Arbeit als Dienst – Wie Ordensleute ein Leben lang tätig bleiben und was wir daraus lernen können

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In einer Gesellschaft, in der die Frage nach dem Renteneintrittsalter regelmäßig hitzige Debatten auslöst und in der viele Menschen die Jahre bis zum Ruhestand zählen, bietet der Blick auf jene Gemeinschaften, die ein völlig anderes Verhältnis zur Arbeit pflegen, eine bemerkenswerte Perspektive. Ordensleute kennen keinen klassischen Ruhestand, sie verstehen ihre Tätigkeit nicht als bloßen Broterwerb, sondern als Hingabe an eine größere Sache. Ihre Lebensentwürfe zeigen, dass Arbeit bis ins hohe Alter nicht zwangsläufig Belastung bedeuten muss, sondern Quelle von Freude, Zugehörigkeit und Sinn sein kann. Die folgenden Betrachtungen zeichnen nach, wie diese Menschen ihre Berufsbiografien gestalten, welche Strukturen ihr langes Wirken ermöglichen und welche Anregungen sich daraus für die breite Gesellschaft gewinnen lassen. Es geht dabei nicht um eine Verklärung des Klosterlebens, sondern um die ehrliche Frage, was wir von einer Haltung lernen können, in der Arbeit als Dienst am Nächsten verstanden wird.

Ein anderes Verständnis von Arbeit

Ordensleute arbeiten auf eine fundamentally andere Weise als der Großteil der Gesellschaft, wobei man genauer sagen müsste, dass sie in ihrem eigenen Selbstverständnis gar nicht arbeiten, sondern dienen. In ihrem Lebensentwurf spielt die berufliche Tätigkeit zwar eine zentrale Rolle, und darin gleichen sie allen anderen Menschen, doch die Bedeutung, die sie dieser Tätigkeit beimessen, unterscheidet sich grundlegend von der üblichen Auffassung. Für sie ist Arbeit kein Tauschgeschäft, bei dem Lebenszeit gegen Entlohnung eingetauscht wird, sondern ein Dienst für eine Sache, die größer ist als sie selbst. Dieses Verständnis durchdringt jede Handlung, jede Entscheidung und jede Phase ihres Lebens. Es prägt die Art, wie sie Aufgaben annehmen, wie sie mit Wechseln umgehen und wie sie dem Alter begegnen.

Die Frage nach den konkreten Auswirkungen

Was bedeutet dieses Verständnis konkret für das tägliche Arbeiten und für die beruflichen Lebensläufe dieser Menschen? Was können wir für unser eigenes Leben lernen, wenn wir ihre Sicht auf die Arbeit und ihre Erfahrungen damit der üblichen gesellschaftlichen Haltung und Praxis gegenüberstellen? Diese Fragen drängen sich auf, wenn man den Erzählungen der Ordensleute zuhört und erkennt, mit welcher Selbstverständlichkeit sie auch im hohen Alter noch Aufgaben übernehmen. Es geht dabei nicht um eine romantische Verklärung, sondern um eine nüchterne Betrachtung der Strukturen und Haltungen, die ein solches Leben ermöglichen. Die Antworten, die sich aus den Lebensgeschichten ergeben, sind vielfältig und oftmals überraschend.

Pater Heimer und die Haltung der Hingabe

Von Pater Heimer wurde an anderer Stelle bereits erzählt, denn er ist jener Ordensmann, der mit großer Eindringlichkeit dafür plädiert, sich ganz in das hineinzubegeben, was man für sein Leben gewählt hat. Seine Haltung der vollständigen Hingabe hat sein gesamtes Berufsleben bestimmt und ihm eine Arbeitsbiografie beschert, die weit über das übliche Maß hinausreicht. Er hatte, wie alle Mitbrüder seines Ordens, lange studiert und anschließend an einer Universität gelehrt, wo er über viele Jahre als Studienpräfekt junge Menschen begleitete. Als er bereits im hohen Alter war, stand ein Nachfolger für ihn bereit, doch an einen Ruhestand wurde im Orden nicht gedacht. Stattdessen wurde eine neue Aufgabe für ihn gesucht, und man fragte ihn, was er sich für die kommende Zeit wünsche.

Ein neuer Wirkungskreis im hohen Alter

Pater Heimer äußerte den Wunsch nach einer Tätigkeit, die Seelsorge und Gotteslehre miteinander verbindet, und er dachte dabei an geistliche Begleitung und Beratung. Sein Wunsch wurde erhört, und er erhielt die Aufgabe, einen Frauenorden als geistlicher Begleiter zu betreuen. Er arbeitete sich mit großer Sorgfalt in die Spiritualität und die Tradition dieses Ordens ein und war dann insgesamt noch einmal viele Jahre dort als Seelsorger tätig. Diese Phase endete erst, als er von seinem obersten Vorgesetzten, dem Provinzial, abberufen wurde. Glücklich war er über diese Entscheidung nicht, denn er hätte sich gewünscht, noch einige weitere Jahre in seinem Haus bleiben und dort Seelsorge betreiben zu können.

