Die historische Entwicklung und funktionale Anatomie von Börsenindizes
Screenshot youtube.comDie Entwicklung der modernen Finanzmärkte ist untrennbar mit der Notwendigkeit verbunden, die komplexe Dynamik von Wertpapierkursen in einer einzigen, leicht verständlichen Kennzahl zusammenzufassen. Seit den Anfängen der Industrialisierung suchten Ökonomen und Journalisten nach Wegen, um die Stimmung und die Performance der Wirtschaft objektiv darzustellen. Diese historische Suche nach einem verlässlichen Maßstab führte zur Entstehung der ersten Börsenindizes, die heute aus der globalen Finanzwelt nicht mehr wegzudenken sind. Sie dienen nicht nur als Spiegelbild der wirtschaftlichen Realität, sondern auch als fundamentale Grundlage für unzählige Anlageentscheidungen und wirtschaftspolitische Analysen.
Die historischen Ursprünge der Marktbeobachtung
Charles Henry Dow, ein renommierter Wirtschaftsjournalist und Mitbegründer des Wall Street Journal, entwickelte gegen Ende des neunzehnten Jahrhunderts die wegweisende Idee, die Entwicklung des damals noch relativ jungen amerikanischen Aktienmarktes systematisch zu messen. Er setzte diese visionäre Konzeption mithilfe eines simplen mathematischen Verfahrens in die Praxis um. Dabei addierte er die Schlusskurse von zwölf bedeutenden amerikanischen Industriewerten und teilte die sich ergebende Summe durch zwölf, um den durchschnittlichen Schlusskurs zu ermitteln. Dieses grundlegende Prinzip hat sich bis in die heutige Zeit im Wesentlichen erhalten, wenngleich mittlerweile dreißig Unternehmen in die Berechnung einfließen. Zudem wurde das Divisionsverfahren im Laufe der Jahrzehnte deutlich komplexer gestaltet, um Preisänderungen aufgrund von Dividendenzahlungen und eventuelle Anpassungen beim Grundkapital der beteiligten Unternehmen präzise zu berücksichtigen.
Die Etablierung als unverzichtbares Marktbarometer
Edward David Jones übernahm in dieser frühen Phase die entscheidende Aufgabe der Vermarktung des neu geschaffenen Indexes. Sein primäres Ziel bestand darin, diese schlichte Berechnungsmethode fest im Bewusstsein der Kapitalanleger als ein äußerst wichtiges Börsenbarometer zu verankern. Auch in der gegenwärtigen Zeit hat dieser nach den Namen des Erfinders und des Vermarktungsstrategen benannte Index in der sogenannten Fachwelt nichts von seiner überragenden Bedeutsamkeit eingebüßt. Dies ist besonders bemerkenswert, wenn man bedenkt, dass in der Folgezeit unzählige weitere Börsenkennzahlen kreiert und eingeführt wurden. Die historische Kontinuität und die breite Akzeptanz unterstreichen den nachhaltigen Erfolg dieser frühen finanzmathematischen Innovation.
Das grundlegende Konstruktionsprinzip von Kennzahlen
Die technische Konstruktion eines Börsenindexes folgt grundsätzlich immer einem identischen und streng logischen Schema. Zunächst erfolgt eine sorgfältige Auswahl der zu betrachtenden Größen, was bei einem Aktienindex eine bestimmte Anzahl spezifischer Wertpapiere und bei einem Rentenindex entsprechende Schuldverschreibungen bedeutet. Anschließend wird ein detailliertes Berechnungsverfahren festgelegt, mit dessen Hilfe man die anfängliche Indexzahl definieren kann. Der ursprüngliche Dow-Jones-Index startete seinerzeit beispielsweise mit einem Indexwert von vierzig Komma neun vier, während er heute bei etwa fünfzehntausend Punkten notiert. Im Gegensatz zu diesem historischen Vorbild wird bei den meisten modernen Indizes jedoch ein ausgeklügeltes Gewichtungsverfahren angewendet, um der unterschiedlichen ökonomischen Bedeutung einzelner Aktien gerecht zu werden.
Die Funktionsweise des Gewichtungsprinzips
Die konkrete Auswirkung eines solchen Gewichtungsprinzips lässt sich anhand eines vereinfachten rechnerischen Beispiels anschaulich erläutern. Angenommen, ein fiktiver Index enthält die Aktie A, die Aktie B und die Aktie C, wobei alle drei Wertpapiere zunächst mit einem Kurs von zehn Geldeinheiten notieren. Fällt die Aktie A einen Tag später auf acht Geldeinheiten, während die beiden anderen Werte unverändert bleiben, ergäbe sich bei Anwendung des einfachen Durchschnittsverfahrens ein neuer Indexwert von neun Komma drei drei. Falls nun die gesunkene Aktie A jedoch weitaus bedeutsamer ist, etwa aufgrund eines höheren Handelsvolumens oder einer größeren Anzahl ausgegebener Aktien, müsste man diesem Wertpapier ein höheres Bedeutungsgewicht zuweisen. Würde man die Aktie A beispielsweise um zehn Prozent höher gewichten als die anderen Papiere, ergäbe sich am Folgetag ein niedrigerer Indexwert von neun Komma zwei neun, da der Kursrückgang des besonders gewichtigen Wertes stärker in die Gesamtberechnung einfließt.
