Der Umgang mit Erlaubnis: Eine differenzierte Betrachtung
Screenshot youtube.comWenn wir sagen, dass jeder die Erlaubnis hat, einen Unterschied zu machen, ist das nicht als Aufforderung zu verstehen, sofort alles ohne Rücksprache durchzuziehen und eigenmächtig zu handeln. Es ist auch nicht gemeint, dass man sich blind auf die eigene Initiative verlässt und im Sinne eines „Pfeif drauf! Lieber hinterher um Entschuldigung bitten, als vorher um Erlaubnis fragen“ handelt. Solche extremen Verhaltensweisen, nämlich sowohl das resignierte Einknicken vor der Macht als auch das völlige Ignorieren der Wünsche anderer, führen auf Dauer selten zu einem positiven Ergebnis. Beide Varianten sind zu extrem: Entweder fühlt man sich hilflos und machtlos, oder man zeigt Trotz und Rebellion. Das eine ist ein Zeichen von Unterwürfigkeit, das andere von Übermut. Bei beiden Verhaltensweisen stellt sich die Frage: „Darf ich das denn?“ auf der einen Seite oder „Mir doch egal, ob ich es darf!“ auf der anderen.
Eine differenzierte Sichtweise auf Erlaubnis
Unsere Überzeugung ist, dass man den Umgang mit der Erlaubnis viel differenzierter betrachten sollte. Dabei gilt dieses Prinzip gleichermaßen für den beruflichen Alltag wie für das private Leben. Es macht keinen Sinn, alle Handlungen entweder nur auf Geheiß anderer auszuführen oder alles ohne Rücksicht auf Wünsche und Vorgaben selbst zu entscheiden. Stattdessen ist eine bewusste Reflexion darüber notwendig, wann es sinnvoll ist, um Erlaubnis zu fragen, wann man sich selbst die Erlaubnis geben kann und wann man grundsätzlich alles für erlaubt hält.
Ein Blick auf die verschiedenen Umgangsweisen mit Erlaubnis
In einem bekannten Buch, das sich mit den Themen Leadership und persönliche Entwicklung beschäftigt, wurde eine Klassifizierung des Umgangs mit Erlaubnis vorgestellt. Diese lässt sich in vier Stufen einordnen, die wir im Folgenden näher erläutern. Die erste Stufe beschreibt eine Haltung, bei der man grundsätzlich keine Erlaubnis besitzt. Das bedeutet, man geht davon aus, dass man für keine Handlung die Zustimmung einer höheren Instanz benötigt. Man nimmt an, dass man in Meetings teilnimmt, weil der eigene Name auf der Teilnehmerliste steht, auch wenn die Veranstaltung für einen kaum Mehrwert bietet. Man wartet nachts an der roten Ampel, auch wenn kein Auto zu sehen ist, und fragt im Flugzeug nicht, ob man den Platz tauschen darf. Auch in Teams macht man keine Vorschläge, weil niemand explizit danach gefragt hat. In dieser Haltung geht man davon aus, dass man grundsätzlich nichts darf, ohne vorherige Zustimmung.
Der Umgang mit Erlaubnis: Fragen oder selbst entscheiden?
Die zweite Stufe beschreibt das Verhalten, bei dem man aktiv um Erlaubnis bittet. Das bedeutet, man fragt andere, ob es in Ordnung ist, etwas zu tun. Man erkundigt sich, ob man an einem Meeting teilnehmen soll, obwohl man keinen Mehrwert daraus zieht, oder hebt im Meeting die Hand, um eine Frage zu stellen, anstatt sie einfach zu stellen. Auch beim Bedienen eines Kaffeeautomaten im Hotel fragt man höflich, ob das in Ordnung ist. Bei dieser Haltung sucht man die Zustimmung anderer, bevor man handelt, sei es bei der Arbeit, im Alltag oder bei kleinen Entscheidungen.
Die Selbstermächtigung: Sich selbst die Erlaubnis geben
Die dritte Stufe beschreibt eine Haltung, bei der man die Erlaubnis nicht von außen einholt, sondern sich selbst die Erlaubnis erteilt, wenn man der Meinung ist, dass es richtig ist. Man prüft eine Einladung zu einem Meeting, entscheidet eigenverantwortlich, ob man teilnimmt, und spricht aus eigener Initiative mit wichtigen Ansprechpartnern. Man sieht sich in der Lage, eigenständig zu bewerten, ob eine Handlung angemessen ist, ohne auf die Zustimmung anderer zu warten. Diese Haltung ist geprägt von Selbstvertrauen und der Bereitschaft, eigene Wege zu gehen, die andere vielleicht schon vor einem beschritten haben.
Die uneingeschränkte Erlaubnis: Alles darf sein
Die vierte Stufe schließlich beschreibt eine Haltung, bei der man grundsätzlich alles für erlaubt hält. Man geht davon aus, dass man grundsätzlich alles tun darf, was im Rahmen einer ethischen Grundhaltung vertretbar ist. Das bedeutet, man nutzt den Kaffeeautomaten im Frühstücksraum, weil man annimmt, dass dieser für die Gäste bereitgestellt wurde, und man spricht dem Chef unaufgefordert seine Meinung über Entscheidungen aus. Regeln werden nur situativ angewandt, und das eigene Urteilsvermögen bestimmt, was angemessen ist. In dieser Haltung ist man sehr selbstbestimmt, aber es besteht die Gefahr, dass man in Egoismus oder Übermut verfällt, wenn man die Grenzen nicht reflektiert.
Die richtige Balance finden
Das Interessante an dieser Klassifizierung ist, dass die meisten Menschen in unserer Kultur zwischen der zweiten und der dritten Stufe pendeln. Das bedeutet, sie fragen noch um Erlaubnis, trauen sich aber auch, sich selbst die Erlaubnis zu geben. Die extremen Haltungen – entweder ständig alles zu hinterfragen und keine Zustimmung einzuholen oder alles ohne Rücksicht auf andere zu tun – sind auf Dauer nicht zielführend. Die Haltung, die im mittleren Bereich zwischen eigenständigem Entscheiden und situativer Erlaubnis liegt, ist diejenige, die am meisten Erfolg und Zufriedenheit verspricht. Sie zeichnet sich durch Selbstbewusstsein, verantwortliches Handeln und gleichzeitig Rücksichtnahme aus.
Letztlich ist die wichtigste Frage: Wo stehst du selbst? Bist du eher ohnmächtig und wartest auf Anweisungen oder hast du dir schon selbst die Erlaubnis gegeben, aktiv und eigenverantwortlich zu handeln? Es lohnt sich, den eigenen Umgang mit Erlaubnis zu hinterfragen und gegebenenfalls den Schieberegler ein Stück nach oben zu setzen, um mehr Eigenmacht zu gewinnen und sowohl sich selbst als auch die Organisation, in der man arbeitet, voranzubringen.

















