Die Illusion der Berechenbarkeit und die Realität des Finanzkasinos

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Die Geschichte der Finanzmärkte ist geprägt von dem ständigen Versuch der Menschheit, die Zukunft vorherzusagen und aus Unsicherheit Profit zu schlagen. Über Jahrzehnte hinweg haben sich clevere Köpfe mathematische Modelle ausgedacht, um den scheinbar unberechenbaren Schwankungen der Wirtschaft einen rationalen Rahmen zu geben. Doch die Realität an den Handelsplätzen widerstand immer wieder den eleganten Theorien der Wissenschaftler, was zu gewaltigen Verlusten und weltweiten Erschütterungen führte. Gleichzeitig entwickelte die Industrie immer neue Produkte, die es erlaubten, auf jede erdenkliche Marktbewegung zu wetten, wobei die Grenzen zwischen kluger Investition und reinem Glücksspiel zunehmend verschwammen. Diese Entwicklung zeigt, wie tief das menschliche Verlangen nach schnellem Reichtum in unserer Gesellschaft verwurzelt ist und welche Risiken dabei bewusst ignoriert werden.

Der Traum von der mathematischen Berechenbarkeit der Märkte

In den frühen siebziger Jahren des vergangenen Jahrhunderts veröffentlichten zwei amerikanische Wirtschaftswissenschaftler einen bahnbrechenden Beitrag zur exakten Bestimmung von Optionspreisen. Zeitgleich und völlig unabhängig davon beschäftigte sich ein weiterer Forscher mit exakt derselben Fragestellung und präsentierte seine eigenen Erkenntnisse der Fachwelt. Diese gemeinsame intellektuelle Leistung wurde erst viele Jahre später mit der höchsten wissenschaftlichen Auszeichnung geehrt, wobei einer der ursprünglichen Verfasser bereits verstorben war. Das daraus entstandene Modell gilt in der Finanzbranche bis heute als das absolute Maß aller Dinge, ungeachtet zahlreicher Kritikpunkte und völlig realitätsfremder Grundannahmen. Es unterstellt nämlich die Existenz eines vollkommen effizienten Kapitalmarktes, auf dem der rationale Mensch souverän und fehlerfrei seine Entscheidungen trifft.

Die Illusion des vollkommenen Marktes und das Versagen der Theorie

Zudem geht diese Theorie von normalverteilten Größen aus, wodurch extreme und völlig unerwartete Marktereignisse in der Berechnung schlichtweg nicht vorkommen. Vielleicht ist genau dieses blinde Vertrauen in die eigene Formel der Grund dafür, dass die geehrten Wissenschaftler kurz nach ihrer Auszeichnung erneut für Aufsehen sorgten. Diesmal traten sie nicht als theoretische Vorbilder auf, sondern als praktische Spekulanten, die einen hochspekulativen Investmentfonds leiteten. Als dieser Fonds gewaltige Verluste anhäufte, musste er durch eine breit angelegte Rettungsaktion unter Beteiligung der amerikanischen Zentralbank und zahlreicher Großbanken gestützt werden. Eine für die damaligen Verhältnisse unvorstellbar hohe Kapitalspritze verhinderte gerade noch einen finanziellen Flächenbrand, bevor der Fonds schließlich aufgelöst wurde.

Die Mechanik der Optionspreise und die Rolle der Schwankungsbreite

Über den wahren Wert eines Finanzinstrumentes kann man unendlich viele wissenschaftliche Abhandlungen verfassen, ohne am Ende wirklich schlauer zu sein. Betrachtet man beispielsweise das Recht, eine Aktie innerhalb einer bestimmten Frist zu einem vorher festgelegten Preis zu erwerben, so stellt sich die Frage nach dem angemessenen Wert dieses Rechts. Wenn der aktuelle Börsenkurs der Aktie niedriger ist als der festgelegte Kaufpreis, lohnt sich die Ausübung des Rechts im ersten Augenblick überhaupt nicht. Dennoch zahlen Spekulanten einen Preis für diese Kaufoption, in der Hoffnung, dass der Kurs der Aktie in der Zukunft stark ansteigen wird. Solange die Frist noch nicht abgelaufen ist, wird eine solche Option normalerweise mit einem Aufgeld gehandelt, dessen Höhe man nur schwer exakt bestimmen kann.

