Der letzte Tag der Üppigkeit: Leben und Sterben am Fuße des Vesuv

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Die Region am Golf von Neapel stellte in der Antike einen Ort von beispielloser Schönheit und wirtschaftlicher Blüte dar. Die Bewohner genossen ein Leben in Luxus und kultureller Vielfalt, während die Natur im Verborgenen ihre gewaltigen Kräfte sammelte. Dieser Kontrast zwischen dem menschlichen Streben nach Vergnügen und der unaufhaltsamen Gewalt der Erde prägt das Schicksal der Städte am Fuße des Vesuv. Ein genauer Blick auf den letzten Tag vor der großen Katastrophe offenbart die Strukturen einer Gesellschaft, die sich ihrer nahenden Gefahr völlig unbewusst war.

Die Idylle am Golf vor dem Sonnenuntergang

Eine leichte Brise bewegt die feinen Stoffe, die zwischen den marmornen Säulen des Speisesaales im obersten Geschoss des Turmes hängen. Von außen betrachtet erinnert das Bauwerk an eine runde Terrasse, die von einem eleganten Säulengang umschlossen wird. Die Gäste genießen von hier aus einen völlig ungehinderten Blick auf den Golf von Neapolis. Das Auge schweift über die Halbinsel von Surrentum bis hin zum Kap Misenum.

Die wohltuende Wirkung der Thermen

Die nahen Inseln Capreae, Nesis, Prochyta und Aenaria scheinen zum Greifen nahe zu liegen. Die Schiffe mit ihren leuchtend weißen Segeln wirken wie Federn, die sanft über das Wasser treiben. Das Meer nimmt beim nahenden Sonnenuntergang die Farbe von dunklem Gold an. Die Sonne steht nur noch wenig über dem Horizont und wirft einen langen, breiten Strahl über das Wasser.

Sinnliche Unterhaltung durch fremde Tänze

Dieses Licht taucht den Speisesaal der Rectina in eine warme Atmosphäre, die alle Gesichter weicher und friedlicher erscheinen lässt. So wie die Sonne die Wellen des Meeres glättet, haben auch die Thermen ihre wohltuende Wirkung bei der Hausherrin entfaltet. Jegliche Müdigkeit ist von ihr abgefallen und ihre Haut strahlt in gewohnter Frische. Die letzten Sonnenstrahlen wärmen die Anwesenden ebenso wie die zahlreichen Kohlebecken, die auf der Terrasse verteilt stehen.

Die Gäste und die politischen Hintergründe

Diese Becken sollen die Kälte des hereinbrechenden Abends effektiv mildern. Zwei Tänzerinnen aus Gadir lassen ihre Hüften im Rhythmus der Musik kreisen. Ihre Finger bringen die Kastagnetten geschickt und lautstark zum Klappern. Dieser spanische Tanz ist im römischen Reich bereits seit einiger Zeit sehr in Mode.

Der junge Politiker und sein mächtiger Gönner

Er wird den Zerfall des Reiches überdauern und in der östlichen Hälfte zum bekannten Bauchtanz werden, während er im Westen den Flamenco inspiriert. Die Musiker spielen eingängige Melodien und die Doppelflöte gibt den Takt vor. Rectina hat sich wie alle ihre Gäste auf ein Liegesofa gebettet. Ihr Blick folgt einem Sonnenstrahl, der auf einen Teller mit getrockneten Feigen fällt.

Der Aufstieg des Bäckers zur politischen Macht

Ein gellendes Lachen zerreißt das Stimmengewirr, ausgelöst vom jüngsten Gast Gaius Cuspius Pansa. Dieser Ädil von Pompeji wirkt wie ein sehr mächtiger Stadtrat der heutigen Zeit. Mit selbstsicherem Blick überschaut er die Szenerie, obwohl Aknepusteln auf seiner Stirn sein jugendliches Alter verraten. Er war einer der jüngsten Kandidaten für die Wahlen zu diesem Amt.

Geschäfte und gesellschaftlicher Aufstieg

Seine offensiv zur Schau getragene Selbstsicherheit verdankt sich jedoch dem Willen eines anderen Gastes. Dieser Drahtzieher liegt nicht weit von Rectina auf einem Liegesofa, das er mit seiner Frau teilt. Er spricht leise und setzt jedes seiner Worte mit Bedacht ein. Sein Name ist Gaius Iulius Polybius, ein gefürchteter Mann und neuer Mann in der Gesellschaft.

