Kinderlos und dennoch fruchtbar: Wie Ordensleute durch die Weitergabe an nachfolgende Generationen Erfüllung und Lebenssinn finden
Screenshot youtube.comDie Frage, was ein Leben ohne eigene Kinder bedeutet und wie sich der Wunsch nach Weitergabe und bleibender Spur dennoch erfüllen kann, betrifft weit mehr Menschen, als es auf den ersten Blick erscheinen mag. In einer Gesellschaft, in der die traditionellen Familienstrukturen sich wandeln und immer mehr Menschen ohne eigene Nachkommen leben, gewinnt die Suche nach alternativen Formen der Fürsorge und der generationsübergreifenden Verbundenheit an Dringlichkeit. Ordensleute haben sich seit Jahrhunderten bewusst für ein Leben ohne eigene Kinder entschieden und dabei Wege entwickelt, ihre mütterlichen und väterlichen Kräfte in den Dienst anderer zu stellen. Ihre Erfahrungen können Menschen, die unfreiwillig kinderlos geblieben sind, ebenso wie jenen, die sich aus freien Stücken gegen Kinder entschieden haben, wertvolle Orientierung bieten. Der folgende Text widmet sich den Lebensgeschichten von Ordensfrauen und Ordensmännern, die zeigen, dass ein Leben ohne eigene Kinder kein leeres Leben sein muss, sondern eine besondere Form der Fruchtbarkeit hervorbringen kann.
Die Entscheidung zur Kinderlosigkeit im Ordensleben
Ordensleute haben, von wenigen Ausnahmen abgesehen, keine leiblichen Kinder, und mit der Entscheidung für ein Ordensleben ist die Entscheidung zur Kinderlosigkeit genauso verbunden wie die zur Ehelosigkeit, zur Armut und zum Gehorsam. Das mag sich stimmig anfühlen, wenn man sich ohnehin keine Kinder wünscht, doch es kann auch ein großes Opfer sein, das man für ein Leben der Hingabe an Gott und im Dienst an den Menschen zu bringen bereit ist. Die Kinderlosigkeit ist kein Nebeneffekt des Ordenslebens, sondern ein wesentlicher Bestandteil der Lebensform, die eine bewusste und endgültige Entscheidung verlangt. Wer diesen Weg wählt, weiß, dass er auf die Erfahrung verzichten wird, ein eigenes Kind aufwachsen zu sehen und die eigene Familie in die nächste Generation hinein zu begleiten. Diese Entscheidung erfordert Mut und eine tiefe innere Gewissheit, die den Verzicht trägt und ihm einen Sinn verleiht.
Kinderlosigkeit als gesellschaftliche Wirklichkeit
In Deutschland sind 20 Prozent der über 45-Jährigen kinderlos, und viele von ihnen sind es nicht freiwillig, sondern aufgrund von Umständen, die sich ihrem Einfluss entzogen haben. Das Thema Kinderlosigkeit betrifft also sehr viele Menschen und ist keine Randerscheinung, die nur eine kleine Gruppe betrifft. Da alle Ordensmitglieder sich spätestens ab ihrem Ordenseintritt dessen bewusst sind, dass sie keine Kinder haben werden, ist es interessant zu sehen, wie diese Gruppe damit umgeht und welche Strategien sie entwickelt hat. Die Ordensleute können als Vorbilder dienen für alle, die ohne eigene Kinder leben und dennoch ein erfülltes und sinnvolles Leben führen möchten. Ihre Erfahrungen zeigen, dass Kinderlosigkeit nicht das Ende der Weitergabe bedeutet, sondern den Anfang einer anderen Form der Fürsorge.
Der Schmerz der Kinderlosigkeit im Alter
Viele der Frauen und Männer, die sich für ein Ordensleben entschieden haben, kennen den Schmerz der Kinderlosigkeit, der sich bis ins hohe Alter hineinziehen kann und nie ganz verstummt. Eine knapp 90-jährige, aber noch sehr rüstige Ordensfrau spricht in ihrer Lebenserzählung offen über dieses Thema und gesteht, dass sie eine Zeit lang beim Gang durch die Stadt die Großeltern beobachtete, die für ihre Enkel da waren und mit ihnen spielten. Sie hält inne, offensichtlich berührt von den Bildern, die in ihr aufsteigen, und man spürt, dass der Verzicht auch nach vielen Jahrzehnten noch eine leise Wunde hinterlässt. Dann gibt sie sich einen Ruck und wendet sich dem Gesprächspartner zu, um nach dessen Kindern und Großeltern zu fragen. Diese Geste zeigt, dass der Schmerz der Kinderlosigkeit nicht verschwindet, aber er kann in eine offene und zugewandte Haltung gegenüber anderen Menschen verwandelt werden.
