Der Korkenzieher als kulturelles Artefakt und begehrtes Anlageobjekt

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Die Geschichte der Menschheit ist nicht nur in großen Monumenten und bedeutenden politischen Verträgen niedergeschrieben, sondern verbirgt sich oft in den scheinbar unscheinbaren Alltagsgegenständen, die das tägliche Leben begleiten. Werkzeuge, die ursprünglich für den puren Genuss und die Geselligkeit entwickelt wurden, wandeln sich im Laufe der Jahrhunderte zu Zeugen technischer Innovationen und kultureller Eigenheiten. Wenn sich der Fokus der Gesellschaft wandelt, gewinnen diese einstigen Gebrauchsgegenstände eine neue Bedeutung, die weit über ihren ursprünglichen Zweck hinausgeht. Aus einfachen Hilfsmitteln werden historische Raritäten, die das Interesse von Geschichtsfreunden wecken und zunehmend in den Fokus von Kapitalanlegern rücken, die nach alternativen und beständigen Werten suchen.

Die Geburtsstunde der Binger Bleistifte

Die Herren der damaligen Zeit wussten offenkundig genau, auf welche Accessoires es in den bedeutenden Weinbauregionen wirklich ankam. Als der Bürgermeister der Stadt Bingen nach einer äußerst produktiven Gemeinderatssitzung Mitte des 18. Jahrhunderts seine Ratherren bat, die besprochenen Ergebnisse schriftlich festzuhalten, musste die gesamte Runde verlegen passen. Keiner der anwesenden Männer führte einen Bleistift bei sich. Um die peinliche Situation zu retten, versuchte das Oberhaupt des für seinen Wein weithin bekannten Städtchens, die Runde mit mehreren Gläsern Scharlachberger Wein zu trösten. Dabei trat er jedoch geradewegs selbst ins Fettnäpfchen, denn er hatte keinen Stopfenzieher zur Hand.

Die rettende Idee der Ratsmitglieder

Seine 21 Ratherren konnten ihm in diesem Moment jedoch aus der Patsche helfen, da jeder von ihnen einen solchen Helfer aus der Tasche kramte. Seit diesem denkwürdigen Ereignis werden diese nützlichen Werkzeuge in Rheinhessen und im benachbarten Rheingau als Binger Bleistifte bezeichnet. Die Anekdote verdeutlicht, wie sehr die Kultur des Weingenusses den Alltag und die Sprache der Menschen in diesen Regionen geprägt hat.

Ein genialer Einfall beim Weingenuss

Auch für den aus Wien stammenden Förster Josef Ressel war ein Stopfenzieher innovationsfördernder als ein herkömmlicher Bleistift. Lange schon hatte der technisch überaus versierte Österreicher über einen effektiveren Schiffsantrieb nachgedacht. Dann, als er in fröhlicher Runde mehrere Flaschen Wein entkorkte, kam ihm die zündende Idee. Die Schiffsschraube müsste seiner Ansicht nach so funktionieren wie ein Korkenzieher, nämlich nach dem Prinzip der archimedischen Endlosschraube. Mit dieser bahnbrechenden Erkenntnis sicherte sich Josef Ressel einen festen Platz in der Reihe großer Erfinder.

Antike Raritäten als lukrative Kapitalanlage

Doch nicht nur auf diese historische Weise kann man mit Korkenziehern Geld verdienen. Manche Menschen sehen in seltenen Sammlerstücken eine überaus lukrative Form der Kapitalanlage. Immerhin werden antike Korkenzieher sogar bei renommierten internationalen Auktionshäusern gehandelt. In den vergangenen 20 Jahren hätten sich die Preise für gesuchte antike Korkenzieher teilweise verfünffacht, wie der Wiener Antiquitäten-Experte Oliver Schützlhofer weiß. Der Wert dieser antiken Stücke bewegt sich denn auch schon lange nicht mehr auf dem Niveau von Trödelmärkten.

Hohe Summen für historische Meisterwerke

Vor einigen Jahren etwa wurde ein englischer Korkenzieher aus dem frühen 18. Jahrhundert für knapp 27.000 Euro versteigert. Ein vergoldeter Taschenkorkenzieher aus dem 18. Jahrhundert wechselte erst bei fast 6.600 Euro seinen Besitzer. Selbst wenn gewiefte Sammler sich auf Trödelmärkten noch manches günstige Stück sichern können, müssen für seltene antike Korkenzieher mittlerweile Summen im 3- oder 4-stelligen Bereich investiert werden. Besonders interessant sind natürlich Stopfenzieher, die nur in geringer Auflage hergestellt wurden und vor 1938 entstanden sind.