Die Besonderheiten des Deutschen Aktienindex
Auch der Deutsche Aktienindex, der die dreißig größten deutschen Aktiengesellschaften umfasst, folgt konsequent einem solchen Gewichtungsprinzip. Die Gewichtung erfolgt hierbei nach dem Kriterium der Marktkapitalisierung, welche durch die Multiplikation der Zahl der frei handelbaren Aktien mit dem aktuellen Börsenkurs eines Tages ermittelt wird. Darüber hinaus entscheidet diese Marktkapitalisierung maßgeblich über die Aufnahme in den Index oder den Ausschluss aus diesem prestigeträchtigen Kreis. Nur die dreißig deutschen Wertpapiere mit der absolut höchsten Marktkapitalisierung dürfen in dieser Kennzahl vertreten sein.
Die Auswirkungen der Marktkapitalisierung auf die Indexbewegung
Diese spezifische Gewichtung führt dazu, dass Kursänderungen bei hoch bewerteten Werten zu deutlich stärkeren Ausschlägen beim Endergebnis führen als bei gering gewichteten Titeln. Rutscht beispielsweise eine mit einer relativ hohen Marktkapitalisierung ausgestattete Aktie eines großen Technologiekonzerns ab, wirkt sich dies auf den Gesamtindex weitaus stärker aus als eine vergleichbare Kurssenkung bei einem kleineren Verkehrsunternehmen. Das Endergebnis dieses gesamten Bewertungsvorgangs ist für den aufmerksamen Beobachter an den jeweiligen Indexpunkten leicht und eindeutig ablesbar.
Die trügerische Annahme der absoluten Objektivität
Ein solcher Index schreitet stoisch und unerbittlich voran, wobei er sowohl über bergige Höhen als auch durch tiefe Täler der Marktentwicklung navigiert. Da das zugrundeliegende Berechnungsverfahren allgemein bekannt und transparent ist, wird dieser Kennzahl von sogenannten Fachleuten oft eine absolute Unbestechlichkeit bescheinigt. Aus diesem Grund betrachten viele Marktteilnehmer diesen Wert als das alleinige und unumstößliche Maß aller Dinge. Eine derartige Betrachtungsweise ist jedoch ausgesprochen borniert und kurzsichtig.
Die Ausblendung irrationaler Marktfaktoren
Man konzentriert sich bei dieser Sichtweise ausschließlich auf die rein rechnerisch-technische Seite der Ermittlung. Alle irrationalen Faktoren, wie menschliche Gier, panische Angst oder übertriebene Hoffnung im Zusammenspiel von Angebot und Nachfrage an den Börsen, werden der Einfachheit halber wieder einmal vollständig ausgeblendet. Dies verzerrt die Wahrnehmung der tatsächlichen Marktdynamik erheblich und reduziert komplexe menschliche Entscheidungen auf bloße Zahlenkolonnen.
Die unüberschaubare Vielfalt moderner Börsenkennzahlen
In der heutigen Finanzwelt existieren außerordentlich viele verschiedene Indizes, die unterschiedlichste Marktsegmente abdecken. Allein an der Deutschen Börse in Frankfurt werden mehr als dreitausend verschiedene Kennzahlen täglich berechnet. Wer in große deutsche Aktiengesellschaften investiert, orientiert sich in der Regel primär am Deutschen Aktienindex. Derjenige Anleger, der eher mittlere oder kleine deutsche Unternehmen bevorzugt, richtet seinen Fokus stattdessen nach dem Index für mittelgroße Werte oder dem Index für kleine Werte aus. In Österreich bildet der österreichische Handelsindex die Kursentwicklung der jeweils bedeutsamsten Aktien ab, während in der Schweiz der Schweizer Marktindex diese Funktion übernimmt.
Spezialisierte Kennzahlen als strategische Maßstäbe
Für den Anleihenmarkt gibt es in Deutschland den speziellen Rentenindex, der die Entwicklung festverzinslicher Wertpapiere abbildet. Für europäisch orientierte Spekulanten empfiehlt sich hingegen der genaue Blick auf den europäischen Leitindex. Jedes einzelne Anlagesegment weist damit eine eigene Zielgröße auf, die in der Fachsprache als Maßstab bezeichnet wird. Für professionelle Händler gilt es stets, dieses unbestechliche Wertmessungsbarometer zu schlagen und eine überdurchschnittliche Rendite zu erzielen.
Die Instrumentalisierung von Indizes für Handelsstrategien
Mehr noch, für jede erdenkliche Marktstrategie und jede spezifische Marktsituation haben die großen Börsen passende Kennzahlen auf Lager. Der Index wird damit endgültig zum Spielzeug für Finanzmarktfetischisten, die in der ständigen Jagd nach Überrenditen gefangen sind. Es geht in diesem Umfeld also primär darum, einen solchen Index zu schlagen beziehungsweise eine erfolgreiche, indexbasierte Anlagestrategie zu verfolgen. Insider an der richtigen Stelle können bei der Umsetzung dieser ambitionierten Ziele sehr nützlich sein.
















