsame Mahl den Kitt darstellt, der die Menschen zusammenhält und die Bande zwischen den Häusern stärkt.

Längst schon hat diese heile Welt jedoch Kratzer bekommen, und die Verklärung des dörflichen Zusammenlebens ist nicht erst ein Phänomen unserer Tage. Die traditionelle Dorfgemeinschaft war eine Schicksalsgemeinschaft, in der Freude und Leid, Ernte und Missernte, Geburt und Tod gemeinsam getragen wurden, und sie existiert in dieser Form schon seit vielen Jahrhunderten nicht mehr. Die Klagen über diesen Verlust und die romantische Verklärung der guten alten Zeit begannen nicht erst mit der Moderne, wie man vielleicht annehmen könnte. Schon in der Antike wurden Auflösungstendenzen diagnostiziert und das Schwinden der alten Sitten beklagt. Jede Generation glaubte, dass die Generation vor ihr in einer besseren, einer wahrhaftigeren Gemeinschaft gelebt habe, und jede Generation sah sich selbst als diejenige, die den endgültigen Verlust bezeugen musste.

Der Zerfall der Nachbarschaft im antiken Griechenland

Der Althistoriker Winfried Schmitz hat in einer umfassenden Untersuchung der Nachbarschaft und Dorfgemeinschaft im archaischen und klassischen Griechenland den Nachweis zu führen versucht, dass ab dem fünften vorchristlichen Jahrhundert die überlieferten Formen der Nachbarschaft zunehmend verloren gingen. Die aufgeklärte Mentalität der wachsenden Städte habe allmählich auf die Dörfer übergegriffen und deren althergebrachte Lebensweise ausgehöhlt. Verwaltungsreformen ersetzten die überkommenen Rituale, die einst den Zusammenhalt der Dorfbewohner gestiftet hatten, und an die Stelle der persönlichen Bindung trat die bürokratische Zuständigkeit. Indem die vormals auf gemeinsamen Normen beruhende Zwischenmenschlichkeit institutionalisiert und in feste Bahnen gelenkt wurde, ging die soziale Ausschließlichkeit der Nachbarschaft verloren, die ursprünglich auf dem Bauerntum und der gemeinsamen Bewirtschaftung des Bodens beruht hatte. Als Beleg für diese Entwicklung führt der Forscher die zeitgenössische Literatur jener Jahre an, in der das untergegangene, vermeintlich so idyllische Dorfleben bereits künstlerisch verklärt und als verlorene Goldenes Zeitalter besungen wurde.

Die Literatur jener fernen Tage bezeugt somit, dass die Sehnsucht nach der verlorenen Gemeinschaft kein modernes Gefühl ist, sondern eine uralte menschliche Regung, die sich in jeder Epoche erneuert. Schon die Griechen der klassischen Zeit blickten mit Wehmut auf eine Vergangenheit zurück, in der die Nachbarn noch füreinander da waren und in der das gemeinsame Mahl mehr bedeutete als bloße Nahrungsaufnahme. Die Dichter jener Zeit besangen die einfachen Freuden des Landlebens und die Wärme der dörflichen Gemeinschaft, während sie zugleich die Kälte und die Vereinzelung der städtischen Gegenwart beklagten. Dieses Muster der Verklärung und der Klage sollte sich in den folgenden Jahrhunderten und Jahrtausenden unzählige Male wiederholen, in immer neuen Sprachen und unter immer neuen historischen Vorzeichen. Die Form der Klage wandelte sich, ihr Inhalt jedoch blieb im Kern stets derselbe.