Die Abberufung als schmerzlicher Einschnitt

Doch der Provinzial hatte entschieden, und Pater Heimer nahm die Entscheidung an, wie es seiner Haltung als Ordensmann entsprach. Als die Abberufung kam, war er bereits fast neunzig Jahre alt, und obwohl er kein Mann ist, der zum Klagen neigt, empfand er diesen Schritt als recht früh. Es ist bemerkenswert, dass ein Mensch in diesem Alter noch immer eine Aufgabe innehatte und dass der Verlust dieser Aufgabe als schmerzhaft empfunden wurde. Dieser Umstand spricht Bände über das Verhältnis der Ordensleute zu ihrer Arbeit. Sie ist kein lästiges Übel, das man so schnell wie möglich hinter sich bringen möchte, sondern ein wesentlicher Teil der eigenen Identität und Berufung.

Kein Ruhestand im Orden

Es fällt nicht nur bei Pater Heimer auf, dass er eine unglaublich lange Arbeitsbiografie hat und dass er diese auch so wollte. Generell gibt es im Orden keinen echten Ruhestand, und keiner der befragten Ordensleute äußert Kritik an diesem Umstand, ganz im Gegenteil. Alle erzählen mit Freude davon, was sie bis ins hohe Alter tun oder tun konnten, und sie betrachten diese Tätigkeiten als Bereicherung ihres Lebens. Man fragt sich unweigerlich, ob dies ein verallgemeinerbares Modell für ein aktives Alter ist und welche Bedingungen dafür erfüllt sein müssen. Die Antworten darauf sind vielschichtig und hängen eng mit der Art der Arbeit und den Strukturen des Ordenslebens zusammen.

Die Entfremdung der Arbeit in der modernen Gesellschaft

Berufliche Arbeit kann Freude machen, Zugehörigkeit schenken, Sinn stiften und tiefe Befriedigung verleihen. In unserem Gesellschaftssystem arbeiten wir jedoch im Grunde nicht, um Freude zu haben, sondern um unseren Lebensunterhalt zu verdienen. Es handelt sich um ein Tauschgeschäft, bei dem Arbeitskraft gegen Geld eingetauscht wird, und dieses Geschäft hat tiefgreifende Folgen für das Verhältnis des Menschen zu seiner Tätigkeit. Der Philosoph Karl Marx hat für diese Folgen den Begriff der Entfremdung geprägt und damit beschrieben, dass die Arbeitenden ihre Arbeitskraft verkaufen, um Bedürfnisse zu befriedigen, die völlig außerhalb der Arbeit selbst liegen. Das Produkt der Arbeit gehört nicht ihnen, und so wird ihre Tätigkeit ihnen im Grunde fremd.

Die Folgen entfremdeter Arbeit

Marx postulierte, dass das, was den Menschen im Kern ausmacht, nämlich die freie und schöpferische Gestaltung und Bearbeitung seiner Umwelt, einem Arbeiter oder einem Angestellten innerhalb entfremdender Strukturen nicht möglich ist. Die Folgen dieser entfremdeten Arbeit sind nach seiner Analyse weitreichend und reichen bis zur Entfremdung des Menschen von seinem Mitmenschen. Diese Diagnose soll an dieser Stelle nicht in aller Tiefe ausgebreitet werden, denn es geht hier nicht um eine Diskussion des Für und Wider dieser philosophischen Strömung. Die These der Entfremdung dient vielmehr als theoretische Kontrastfolie, um deutlich zu machen, was grundlegend anders ist an der Arbeit im Ordensleben. Der Vergleich macht sichtbar, wie sehr sich die beiden Welten voneinander unterscheiden.

Arbeit als Dienst an einer größeren Sache

Mit der Entscheidung für den Eintritt in einen Orden möchten Menschen ihr ganzes Leben in den Dienst für Gott und für andere stellen. Sie arbeiten dann auch beruflich, unabhängig vom konkreten Inhalt ihrer Tätigkeit, im Dienst für eine Sache, an die sie sich hinzugeben entschieden haben. Ihre Arbeit ist im Idealfall ihr persönlicher Beitrag zu einem Werk, das sie als Ganzes bejahen und zu dem sie sich zugehörig fühlen. Die Einzelnen arbeiten nicht aus materiellem Zwang heraus, denn in ihrer gewählten Armut sind sie zugleich finanziell immer abgesichert. Sie streben auch nicht nach Reichtum, denn sie erhalten den Ertrag ihrer Arbeit nicht persönlich.

Die Abwesenheit kapitalistischer Mechanismen

Auch wenn Ordensleute außerhalb ihres Klosters arbeiten, geben sie ihr Gehalt an den Orden ab, und für sich selbst erhalten sie ein Taschengeld, das für alle in gleicher Höhe bemessen ist. Der Lebensstandard steht fest, er ist garantiert, und er ist bewusst niedrig gehalten. Das kapitalistische Prinzip, nach dem der Mensch seine Arbeitskraft an einen anderen verkauft, um leben zu können, gilt für sie nicht. Diese Abwesenheit ökonomischen Drucks verändert das Verhältnis zur Arbeit grundlegend und eröffnet eine Freiheit, die in der regulären Arbeitswelt kaum denkbar ist. Es ist diese Freiheit, die es den Ordensleuten ermöglicht, ihre Arbeit als Dienst und nicht als Zwang zu erleben.

