Die Illusion der Sicherheit und die Zersplitterung globaler Systeme
Screenshot youtube.comDie globale Ordnung befindet sich in einem tiefgreifenden Wandel, der von der Illusion technischer Machbarkeit und der Zersplitterung einst stabiler Systeme geprägt ist. Sowohl auf dem Gebiet der Energiegewinnung als auch in der internationalen Sicherheitspolitik beobachten wir eine Abkehr von bewährten, multilateralen Ansätzen hin zu kurzfristigen, oft zerstörerischen Alleingängen. Die vermeintliche Lösung globaler Abhängigkeiten durch neue technologische Eingriffe in die Natur oder durch militärische Präventivschläge erweist sich bei genauerer Betrachtung als Trugschluss, der neue und unkontrollierbare Risiken schafft.
Die Illusion der energetischen Unabhängigkeit
Auf einer Fachtagung für Energiefragen in Turkmenistan im Frühjahr des Jahres 2010 verkündete ein hoher Vertreter des amerikanischen Energieministeriums selbstbewusst, sein Land werde durch die Erschließung von Schieferöl und Schiefergas auf dem eigenen Staatsgebiet langfristig von Energieimporten unabhängig. Dieser Beamte plante sogar die Umwandlung bestehender Importanlagen für verflüssigtes Erdgas in Exportterminals, um vom Importeur zum Exporteur aufzusteigen. Präsentationen verwiesen auf alte, einst bedeutende Fördergebiete, die durch neuartige Methoden wiederbelebt werden sollten.
Die Rückkehr zu alten Förderstätten
Bei der herkömmlichen Förderung wurde oft weniger als 30 Prozent der gespeicherten Kohlenwasserstoffe aus den Feldern geholt, weshalb die Rückkehr zu bestehenden Bohrlöchern auf den ersten Blick logisch erscheint. Gleichzeitig zielen die neuen Verfahren auf unkonventionelle Lagerstätten ab, deren Durchlässigkeit extrem gering ist. Erst die Kombination aus horizontalem Bohren und der hydraulischen Aufspaltung des Gesteins mittels unter Hochdruck eingepresster Flüssigkeiten macht die Förderung aus diesen undurchlässigen Muttergesteinen möglich.
Der mediale Rummel und die geologische Realität
Trotz des enormen medialen Rummels und der Hoffnung, wirtschaftliche Krisen durch neue Arbeitsplätze zu überwinden, gibt es erhebliche Zweifel an dieser sogenannten Revolution der Energieversorgung. Fachleute warnen vor völlig überzogenen Erwartungen und verweisen auf geologische Grenzen sowie auf Fehleinschätzungen der tatsächlich verfügbaren Ressourcen. Die Erschließung dieser unkonventionellen Lagerstätten verursacht Kosten, die zehnmal so hoch sind wie bei der herkömmlichen Erdgasförderung.
Historische Abhängigkeiten und strategische Allianzen
Zu Beginn des 20. Jahrhunderts war das Land weltweit führend in der Erdölproduktion und deckte während des 2. Weltkrieges den Großteil des Bedarfs der Alliierten ab. Im Jahr 1945 entschied die Regierung jedoch, die eigenen, nicht erneuerbaren Reserven zu schonen und wandte sich stattdessen den Lagerstätten auf der Arabischen Halbinsel zu. Der Import von billigem arabischem Öl machte die Förderländer zu wesentlichen Verbündeten, was im Kontext des Kalten Krieges der Eindämmung kommunistischer Einflüsse diente.
Die Ölkrisen und der Wunsch nach Autarkie
Die Erdölkrise des Jahres 1973 erschütterte die Weltwirtschaft massiv, als ein Exportstopp arabischer Mitglieder der Organisation erdölexportierender Staaten die Preise binnen weniger Wochen vervierfachte. Diese Reaktion erfolgte auf die Unterstützung des Landes durch die Vereinigten Staaten während des Oktoberkrieges, in dem eine Koalition arabischer Staaten überraschend angriff. Die Erschließung teurerer Felder in der Nordsee und der Ruf nach mehr Energieeffizienz waren die direkten Folgen dieser Entwicklung.
Der Irrweg der Agrartreibstoffe
Dieser politische Wunsch manifestierte sich später in der massiven Propaganda für sogenannte Biokraftstoffe, denen bald die Europäische Union folgte. Dieser Boom entpuppte sich jedoch als Fehlkalkulation, da Agrartreibstoffe für mehr Emissionen sorgen und als Preistreiber für Nahrungsmittel wirken. Sie fördern die Abholzung von Wäldern, um Plantagen für Energiepflanzen zu errichten, und weisen in ihrer Gesamtenergiebilanz oft sogar negative Werte auf.
Die ökologischen Kosten der Gesteinsspaltung
Unabhängige Geologen sehen die Erwartungen an diese unkonventionellen Ressourcen als völlig überzogen an und kritisieren die mangelnde Transparenz der Industrie. Ein wesentlicher Aspekt ist der enorme Preis, den die Umwelt für diese Form der Energiegewinnung zahlen muss. Ein Gemisch aus Wasser, Sand und Chemikalien wird mit Hochdruck ins Gestein gepumpt, um die Formation künstlich aufzureißen und die Kohlenwasserstoffe zu lösen.
