Die wirtschaftlichen und identitären Wurzeln der amerikanischen Unabhängigkeitsbewegung
Screenshot youtube.comDie Vorgeschichte der amerikanischen Unabhängigkeitsbewegung ist von einem vielschichtigen Zusammenspiel wirtschaftlicher Abhängigkeiten und sich wandelnder gesellschaftlicher Identitäten geprägt. Lange vor dem offenen Ausbruch der Revolution formten sich in den nordamerikanischen Kolonien Strukturen, die das Verhältnis zum britischen Mutterland zunehmend belasteten. Es handelte sich um eine Ära des Umbruchs, in der traditionelle Bindungen an moderne ökonomische Realitäten prallten und ein neues Selbstbewusstsein jenseits des Atlantiks erwachte.
Die verhängnisvollen Währungsgesetze und ihre Folgen
Obwohl die Bewohner der nordamerikanischen Kolonien als wohlhabend galten, fehlte es ihnen an echtem Reichtum im Sinne von verfügbarem Bargeld. Während die spanischen und französischen Herrscherhäuser in ihren lateinamerikanischen Besitzungen eigene Münzprägestätten betrieben, blieben solche Einrichtungen in den britischen Gebieten völlig aus. Dieser Mangel führte zu einer chronischen Unterversorgung der Wirtschaft mit Kapital und zwang die Menschen teilweise dazu, spanische Münzen anstelle der britischen Währung zu verwenden. Um die größte Not zu lindern, gaben die einzelnen Kolonien eigene Papierwährungen heraus, die jedoch schnell den Ruf erlangten, inflationär und wertlos zu sein. Angesichts dieser prekären Lage drängten britische Kaufleute und Bankiers die Regierung in London dazu, die kolonialen Zahlungsmittel für ungültig zu erklären.
Wirtschaftlicher Aufschwung und wachsendes Selbstbewusstsein
In den Jahren 1751 und 1764 erließ die britische Regierung entsprechende Gesetze, die diese Papierwährungen tatsächlich außer Kraft setzten. Der Druck aus der Londoner Finanzwelt resultierte weniger aus antiamerikanischen Ressentiments, sondern vielmehr aus der Angst der Geldgeber, auf völlig wertlosem Papier sitzen zu bleiben. Aus der Sicht der Kolonisten bedeuteten diese Gesetze jedoch eine Katastrophe, da sie die wirtschaftliche Unterfinanzierung weiter verschärften. Die amerikanische Landwirtschaft und die aufkeimende Industrie wurden dadurch vollständig von den Krediten britischer Geldgeber abhängig. Gleichzeitig hatten die Finanzkreise in London ein massives Interesse am Gedeihen des amerikanischen Marktes und lenkten hohe Investitionen in die Kolonien.
Tradition und Moderne in einer instabilen Umbruchszeit
Diese großzügigen Kredite kurbelten die amerikanische Produktion und den Konsum erheblich an. Man darf sich die Kolonien im Jahr 1770 keinesfalls als rückständige Provinzen am Rande eines weltumspannenden Imperiums vorstellen. Vielmehr handelte es sich um aufstrebende Regionen, die in vielerlei Hinsicht mit dem imperialen Zentrum mithalten konnten und manche innerimperialen Konkurrenten bereits überflügelt hatten. Diese wirtschaftliche Entwicklung hatte eine doppelte Wirkung, denn sie beförderte das Entstehen einer transatlantischen Oberschicht. Gleichzeitig begünstigte sie die Herausbildung eines spezifischen Selbstbewusstseins bei den kolonialen Eliten, das sich in Krisenzeiten gegen die britische Vorherrschaft richten konnte.