Der Kontrast zur gesellschaftlichen Realität

Im Frühjahr des Jahres, in dem diese Zeilen entstehen, eskalieren in Frankreich die Auseinandersetzungen um eine Anhebung des Renteneintrittsalters um zwei Jahre. Hunderttausende gehen auf die Straße, und teilweise kommt es zu gewalttätigen Ausschreitungen, die die Tiefe des Protests verdeutlichen. Das, wogegen sich die Menschen dort wehren, ist nach der hier verwendeten Analyse entfremdete Arbeit im Sinne der marxschen Theorie. Es ist Arbeit zur bloßen Existenzsicherung, ein Verkaufen der eigenen Arbeitskraft, und die Aussicht, diese Arbeit länger im Leben leisten zu müssen, treibt die Menschen auf die Straße. Und während all dies geschieht, sitzt ein Ordensmann in einem kleinen Klosterzimmer und beklagt, dass man ihn im hohen Alter gezwungen hat, mit dem Arbeiten aufzuhören.

Die Art der Arbeit als entscheidender Faktor

Man muss jedoch einräumen, dass die Ordensleute, mit denen hier gesprochen wurde, nicht hart körperlich arbeiten mussten, nicht mit Maschinen und nicht im Freien. Es geht bei ihnen auch nicht um eine Selbstständigkeit, die mit Existenzangst verbunden ist, und in der Regel auch nicht um extremen nervlichen Druck. Es ist etwas ganz anderes, wenn man den ganzen Tag an einem Fließband oder hinter einem Ladentisch steht, Lasten trägt, auf einer Baustelle hart körperlich arbeitet oder herumfahren und Kunden anwerben muss. Wir alle kennen auch außerhalb von Klöstern Menschen, die noch in einem hohen Alter gern arbeiten, etwa die Sennerin, die noch im Sommer die Alm bewirtschaftet, nachdem sie den Hof übergeben hat, oder den Seniorfirmenchef, der nicht abtreten möchte. Dennoch war es auffällig, dass so gut wie alle befragten Ordensleute, die das achtzigste Lebensjahr überschritten hatten, noch in irgendeiner Form tätig waren.

Investition in Aus- und Weiterbildung

Was könnte die Zufriedenheit mit der langen Lebensarbeitszeit in den Ordensgemeinschaften noch erklären, neben der Art der Arbeit und der nicht gegebenen Entfremdung? Ein wichtiger Faktor scheint zu sein, dass die Orden über den ganzen Lebenslauf hinweg intensiv in die Aus- und Weiterbildung ihrer Mitglieder investieren. Dadurch können sich die Mitglieder weiterentwickeln und auch leicht die Aufgabe wechseln, was einer Monotonie entgegenwirkt. So sind auch die Arbeitsbiografien in diesen Orden häufig recht bunt, denn viele der Ordensleute haben im Laufe ihres Lebens immer wieder neue und andere Aufgaben übernommen. Sie haben sich in Verschiedenem ausprobiert, auch noch in höherem Alter, und diese Vielfalt hat sie lebendig gehalten.

Schwester Brucker und ihr abenteuerliches Berufsleben

Schwester Brucker ist ein besonders eindrucksvolles Beispiel für eine solche abwechslungsreiche Berufsbiografie, die nicht zuletzt durch die viele Weiterbildung ermöglicht wurde, die der Orden finanzierte. Nach der Volksschule und einer Lehre im Hotel trat Anna Brucker in den Sacré-Cœur-Orden ein und verbrachte zunächst zwei Jahre in Frankreich, wo sie die dortige Sprache erlernte. Anschließend wurde sie Erzieherin, baute in Österreich einen Kindergarten auf und leitete weitere Einrichtungen. Sie erzählt von vielen Weiterbildungsmöglichkeiten, die sie dankbar genutzt hat, und von ihrem lang gehegten Wunsch, in die Mission zu gehen. Als sie nach zehn Jahren als Kindergartenleiterin spürte, dass sie bald zu alt für einen solchen Schritt sein würde, wurde ihr Wunsch schließlich erfüllt.

Die Vorbereitung auf den Einsatz in Afrika

Sie wurde nach Zentralafrika gesandt, und auch auf diesen Schritt wurde sie durch Seminare vorbereitet, die der Orden organisierte und finanzierte. Während sie noch in Österreich als Kindergartenleiterin tätig war, fuhr sie alle zwei Wochen zu einem intensiven Ausbildungsseminar, an dem Menschen aus den verschiedensten Berufen teilnahmen. Die Gruppe umfasste eine stattliche Anzahl von Personen, vom Gärtner über die Kindergärtnerin bis zum Chirurgen und Lehrer, und Schwester Brucker war die einzige Ordensschwester unter ihnen. Zusätzlich gab es das Angebot, eine Woche lang Fahrtechnik mit verschiedenen Geländewagen auf einer Übungsstrecke zu trainieren. Das war sehr teuer, doch die Provinz des Ordens übernahm sämtliche Kosten, und Schwester Brucker betrachtet diese Chancen als unschätzbare Geschenke, die sie in all den Jahren nutzen konnte.