Die Sorgen um die ständigen Erdstöße

Zu Beginn seiner Karriere war er ein einfacher Bäcker, heute gehört er zu den mächtigsten Männern der Stadt. Er vermischt Politik, Geschäft und das Rotlichtmilieu mit lockerer Hand. Seine Frau, die er mit Schmuck überreichlich behängt hat, stopft sich gerade achtlos mit Leckerbissen voll. Der Koch hat diese Speisen mit viel Mühe zubereitet und wurde extra aus Rom kommen lassen.

Die vergebliche Mühe im Angesicht der Natur

Polybius plaudert mit einem Bankier aus Pompeji, während er einen kostbaren Goldring an seinem Finger dreht. Die beiden haben schon öfter miteinander Geschäfte gemacht und besprechen nun ein neues Projekt. Unter dem Säulengang spricht ein kleiner, dicker Mann mit einem Dreiergrüppchen. Es ist Pomponianus, dem eine große Villa in Stabiae gehört.

Kunst und kaiserliche Verwaltung

Er gestikuliert wild und sieht mit seinen groben Zügen fast wie ein Komödiant aus. Vor ihm steht ein Freigelassener und ein weiterer unglaublich reicher Mann einfacher Herkunft. Der reiche Mann wird von einer schönen Frau begleitet, die Tausenden von Männern den Kopf verdreht hat. Sie gehört zu den Schauspielern einer bestimmten Gattung und ist die berühmteste ihrer Zunft in jener Gegend.

Der Abschied in die letzte Nacht

Sie wird häufig in Gesellschaft eines zahlungskräftigen Mannes gesehen, gewöhnlich des Meistbietenden. Neben Pomponianus steht noch ein viel mächtigerer Politiker, der vom Bankier unterstützt wird. Aus den Gesprächen hört man allenthalben die Sorge über die Serie der Erdstöße heraus. Fast jedes Haus beschäftigt mittlerweile mehrere Maurer, um die Schäden zu beseitigen.

Die Stille des Morgens über dem Golf

Die Villa der Rectina wurde vor siebzehn Jahren nach einem starken Erdbeben vollkommen restauriert. Jahr für Jahr müssen die Häuser repariert, Säulen aufgerichtet und Bleirohre erneuert werden. In letzter Zeit werden diese Bemühungen ständig von neuen Erdstößen zunichtegemacht. Es fließt noch mehr Geld in Reparaturen, die bald wieder zerstört werden.

Das Erwachen der Stadt im Morgenlicht

Pomponianus vergleicht das Leben am Golf mit der Strafe des Sisyphos, der einen gewaltigen Stein auf einen Berg schaffen musste. Nur um dann zuzusehen, wie der Stein wieder hinunterrollte und seine Mühsal kein Ende fand. Den jungen gutaussehenden Mann neben ihm interessieren diese Geschichten nicht. Er wendet sich lieber dem Dichter zu, der kunstvoll seine Verse deklamiert.

Der Duft des frischen Brotes

Dieser sensible junge Mann hat Rectina ein besonderes Geschenk mitgebracht, nämlich Rosen aus Ägypten. Diese Importware ist im Herbst äußerst teuer, doch Rectina war ihm stets eine aufrichtige Freundin und Patronin. Neben ihr hat der im Moment wichtigste Mann der Stadt Platz genommen. Der mit Sondervollmacht ausgestattete römische Präfekt wurde vom Kaiser entsandt.

Das Innere der antiken Backstube

Er soll den Wiederaufbau der kaiserlichen und privaten Besitztümer nach dem schweren Erdbeben im Jahr 62 überwachen. Trotz seiner Machtfülle ist er ein freundlicher und gebildeter Mann, der sich nicht von seinen Pflichten abhalten lässt. Das sind die zwölf Gäste, die auf der Terrasse ein Bankett feiern und tatsächlich gelebt haben. Sie haben ihr Leben in den Städten am Golf geführt und den Ausbruch aus nächster Nähe erlebt.