Das vage Verständnis der britischen Identität
Die Menschen in Boston, Philadelphia, New York oder Virginia wollten auf Dauer nicht länger eine untergeordnete Rolle spielen. Die sozioökonomische Analyse bestätigt die These von der ambivalenten Umbruchszeit, welche für das Umfeld der Revolution so charakteristisch war. Wie in Großbritannien liefen traditionale und modernisierende Prozesse nebeneinanderher und wirkten aufeinander ein, ohne dass es zu einem echten Ausgleich gekommen wäre. Diese Instabilität bildete zwar noch keine hinreichende Basis für eine Revolution, schuf aber die notwendigen Voraussetzungen dafür. Je länger dieser instabile Zustand anhielt, desto eher konnte es zu kleineren oder größeren sozialen Explosionen kommen.
Protestantismus, Freiheit und die Abgrenzung zum Katholizismus
Der soziale und ökonomische Zünder war bereits am Glimmen, was sich noch viel mehr auf der Ebene der Identität zeigte. Wenn etwas die Kolonien untereinander und mit dem Mutterland verband und sie zugleich trennte, dann war es das Verständnis der gemeinsamen britischen Identität. Niemand konnte präzise definieren, was dieses Konzept eigentlich bedeutete, da es sich vornehmlich auf soziale Praktiken bezog und keine einheitliche Theorie darstellte. Je nach politischer Gesinnung, gesellschaftlichem Stand oder regionaler Herkunft konnten völlig unterschiedliche Vorstellungen mit dem überwiegend positiven Gefühl verbunden sein, dieser Gemeinschaft anzugehören. Man muss dieses Konzept jedoch davor bewahren, es voreilig mit dem liberalen Nationalismus des 19. Jahrhunderts gleichzusetzen.
Der Einfluss der Aufklärung und der antiken Vorbilder
Obwohl es spätestens seit den 1750er Jahren einen glühenden gesamtbritischen Patriotismus auf beiden Seiten des Atlantiks gab, hielten sich gleichzeitig dynastische und religiöse Loyalitäten. Die Abgrenzung gegenüber den katholischen Mächten Frankreich und Spanien zählte zu den zentralen Elementen dieses Zugehörigkeitsgefühls. Diese Haltung beinhaltete die dualistische Vorstellung, allein die Briten seien fähig, die Welt vor der Tyrannei des katholischen Absolutismus zu bewahren. Freiheit und Protestantismus gingen in dieser Vorstellung Hand in Hand und konnten erste frühe Ansätze zu einem spezifischen Rassismus beinhalten. Allerdings blieb völlig unklar, welche Form des Protestantismus eigentlich gemeint war, da verschiedene Glaubensrichtungen um die Definitionshoheit rangen.
Regionale Unterschiede und die Bruchlinien der Gesellschaft
Für alle Beteiligten war jedoch klar, dass der Katholizismus in keiner Verbindung zur Idee der Freiheit stand. Der Freiheitsbegriff selbst blieb vage und bezog sich im Vordergrund auf die Tradition der Rechte des freien Engländers, was die Abwesenheit absolutistischer Willkürherrschaft meinte. In bildungsbürgerlichen Schichten kam die Rezeption der angloschottischen Aufklärung hinzu, die divergierende Formen protestantischer Religiosität zu integrieren vermochte. Ebenso wichtig wie die Lektüre bedeutender Philosophen war die Antikenrezeption, die bis zum Ausgang des 19. Jahrhunderts eine ungebrochene Beliebtheit genoss. Gerade die römische Antike galt in Großbritannien und Nordamerika als imperiales Vorbild, dem man nacheifern und das man übertreffen wollte.
Die Expansion in die umstrittenen Grenzgebiete
Je nach gesellschaftlichem Status konnten bestimmte architektonische und künstlerische Moden die gemeinsame Gesinnung ausdrücken. Schließlich darf die Bedeutung der gemeinsamen englischen Sprache nicht vergessen werden, die in Schottland, Wales und Irland systematisch durchgesetzt wurde. Die Frage, ob dieses Identitätskonzept inklusiv oder exklusiv zu verstehen sei, wurde nie richtig geklärt, weswegen jeder das Konzept nach eigenem Gusto auslegen konnte. Selbst die weltanschaulichen Trennlinien unterschieden sich von Region zu Region und reichten von konfessionellen Konflikten bis hin zu rassischer Abgrenzung. Die Idee der gemeinsamen Zugehörigkeit einte also nicht nur diejenigen, die sich auf sie beriefen, sondern machte auch die Bruchlinien deutlich, die die Gesellschaft durchzogen.