Die Bedeutung der Herkunft und Qualität

Eine hohe Qualität und eine ansprechende Optik erhöhen den Wert dieser Objekte beträchtlich. Gefragt sind antike Korkenzieher aus Großbritannien, Frankreich und Italien, aber auch aus Deutschland. Vor allem die Region um das thüringische Städtchen Schmalkalden und Solingen gelten als interessante Provenienzen. Für viele Anleger, die in edle Weine investieren, stellen antike Korkenzieher eine attraktive Beimischung dar. Wenn erst einmal die Wein-Investoren aus den asiatischen aufstrebenden Nationen den besonderen Reiz dieser Sammlerstücke entdeckt haben, dürften die Preise weiter steigen.

Die ewige Suche nach der perfekten Öffnung

Wer nun noch in dieses Marktsegment einsteigen will, hat die Qual der Wahl. Die Frage, wie ein Kenner formvollendet und mit möglichst wenig Kraftaufwand eine Weinflasche öffnet, beschäftigte zahlreiche Handwerker, Erfinder und Tüftler. Seit über 350 Jahren werden Flaschen mit Korken verschlossen. Genau seit dieser Zeit macht man sich Gedanken darüber, wie man sie elegant und zuverlässig wieder aus dem Flaschenhals herausbekommt, wie Bernhard Maurer vom Korkenzieher-Museum Kaiserstuhl betont. Seine Sammelleidenschaft begann, als er 1995 auf einem Trödelmarkt am Genfer See die ersten Korkenzieher erstand.

Patente und technische Weiterentwicklungen

Weltweit existieren Tausende von Korkenzieherpatenten und entsprechend viele Korkenziehermodelle. Das erste Patent meldete der Engländer Samuel Henshall im Jahr 1795 an. Der besondere Vorteil der Erfindung bestand darin, dass sich oberhalb der Schraube, die sich in den Korken bohrt und von Kennern Krätzer genannt wird, eine Scheibe befand. Sie stoppte die Einschraub-Bewegung und setzte den Korken in Drehung. Trotzdem war viel Kraftaufwand erforderlich, um den Korken aus dem Flaschenhals zu ziehen.

Der Komfort des gegenläufigen Gewindes

Eine komfortablere Lösung erfand der Engländer Sir Edward Thomason, die er am 7. Mai 1802 zum Patent anmeldete. Sein Korkenzieher setzt die Drehbewegung des Einschraubens fort, allerdings über ein gegenläufiges Gewinde, das den Korken behutsam nach oben zieht. Doch geniale Lösungen versprechen nicht immer hohe Renditen. Gerade Korkenzieher, die sich im Alltag als nicht sonderlich praktisch erwiesen, wurden nur in geringen Stückzahlen hergestellt. Diese Modelle sind heute entsprechend gesucht und teuer auf dem Auktionsmarkt.

Die Ironie der praktischen Nutzbarkeit

Und gäbe es die Binger Bleistifte noch, die vom häufigen Gebrauch angeblich so blank waren wie neue Silbertaler, würden sie auf Auktionen wohl Höchstpreise erzielen. Wertentscheidende Kriterien sind bei antiken Korkenziehern das Material, ausgefallene Formen, eventuell gravierte Ornamente, die Provenienz und natürlich die Seltenheit. Immer wieder kreierten Künstler Skulpturen in geringer Auflage, wobei Namen wie Isabel Klett, Otmar Alt und E. A. Langenberg besonders hervorstechen. Entsprechende Museen finden sich in nahezu allen europäischen Ländern, die Weinbau betreiben.

Ein Ort der besonderen Faszination

In Deutschland ist das Korkenzieher-Museum Kaiserstuhl in Vogtsburg-Burkheim bei Breisach absolut zu empfehlen. Dort können Besucher die faszinierende Entwicklung dieser alltäglichen Werkzeuge hautnah erleben. Die Ausstellung zeigt eindrucksvoll, wie aus einem einfachen Gebrauchsgegenstand ein Stück Kulturgeschichte wurde.