Der schmale Grat zwischen ästhetischer Faszination und spekulativem Kunstinvestment
Screenshot youtube.comDer globale Markt für bildende Kunst hat sich in den vergangenen Jahrzehnten zu einem faszinierenden, aber hochkomplexen Spekulationsfeld entwickelt. Was einst rein ästhetischen oder kulturellen Motiven diente, ist längst zu einer ernstzunehmenden Alternative im Portfolio vermögender Anleger geworden. Die Faszination für das Seltene und Einzigartige treibt die Preise in Sphären, die für den normalen Verstand kaum noch fassbar sind. Gleichzeitig lockt der Traum vom finanziellen Durchbruch durch den Erwerb eines heute noch unbekannten Talents viele Neueinsteiger in diesen Markt.
Spektakuläre Auktionsrekorde und die Psychologie des Bietens
Im Frühjahr des Jahres 2012 dauerte es gerade einmal zwölf Minuten, bis ein neuer Rekord perfekt war. Ein anonymer Bieter ersteigerte das Meisterwerk Der Schrei von Edvard Munch in einem New Yorker Auktionshaus für umgerechnet rund 91 Millionen Euro. Am Ende wurde das Bietergefecht von zwei Kaufinteressenten telefonisch ausgetragen. Noch nie hatte zuvor jemand so viel Geld für ein Gemälde ausgegeben. Dieser Preis mag so außergewöhnlich sein wie das berühmte Gemälde des großen norwegischen Expressionisten selbst.
Die Entkopplung vom materiellen Wert und der Faktor Zeit
Der Vorgang beweist zumindest drei wesentliche Erkenntnisse über den Kunstmarkt. Der erste Punkt zeigt, dass der Preis für ein Gemälde regelrecht explodieren kann. Der zweite Punkt offenbart, dass Auktionen extrem unberechenbar sind, da fest entschlossene Bieter den Zuschlagspreis nahezu ins Unermessliche steigern. Es geht den Käufern nur darum, das Objekt zu besitzen, weshalb sie Summen zahlen, die sich vom wahren Wert völlig abkoppeln.
Die späte materielle Wertschätzung verstorbener Schöpfer
Ein weiterer Punkt zeigt, dass die meisten Kunstwerke erst dann eine hohe materielle Wertschätzung erfahren, wenn der Schöpfer bereits verstorben ist. Vincent van Gogh hätte allein vom Verkauf seiner Bilder zu seinen Lebzeiten nicht überleben können. Zweifellos sind die Kunstpreise in den vergangenen Jahren regelrecht explodiert. Dennoch muss ein Interessent nicht zwangsläufig siebenstellige Summen anlegen, um in diesen Markt einzusteigen.
Der Einstieg in den Markt und die Schwierigkeit der Prognose
Wer sich einen Picasso oder Nolde leisten kann, ist auf der sicheren Seite, da Werke dieser Maler der klassischen Moderne auf Auktionen immer Höchstpreise erzielen. Für ein Gemälde dieser Künstler muss man allerdings den Gegenwert eines Hauses investieren. Eignen sich Gemälde also nur als Anlageobjekte für Multimillionäre? Bilder von bisher noch unbekannten, aber vielversprechenden Künstlern gibt es zum Teil bereits für rund 1.000 Euro. Das ist deutlich weniger als im Jahr 2012 eine Unze Feingold kostete.
Die Spekulativität des Kunstmarktes und die Macht der Mode
Genau an diesem Punkt offenbart sich das Kernproblem dieses Anlagesegments. Welcher junge Künstler ist vielversprechend, und wessen Werke werden in 10, 20 oder 30 Jahren gefragt sein? Eine Antwort auf diese Frage ist noch spekulativer als die Prognose eines Aktienkurses über einen längeren Zeitraum. Die Wertschätzung eines Bildes unterliegt immer der Mode und dem zeitgenössischen Geschmack. Dennoch gibt es viele gute Gründe, die für ein Engagement in diesem Bereich sprechen.
Die Vorteile der Kunst als wertbeständiges Sachwertinvestment
Kunstobjekte erweisen sich als resistent gegen Inflationstendenzen und Währungsturbulenzen. Eine große deutsche Bank errechnete vor einigen Jahren die Wertentwicklung von Cézanne-Gemälden. Angenommen, ein Vorfahre hätte 1874 ein solches Kunstwerk erworben, dann hätte er theoretisch eine inflationsbereinigte jährliche Durchschnittsperformance von rund 9 Prozent erzielt. Auch Werke von Picasso, van Gogh oder Turner weisen eine vergleichbare Wertentwicklung auf. Kunstanleger machen sich die Zeit gleichsam zum Verbündeten, denn je älter ein Kunstwerk, umso wertvoller wird es.
Die emotionale Rendite und der gesellschaftliche Status
Der Nachteil dieser langen Bindungsdauer besteht darin, dass vielleicht erst die Kinder oder Enkel von der Wertsteigerung profitieren. Die emotionale Rendite fällt gerade bei Kunstwerken besonders hoch aus. Ein langjähriger Experte eines berühmten Auktionshauses nennt drei Beweggründe für das Sammeln von Kunst. Neben der Spekulation auf Gewinne motivieren die Steigerung des gesellschaftlichen Status und die reine Freude am Betrachten der Gemälde zum Kauf solcher Werte. Auf der anderen Seite sprechen auch wichtige Argumente gegen Kunst als reine Geldanlage.