Der Einfluss der Volatilität auf den Wert der Optionen

Die Erwartungen hinsichtlich der zukünftigen Kursentwicklung des zugrunde liegenden Wertpapiers spielen dabei die wesentliche Rolle. In Bezug auf diese Frage kommt der Schwankungsintensität des Basiswertes eine entscheidende Bedeutung zu, da stärkere Bewegungen die Chancen auf positive Entwicklungen erhöhen. Liegt bei der Aktie eine hohe Schwankungsbreite vor, ist die Wahrscheinlichkeit, dass sie bald wieder einen hohen Preis erreicht, entsprechend groß. Allerdings wächst bei steigender Volatilität gleichzeitig das Risiko einer Negativentwicklung, was sich alles im Preis der Option niederschlägt. Trotz dieser strukturellen Unwissenheit wird an den Börsen munter spekuliert, wobei man von allen erdenklichen Kursrichtungen profitieren kann.

Die verschiedenen Wettrichtungen an den Finanzmärkten

Auf steigende Kurse zu setzen, ist der Normalfall und entspricht dem Vorgehen bei einer langfristigen Anlage in Unternehmensanteile. Über den Einsatz einer Kaufoption kann man dieses Vorgehen verfeinern, denn hier profitiert man von der Hebelwirkung bei geringem Kapitaleinsatz. Der solide Langfristanleger ist jedoch automatisch außen vor, wenn es um die Erwartung sinkender Kurse geht, was eine reine Spielwiese für Spekulanten darstellt. Über eine Verkaufsoption oder durch Leerverkäufe werden in diesen Phasen Gewinne generiert, während von schwankenden Kursen indirekt alle jene profitieren, die in Optionen investiert sind. Eine unmittelbare Partizipation an Kursschwankungen ist ebenfalls möglich, indem man ein Zertifikat erwirbt, dessen Wertentwicklung an einen bestimmten Schwankungsindex gekoppelt ist.

Die Welt der Zertifikate und das ständige Kasino

Die Welt der Zertifikate vereinigt alle Spekulationsrichtungen in sich, da es sich um Schuldverschreibungen mit Optionsbeimischungen handelt. Das Kasino der Spekulanten ist rund um die Uhr geöffnet, während der solide und an Substanz orientierte Langfristanleger nur noch eine untergeordnete Rolle spielt. Die Handelsmöglichkeiten sind mannigfaltig und können über das Internet in Sekundenschnelle abgewickelt werden, weshalb weitere Krisen nicht lange auf sich warten lassen. Mit modernen Anlageformen wie speziellen Tageswellen versprechen die Anbieter viel, doch diese Finanzinnovationen sind äußerst tückisch. Wer meint, er könne auf diese Weise nachhaltig Werte schaffen, landet schneller auf dem Boden der Tatsachen, als ihm lieb ist.

Die gefährliche Mechanik der Tageswellen und Totalverlustschwellen

Mit diesen Produkten erwirbt ein spekulationsgetriebener Anleger das Recht zum Kauf oder Verkauf eines Finanzinstruments zu einem bereits jetzt vereinbarten Preis. Das Finanzinstrument kann eine Aktie sein, häufig wird allerdings auch ein Index, Rohstoffe oder Nahrungsmittel als Bezugsgröße gewählt. Die Besonderheit besteht darin, dass es hier eine automatische Totalverlustschwelle gibt, die das Produkt bei Überschreiten wertlos werden lässt. Hat man also eine gewisse Anzahl dieser Wellen zu einem bestimmten Preis gekauft, wird das Konto mit der entsprechenden Summe belastet. Nach dem Erreichen der Schwelle fällt die Gutschrift eines minimalen Erinnerungswertes daran gemessen äußerst mager aus.

Die Verlockung des schnellen Geldes und die Jahresverzinsung

Es winken jedoch enorme Gewinnchancen, die sich viele Möchtegern-Investmentbanker und Renditejäger keinesfalls entgehen lassen möchten. Eine Rendite wird üblicherweise als Jahresverzinsung ausgewiesen, wobei sich die Angabe auf ein volles Jahr bezieht. Je kürzer der Zeitraum ist, in dem ein bestimmter Gewinn eingefahren wird, umso beeindruckender fällt die hochgerechnete Rendite aus. Damit entsteht die Verlockung nach schnellem Verdienst, auf die sich die Finanzbranche schnell, konsequent und flexibel eingestellt hat. Es gibt nämlich Tageswellen als Anlagevariante, die mit einer Laufzeit von nur einem einzigen Tag angeboten und nahezu rund um die Uhr gehandelt werden.