Aufbau eines Kindergartens unter schwierigsten Bedingungen

In der Hauptstadt des Kongo bildete Schwester Brucker dann, auch in Kriegsjahren, Erzieherinnen aus und baute einen Kindergarten von Grund auf auf. Sie schleppte gemeinsam mit den Männern Wasser und Steine, backte Ziegel und lernte neben der französischen Sprache auch die Sprache der Einheimischen. Um diese Sprache zu erlernen, ging sie einige Monate lang in eine örtliche Schule, wo sie gemeinsam mit einer Handvoll Volksschulkinder auf einer kleinen Bank saß und mit Buntstiften die Fahne zeichnete. Der Kindergarten umfasste schließlich sechs Gruppen mit einer großen Schar von Kindern im Alter zwischen drei und sieben Jahren. Während dieser Zeit erlebte sie zwei Militärputsche und wurde einmal sogar ausgeflogen, wobei der Pilot des Bischofs sie über den Urwald in Sicherheit brachte.

Gefahren und Glaube im Kongo

Die Landung auf der kurzen Landebahn war so steil, dass Schwester Brucker kurz das Bewusstsein verlor, und der Pilot erklärte später, dass sie sonst in den Bäumen gelandet wären. Nach der Ankunft gab es einen großen Empfang, und Schwester Brucker gab fünf Wochen lang Fortbildungen für Kindergärtnerinnen, wobei sie täglich von einem Wächter und zwei Militärs begleitet und beschützt wurde. In den ersten Tagen waren auch Leute der Gemeinde anwesend, die hören wollten, ob sie etwas unerwünscht Politisches von sich geben würde. In der Kathedrale gab es keine Glasfenster mehr, die Ziegen sprangen ein und aus, und einmal fielen während des Unterrichts Hornissen von der Decke auf ihren Schoß. Die anwesenden Herren sprangen sofort auf und schützten sie, und anschließend wurde sie nur ein Stück weitergeschoben, und der Unterricht ging weiter.

Die Kraft der jungen Mitschwestern

Es waren sehr harte Zeiten, und doch sagte sich Schwester Brucker immer wieder, dass sie, wenn sie zwanzig Jahre jünger wäre, noch einmal hingehen würde, um die jungen Schwestern zu unterstützen. Diese jungen Frauen hatten einen so festen und überzeugten Glauben, dass sie Schwester Brucker eine enorme Kraft gaben. Wenn es links und rechts krachte und überall geschossen wurde, baten die jungen Mitschwestern darum, zur Messe zu gehen, und obwohl die Kirche nicht in der nächsten Straße lag, wollte Schwester Brucker sie nicht allein lassen. Also gingen sie gemeinsam, und sie überlebten. Einmal waren über zwanzig Soldaten in ihren Räumen und nahmen alles mit, und als ein Soldat mit seinem Gewehrkolben auf eine der jüngeren Frauen zukam, stellte sich Schwester Brucker schützend hinter sie. Die junge Schwester kniete nieder und bat den Soldaten, sie zu erschießen, und dieser wich zurück, worin Schwester Brucker eine göttliche Führung sah.

Gott war überall

Ein anderes Mal war Schwester Brucker mit dem Geländewagen unterwegs, und zwei Reifen platzten, und da die Nacht sehr schnell hereinbrach und kein Mensch zu sehen war, stellte sie sich vor das Auto und begann zu singen. Auf einmal kam eine ganze Schar Kinder, die fragten, was sie brauche, und sie erklärte ihnen die Lage. Die Kinder nahmen einen Reifen mit, um ihn von ihrem Vater reparieren zu lassen, und obwohl Schwester Brucker Sorge hatte, den Reifen nie wiederzusehen, wartete sie geduldig. Die Kinder kamen tatsächlich zurück, und da auch der zweite Reifen beschädigt war, stiegen sie bei ihr ein, und gemeinsam fuhren sie zum Vater, sodass sie schließlich mit zwei neuen Reifen weiterfahren konnte. Als sie zu Hause ankam, war alles schon dunkel, und ihre Mitschwestern fragten, wo sie so lange gewesen war, und sie erzählte ihre Geschichte, worauf die anderen lachten und sagten, es gäbe keinen Tag, an dem Anna nicht eine neue Geschichte erlebe.

Der Abschied vom Kongo

Nach den ursprünglich vorgesehenen drei Jahren war Schwester Brucker in keiner Weise bereit, zurückzugehen, und sie hatte tausend Ausreden, warum sie noch bleiben musste. Ihre jungen afrikanischen Mitschwestern hatten noch nicht ihr Diplom, und dies und jenes musste noch erledigt werden, und so blieb sie insgesamt achteinhalb Jahre. Schließlich kehrte sie aus eigener Überzeugung zurück, denn ihre Mutter war sehr krank, und sie wollte sie noch einmal sehen, bevor sie starb. Und so war es. In Österreich war Schwester Brucker dann weitere acht Jahre Oberin und Internatsleiterin, bevor sie erneut aufbrach. Ihre Biografie ist ein eindrucksvolles Zeugnis dafür, wie ein Leben im Dienst an einer Sache aussehen kann.