Der 100-jährige Konflikt und der Weg in die Krise
Der Siebenjährige Krieg intensivierte die bereits zuvor angelegten Kontroversen noch einmal und befeuerte die glimmenden Lunten. Er kehrte den überwältigenden Sieg aller Briten aus dem Jahr 1763 in sein Gegenteil und wurde zu einer verheerenden Niederlage für das Weltreich. Dies vermochte er nur, weil er einen so überwältigenden Sieg der britischen Seite gebracht hatte, der erstmals Nordamerika in den Mittelpunkt geostrategischen Handelns rückte. Der Konflikt begann im Jahr 1754 mit einer unüberlegten Aktion im Ohio-Tal, ausgelöst durch den Landhunger der britischen Siedler. Seit der Gründung der Kolonien befanden diese sich in einem Machtkampf mit den spanischen und französischen Besitzungen in Nordamerika.
Die Rolle der indigenen Völker und französische Kolonialpolitik
In dieses Ringen wurden rasch die umliegenden indigenen Stämme einbezogen, die eigene Allianzsysteme bildeten und in Handelsnetzwerke integriert wurden. Besonders der profitable Handel mit Biberpelzen wäre ohne die indigenen Jäger undenkbar gewesen, während diese ihren Vorteil in der Kooperation mit den europäischen Mächten suchten. Frankreich verfügte über ein klar geregeltes Rechtsverhältnis zu seinen Kolonien und bevorzugte eine zentralisierte Kolonialpolitik mit präzise abgegrenzten Rechten. Die französischen Stützpunkte waren primär militärisch abgesicherte Handelsposten, in denen das feudale Lehnswesen und die katholische Hierarchie konsequent umgesetzt wurden. Französische Waldläufer und Missionare lebten eng mit den indigenen Völkern zusammen, sprachen ihre Sprache und tolerierten Mischehen, was sie zu beliebteren Bündnispartnern machte als die Briten.
Britischer Landhunger und der Weg in den Konflikt
Die Briten hingegen standen in guten Beziehungen zur gefürchteten Irokesen-Konföderation, während die französische Präsenz im Ohio-Tal sowohl aus britischer als auch aus indigener Sicht mehr als ärgerlich war. Die Kolonialbriten benötigten dringend neues Land, um soziale Spannungen abzubauen und durch Bodenspekulationen viel Geld zu verdienen. Deswegen wurde im Jahr 1747 eine Kompanie gegründet, an der die einflussreichsten Großgrundbesitzer der Kolonie beteiligt waren und für die der junge George Washington als Landvermesser arbeitete. Im Sommer 1753 erlaubte die britische Handelsbehörde die Ansiedlung britischer Siedler im Ohio-Tal, was den Konflikt mit Frankreich weiter anheizte. Dies zeigt, dass der britischen Regierung zu diesem Zeitpunkt noch die Furcht fehlte, eine weitere Expansion der Festlandskolonien würde deren Unabhängigkeitswillen stärken.
Der unaufhaltsame Drang nach Westen
Ehe jedoch offizielle Siedler auftauchten, strömten Händler aus Virginia in das Land, das heute die Bundesstaaten Ohio, Kentucky und Tennessee sowie das westliche Pennsylvania umfasst. Diese Region war damals weithin bekannt als ein dunkler und blutiger Boden, auf dem die unterschiedlichen Machtinteressen unerbittlich aufeinanderprallten.
