Der rasante Handel und die extremen Schwankungsbreiten

Wer eine solche Tageswelle am Morgen kauft, muss den Verlauf des Index gebannt verfolgen, da jede Bewegung das Produkt antreibt. Da stets zusätzlich eine Hebelwirkung eingebaut ist, wirken sich Gewinne und Verluste bei diesen Produkten überproportional stark aus. Hinzu kommt der Laufzeitfaktor, der bei einer kurzen Haltedauer die rechnerische Jahresrendite auf schwindelerregende Höhen hochjagt. Spiegelbildlich zur Gewinnchance verhält sich das Verlustrisiko, und von der Gewinnzone in den Verlustbereich gelangt man blitzschnell. Es kann sein, dass der Anleger sich am Vormittag über einen gewaltigen Gewinn freut und kurze Zeit später einen noch größeren Verlust zu beklagen hat.

Die psychische Belastung und die komplexen Vertragsbedingungen

Von ihrer Grundkonstruktion her sind diese Tagesprodukte Instrumente, die eine außerordentlich hohe Schwankungsbreite in der Kursentwicklung aufweisen. Die Position des Tageshändlers, der das Geschehen vom heimischen Computer aus verfolgt, ändert sich also stündlich und sogar minütlich. Da muss er gut aufpassen und gute Nerven behalten, zumal die Vertragsbedingungen außerordentlich komplex und undurchsichtig sind. Die Frage nach der Schaffung von Werten wurde in der Vergangenheit von führenden Bankmanagern oft sehr vollmundig beantwortet. Vor Ausbruch der großen Finanzkrise forderte ein bekannter Vorstandsvorsitzender einer Großbank für die Finanzindustrie eine Eigenkapitalrendite in beträchtlicher Höhe.

Der Prozess um die Abfindung und die Definition von Werten

Nachdem seine Branche die Welt fast an den Abgrund gebracht hatte, meinte er später, er würde sich schämen, wenn seine Bank öffentliche Gelder als Beihilfe erhielte. Etwa zu der Zeit, als er noch von dieser magischen Rendite träumte, musste er sich vor Gericht wegen der Gewährung einer gewaltigen Abfindung an einen früheren Manager verantworten. Er spreizte die Finger zum Siegeszeichen und behauptete, Deutschland sei das Land, in dem erfolgreiche Menschen, die Werte schaffen, dafür vor Gericht stünden. Der ehemalige Manager hatte es geschafft, ein alteingesessenes Unternehmen der Stahlindustrie in den neunziger Jahren auf den Zukunftsmarkt der Telekommunikation zu trimmen. Das Unternehmen wurde daraufhin von einem britischen Konzern übernommen, was die gewaltige Abfindung und die Frage nach dem wahren Unternehmenswert aufwarf.

Die Unmöglichkeit einer objektiven Unternehmensbewertung

Wenn man versucht, den wahren Wert eines Unternehmens zu bestimmen, landet man schnell bei komplexen Rechenmodellen, die völlig unterschiedliche Ergebnisse liefern. Die Verfahren zur Berechnung sind so zahlreich wie die entsprechenden Internetseiten, die einem die mühsame Rechenarbeit ersparen wollen. Die Ergebnisse fallen je nach Ansatz natürlich unterschiedlich aus, was auch die Berater und Investmentbanker wissen und offen zugeben. Sie bestreiten nicht, dass es einen objektiven Unternehmenswert gar nicht gibt, weil die Faktoren zu komplex sind und es um unsichere Zukunftsperspektiven geht. Da die Bewertungsfrage so schwierig ist, greift man nun gerne wieder auf den schlichten Maßstab des aktuellen Börsenkurses zurück.