Generativität als Schlüssel zur Lebenszufriedenheit
Kinderlosigkeit kann sehr schmerzlich sein, doch Ordensleute können, ebenso wie andere kinderlose Männer und Frauen, dennoch viel an nachfolgende Generationen weitergeben. In der Entwicklungspsychologie nennt man diesen Vorgang Generativität, und er wird definiert als die Sorge für oder die Investition in jüngere oder zukünftige Generationen. Es bedeutet, sich um jüngere Menschen zu kümmern oder sich für die nachfolgenden Generationen einzusetzen, und es umfasst sowohl den Wunsch als auch die Fähigkeit, eine bleibende Spur in der Welt zu hinterlassen. Generativität ist für jeden Menschen erreichbar und nicht nur jenen vorbehalten, die eigene Kinder haben. Zahlreiche Studien haben gezeigt, dass das Bewusstsein, dass das eigene Leben in dieser Welt positiv nachwirken wird, einen bedeutenden Einfluss auf die Lebenszufriedenheit im Alter hat.
Die weite Definition der Generativität
Bereits der Entwicklungspsychologe, der den Begriff der Generativität geprägt hat, beschränkte diese nicht auf das Aufziehen eigener Kinder. Er zählte dazu auch das Unterrichten, schöpferische Leistungen in Kunst und Wissenschaft sowie das soziale Engagement in der Gemeinschaft. Generativität kann sich in unzähligen Formen ausdrücken, vom Mentoring eines jungen Menschen über die Weitergabe von handwerklichem Wissen bis hin zur politischen Arbeit für die Belange der kommenden Generation. Entscheidend ist nicht die biologische Weitergabe des eigenen Erbguts, sondern die bewusste Investition in das Leben anderer Menschen. Wer diese Haltung einnimmt, kann auch ohne eigene Kinder ein Leben führen, das von Fülle und Bedeutung geprägt ist.
Ordensgemeinschaften als Orte der Generativität
Da Ordensgemeinschaften sich vielfältig sozial für Kinder und junge Leute engagieren und da sie häufig in Bildungseinrichtungen tätig sind, mangelt es Menschen aus solchen Gemeinschaften trotz ihrer Kinderlosigkeit nicht generell an Generativität, oftmals ganz im Gegenteil. Der Wunsch, sich um Kinder zu kümmern, kann sogar eine Motivation für das Ordensleben darstellen und den Ausschlag für die Entscheidung geben, diesen Weg einzuschlagen. Die Gemeinschaft bietet einen Rahmen, in dem die fürsorglichen und erzieherischen Kräfte des Einzelnen kanalisiert und auf eine Vielzahl von jungen Menschen gerichtet werden können. Auf diese Weise wird die Kinderlosigkeit nicht zu einem Verlust, sondern zu einer Erweiterung der Fürsorge, die über die eigene Familie hinausgreift. Die Ordensleute finden in ihrer Gemeinschaft eine zweite Familie, die ihnen die Möglichkeit gibt, ihre elterlichen Seiten auszuleben.
Schwester Dietrich und der Traum von der großen Familie
Eine Ordensfrau, die aus einer kinderreichen Familie stammt, hatte in ihrer Jugend zunächst davon geträumt, selbst einmal eine große Familie zu haben. Sie war stilvoll und bei aller klösterlichen Schlichtheit doch elegant gekleidet, und ihr Zimmer war mit gerahmten Fotos geschmückt, die in großer Zahl an den Wänden hingen oder im Regal aufgestellt waren und auf denen die Menschen zu sehen waren, die in ihrem Leben wichtig gewesen sind. Der Raum war sehr ansprechend und geschmackvoll gestaltet, und man spürte sofort die Wärme und Herzlichkeit dieser Frau. Als sie kurz vor dem Abitur stand, sprach ein Jesuitenpater in ihrer Schule zu verschiedenen geistlichen Themen, und diese Begegnung veränderte ihr Leben grundlegend. Das Thema an diesem Tag war die Wahl des Lebensweges, und es löste bei ihr viele Gedanken aus, die sie nicht mehr losließen.
Die Begegnung mit dem Pater und die neue Spur
Sie sprach mit dem Pater, der sie ganz direkt fragte, was sie denn einmal werden wolle und wie sie sich ihr Leben vorstelle. Sie antwortete, dass sie gerne heiraten möchte, denn sie würde gerne viele Kinder haben. Der Pater, der Schuldirektor war, erwiderte daraufhin, dass man dazu nicht heiraten müsse, und verwies auf sich selbst und die vielen Schüler, die er begleite. Er sagte, er habe so viele Söhne, die er natürlicherweise gar nicht in die Welt setzen könnte. Die junge Frau fand diese Antwort verwegen, aber dennoch setzte sie sie auf eine neue Spur, die sie nicht mehr verlassen sollte. Die Erkenntnis, dass man von Christus erfüllt sein und aus dieser Kraft heraus für andere Kinder da sein kann, wurde zum Leitgedanken ihres weiteren Lebens.