Die Klage des Jörg Wickram über den Verlust der Nachbarschaft

Ein ganz ähnliches Wehklagen finden wir bei dem Schriftsteller Jörg Wickram, der in den ersten Jahrzehnten des sechzehnten Jahrhunderts lebte und wirkte. In seinem neuhochdeutschen Roman über gute und böse Nachbarn weint er jenen vergangenen Tagen hinterher, da die Nachbarschaften noch fein freundschaftlich zusammengehalten hätten und ein jeder dem anderen beigestanden sei. Zu allen Feiertagen habe man damals tugendlich miteinander gegessen, in Zucht und Ehren beieinander gesessen und sich des gemeinsamen Mahls als eines heiligen Brauches erfreut. Die direkten Nachbarn hätten eine solche Freundschaft und Liebe zueinander gepflegt, als wären sie blutsverwandte Freunde gewesen, und in aller Widerwärtigkeit, in Krankheit und in Trübsal seien sie niemals voneinander gewichen. Die Nachbarschaft war in dieser Darstellung nicht bloß eine räumliche Gegebenheit, sondern ein Bund, der in guten wie in schlechten Zeiten hielt und der das Leben jedes Einzelnen trug und stützte.

Inzwischen jedoch, so beklagt Wickram, schiele ein jeder nur noch auf seinen eigenen Vorteil und mache in seiner Gier und seinem Neid sogar vor dem nächsten Nachbarn nicht halt. Die Selbstsucht habe die Gemeinschaft zerfressen, und an die Stelle der gegenseitigen Fürsorge sei das Misstrauen getreten. Es gebe nun sehr viele Schmarotzer auf Erden, die nur noch darauf aus seien, anderen etwas wegzunehmen, ohne selbst etwas zu geben. Diese Klage über den Verfall der Sitten und die Zunahme der Habgier ist in ihrem Tonfall kaum von den Klagen zu unterscheiden, die wir auch heute vernehmen, wenn von der Anonymität der Großstädte und dem Schwinden der nachbarschaftlichen Solidarität die Rede ist. Wickrams Worte bezeugen, dass der Verlust der Dorfgemeinschaft kein plötzliches Ereignis war, sondern ein schleichender Prozess, der sich über Jahrhunderte hinzog und in jeder Generation neue Klagen hervorrief.

Der Aufstieg der Stadt und die Abhängigkeit des Landes

Zu Wickrams Zeiten hatte sich die Stadt als Zentrum der wirtschaftlichen und strukturellen Macht gegenüber den isolierten Adelssitzen endgültig durchgesetzt und eine neue Ordnung etabliert, in der das Land dem städtischen Treiben untergeordnet war. Bauern und ländliche Handwerksbetriebe waren zunehmend abhängig von den Aufträgen, die die vorkapitalistische kaufmännische Elite der großen Handelsstädte ihnen überließ oder vorenthielt. Die dörfliche Selbstversorgung, die einst das Fundament der nachbarschaftlichen Gemeinschaft gebildet hatte, verlor an Bedeutung, je mehr die Märkte der Städte das wirtschaftliche Geschehen bestimmten. Der Bauer war nicht länger ein freier Mann, der sein Auskommen aus dem eigenen Boden zog, sondern ein Abhängiger, dessen Wohl und Wehe von den Launen des städtischen Handels abhing. Diese wirtschaftliche Umwälzung untergrub die Grundlagen der dörflichen Solidarität und verwandelte die Nachbarn von Gefährten in Konkurrenten um knappe Aufträge.

Die sicherlich einschneidendste Wende für das traditionelle Dorfleben brachte schließlich die Industrialisierung des 19. Jahrhunderts, die in wenigen Jahrzehnten eine Welt umwälzte, die sich zuvor über Jahrhunderte kaum verändert hatte. Die Maschinisierung und die Massenproduktion vernichteten Arbeitsplätze auf dem Land in einem Ausmaß, das zuvor unvorstellbar gewesen war. Bauernsöhne und Bauerntöchter wanderten ebenso ab wie die überflüssig gewordenen Knechte und Mägde, um in den wachsenden Städten Arbeit und Glück zu suchen. Was sie an archaischer Dorfkultur, an Liedern, Bräuchen und nachbarschaftlichen Gepflogenheiten mitnahmen, verlor sich rasch in der rauen Wirklichkeit der Metropolen, in denen niemand Zeit hatte für die alten Rituale und in denen das Überleben im Vordergrund stand. Die Stadt verschlang die dörfliche Identität und gab an ihrer Stelle eine neue, härtere und einsamere Existenzform zurück.