Mit über sechzig Jahren eine neue Sprache lernen

Von Österreich ging Schwester Brucker dann für vier Jahre nach Schweden, wo sie mit über sechzig Jahren noch Schwedisch lernte, denn ohne Kenntnisse der Landessprache durfte man dort nicht arbeiten, nicht einmal einen Kehrdienst verrichten. In Schweden arbeitete sie in einem katholischen Buchladen, gemeinsam mit sieben Männern, und half in der Kirchengemeinde mit. Sie bezeichnet diese Zeit als herrlich und blickt mit großer Dankbarkeit darauf zurück. Inzwischen ist Schwester Brucker über achtzig Jahre alt und hatte noch eine weitere Schulung für Besuche in Seniorenheimen begonnen, die sie jedoch krankheitsbedingt abbrechen musste. Nun, da sie wieder gesund ist, macht sie Besuche in verschiedenen Altenheimen und hält dort Andachten für die Bewohner, soweit es ihre Kräfte erlauben, und außerdem pflegt sie den Blumengarten der kleinen Gemeinschaft, in der sie heute lebt.

Was die Biografie von Schwester Brucker lehrt

Schwester Brucker ist mit ihrer Abenteuerlust vielleicht ein besonderer Fall, aber ihre Biografie verdeutlicht, was für die beiden Orden typisch ist, nämlich eine gute Ausbildung, meist in mehreren Sprachen, viele Weiterbildungen, unterschiedliche Positionen und eine hohe persönliche Bereitschaft, immer wieder Neues anzupacken. Auf diese Art und Weise wird es den Ordensmitgliedern ermöglicht, verschiedene sinnvolle und interessante Aufgaben bis ins hohe Alter zu übernehmen. Diese Faktoren müssen bedacht werden, wenn die gesellschaftliche Einbindung bis ins hohe Alter erhalten bleiben soll, denn die Möglichkeit, die Position oder die Aufgabe zu wechseln, ist wichtig, wenn man lange durchhalten will oder muss. Auch Weiterbildung spielt eine große Rolle, und sie erfordert entsprechende Rahmenbedingungen und Freiräume, finanzielle Unterstützung und die Berücksichtigung der Interessen der jeweiligen Personen. Gleichzeitig müssen die Einzelnen auch dafür offen sein, im Alter neue, dem Lebensalter entsprechende Aufgaben zu übernehmen, und dazu gehören Lernbereitschaft, oft auch Mut und vor allem Flexibilität.

Die überraschende Flexibilität im hohen Alter

Die Flexibilität, mit der manche der Befragten auch noch im hohen Alter auf Anfragen reagierten, war überraschend und beeindruckend. Pater Gilbert beispielsweise war, bis er Mitte siebzig war, Exerzitienleiter und geistlicher Begleiter und hatte gerade eine Verlängerung dieser Aufgaben vereinbart. Doch am Vorabend seines fünfundsiebzigsten Geburtstages kam ein Anruf vom Provinzial, der mitteilte, dass man einen Oberen für eines der größeren Häuser brauche. Pater Gilbert prüfte sein Programm und antwortete, dass er erst im Dezember anfangen könne, aber er erklärte sich bereit. Das war wieder eine neue Umstellung, und er nahm sie an, wie er alle Umstellungen in seinem Leben angenommen hatte.

Auch Kontinuität hat ihren Wert

Natürlich gibt es in den Orden auch Biografien mit hoher Kontinuität, und viele der Schwestern haben beispielsweise ihr ganzes Berufsleben lang in den ordenseigenen Schulen unterrichtet. Aber auch sie hatten in der Regel über ihre ganze Biografie hinweg verschiedene Ehrenämter inne, die sie dann im Alter fortsetzen, oder sie machen nach dem Ende der beruflichen Tätigkeit noch eine Zusatzausbildung für den neuen Lebensabschnitt. Schwester Benedikt beispielsweise wollte nicht in ein Loch fallen, wenn die berufliche Tätigkeit endete, und betrachtete den Übergang als Chance, seelischen und zeitlichen Raum zu schaffen, damit Neues entstehen konnte. Und tatsächlich kam dann viel Neues, auch viele Anfragen, die sie annehmen konnte, und sie hatte die Möglichkeit, sich wieder mehr mit Kunst zu beschäftigen, was sie bis heute sehr genießt.