Die Bestätigung im Gottesdienst
An dem Sonntag nach dieser Begegnung wurde im Gottesdienst eine Bibelstelle aus einem Paulusbrief vorgelesen, die von dem guten Werk sprach, das begonnen wurde und das auch vollendet werden würde. Für die junge Frau war diese Lesung eine Zusage und eine Ermutigung, auf der eingeschlagenen Spur zu bleiben und den Weg weiterzugehen. Sie empfand die Worte als eine persönliche Ansprache, die ihr die Gewissheit gab, dass ihre Entscheidung richtig war. Diese Erfahrung zeigt, wie ein einzelner Satz, zur rechten Zeit gehört, eine ganze Lebensrichtung bestimmen kann. Die junge Frau trat in den Orden ein und wurde Lehrerin, und über mehrere Jahrzehnte hinweg begleitete und prägte sie viele Kinder und Jugendliche.
Sophie Barat und die Gründung des Ordens
Die Ausbildung, Förderung und geistliche Prägung junger Menschen war auch das Anliegen der Gründerin des Ordens, zu dem Schwester Dietrich gehört. Die Kindheit der Gründerin wurde durch die Französische Revolution erschüttert, als sie 10 Jahre alt war, und sie erlebte die Herrschaft der Jakobiner und bangte um ihren geliebten großen Bruder, der nur knapp der Hinrichtung entkam. Sie war Zeugin eines dramatischen gesellschaftlichen Umbruchs, der für viele Menschen mit großem Leid verbunden war. Diese Erfahrung führte sie zu der Überzeugung, dass Menschen gebraucht werden, die Gerechtigkeit, Humanität und soziale Verantwortung in diese Welt tragen. So wurde es ihr Anliegen, Frauen auszubilden, die dies als ihre persönliche Verpflichtung annehmen und die Gesellschaft zum Positiven verändern.
Bildung für alle Schichten der Gesellschaft
Mit dieser Motivation eröffnete die Gründerin Internate für Mädchen aus höheren Schichten der Gesellschaft, aber an all diesen Orten immer auch Freischulen für Arme und Heime für Waisenkinder. Denn auch das war ein großes Anliegen von ihr: benachteiligten Mädchen und Jungen eine gute Bildung zu geben, die es ihnen ermöglicht, ihren Lebensunterhalt zu verdienen und eine achtbare Stellung in der Welt zu erlangen. Die Bildung war für sie kein Privileg der Reichen, sondern ein Recht aller Kinder, unabhängig von ihrer Herkunft. Diese Haltung war für ihre Zeit revolutionär und legte den Grundstein für eine Ordensgemeinschaft, die sich bis heute der Bildung und Förderung junger Menschen widmet. Die Gründerin schuf damit eine Form der Generativität, die über Generationen hinweg Bestand haben sollte.
Viele Wege der Generativität
Doch die Ausbildung und Förderung von Kindern und Jugendlichen ist nur eine von unzähligen Möglichkeiten, ein Leben ohne eigene Kinder zu führen, in dem sich der Wunsch erfüllt, etwas an die nächste Generation weiterzugeben. Es ist nicht einmal nötig, einen Beruf zu ergreifen, der mit Kindern zu tun hat, denn auch in einem Ehrenamt, in der Nachbarschaft oder in der Verwandtschaft kann man mütterliche und väterliche Rollen leben. Obwohl im Alter dafür mehr Zeit ist als in den Jahren der Berufstätigkeit, ist es gut, wenn man damit nicht allzu spät anfängt. Denn wenn man sich in einer Aufgabe geübt und dabei auch Beziehungen aufgebaut hat, ist es oft möglich, diese bis ins hohe Alter zu übernehmen. Die Generativität braucht keinen bestimmten Beruf und keine bestimmte Lebensform, sondern nur die Bereitschaft, sich für andere einzusetzen.
Der 98-jährige Pater und die Kinderklinik
Ein 98-jähriger Jesuit zeigt in seinem Zimmer einen großen Stapel Adventskalender, die auf dem Schreibtisch liegen und die er demnächst in einer Kinderklinik verteilen wird. Er hatte über Jahrzehnte jedes Wochenende dort ausgeholfen, da die Schwestern keinen Hausgeistlichen mehr hatten. Weil er dort so gut bekannt ist und weil er sich dort seit Jahren gut auskennt, hat er auch noch als beinahe 100-Jähriger dort eine Aufgabe. Auch viele andere Schwestern und Patres haben früh angefangen, sich für Jüngere einzusetzen, und dann einfach nie damit aufgehört. Sie haben immer das gemacht, was ihnen eben noch möglich war, und so engagieren sie sich noch in hohem Alter in politischen oder in kirchlichen Gremien, geben Nachhilfe, machen Hospizarbeit oder beraten junge Menschen.