Die Architektur des Backofens

Sobald das Bankett vorüber ist, begeben die Geladenen sich nach Hause und legen sich schlafen. Der weitere Weg durch die Region wird zeigen, was sich in den folgenden Stunden ereignen wird. Das Meer schläft noch und sein langer Atem streicht über die Strände unter dem Vulkan. Der dunkle Wasserspiegel erstreckt sich bis an den Horizont, nur hin und wieder schimmert ein Segel.

Die harte Arbeit der Mühlen

Die Nacht neigt sich dem Ende zu und die letzten Sterne verblassen am Himmel. Über die Hügel des Festlands schiebt sich ein orangeroter Schimmer, der den Horizont in Brand zu stecken scheint. Morgen wird diese Farbe gleichbedeutend mit Feuer und Tod sein, doch das ahnt zu dieser Stunde niemand. Heute liegt noch Stille über allem, gelegentlich nur zerrissen vom Bellen eines Hundes oder dem Schreien eines Esels.

Die Herkunft der Lavasteine

Hähne krähen und ihr Ruf setzt sich von Bauernhof zu Bauernhof fort. Im blauen Licht des Morgens schimmern die Pflastersteine wie die Schuppen eines Reptils. In der Ferne sieht man Schatten hinter einer Kreuzung verschwinden und die Stadt erwacht allmählich. Der süßliche Duft der brennenden Holzscheite in den Backöfen lässt keinen Zweifel aufkommen.

Das Schicksal der Arbeiter im Mühlenraum

Ein Mann im dunkelroten Umhang überquert eilig die Straße auf den Blöcken, die mitten in der Straße aufragen. Diese Steine dienen in der Antike als Fußgängerüberweg. Er biegt in eine Seitengasse ein und geht auf einen bereits geöffneten Laden zu. Das helle Licht davor zieht offensichtlich noch andere Interessenten an, die wie Motten auf das Licht streben.

Die Verarbeitung des wertvollen Mehls

Die Sonne ruht noch, doch die Römer sind im Allgemeinen Frühaufsteher. Da die Antike keine Elektrizität kennt, ist man bestrebt, das Tageslicht so weit als möglich zu nutzen. Wir treten in den Laden, die Wärme tut gut und der rote Schein des Backofens erhellt den Raum. Der Bäcker holt das fertige Brot mit seiner langen Holzschaufel heraus, während sein Lehrling ihm neue Teigstücke reicht.

Der Kauf des morgendlichen Brotes

Über dem Maul des Ofens zeichnet sich eine Terrakottaskulptur in Form eines erigierten Penis ab. Dieses Symbol steht für das Leben, die Fruchtbarkeit und hält das Unglück fern. Der Ofen ist zweiteilig aufgebaut mit einem eckigen Unterbau, der mit Holz befeuert wird. Darüber liegt die Kammer, in der das Brot gebacken wird, und die an einen Iglu erinnert.

Der Verkehr und die Straßen der Stadt

Ganz hinten im Laden sehen wir zwei Maulesel, die weiß vom Mehl sind und die Mühle aus Lavagestein antreiben. Der Bäcker ist sein eigener Müller und die Tiere trotten ständig im Kreis. Die Tiere tragen Lederkappen über den Augen, damit sie nicht scheuen und willfähriger bleiben. Interessanterweise kommen die Lavasteine für die Mahlwerke nicht vom Vesuvius.

Die Vielfalt der Backwaren und Lieferdienste

Sie werden aus Steinbrüchen in der Gegend des heutigen Orvieto importiert. Dies ist ein erstes Anzeichen für den weltumspannenden Handel im Römischen Reich. Wer auch immer am Mühlstein geht, den wird es früher oder später das Leben kosten. In Rom gab es sogar eine Bäckerei, in der Kunden verschwanden, um sich an einen Mühlstein gekettet wiederzufinden.

Süße Spezialitäten und adelige Familien

Die Räume waren extrem beengt, damit mehrere Mühlen betrieben werden konnten, ohne dass die Tiere aneinanderstießen. Der Bodenbelag aus Tonscherben und Kalk sollte verhindern, dass sich Laufrinnen bildeten. Das Mehl schiebt sich bei jeder Umdrehung unter dem Kegel hervor und wird sorgfältig aufgefangen. Das Worfeln des Mahlguts überzieht die ganze Bäckerei mit feinem weißem Staub.