Das städtische Elend und die Wohnungsnot

In den städtischen Mietskasernen und Fabriken entstand eine neue Unterschicht, das städtische Proletariat, das unter Bedingungen lebte, die mit der dörflichen Gemeinschaft nichts mehr gemein hatten. Die Kommunen waren auf die Folgen der Industrialisierung nicht vorbereitet und konnten dem Ansturm der Zuwanderer weder angemessenen Wohnraum noch eine tragfähige soziale Infrastruktur bieten. Ein Großteil der neuen Bewohner lebte in Enge und Elend, zusammengepfercht in winzigen Zimmern, in denen sich ganze Familien eine einzige Kochstelle teilten. Gartenstädte in den Randlagen der Metropolen sollten Abhilfe schaffen und den Arbeitern ein menschenwürdiges Dasein ermöglichen, waren aber lediglich ein Tropfen auf den heißen Stein angesichts der gewaltigen Wohnungsnot. Nicht nur im Ruhrgebiet reihten sich die Mietskasernen direkt an die Fabrikschlote, und deren giftiger Ausstoß landete ungefiltert auf den Fensterbrettern der Wohnhäuser.

Um die Lungen der Hausfrauen und der Kinder stand es kaum besser als um die der Bergleute unter Tage, und die Lebenserwartung in den Arbeitervierteln lag deutlich unter der der wohlhabenden Stadtteile. Laut einer Reporterin des Berliner Tageblatts fehlten im Jahr 1928 in Berlin nicht weniger als 165 000 Wohnungen, und die Lage war so verzweifelt, dass die Menschen bereit waren, nahezu jeden Preis für ein Dach über dem Kopf zu zahlen. Die Geldgier und die Schikanen der Immobilienbesitzer erinnern in beklemmender Weise an unsere Tage, in denen die Wohnungsnot in den großen Städten erneut zu einem drängenden Problem geworden ist. Die Berichterstatterin erzählte von horrenden Ablösesummen, die verlangt wurden, bevor man überhaupt eine Wohnung besichtigen durfte, von ominösen Wartelisten und von undurchsichtigen Papieren, die zu allem und nichts berechtigten. Im Wartebereich des Wohnungsamtes wurde ihr berichtet, dass man für eine Altwohnung vier Jahre warten müsse und dann lediglich ein dunkles Loch erhalte, während eine Neubauwohnung zwar wunderschön sei, aber für zwei Stuben mit Küche achtundachtzig Mark im Monat koste.

Die Schlafgänger und die letzte Zuflucht der Obdachlosen

Um die erdrückende Miete überhaupt aufbringen zu können, griffen viele Familien zu einer Verzweiflungsmaßnahme, die heute kaum noch vorstellbar ist: Sie vermieteten das eheliche Bett stundenweise an sogenannte Schlafgänger. Während der Ehemann auf Schicht in der Fabrik war, verschafften sich diese Wohnungslosen für ein paar Pfennige ein wenig Ruhe in fremden Betten, bevor sie wieder auf die Straße mussten und der nächste Schlafgänger seinen Platz einnahm. Das Bett, einst Symbol der Geborgenheit und der häuslichen Gemeinschaft, wurde zu einer Ware, die nach Stunden abgerechnet wurde, und die Wohnung verlor jeden Charakter eines Heims. In dieser Situation war an Nachbarschaft im alten Sinne nicht mehr zu denken, denn wer selbst kaum genug hatte, konnte dem Nachbarn nichts geben. Die städtische Masse war keine Gemeinschaft, sondern eine Ansammlung von Einzelnen, die nebeneinander herkamen, ohne einander zu kennen oder zu brauchen.