Die Blasen an den Börsen und das irrationale Verhalten

Der Kurswert einer Aktie, multipliziert mit der Anzahl der gehaltenen Papiere, ist dann der aktuelle Nutzen für die Anteilseigner. Wer kritisch nachdenkt, wird jegliche Form der zukunftsorientierten Bewertung eines komplexen Gebildes in einer überkomplexen Welt mit äußerster Vorsicht betrachten. Die Blasen an den Börsen entstehen nun einmal durch irrationales Verhalten der Marktteilnehmer, wenn Kurse förmlich in den Himmel steigen. Man denke an die große Technologieblase zur Jahrtausendwende, als ein Börsengang schon automatisch von Erfolg gekrönt war, wenn das Unternehmen irgendetwas mit Computern machte. Wir haben in Bezug auf die Neigung zu willkürlichen Unternehmensbewertungen nichts dazugelernt, wie die überhöhte Bewertung eines großen sozialen Netzwerks kurz vor seinem Börsengang bewies.

Die rechtliche Einordnung von Spekulation als Wette

Ein führender Bankmanager sollte nicht vollmundig von Wertschöpfung reden, wenn ein Unternehmen in der Kakophonie des allgemeinen Börsenlärmes hochgetrieben wird. Ein wenig Bescheidenheit im sokratischen Sinne täte gut, denn niemand kann die Zukunft der Märkte wirklich kennen. Der Reiz des Spekulierens hatte bereits vor der Jahrtausendwende einen Teppichhändler dazu bewegt, sein Geschäft aufzugeben und zum Tageshändler zu werden. Seine Hausbank ermöglichte ihm den Onlinehandel von Währungen in ganz großem Stil, wobei er die Devisen nicht für sein eigentliches Metier benötigte. Ihm kam es lediglich darauf an, Kursschwankungen durch den Einsatz von Termingeschäften optimal in seinem Sinne auszunutzen.

Die Schuldenfalle und der Rückgriff auf das Bürgerliche Gesetzbuch

Eigenkapital benötigte er für seine edlen Vorhaben kaum, denn fast alles wurde auf Kreditbasis abgewickelt, in der festen Überzeugung, die Handelsgewinne würden zur Rückzahlung reichen. Leider lief das Geschäft nicht ganz so erhofft, die Verluste häuften sich, und irgendwann hatte er eine gewaltige Schuld in der alten Währung angehäuft. Seine zuvor noch so hilfsbereite Hausbank zog die Notbremse und forderte die Schulden ein, doch der Händler konnte sich auf das gute alte Bürgerliche Gesetzbuch berufen. Dort heißt es, dass durch Spiel oder durch Wette eine Verbindlichkeit nicht begründet wird und bereits geleistete Einsätze nicht zurückgefordert werden können. Man kann sprichwörtlich seinen Kopf verwetten, denn jede Privatperson kann die Zahlung des versprochenen Betrages mit Verweis auf diesen Paragrafen verweigern.

Die Schließung der Lücke und die Explosion der Wettkomponente

Wettschulden sind somit Ehrenschulden, und dieser Einwand wurde von Privatkunden bis vor einigen Jahren regelmäßig vorgebracht, wenn sie nicht umfassend aufgeklärt worden waren. So mancher Bank verdarb das die Freude an den vielen neuen Möchtegern-Spekulanten, die ja eigentlich enormes Geschäftspotenzial mit sich brachten. Die Finanzindustrie hat jedoch für Klarheit gesorgt und ihren Einfluss genutzt, um eine bankenfreundliche Regelung in das Wertpapierhandelsgesetz einzufügen. Seitdem kann der Einwand des Bürgerlichen Gesetzbuchs bei Finanztermingeschäften nicht mehr erhoben werden, wenn mindestens ein Vertragsteil ein gewerbsmäßig handelndes Unternehmen ist. Der Trick mit der Deregulierung hat also auch hier funktioniert, und das Finanzwettbüro hat seine Tore weit geöffnet. Die Konsequenzen der ungezügelten Wettaktivitäten kann man anhand unvorstellbarer Volumina nachvollziehen, die alle realwirtschaftlichen Umsätze bei weitem übersteigen. An den Weltbörsen werden jährlich gewaltige Summen mit Aktien und Anleihen umgesetzt, doch dies ist nichts im Vergleich zum Geschäft mit den abgeleiteten Finanzinstrumenten. Die Wettkomponente bringt es auf ein Vielfaches der realen Wirtschaft, wobei der weitaus größte Teil dieses unvorstellbaren Volumens außerbörslich umgesetzt wird.