Feine Küche und die Macht des Vulkans

In einem Raum neben dem Backofen wird es von Arbeitern mit Wasser und Backtriebmittel in großen Steintrögen vermengt. Sie verrichten dort eine fortlaufende Arbeit mit einem gewaltigen steinernen Kessel, der von Menschenkraft betrieben wird. Schließlich ruht der Teig mehrere Stunden lang, bevor er nochmals durchgeknetet und zu Laiben geformt wird. Der junge Arbeiter klopft uns rüde auf die Schulter und hält uns das Brot hin.

Die unheilvollen Zeichen der Natur

Wir zahlen eine Münze im Wert von einem As, was etwa der heutigen Kaufkraft von einigen Euro entspricht. Das Brot ist rund und sternförmige Einschnitte teilen es in acht Stücke, damit man es einfach abbrechen kann. Wir lassen das finstere Reich des Brotes hinter uns und mischen uns auf der Straße wieder unter die Menschen. Ein Karren zieht unsere Aufmerksamkeit auf sich, der noch vor Sonnenaufgang die Stadt verlassen musste.

Der unaufhaltsame Druck im Inneren

So will es das Gesetz, das vor mehr als einem Jahrhundert in Rom erlassen wurde. Mit Tagesanbruch wird die Stadt zur gigantischen Fußgängerzone, während nachts die Karren zurückkehren. In der Stadt gibt es etwa 30 Bäckereien, von denen die Hälfte als Großbäckerei Kneipen und Restaurants beliefert. Zuständig für den Transport sind die Träger, die einer mächtigen Zunft angehören und die Wirtschaft schnell in die Knie zwingen können.

Die letzten Botschaften vor dem Erwachen

Die Vielfalt der Brote reicht vom hellen Weißbrot für die Reichen bis zum dunklen Brot für Sklaven und Arme. In der Nähe des Bordells gibt es eine weitere Bäckerei, die auch süße Backwaren anbietet. Dieser Betrieb gehört einer der ältesten Familien von Pompeji, deren Besitzer sein Vermögen mit Weinhandel gemacht hat. Sein Haus ist so prunkvoll ausgestattet, dass es den Namen Marmor-Haus trägt, obwohl der Marmor noch auf dem Boden lagert.

Die thermische Bombe unter der Erde

Am Eingang findet sich ein Graffito, das auf ein durchlöchertes und offenes Haus hinweist. Dieses Graffito wirft die Frage auf, ob die Bewohner nach der Eruption Auftrag gegeben haben, Wertgegenstände zu bergen. Die Köche liebten Überraschungseffekte und servierten gern in Milch eingeweichte Brote, die mit Honig und Pfeffer bestrichen wurden. Doch besitzt die Stadt noch eine Feuerstelle von gigantischen Dimensionen, die bald Tod und Verderben speien wird.

Das Erwachen des Magmasees

Unter den Füßen der arglosen Pompejaner hat sich eine thermische Bombe entwickelt, die in nur fünf Kilometer Tiefe wartet. Es handelt sich um einen Höllensee von apokalyptischen Dimensionen, der sich in einer unterirdischen Kammer gebildet hat. Niemandem war damals bewusst, dass die gesamte Golfregion auf einem solchen Schlund lag. Das Magma hatte die Felsen rundherum erwärmt und ganz plötzlich neue heiße Quellen gebildet.

Die blinden Zeichen der Götter

Heute werten wir dies als klares Anzeichen für vulkanische Aktivitäten, doch vor 2000 Jahren sah man die heißen Quellen als Geschenk der Götter. Der unterirdische Magmasee wurde ständig größer, als Tag für Tag mehr Magma mit Temperaturen von über 1200 Grad in die Kammer floss. Das Magma drückte gegen den Stein und verursachte so die kleinen Erdbeben, die seit Jahren in der Gegend verzeichnet wurden. Der Vulkan sandte seine ersten Zeichen und die Eruption stand unmittelbar bevor, doch niemand wusste die Signale zu deuten.

Das fatale Ende der Sorglosigkeit

Die Pompejaner betrachteten die Erdbeben als eine Eigentümlichkeit der Region und nahmen sie einfach als gegeben hin. Am Tag vor der Eruption wächst der Druck in der Magmakammer exponentiell an. Der Vulkan scheint beschlossen zu haben, dass es bald so weit ist.