Pater Zacher und die Exerzitien im Alltag

Pater Zacher hat ebenfalls die neue Freiheit genutzt, nachdem er die Leitung eines Hauses abgegeben hatte, und er fragte sich, was er nun machen solle und könne. Er erinnerte sich daran, dass er einmal geistliche Übungen im Alltag durchgeführt hatte, eine Zeit der inneren Einkehr, die individuell praktiziert wird und bei der man sich alle zwei Wochen in einer Gruppe austauschen kann. Er bot diese Übungen erneut an, und sie wurden so gut angenommen, dass er sie seitdem Jahr für Jahr wiederholt. Inzwischen haben weit über hundert Menschen daran teilgenommen, und aus diesen Übungen bilden sich Gesprächsgruppen, die er weiterpflegt. Für ihn ist das sein Hobby im Alter, und er gibt die Lebenserfahrungen weiter, die er im Laufe der Jahre gesammelt hat, und begleitet die Menschen, was für ihn eine Bereicherung darstellt.

Der gleitende Übergang statt abruptem Ende

Pater Zacher wird bald siebenundachtzig Jahre alt und plant, die Exerzitien noch ein Jahr weiterzuführen, um danach zu reflektieren und vielleicht das eine oder andere abzugeben und das eine oder andere neu aufzunehmen. Er hat nichts dagegen, bis zum neunzigsten Geburtstag mit anderen so unterwegs zu sein. In manchen Fällen ist ein Abbruch des Berufslebens aus gesundheitlichen Gründen auch im Orden unvermeidlich, aber in der Regel konnten die befragten Menschen weit über das gesetzliche Rentenalter hinaus anspruchsvolle Aufgaben übernehmen. Diese Gestaltung des Übergangs ist inspirierend für unsere Gesellschaft, denn es ist offensichtlich machbar, anstelle der üblichen abrupten Verrentung einen gleitenden Übergang mit Teilzeitmodellen oder sich wandelnden Arbeitsinhalten bis ins hohe Alter zu ermöglichen. Voraussetzungen dafür sind Freiwilligkeit, Flexibilität und die Bereitschaft, immer wieder auch Neues zu lernen.

Schwester Liebermann und die Vorbereitung auf den Übergang

Eine weitere Möglichkeit ist es, noch während der Berufstätigkeit ein Ehrenamt zu übernehmen, das nach dem Ende des Erwerbslebens intensiviert werden kann, und die Ordensgemeinschaften zeigen, dass und wie das geht. Schwester Liebermann erzählt, wie sie sich in Vorbereitung auf ihre Pensionierung gezielt Kompetenzen aneignete, um dann eine sinnvolle Aufgabe zu haben. Noch während sie arbeitete, überlegte sie, was sie später machen könnte, und entschied sich für den Meditativen Tanz. In den Ferien absolvierte sie immer Fortbildungskurse zu diesem Thema, und später konnte sie diese Seminare anbieten, auch außerhalb des Ordens. Das hat sie gern gemacht, und es war eine schöne Zeit, und dadurch war der Übergang für sie auch nicht schwer.

Die Erkenntnisse der Alternsforschung

Die Alternsforschung zeigt, dass Arbeit und Engagement für andere, angepasst an die individuelle Leistungsfähigkeit, sich positiv auf die Lebensqualität im Alter auswirken. Einer der Gründe dafür ist die erlebte Zugehörigkeit zur Gesellschaft, die durch die Tätigkeit entsteht und aufrechterhalten wird. Arbeit und Ehrenamt ermöglichen es auch alten Menschen, Teil sozialer Beziehungsnetze zu sein und in Strukturen integriert zu sein, in denen nicht nur für einen selbst gesorgt wird, sondern man sich auch um andere sorgt. Die Gesellschaft wiederum hat die Verantwortung, Strukturen zu schaffen, in denen dies möglich ist, denn der Prozess des Alterns ist gesellschaftlich sehr wohl gestaltbar. Es liegt an uns allen, diese Gestaltungsmöglichkeiten zu nutzen und zu fördern.

Eine persönliche Ermutigung zur Veränderung

Als Einzelne haben wir nicht immer die Möglichkeit, zu gestalten, wie unsere Arbeitsbiografie aussehen soll, doch es lohnt sich, die Freiräume, die es gibt, zu nutzen oder in Eigeninitiative Optionen zu schaffen. Das kann bedeuten, sich nebenher weiterzubilden oder sich ehrenamtlich zu engagieren, und es kann bedeuten, neue Wege einzuschlagen, auch wenn es zunächst unmöglich erscheint. Es gibt viele Menschen, die morgens nicht gern zur Arbeit gehen, die die Tage bis zur Rente zählen, weil sie ihre Arbeit als mühsam und auslaugend empfinden. Wenn Sie ein solcher Mensch sind, so möchte ich Sie ermutigen, aktiv zu werden und nicht zu resignieren. Es gibt immer Möglichkeiten, auch wenn sie auf den ersten Blick nicht sichtbar sind.