Die bleibende Spur einer Lehrerin
Schwester Dietrich, die man als kinderlose Mutter vieler Kinder bezeichnen könnte, erzählt, dass sie viele enge Schülerbeziehungen weiterführen konnte. Sie erinnert sich an einen Jungen, der nur 4 Jahre bei ihnen war und dann auf ein evangelisches Gymnasium ging. Als sie ihn und seine Familie einmal besuchte, fragte der damals 10- oder 11-jährige Junge sie, ob sie sich vorstellen könne, dass in seiner neuen Schule im ganzen Jahr im Religionsunterricht noch kein Mal in der Bibel gelesen worden sei. Der Junge fragte daraufhin, ob er nicht alle 14 Tage zu ihr kommen könnte, um über Dinge zu reden, die ihn bewegten. Er kam tatsächlich alle 14 Tage, und selbst als er Jahre später konfirmiert wurde und zum Konfirmandenunterricht ging, blieb er bei ihr und kam weiter.
Die Freundschaften der Schwester Arndt
Schwester Arndt freut sich besonders über die Freundschaften, die zu Müttern ihrer Schüler entstanden waren. Sie ist eine sehr kommunikative Frau, die während eines Besuchs in ihrer Kommunität auch bei den Mahlzeiten und in den Pausen immer wieder den Kontakt sucht. Sie ist stolz darauf, dass sie auch nach mehreren Jahrzehnten der Pensionierung noch mit 3 Müttern von ehemaligen Schülern befreundet ist und auch mit einer ganzen Reihe der ehemaligen Schüler selbst. Sie hat sich offensichtlich sehr um viele Einzelne gekümmert, und mit einigen hat sich bis heute eine Freundschaft gehalten. Eine dieser Mütter lud Schwester Arndt kürzlich sogar zu einer Reise nach Portugal ein, ein wunderschönes Erlebnis für diese alte Frau, die darauf verzichtet hatte, eigene Kinder aufzuziehen.
Der Dank der ehemaligen Schüler
Immer wieder erzählen Ordensleute von Menschen, in die sie früher investiert haben, die sie unterrichtet oder betreut haben und zu denen heute noch Kontakte bestehen. Manchmal berichten sie auch von Anrufen oder kurzen Zufallsbegegnungen, in denen die ehemaligen Schüler oder Kindergartenkinder ihnen danken für die Rolle, die sie in ihrem Leben gespielt haben. Es ist spürbar, dass dies für die alten Schwestern und Patres sehr wertvoll ist und ihnen eine tiefe Befriedigung schenkt. Ein Pater, der in seinem Leben sehr viele jüngere Menschen begleitet hat, erzählt mit leuchtenden Augen von einer Frau, die ihn angerufen habe, um ihm zu danken und ihm zu sagen, dass er sie ins Leben geführt habe. Bei solchen Anrufen erkenne er, dass die Hand Gottes auf seinem Leben gewesen sei.
Schwester Maithaler und ihre Liebe zur Welt
Schwester Maithaler hat als Lehrerin gearbeitet, bevor sie leitende Aufgaben im Orden übernahm, und heute genießt sie die Freiheiten, die sie im Alter hat. Sie ist eine warmherzige Frau, die über lange Jahre große Verantwortung getragen hat, aber dennoch vital und fröhlich von ihrem Leben berichtet. Sie geht gern im Park spazieren, liest leidenschaftlich gerne theologische Bücher, Literatur und auch Kriminalromane, und sie ist sehr viel gereist in den vergangenen Jahren. Sie hat viele Kontakte zu Schwestern aus verschiedenen Ländern, liebt aber auch die Stille und kennt keine Langeweile. Ihr Vorbild ist Jesus, der sich immer wieder zurückzog, aber sofort kam, wenn jemand ihn brauchte.
Der Schüler, der zum Dirigenten wurde
Schwester Maithaler hat noch viele Beziehungen zu jüngeren Menschen, die einmal in ihrer Obhut waren, und eine davon ist besonders berührend. Sie erzählt von einem Schüler, der ein begnadeter Geiger war und schon als Schüler Preise bekommen hatte, dann Karriere machte, zuerst als Geiger und dann als Dirigent. Sie sieht ihn immer wieder im Fernsehen oder hört ihn im Radio und war auch schon in dem einen oder anderen Konzert. Anschließend schreibt sie ihm jedes Mal eine Nachricht, dass es so schön war und sie sich gefreut hat, und darauf erhält sie jedes Mal eine Antwort. Eines Tages schrieb er ihr, dass er ein Konzert in ihrer Stadt dirigiere und eine Karte für sie an der Abendkasse hinterlegen werde.
