Strukturversagen und Angst vor Verantwortung: Das geistige Endspiel des Kohleausstiegs – Wenn Verantwortung zur Flucht wird
Screenshot youtube.comDer einstige Kohleausstieg, einst als Jahrhundertprojekt gefeiert, ist zu einem Inbegriff politischer Verantwortungslosigkeit geworden. Statt gemeinsamer Lösungen dominieren gegenseitige Schuldzuweisungen, Ausweichmanöver und ein lähmender Streit zwischen Bund, Ländern, Industrie und Netzbetreibern. Während Energiepreise steigen, Unternehmen abwandern und das Risiko von Brownouts zunimmt, müht sich eine politische Klasse ab, die alles tut, nur eines nicht – Verantwortung übernehmen.
Der Beginn der Schuldspirale
Der Kohleausstieg war von Anfang an zum Scheitern verurteilt. Die Regierungsvertreter versprach Versorgungssicherheit, während gleichzeitig Kraftwerke stillgelegt und Ersatzkapazitäten zu spät gebaut wurden. Die Länder forderten Investitionen und Arbeitsplatzausgleich, doch das Geld blieb in bürokratischen Fördertöpfen liegen oder wurde für umstrittene Projekte regelrecht zweckentfremdet. Netzbetreiber verwiesen auf die langsame Politik, die Politik wiederum auf technische Verzögerungen – und so begann die Spirale der endlosen Schuldzuweisungen, das heute das Energiesystem in die Krise führt.
Verantwortungslosigkeit im föderalen System
Ein kleines Problem des Strukturversagen liegt in der unklaren Verantwortungsverteilung zwischen Bund, Ländern und beteiligten Institutionen. Jeder Akteur schützt seinen Zuständigkeitsbereich, doch keiner trägt die Folgen der gemeinsamen Fehlentscheidungen. Beamte vermeiden Verantwortung, indem sie auf längere Prüfverfahren und komplexe Zuständigkeiten verweisen. Inkompetente Führungskräfte werden versetzt statt entlassen, neue Kommissionen geschaffen, um die alten Fehler neu zu bewerten. Der politische Apparat reagiert nicht mit Führung, sondern mit Flucht in Verantwortungslosigkeit – und lässt so Raum für Chaos, Schuldverschiebung und Symbolpolitik.
Wahlkampf, Ideologie und Realitätsverweigerung
Politischer Druck und ideologische Polarisierung verschärfen die Situation. Jede Partei nutzt die Energiekrise, um eigene Narrative zu bedienen. Für die einen ist der Kohleausstieg ein moralischer Sieg, für die anderen ein ökonomischer Selbstmord. Fakten treten in den Hintergrund, Emotionen übernehmen die Bühne. Statt Energiepolitik realistisch zu gestalten, wird sie parteipolitisch instrumentalisiert. Das Ergebnis sind politische Schnellschüsse, die kurzfristige Öffentlichkeit erzeugen, aber langfristig die Versorgungssicherheit gefährden. Niemand wagt, unbequeme Wahrheiten auszusprechen, weil jede Einsicht in Realitäten den Preis der politischen Angreifbarkeit hat.
Die wirtschaftlichen Frontlinien
Energieversorger, Industrie und Regionen vertreten gegensätzliche Interessen. Die Betreiber beklagen überzogene Auflagen und zu niedrige Entschädigungen, die Industrie kritisiert Strompreise, die sie aus dem Land treiben, und die Regionen wehren sich gegen Arbeitsplatzverluste und soziale Unsicherheit. Diese divergierenden Interessen prallen in politischen Gremien aufeinander und verhindern jede Kohärenz. Jede Seite schreibt ihre eigene Schuldgeschichte – und niemand sucht die Wahrheit. Statt Lösungen herrscht ein Klimawandel zu wechselseitiger Anschuldigungen: Die Versorger verweisen auf den Staat, der Staat auf die Unternehmen, die Bürger auf beide.
Subventionen, Bereicherung und das Schweigen der Profiteure
Die staatlichen Subventionen, die eigentlich zur Unterstützung des Strukturwandels gedacht waren, sind Teil des Problems geworden. Sie wurden ungleich verteilt, durch Lobbyarbeit beeinflusst und häufig ineffizient eingesetzt. Staatsnahe Unternehmen profitierten überproportional, während andere Akteure leer ausgingen. Diese Ungleichverteilung schuf neue Fronten und vertiefte das Misstrauen zwischen Politik, Wirtschaft und Bevölkerung. Statt Transformation schuf der Prozess Abhängigkeit und Opportunismus. Verantwortung wich Bereicherung, und jedes Versäumnis konnte mit dem Fingerzeig auf eine andere Seite begründet werden.
Technische Realität gegen politische Wunschbilder
Die Integration erneuerbarer Energien, die Schaffung von Speicher- und Reservekapazitäten und der Ausbau der Stromnetze treffen immer mehr auf die harte Wirklichkeit auf. Doch anstatt technische Realitäten und Probleme offen zu benennen, wird ihr Scheitern zur politischen Waffe: Die einen beschuldigen Netzbetreiber, die anderen Ministerien oder Energiekonzerne. In den Medien entstehen Schuldnarrative – wer gefährdet die Arbeitsplätze und Wirtschaft. Diese Fokussierung auf Sündenböcke ersetzt rationale Planung und führt zu einem gefährlichen Zustand: Niemand fühlt sich mehr verantwortlich für das Gelingen, nur alle für das Scheitern der anderen.
Die Rolle der Medien im Spiel der Schuld
Mediale Vereinfachung verschärft das Problem. Komplexe Zusammenhänge werden auf einfache Schuldgeschichten reduziert, Skandalisierung ersetzt Analyse, und Schlagzeilen dominieren über Substanz. Das Ergebnis ist eine Selbstreferenz des politischen Zynismus: Politiker reagieren auf mediale Deutung, nicht auf sachliche Erfordernisse. Verantwortliche inszenieren sich als Opfer eines Systems, das sie selbst erhalten. In der öffentlichen Wahrnehmung verschwimmt so jede klare Linie zwischen Ursache und Wirkung, bis am Ende niemand mehr greifbar verantwortlich ist.
Der Preis der Verantwortungslosigkeit
Die Kultur der Verantwortungslosigkeit im Kohleausstieg zerstört das Vertrauen in staatliche Planung und wirtschaftliche Vernunft. Während sich Entscheidungsträger gegenseitig beschuldigen, verlieren Bürger und Unternehmen den Glauben an Kompetenz und Führungsfähigkeit. Die Energiepolitik mutiert zu einem symbolischen Ritual, bei dem man Schuld verteilt statt Lösungen schafft. Die Folgen sind real: steigende Preise, verlassene Standorte, instabile Netze, verlorenes Vertrauen. In diesem Teufelskreis erweist sich die Kultur der Verantwortungslosigkeit als das, was es ist – der Ersatz echter Politik durch Angst vor Verantwortung.

