Ein persönlicher Weg aus der Krise

Die Autorin dieser Zeilen hat selbst viel zu lange in Strukturen gearbeitet, die nicht gut für sie waren, und sich gedacht, das müsse so sein, weil es keine Alternativen gäbe. Knapp zwei Jahrzehnte war sie im öffentlichen Dienst tätig, und irgendwann begann sie nebenher ein theologisches Fernstudium, eigentlich nur aus inhaltlichem Interesse. Als sie dann sieben Jahre später, aufgerieben von sich widersprechenden Anforderungen an ihre Position, in eine nervliche und gesundheitliche Krise geriet, hatte sie diesen weiterführenden Studiengang fast abgeschlossen. Das eröffnete ihr zu ihrer eigenen Überraschung ganz neue berufliche Möglichkeiten, und so konnte sie mit über fünfzig Jahren eine Tätigkeit an einer Universität aufnehmen. In dieser Aufgabe fühlt sie sich wohl und kann sich sehr gut vorstellen, noch viele Jahre in der Forschung tätig zu sein.

Das Ehrenamt als Brücke in die Zukunft

Außerdem arbeitet die Autorin seit über dreißig Jahren ehrenamtlich in der Seelsorge und konnte in diesem Feld Weiterbildungen in Anspruch nehmen, die ihr neue Tätigkeitsfelder eröffneten. So hat sie eine klinische Seelsorgeausbildung machen können und ist inzwischen als Therapeutin für Würdetherapie zertifiziert. Ihr Ehrenamt und ihre Weiterbildungen eröffnen ihr Tätigkeitsfelder, in denen sie sich bis ins hohe Alter engagieren könnte. Diese Erfahrung zeigt, dass es nie zu spät ist, neue Wege einzuschlagen und sich für die Zukunft zu rüsten. Es erfordert Mut und Initiative, aber die Belohnung ist ein Leben, das bis ins Alter von Sinn und Tätigkeit erfüllt ist.

Die Sinnhaftigkeit als Schlüssel zur Freude an der Arbeit

Ein weiterer wesentlicher Faktor dafür, dass man seine Arbeit lange gern ausüben kann, ist die Frage der empfundenen Sinnhaftigkeit, und hier gibt es einen starken Zusammenhang mit der Entfremdung. Arbeit, die einem sinnlos erscheint, die man nur irgendwie erledigen will, um sein Geld zu erhalten, wird als mühsamer und erschöpfender erlebt. Hat man einen Bezug zum Sinn der Aufgabe, so gibt das Motivation und Kraft, und manchmal gibt es hier Spielräume, die man innerlich ausschöpfen kann, auch wenn sich an den äußeren Umständen nichts verändern lässt. Die Arbeit als Verkäufer, als Berater oder als Handwerker macht, wenn sie gut ausgeführt wird, das Leben anderer besser und leistet einen Beitrag für die Gemeinschaft. Das gilt letztlich für fast alle Berufe, und es ist hilfreich, sich dies immer wieder ins Bewusstsein zu rufen.

Schwester Dietrich und die Gesundheitsministerin

Die positive Auswirkung einer sinnerfüllten Tätigkeit bis ins hohe Alter kann man deutlich wahrnehmen, wenn die Ordensleute über die Aufgaben erzählen, die sie heute noch haben. Schwester Dietrich berichtet, dass sie zunächst dachte, mit zweiundsiebzig ins Altenheim zu gehen, und dass es das dann gewesen sei, aber dem war nicht so. Da sie in der Stadt sechs Jahre unterrichtet hatte, hatte sie noch gute Kontakte zu damaligen Schülerinnen, und eine von ihnen, die Ärztin geworden war, brachte sie sofort in die Hospizarbeit ein. Nun wird sie mehr und mehr im Krankenbereich gebraucht, fährt mit Patienten zum Arzt oder bringt sie zur Behandlung ins Krankenhaus und macht viele andere praktische Dinge. Das Team der Krankenschwestern nennt sie seine Gesundheitsministerin, und diese Aufgabe bereitet ihr viel Freude.

Kleine Dienste mit großer Wirkung

Andere alte Ordensleute bieten Seelsorge über digitale Wege an, lesen ihren Mitschwestern vor, erledigen Besorgungen für die Gemeinschaft, begleiten als Mentoren junge Leute oder übernehmen kleine Botendienste. Immer wieder werden solche Tätigkeiten beschrieben als etwas, das in der heutigen Situation große Freude macht, und immer wieder blitzt das Verständnis der eigenen Arbeit als Dienst an Gott und den Menschen hervor. Schwester Benedikt formuliert es so, dass sie jeden Tag zumindest eine Sache für die Menschheit tun möchte, egal was es ist, ob es jemandem zuhören ist oder für die Gemeinschaft einkaufen gehen. Jedenfalls etwas, bei dem sie aktiv mit ihrer Umgebung in Kontakt steht. Diese Haltung zeigt, dass auch die kleinste Tätigkeit ihren Wert hat, wenn sie mit der richtigen Gesinnung getan wird.