Der Abend in der Loge
Am nächsten Morgen öffnet Schwester Maithaler strahlend die schwere Eingangstür des Ordenshauses und erzählt, dass der Abend wunderschön gewesen sei. Sie hatte in einer Loge gesessen, in die sonst nur die Prominenz hineindarf, und war noch ganz beseelt von dem Erlebnis. Nach dem Konzert gab es wieder einen kleinen Austausch per Nachricht mit dem berühmten Dirigenten, dem Jungen, der einst bei ihr die Schulbank gedrückt hatte. Diese Beziehung zwischen einer alten Lehrerin und einem weltberühmten Musiker zeigt, wie Generativität über Jahrzehnte hinweg Früchte tragen kann. Die Investition in einen jungen Menschen kann ein Leben lang Bestand haben und noch im hohen Alter Freude und Erfüllung schenken.
Die Familie als Feld der Generativität
Aber nicht nur berufliches Engagement ermöglicht Generativität, denn für Kinderlose besteht oft die Möglichkeit, Beziehungen zu den Kindern ihrer Angehörigen aufzubauen, beispielsweise zu Neffen und Nichten. Dann auch wieder zu deren Kindern, also den Enkeln ihrer Geschwister, und manchmal auch zu weiteren Verwandten und deren Kindern. Diese Beziehungen haben oft bis zum Ende des Lebens Bestand und sind daher im Alter sehr wichtig. Natürlich ist es auch für Ordensleute aufwändig, diese Beziehungen zu pflegen, denn sie sind alle sehr beschäftigt und leben oft weit von den Mitgliedern der Herkunftsfamilie entfernt. Aber in vielen Fällen lassen sich Lösungen finden, wenn die Entfernung größer ist, werden manchmal die Urlaube gemeinsam verbracht oder regelmäßig Familientreffen organisiert.
Die Mutter im Ordenshaus
Schwester Maithaler konnte sogar ihre Mutter im Ordenshaus aufnehmen, um sie in ihren letzten Jahren selbst zu pflegen. Vier Jahre lang lebte die Mutter in ihrem Zimmer und starb dann dort ganz friedlich im Alter von 98 Jahren. Die Mutter hatte jeden Abend gesagt, dass sie nicht so viel geweint hätte, als ihre Tochter ins Kloster ging, wenn sie gewusst hätte, wie schön ihr Lebensabend werden würde. Sie hatte sich so wohl gefühlt im Ordenshaus und nur einem befreundeten Bischof, der sie fragte, wie es ihr gehe, erklärt, dass es ihr sehr gut gehe, nur mit der Oberin habe sie immer Schwierigkeiten. Die Oberin war ihre eigene Tochter, und beide lachten herzlich über diesen Spruch.
Der Abschied von der Familie beim Eintritt
Es ist sehr verständlich, dass die Mutter viel geweint hatte, als ihre Tochter in den Orden ging, denn zu dieser Zeit, noch lange vor dem Zweiten Vatikanischen Konzil, bedeutete der Eintritt im Prinzip den endgültigen Abschied von der Familie. Die Schwestern lebten in Klausur, das heißt in einem abgegrenzten Bereich, den sie nur mit Erlaubnis und aus triftigem Grund verlassen durften. Sie und ihre Familien mussten davon ausgehen, dass sie einander kaum mehr wiedersehen würden. Doch durch die umfassende Ordensreform in Folge des Konzils änderte sich dies ab Ende der 60er-Jahre überraschend. So war oftmals beim Eintritt der Abschiedsschmerz sehr groß und später die Freude über die Möglichkeit, die Beziehung weiterzupflegen, dann umso größer.
Die strenge Klausur und ihre Aufhebung
Schwester Arndt, die einige Jahre nach Schwester Maithaler in den Orden eingetreten war, erzählt von ihren ersten Monaten, die genau in die Zeit der Reformen fielen. Sie war 1968 eingetreten und wenn sie im Kloster oben am Fenster stand, konnte sie das Haus ihrer Eltern sehen, auf der anderen Rheinseite. Damals ging sie noch davon aus, dass sie nie wieder dorthin kommen würde. Doch dann war, ungefähr 6 Wochen später, plötzlich alles anders, und sie durfte ihre Eltern besuchen. Bis dahin hatten sie ganz strenge Klausur, was eigentlich völlig abstrus war, wenn man bedenkt, dass es sich um einen Erziehungsorden handelte.