Die Zersplitterung der Infrastrukturen
Diese technologischen Eingriffe spiegeln eine breitere Fragmentierung wider, die weit über den Zerfall gewachsener politischer Systeme hinausreicht. Auch im Strommarkt zeigt sich diese Spaltung, da unerbetene Windstromexporte in Nachbarländer künftig unterbunden werden sollen. Die Netzbetreiber sorgen sich vor einer Überlastung der Leitungen an windreichen Tagen, während das Problem der Stromspeicherung ungelöst bleibt.
Der gescheiterte diplomatische Ansatz im Nahen Osten
Als der israelische Ministerpräsident im Jahr 1993 dem Führer der Palästinenserorganisation die Hand reichte, begann eine kurze Phase der Aussöhnung, die als Oslo-Prozess in die Geschichte einging. Diskrete Verhandlungen in Norwegen hatten erstmals direkte Kontakte zu einem handfesten Ergebnis geführt, das einen Rückzug aus besetzten Gebieten und die Schaffung eines unabhängigen Staates vorsah. Der Soldat und Regierungschef rang sich zu diesem Schritt durch, da er erkannte, dass er heute mit dem gemäßigten Führer verhandeln müsse, um morgen nicht mit mehreren radikalen Führern konfrontiert zu sein.
Der Übergang zur asymmetrischen Kriegsführung
Mit der Ermordung dieses pragmatischen Politikers durch einen Fanatiker im Jahr 1995 entfernte sich das Land jedoch immer weiter von den ursprünglichen Zusagen. Es begann eine neue Etappe der Terrorismusbekämpfung, die unter der Devise der präventiven Kriegsführung und der gezielten Liquidierung von Verdächtigen stand. Dieses Konzept wurde später von den Vereinigten Staaten durch den massiven Einsatz von unbemannten Fluggeräten übernommen.
Die Fragmentierung der extremistischen Gruppen
Während national-religiöse Siedler ihre Ansprüche auf Eigentum als göttliche Verheißung anmelden, strömen radikale Islamisten über durchlässige Grenzen in den gesamten nordafrikanischen Raum. Ihr Kampf richtet sich gegen alle Ungläubigen, einschließlich jener Muslime, die ihren Glauben freier und vielfältiger leben wollen. Fast im Wochenintervall tauchen neue Splittergruppen auf, die sich aus Deserteuren, Arbeitslosen oder Kriminellen rekrutieren und sich selbsternannten Führern unterordnen.
Die Aussichtslosigkeit militärischer Interventionen
Jede Einmischung von außen verändert das Gleichgewicht der Akteure und stellt die intervenierende Macht vor das Dilemma, wie sie mit schwachen Regierungen und rebellischen Kriegsherren umgehen soll. Dass Besatzungsarmeen Guerillakriege gegen einen unsichtbaren Feind, der von der Bevölkerung geschützt wird, nicht gewinnen können, hat die Geschichte vielfach bewiesen. Weder im Irak noch in Afghanistan gelang den westlichen Verbündeten eine militärische Lösung, da der Krieg nicht der zentrale Hebel der Konfliktlösung sein darf.
Der Zerfall des Völkerrechts und der internationalen Ordnung
Es etablierte sich der Begriff der umfassenden Aufstandsbekämpfung, während europäische Regierungen zunehmend dazu übergingen, die Gegner schlicht als Kriminelle zu bezeichnen. Einen Feind ohne Territorium mit einer konventionellen Armee bekämpfen zu wollen, erweist sich jedoch als auswegloses Unterfangen, zumal die Terroranschläge seit dem offiziellen Beginn des Krieges gegen den Terror massiv zugenommen haben. Zudem nimmt das humanitäre Völkerrecht Schaden, da die teilweise Aberkennung der Genfer Konventionen und die Aufweichung des Folterverbots Tür und Tor für weitere Rechtsbrüche öffnen.
Die Präzedenzfälle der Präventivschläge
Als einzige verbliebene Weltmacht verschrieben sich die Vereinigten Staaten nach den Anschlägen des 11. September einer unilateralen Außenpolitik. Diese Haltung führte zu einer völligen Aushöhlung des auf der Charta der Vereinten Nationen beruhenden Systems internationaler Beziehungen, welches die friedliche Streitbeilegung durch Diplomatie zum Ziel hatte. Dieses System befindet sich in Auflösung, da sich immer mehr Staaten das exklusive Recht unilateralen militärischen Handelns herausnehmen.
Die anarchische Situation der Weltpolitik
Was im Jahr 1967 durch die Zerstörung einer feindlichen Luftwaffe am Boden als Präventivnotwehr begann, findet heute weltweit Nachahmung. Wir sind in jener anarchischen Situation der internationalen Beziehungen gelandet, die mit der Aushebelung wesentlicher völkerrechtlicher Prinzipien unausweichlich wurde.