Ökonomische Veränderungen im Verbund mit technischem Fortschritt wirken sich zwangsläufig auch auf die Nachbarschaftsverhältnisse aus, und zwar nicht nur in der Stadt, sondern ebenso auf dem Lande. Die Intensivierung der Landwirtschaft durch den Einsatz von Kunstdünger wälzte das ländliche Leben um wie ein Pflug den Ackerboden und machte viele der alten Formen der Zusammenarbeit überflüssig. Verfügt ein Landwirt über einen leistungsstarken Mähdrescher, entfällt das gemeinsame Dreschen auf der Tenne, das einst ein Höhepunkt des dörflichen Jahreslaufs war und bei dem alle Nachbarn zusammenkamen. Was früher die Gemeinschaft erforderte, erledigt nun eine einzige Maschine, und die Menschen, die einst Seite an Seite arbeiteten, haben keinen Anlass mehr, sich zu treffen. Die Technik befreit den Einzelnen von der Abhängigkeit vom Nachbarn, aber sie beraubt ihn zugleich der Gemeinschaft, die in dieser Abhängigkeit ihren Ursprung hatte.

Das Ende der Allmende und der Verlust des Gemeinsamen

Ebenfalls im 19. Jahrhundert endete die seit dem frühen Mittelalter bekannte Tradition der dörflichen Allmende, jener gemeinsamen Güter, die der gesamten Gemeinde gehörten und derer sich jeder Miteigentümer nach Belieben bedienen durfte. Das Wort stammt vom altnordischen Ausdruck für das allen Gemeinsame und bezeichnete Waldstücke, Äcker, Wiesen oder Gewässer, die nicht einem Einzelnen, sondern der Gesamtheit der Dorfbewohner gehörten. Jeder durfte sein Vieh auf die gemeinsame Weide schicken, im angrenzenden Teich die Angel auswerfen, im Allmendewald jagen und Holz schlagen, ohne dafür eine besondere Erlaubnis zu benötigen oder eine Abgabe zu entrichten. Die Allmende war nicht nur eine wirtschaftliche Einrichtung, sondern der materielle Ausdruck der dörflichen Gemeinschaft, der Ort, an dem sich die Nachbarn begegneten, gemeinsam arbeiteten und ihre Zugehörigkeit zum Dorf erlebten. Mit ihrer Aufteilung und Privatisierung verschwand der letzte gemeinsame Raum, der die Dorfbewohner miteinander verbunden hatte.

Die Folge all dieser Entwicklungen ist eindeutig und unaufhaltsam: Man sieht sich seltener, kommuniziert weniger, die nachbarschaftlichen Bande werden dünner und reißen irgendwann ganz ab. Jeder macht nur noch sein eigenes Ding, und der Nachbar ist nicht länger ein Gefährte im gemeinsamen Tun, sondern ein Fremder, der zufällig nebenan wohnt. Der Holzweg, der einst in den Allmendewald führte und dem Holzeinschlag diente, endete als Sackgasse, und wer ihn einschlug, geriet auf einen Irrweg, der nirgendwohin führte. So ist es sprichwörtlich geworden, dass derjenige auf dem Holzweg ist, der die falsche Richtung eingeschlagen hat und sich in einer Sache verrannt hat, aus der es kein Weiterkommen gibt. Vielleicht liegt in diesem Bild auch eine tiefere Wahrheit über die Geschichte der Nachbarschaft: Dass nämlich die Suche nach einem Weg zurück in die alte Gemeinschaft ein Holzweg ist, eine Sackgasse, die nur in die Verklärung führt und nicht in die Wirklichkeit. Die Nachbarschaft der Zukunft wird anders aussehen als die der Vergangenheit, und sie wird neue Formen finden müssen, die den veränderten Bedingungen des Lebens entsprechen.