Die Welt hinter den Mauern
Schwester Arndt schüttelt staunend den Kopf, während sie sich an ihre erste Zeit im Orden erinnert, und man merkt, dass sie daran zweifelt, ob sie sich ganz verständlich machen kann, so fremdartig ist diese Welt, von der sie spricht. Es war einem klar, wenn man hier drin war, dass man nicht mehr rauskommt. Der Park des Klosters ist groß, aber das liegt daran, dass die Nonnen damals nicht mehr raus durften. Der Zahnarzt kam zu ihnen ins Haus, der Schuster kam zu ihnen ins Haus, und das kann man sich heute gar nicht mehr vorstellen. Diese Welt der vollständigen Abgeschlossenheit ist für die heutige Generation kaum noch nachvollziehbar.
Die Jesuiten und der Abbruch der Familienbeziehungen
Auch die alten Jesuiten, die von ihren Erfahrungen berichteten, mussten beim Eintritt in den Orden die Beziehung zur Familie abbrechen und erlebten dann über die Jahre hinweg in dieser Hinsicht große Veränderungen. Ein Pater, der 1950 im Alter von 19 Jahren in den Orden eingetreten war, erzählt, dass damals klar war, dass die Beziehung zur Familie nicht mehr existierte. Es gab nur 3 Gelegenheiten des Kontaktes: wenn die Eltern starben und man zur Beerdigung gehen durfte, wenn man zur Priesterweihe nach Hause ging und wenn man nach Übersee entsandt wurde. Das war allen bewusst zur damaligen Zeit, und so ging man in den Orden hinein. Für die Eltern war klar, dass sie ihren Sohn nicht mehr wiedersehen würden.
Die Reform und die Rückkehr zur Familie
Die Jesuiten erlebten, ebenso wie die Schwestern, massive Veränderungen im Orden, die die Möglichkeit einschlossen, die Beziehung zur Familie wiederaufzunehmen. Im Rückblick sehen viele von ihnen die damalige strenge Praxis mit Unverständnis, und ein Pater bezieht sich in seiner Kritik auf den Gründer des Jesuitenordens. Dieser habe keineswegs gemeint, man solle jeden Kontakt mit den Verwandten abbrechen, sondern er habe eigentlich gewünscht, dass die Beziehung eine vertiefte Liebe in Christus sei. Und das war etwas ganz anderes, als was da praktiziert wurde. Die Ordensleute sind froh, dass sie in den späteren Jahrzehnten in die Familie wieder hineinwachsen konnten.
Die Dankbarkeit für den wiedergewonnenen Kontakt
Im hohen Alter äußern viele der Ordensleute ihre Dankbarkeit dafür, dass sie seit diesen Reformen den Kontakt mit der Familie pflegen dürfen. Vielleicht weiß diese Generation das umso mehr zu schätzen, weil sie eine Zeitlang damit gerechnet hatte, dass dies nie mehr möglich sein würde. Es ist die Wertschätzung, die aus Lebenserfahrung erwächst und die den wiedergewonnenen Kontakt besonders kostbar macht. Eine Schwester, die in einer liebevollen Atmosphäre aufgewachsen war und die bis zum Ordenseintritt eine starke Verbindung zu ihren Geschwistern gehabt hatte, nennt dies eine der großen Freuden dieses Lebensabschnitts. Sie betont, wie wichtig es für sie ist, dass sie seit dem Konzil wirklich zu ihren Familien dürfen und dass diese kommen können, wann immer sie wollen.
Mütterliche und väterliche Rollen in der Verwandtschaft
Im familiären Rahmen können Ordensleute ebenso wie andere kinderlose Menschen Ratgeber, Ermutiger, Tröster oder Vorbild für nachfolgende Generationen sein und so die eigenen mütterlichen und väterlichen Seiten leben. Schwester Maithaler tut dies beispielsweise in der Beziehung zu ihren Großneffen und Großnichten, und sie erzählt von einem Neffen, der ziemliche Probleme gehabt hatte. Er hatte früher manchmal über sich gesagt, er sei ein Versager, weil er nicht gut gelernt hatte und keinen Berufsabschluss besaß. Sie konnte ihm immer wieder sagen, was für gute Eigenschaften er hat, dass er sehr kommunikativ und handwerklich sehr geschickt ist. Sie spürt, wie wichtig es ist, dass man solche Selbstzweifel nicht noch bestärkt, sondern eher die positiven Seiten hervorhebt.
Die Großtante als Taufpatin
Eine andere Schwester erzählt, wie sehr ihre Familie sie als mütterliche Begleiterin und Mentorin für die Kinder und Enkel schätzt. Noch mit über 70 Jahren war sie Taufpatin eines Großneffen geworden, obwohl sie das für eine ungewöhnliche Idee hielt, weil sie sich für zu alt dafür befand. Aber die Eltern hatten sie so sehr darum gebeten, dass sie schließlich zustimmte. Die Nichte und ihr Mann schauen nun auch immer, dass der Großneffe und die Großtante Gelegenheit haben, Zeit miteinander zu verbringen. Sie hat viele Nichten und Neffen, und sie laden sie alle gern ein, und die Familie tut ihr gut.
