Der stille Zerfall des Staates – Der schleichende Verfall

Der Zerfall des Staates zeigt sich nicht in lauten Bildern, sondern im leisen Rosten von Brücken, im bröckelnden Asphalt und in der stillschweigenden Gewöhnung an immer mehr Sperrungen. Niemand schreit auf, wenn eine Straße wieder nur halb befahrbar ist, wenn eine Brücke nur noch mit Gewichtsbeschränkung passiert werden darf oder wenn Umwege zur neuen Normalität werden. Der Verfall ist nicht spektakulär, sondern alltäglich, und genau darin liegt seine Tücke. Was einst als öffentliche Aufgabe galt, wird heute als unvermeidliches Schicksal hingenommen, wie ein heftiger Regenschauer, gegen den man ohnehin nichts tun kann.

Organisierte Verantwortungslosigkeit

Im Kern des Problems steht eine organisierte Verantwortungslosigkeit, die sich durch alle Ebenen des Verwaltungshandelns zieht. Verantwortung wird verteilt, ausgelagert, in Ausschüssen zerrieben und in Berichten begraben, sodass am Ende niemand mehr greifbar ist. Wenn etwas schiefgeht, zeigt sich niemand zuständig, und wenn doch, dann nur für einen winzigen Ausschnitt, der keine Konsequenzen nach sich zieht. Dieses Spiel wiederholt sich so oft, dass es zur Gewohnheit wird, und aus Gewohnheit wird Akzeptanz. Wer nichts zu verantworten hat, muss auch nichts erklären, und wer nichts erklären muss, kann in Ruhe weitermachen wie bisher.

Infrastruktur als Opferhaufen

Besonders deutlich zeigt sich der Zerfall am Verfall der Infrastruktur, die einst als stolzes Zeichen öffentlicher Leistung galt. Brücken werden nicht mehr saniert, Straßen nur notdürftig geflickt, Schienen abschnittsweise gesperrt, und alles wird mit dem Hinweis auf knappe Mittel erklärt. Doch diese Erklärung trägt nicht, solange gleichzeitig riesige Einnahmen aus dem Verkehr fließen, die gezielt für den Erhalt der Infrastruktur gedacht sein könnten. Energiesteuer, CO2-Bepreisung, Maut, Kraftfahrzeugsteuer und sogar Abgaben auf die Versicherung der Fahrzeuge speisen einen gewaltigen Strom an Geldern, der eigentlich ausreichen müsste, um den Verfall zu stoppen. Statt dessen verschwindet dieses Geld im allgemeinen Haushalt, wird umgebucht, vermischt und am Ende so unsichtbar, dass niemand mehr sagen kann, wo es eigentlich geblieben ist.

Substanzverzehr statt Substanzpflege

Das System lebt von der Substanz, statt die Substanz zu pflegen, und genau das ist das Kennzeichen eines schleichenden Zerfalls. Es wird nicht mehr investiert, sondern verwaltet, nicht mehr erneuert, sondern repariert, bis nichts mehr zu reparieren ist. Irgendwann bleibt nur noch die Sperrung, und selbst die wird nicht mehr als Versagen gewertet, sondern als naturgegeben hingenommen. Dieser Zustand erinnert an frühere Systeme, die ebenfalls auf Verschleiß gefahren wurden und am Ende an ihrer eigenen Nachlässigkeit zerbrachen. Wer heute die Infrastruktur betrachtet, sieht nicht nur marode Brücken, sondern das Abbild eines Staates, der seine eigenen Grundlagen auffrisst.

Geldflüsse ohne Gegenleistung

Besonders bitter ist, dass dieser Verfall nicht aus Geldmangel geschieht, sondern aus einer bewussten Entscheidung, die Einnahmen anders zu verwenden. Der Bürger zahlt an jeder Stelle, wo er sich bewegt, und erwartet im Gegenzug funktionierende Wege, sichere Brücken und eine verlässliche Infrastruktur. Doch die Gegenleistung bleibt aus, und stattdessen wird das Geld in Löcher gestopft, die niemand sieht, und in Positionen finanziert, die niemand mehr erklären kann. Am Ende steht der Eindruck, dass die Bürger nicht als Partner, sondern als Zahler behandelt werden, deren Geld willkommen ist, deren Bedürfnisse aber zweitrangig sind.

Der Verlust der Rechenschaft

Am schwersten wiegt jedoch der Verlust der Rechenschaft, denn ohne Rechenschaft gibt es keine Verantwortung und ohne Verantwortung keinen Staat im eigentlichen Sinne. Wenn niemand mehr zur Verantwortung gezogen wird, wenn Fehler nicht mehr benannt und Konsequenzen nicht mehr gezogen werden, dann löst sich das Fundament auf, auf dem Vertrauen und Ordnung beruhen. Der Zerfall ist dann nicht mehr nur eine Frage des Betons oder des Stahls, sondern eine Frage des Willens, überhaupt noch etwas zu erhalten. Wer diesen Zustand hinnimmt, nimmt nicht nur marode Infrastruktur hin, sondern auch den schleichenden Rückzug des Staates aus seiner eigenen Pflicht.

 

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