Die Risiken der Bewertung und der mangelnden Liquidität
Der Wert eines Kunstwerks lässt sich schwer schätzen, sieht man von den Alten Meistern einmal ab. Trends, Liebhaberpreise und besonderes Sammlerinteresse können zu extremen Preisschwankungen führen. Sogar Experten verfügen über keine einheitlichen Maßstäbe, sondern lediglich über Richtlinien zur Beurteilung eines Werks. Über den Wert entscheidet in erster Linie die internationale Resonanz, die ein Künstler auf seine Werke erfährt. Zudem erweist sich die Verkäuflichkeit als schwierig.
Die Hürden beim Verkauf und die Gefahr von Fälschungen
Einen Goldbarren kann man in beinahe jeder Bank und bei Edelmetallhändlern zu Geld machen. Soll hingegen ein wertvolles Gemälde veräußert werden, sind Galeristen, Gutachter und Auktionshäuser involviert. Außerdem stellt sich eine Wertsteigerung oft erst nach Jahrzehnten ein. Schließlich laufen sogar erfahrene Kunstkenner Gefahr, Fälschungen zu erwerben. Bei einem Kunstinvestment muss mithin die Freude am Besitz der Werke zumindest gleichberechtigt neben dem Aspekt der Kapitalanlage stehen.
Die Notwendigkeit der fundierten Vorbereitung und Weiterbildung
Ist dies der Fall, stellt sich die Frage, wie ein Einsteiger in dieser Anlageklasse vorgehen sollte. Experten empfehlen, ein Kunstinvestment längerfristig vorzubereiten. Wer gut und richtig in die Kunst investieren will, muss sich damit auseinandersetzen und sich reinarbeiten. Dazu gehört die Lektüre der mittlerweile in großer Zahl erschienenen Fachbücher und Zeitschriften. Wirtschaftsmagazine veröffentlichen von Zeit zu Zeit umfassende Themenhefte, in denen die aktuellen Kunsttrends behandelt werden.
Der Besuch von Fachmessen und die Einteilung der Märkte
Empfehlenswert ist ferner der Besuch einschlägiger Fachmessen wie etwa der Art Cologne oder der Art Basel. Auf dem internationalen Markt werden die Werke von weltweit anerkannten Künstlern gehandelt. Solche Arbeiten erhält der Interessent normalerweise nur in den großen Auktionshäusern sowie in einigen handverlesenen Galerien vor allem in London und New York. Der Investor kann nicht viel falsch machen, da seine Verlustrisiken bei diesen weithin anerkannten Künstlern begrenzt sind. Der Nachteil besteht jedoch darin, dass die Einstiegspreise für Kleinanleger nicht geeignet sind.
Die Chancen und Risiken auf nationalen und aufstrebenden Märkten
Auf den nationalen Märkten sind ebenfalls einige etablierte Künstler vertreten, deren Werke von Galerien und Kunsthändlern verkauft werden. Die einschlägigen Fachmedien studieren zu können, ist hier ratsam, da dort häufig über Künstler berichtet wird, denen der internationale Durchbruch gelingen könnte. Die Einstiegspreise sind günstiger, zudem haben die Arbeiten dieser Künstler Potenzial. Bleibt die grenzüberschreitende Anerkennung aus, droht jedoch ein Wertverlust. Bleibt schließlich noch der Markt der neuen Talente, bei dem es sich meist um Entdeckungen von Galerien handelt.
Die Spekulation mit neuen Talenten und die richtige Budgetierung
Diese Künstler lassen zwar Potenzial erkennen, sind am Markt aber noch nicht etabliert, oft existiert überdies keine belastbare Einschätzung des künstlerischen Niveaus. Der Vorteil liegt in günstigen Einstiegspreisen in spekulative Objekte, der Nachteil in jeglicher fehlender Markttransparenz. Traumrenditen sind ebenso möglich wie im schlimmsten Fall ein Totalverlust. Der Investor sollte recherchieren, wo der Künstler bisher ausgestellt hat und mit welchen Galerien er zusammenarbeitet. Hat er bereits nationale Erfolge vorzuweisen und ist er in Sammlungen vertreten, lassen sich diese Fragen durch gezielte Internetrecherchen beantworten.
Die Festlegung des Budgets und die Wahl des richtigen Kaufortes
Der Einstieg ist meist schon für rund 1.000 Euro möglich. Experten raten, maximal 5 bis 10 Prozent des liquiden Vermögens in Kunst zu investieren. Grundsätzlich sollte nur so viel Geld in dieser Anlageklasse angelegt werden, dass man selbst bei einem Totalverlust nicht in wirtschaftliche Schwierigkeiten gerät. Der Kauf sollte ausschließlich bei renommierten Auktionshäusern und angesehenen Galerien erfolgen. Fehlt eigenes Fachwissen, sollte man bei größeren Investitionen auf die Expertise von seriösen Kunstberatern zurückgreifen.
Die Bedeutung von Echtheitszertifikaten und die Grenzen der Beratung
Auf individuelle Echtheitszertifikate muss zwingend geachtet werden, um die Authentizität des erworbenen Werkes zu gewährleisten. Diese Dokumente schützen den Käufer vor folgenschweren Fehlentscheidungen und Fälschungen. Die Auseinandersetzung mit der Kunst erfordert Geduld, Leidenschaft und ein gewisses Maß an Risikobereitschaft. Wer diese Faktoren berücksichtigt, kann den Kunstmarkt als bereichernde Ergänzung seines Portfolios betrachten.