Die Urgroßtante und die kleinen Kinder
Eine weitere Schwester erzählt voller Vorfreude, dass sie nun eine Urgroßtante mit vielen kleinen Urenkelchen ist. Sie wird im Sommer Besuch von einer Großnichte bekommen, mit ihren 3 kleinen Kindern, und der Große ist im ersten Schuljahr, seine kleine Schwester ist 3 Jahre alt und es gibt noch ein Baby. Die Fotos von den Kleinen helfen ihr und geben ihr Kraft, und sie zeigen ihr, dass immer noch Kinder in dieses Leben hineinwachsen, mit Eltern, die ihnen das Gute zeigen. Diese Vorfreude auf den Besuch und die Verbundenheit mit den jüngsten Mitgliedern der Familie sind ein Beispiel dafür, wie Generativität auch ohne eigene Kinder gelebt werden kann. Die Beziehung zu den Kindern der Verwandtschaft kann ebenso tief und erfüllend sein wie die zu eigenen Kindern.
Das fehlende Bewusstsein der eigenen Spuren
Generativität, die Investition in nachfolgende Generationen, stärkt die Zufriedenheit im Alter, das hat die Forschung klar belegt. Bei den Gesprächen fiel jedoch auf, dass manche der Befragten sich gar nicht der bleibenden Spuren bewusst sind, die sie hinterlassen haben, und dass sie daher auch keine Freude daraus ziehen können. Auch dann nicht, wenn sie im Laufe ihres Lebens viel in jüngere Menschen investiert haben. Ein eher stiller, bescheidener Pater, der in seinem Leben viel gearbeitet hat, aber dabei nicht gern in der ersten Reihe gestanden hat, schüttelt den Kopf und bleibt auch auf Nachfrage dabei, dass da nichts geblieben sei. Er hatte mehrere Jahre als Erzieher gearbeitet, dann an einer Schule unterrichtet und noch spät im Leben mit jungen Mitbrüdern zusammengelebt, doch trotz der vielen Jahre Arbeit mit jungen Leuten hat er nicht das Bewusstsein eigener Generativität.
Aktive Beziehungen als Voraussetzung
Nachdem mehrfach eine ähnliche Erfahrung gemacht wurde, zeigt sich ein Zusammenhang zwischen dem Bewusstsein der eigenen Generativität und dem Bestehen aktueller Beziehungen zu jüngeren Menschen. Die Schwestern und Brüder sind sich nur dann ihrer Generativität bewusst, wenn zum Zeitpunkt der Befragung gelebte Beziehungen zu jüngeren Menschen bestehen. Aktive Beziehungen im Alter sind eine Voraussetzung für das Empfinden von Generativität und damit auch für die positive Wirkung der Generativität im Alter. Dies ist für Kinderlose eine wichtige Erkenntnis, denn Eltern haben in der Regel Beziehungen zu ihren erwachsenen Kindern, aber Menschen, die beruflich mit Kindern arbeiten, oft nicht zu den erwachsenen Schützlingen. Wer die Beziehungen nicht pflegt, verliert das Bewusstsein für die Spuren, die er hinterlassen hat.
Die Bedeutung konkreter Begegnungen
In den Gesprächen fällt auf, dass auffällig oft von aktuellen Begegnungen mit früheren Schülern oder von Anrufen dankbarer ehemaliger Schützlinge erzählt wird. Man kann daran erkennen, wie wichtig Kontakte mit Jüngeren im Hier und Jetzt sind, konkrete Begegnungen, die den alten Menschen vermitteln, dass sie etwas Bleibendes gegeben haben. Eine Schwester sagt etwas ganz Typisches, als sie nach den Freuden ihres jetzigen Lebens gefragt wird: Was wirklich Freude sei, wenn nach Jahrzehnten ein Kind vom Kindergarten oder vom Internat kommt und sagt, dass sie seine Rettung war. Wann immer den alten Patres und Schwestern rückgemeldet wird, dass dort draußen Menschen sind, die sich dankbar an sie erinnern, werden sie darin bestärkt, dass sie in dieser Welt eine bleibende Spur hinterlassen haben. Dies bewirkt bei ihnen eine Zufriedenheit, die sonst Eltern erwachsener Kinder vorbehalten ist.