Die letzte Sendung: Das Gebet als Aufgabe

Eine zusätzliche Besonderheit für Ordensleute ist, dass sie keine Enkel haben, die sie betreuen könnten, was für viele Menschen eine große sinnerfüllende Aufgabe im Alter ist. Dafür haben diejenigen, die Priester sind, eine Rolle, die auch im Alter noch Sinn stiften kann, weil sie vom Prinzip her unabhängig ist von der Ausübung bestimmter Aufgaben. Pater Heimer liest aus einem Schriftstück seines Ordens vor, an dem er sich in Bezug auf seine Identität im Alter orientiert, und in dem es heißt, dass das Alter das Priestertum in keiner Weise vermindert. Auch wenn ein Jesuit vielleicht nur noch in der Lage ist, privat dafür zu beten, dass die Arbeit der Kirche und seine Mitbrüder gesegnet werden, führt er gerade darin fort, ein geschätzter Apostel und Arbeiter zu sein. Nach dem Vorlesen lässt Pater Heimer das Blatt sinken, sieht sein Gegenüber an und sagt, dass dies ein großes Wort für ihn sei.

Die Fürbitte als letzte Aufgabe

Die im Schriftstück erwähnte Aufgabe, dafür zu beten, dass die Arbeit der Kirche und die Mitbrüder gesegnet werden, ist bei den Jesuiten die sogenannte letzte Sendung. Sie werden als Hochbetagte, wenn sie tatsächlich nicht mehr arbeiten können, nicht aller Pflichten und Berufungen entbunden, sondern erhalten den Auftrag der Fürbitte. Für manche ist es gar nicht so leicht, diese Bestimmung zum Gebet anzunehmen, während andere sich durchaus gut in diese Aufgabe einfinden können. Pater Schnur erzählt mit einem Augenzwinkern, dass er seit einigen Monaten im Altenheim sei, weil es bei ihm gesundheitliche Schwächen gebe, und dass sein Provinzial ihm die Sendung gegeben habe, für die Kirche und seinen Orden zu beten. Er sagt mit leichter Ironie, dass die Jesuiten alles dafür täten, diese Sendung möglichst nicht zu bekommen, und dann lacht er.

Das Ringen um die Annahme der letzten Sendung

Doch dann wird Pater Schnur wieder ernst, denn das ist nun tatsächlich die Aufgabe, die ihm aufgetragen wurde, und er ringt ernsthaft darum, wie er diesen Auftrag erfüllen kann. Er sucht noch nach der Bedeutung dieser Sendung für sich selbst, und zunächst fällt es ihm natürlich schwer, nicht mehr richtig arbeiten zu können, denn Jesuiten neigen zum Tun. Aber er ist auch dankbar, dass sein Orden anerkennt, dass er jetzt nichts mehr leisten muss, und das gibt ihm eine innere Freiheit. Zugleich bedeutet für ihn das Gebet für die Kirche und den Orden, dass er offen bleiben soll für die Nöte und Sorgen der Kirche und damit auch für die Menschen, insbesondere für die Armen. Er will sich nicht an seinen eigenen Kleinigkeiten oder seinen eigenen Begrenztheiten und Sorgen festbeißen, sondern offenbleiben, und das hält er für wichtig.

Das Gebet als Trost in der Krankheit

Manche müssen sich erst tastend und vielleicht mit inneren Widerständen in der letzten Sendung zum Gebet zurechtfinden, während für andere Ordensleute das Gebet eine wunderbare und oftmals tröstliche Möglichkeit darstellt, Zeiten der Krankheit und Schwäche mit Sinn zu füllen. Schwester Tietz war kürzlich krank, und man wusste nicht, ob sie wieder auf die Beine kommen würde, und sie fragte sich, was sie noch wert sei, wenn sie im Bett liegen müsse. Aber dann sagte sie sich, dass sie ja andere Werte habe, dass sie beten könne, und sie betet für die Menschen. Wenn sie jemandem schreibt, sagt sie immer, dass sie für ihn bete, und die meisten Menschen freuen sich, wenn sie das schreibt. Es geht ihr inzwischen wieder besser, aber seit der Krankheit kann sie nicht mehr so viele Sachen machen und hält sich mehr im Zimmer auf, doch sie fühlt sich glücklich und weiß sich durch das Gebet weiterzuhelfen.

Arbeit und Gebet als Einheit

Man könnte meinen, das Gebet gehöre nicht mehr in eine Betrachtung zum Thema Arbeit, aber für Ordensleute sind Arbeit und Gebet, insbesondere die Fürbitte, miteinander verbunden und gehören zusammen. Beides ist Dienst am Reich Gottes, und so erleben sie im besten Falle im Alter einen fließenden Übergang von beruflicher Tätigkeit zu Ehrenamt, bis hin zum Gebet als ihrer letzten Sendung. Dieser Übergang ist nicht abrupt, sondern gleitend, und er ist eingebettet in eine Gemeinschaft, die den Einzelnen trägt und ihm auch dann noch eine Aufgabe gibt, wenn die körperlichen Kräfte schwinden. Es ist eine zutiefst tröstliche Vorstellung, dass der Mensch auch dann noch gebraucht wird, wenn er nichts mehr tun kann als beten. Und es ist eine Einladung an uns alle, darüber nachzudenken, was Arbeit wirklich bedeutet und wie wir sie so gestalten können, dass sie uns bis zuletzt mit Sinn und Freude erfüllt.

*Die Namen sind geändert.