Die Empfehlung der Ordensleute an Kinderlose
Generativität als wichtiger Faktor für die Lebenszufriedenheit im Alter ist nicht nur Eltern vorbehalten, denn berufliche Arbeit mit Kindern, ehrenamtliches Engagement und die Pflege von Freundschaften und Verwandtschaftsbeziehungen mit jüngeren Menschen können diese Zufriedenheit ebenso bewirken wie die Elternschaft. Die Botschaft der Ordensleute an Kinderlose lautet, frühzeitig und konstant in Beziehungen zu investieren, die ein Leben lang halten. Es ist schwieriger, erst im Alter zu versuchen, solche Beziehungen aufzubauen, denn sie sind in der Regel die Ernte lebenslanger Investitionen. Wer beispielsweise die Möglichkeit hat, als Pate eine wichtige und positive Rolle im Leben eines Kindes auszufüllen, sollte den Aufwand nicht scheuen, der damit verbunden ist. In der anstrengenden und ausgefüllten Phase der Berufstätigkeit bedeuten Beziehungen dieser Art vor allem zusätzliche Mühe, aber später, im Alter, wenn die beruflichen Aufgaben wegfallen, dann ist man froh, wenn man sie gepflegt hat.
Die ethische Dimension der Generativität
Doch es geht nicht nur darum, dass man sich besser fühlt, denn das kann nicht der letzte Sinn des Engagements für die nachfolgenden Generationen sein. Der ethische Aspekt der Zukunftsverantwortung im Sinne eines Generationenvertrags spielt hier auch eine wichtige Rolle. Verantwortliches Handeln schließt immer auch die Berücksichtigung der Bedürfnisse der nachfolgenden Generationen ein. Somit ist Generativität eine Aufgabe, die sich in jedem Fall dem Menschen stellt, unabhängig davon, ob er eigene Kinder hat oder nicht. Die Investition in die Zukunft ist keine Option, sondern eine Pflicht, die sich aus der Zugehörigkeit zur menschlichen Gemeinschaft ergibt.
Generativität und Stagnation
Generativität ist für den Einzelnen deshalb wichtig, weil Menschen dadurch Sinn erleben, weil sie Verantwortung übernehmen und etwas geben können, was sie überdauern wird. Das Gegenteil von Generativität wird als Stagnation bezeichnet, und es beschreibt den Zustand eines Menschen, der sich nur um sich selbst und um niemanden sonst kümmert. Wer in der Stagnation verharrt, versäumt es, seinen bleibenden positiven Beitrag in der Welt zu leisten, und vereinsamt. Die Ordensleute zeigen durch ihr Leben, dass Generativität keine Frage der biologischen Elternschaft ist, sondern eine Frage der inneren Haltung und der Bereitschaft, sich für andere einzusetzen. Wer diese Bereitschaft mitbringt, kann auch ohne eigene Kinder ein Leben führen, das von Sinn und Erfüllung geprägt ist.
Die Oma der Schule
Schwester Maithaler, die immer noch neben der Schule wohnt, in der sie einst als Lehrerin gearbeitet hat, hat heute, mit Mitte 80, eine Rolle als Großmutter in dieser Schule, die leider nicht mehr vom Orden geführt werden kann. Durch ihre Beziehungen mit den Kindern und dem Kollegium möchte sie noch etwas von der Spiritualität der ehemaligen Ordensschule am Leben erhalten. Alle wollten, dass der Geist der Schule weiterlebt und dass die Spiritualität weiterlebt, und solange die Schwestern das können, hat man sie gebeten, da zu sein. Eines der Ziele der Ordensgemeinschaft ist es, die Liebe des menschgewordenen Gottes zu vermitteln, und das kann man immer, auch wenn man kein Amt mehr hat und kein offizielles wie Unterrichten oder dergleichen. Die Ordensleute sagen, dass sie diese Liebe vermitteln wollen, bis zum letzten Atemzug, und das ist ihre Sendung.
Generativität schenkt Zufriedenheit, auch weil sie eine Aufgabe ist
Die Ordensleute haben gezeigt, dass man im hohen Alter noch generative Aufgaben wahrnehmen kann: Ermutigen, begleiten, ein Großonkel oder eine Großmutter sein und die Liebe an die nächsten Generationen weitergeben. Ein 98-jähriger Pater verteilt Adventskalender in einer Kinderklinik, eine über 80-jährige Schwester sitzt in der Loge eines berühmten Dirigenten, und eine andere Schwester freut sich auf den Besuch ihrer Urenkelchen. Diese Beispiele zeigen, dass Generativität keine Frage des Alters ist, sondern eine Frage der inneren Haltung und der Bereitschaft, sich für andere einzusetzen. Wer früh anfängt, Beziehungen aufzubauen und zu pflegen, erntet im Alter die Früchte dieser Investition und findet eine Zufriedenheit, die ihm niemand nehmen kann.

















