Der bäuerliche Widerstand in der Lausitz im späten 18. Jahrhundert
Screenshot youtube.comDie historischen Entwicklungen auf dem europäischen Kontinent wurden am Ende des 18. Jahrhunderts maßgeblich durch den Ruf nach Freiheit und Gleichheit bestimmt. Diese neuen Gedanken erreichten auch die ländlichen Regionen und trafen dort auf die Bevölkerung, die unter drückenden feudalen Strukturen zu leiden hatte. In der Lausitz formierte sich aus dieser Gemengelage der beachtliche Widerstand der Landbevölkerung gegen die örtlichen Gutsherren. Die Ereignisse dieser Jahre offenbaren das tiefe Misstrauen gegenüber den traditionellen Herrschaftsformen und zeugen vom Mut der einfachen Leute.
Die Ausgangslage der ländlichen Bevölkerung
Die Jahre 1790 und 1794 markieren besonders eindrucksvolle Kapitel der bäuerlichen Widerstandsgeschichte in der Lausitz. In den Dörfern rund um Lohsa, an der Kleinen Spree und in weiteren Teilen der Region kam es zu offenen Konflikten. Hinter diesen Auseinandersetzungen standen nicht nur einzelne konkrete Anlässe, sondern grundsätzliche Spannungen zwischen der Landbevölkerung und der damaligen Grundherrschaft. Die Bauern waren in vielen Orten erbuntertänig und mussten neben Abgaben umfangreiche Frondienste leisten. Die Konflikte zeigen, dass die Bereitschaft, solche Ansprüche widerspruchslos hinzunehmen, am Ende des 18. Jahrhunderts deutlich abnahm.
Der Einfluss der französischen Revolution
Die Ereignisse fielen zudem in die Zeit, in der die Französische Revolution von 1789 in ganz Europa die Diskussion über Freiheit und Herrschaft beeinflusste. Die Gemeinde Lohsa selbst führt den Aufstand der Fronbauern von 1794 als das wichtige Ereignis ihrer Ortsgeschichte. Der erste große Konflikt entwickelte sich im Sommer 1790, nachdem vorausgegangene Trockenheit und Wassermangel die Lage angespannt hatten. Bereits die Jahre 1771 und 1772 waren von Dürre und schlechten Ernten geprägt gewesen. Auch 1789 und 1790 kam es erneut zu trockenen Sommern und massiven Ernteausfällen.
Der Kampf um das lebenswichtige Wasser
Besonders problematisch war die geringe Wasserführung der Kleinen Spree, da das Wasser für die Landwirtschaft und den Betrieb der Mühlen von unmittelbarer Bedeutung war. Als im Sommer 1790 bei Kauppa Wasser der Kleinen Spree in herrschaftliche Fischteiche abgeleitet wurde, verschärfte sich die Situation dramatisch. Das Flussbett führte dadurch erheblich weniger Wasser, was für die Bauern die Gefährdung ihrer ohnehin schlechten Ernte bedeutete. Nach den überlieferten Darstellungen konnten die Bauern ihre geringe Kornernte teilweise nicht mehr unmittelbar in den örtlichen Mühlen mahlen lassen. In der ohnehin von Nahrungsmangel geprägten Situation war dies die existenzielle Belastung für die gesamte Dorfgemeinschaft.
Die Eskalation im Sommer 1790
Am 3. August 1790 eskalierte der Konflikt, als sich zunächst zwei Bauern aus Scheibe auf den Weg nach Kauppa machten. Ihr Ziel war es, dort Wehre und Wassergräben zu zerstören beziehungsweise die Wasserableitung zu beseitigen. Auf ihrem Weg schlossen sich ihnen in weiteren Dörfern immer mehr Menschen an, sodass sich am Nachmittag etwa 600 Bauern auf dem Gutshof in Kauppa versammelten. Der dortige Verwalter konnte den Menschen nichts Entscheidendes entgegensetzen und ließ die Wassergräben wieder zuschütten. Damit erreichten die Bauern zunächst ihr unmittelbares Ziel und sicherten den Zugang zum lebenswichtigen Nass.
Die Mobilisierung durch konkrete Notlagen
Der Vorgang ist deshalb bemerkenswert, weil er zeigt, dass die bäuerlichen Proteste keineswegs ausschließlich durch allgemeine politische Ideen ausgelöst wurden. Das konkrete und lebenswichtige Problem wie der Zugang zum Wasser konnte innerhalb kürzester Zeit zahlreiche Menschen mobilisieren. Zugleich fügt sich der Konflikt in die größere Welle bäuerlicher Unruhen ein, die 1790 auch andere sächsische Gebiete erfasste. Vier Jahre später kam es in der Lausitz erneut zu erheblichen Spannungen, diesmal zunächst um den kirchlichen Feiertag. Der 25. März, das Fest Mariä Verkündigung, war der überlieferte arbeitsfreie kirchliche Feiertag.
Der Streit um den traditionellen Feiertag
Die Obrigkeit ordnete an, dass der Feiertag auf den Sonntag verlegt werden sollte, wodurch der arbeitsfreie Tag für die Landbevölkerung entfallen wäre. Gegen diese Anordnung regte sich Widerstand in zahlreichen Orten der Lausitz, wobei unter anderem Königswartha, Klix, Hochkirch, Gröditz, Lohsa, Nostitz und Malschwitz genannt werden. Die Einwohner weigerten sich, die traditionelle Bedeutung des 25. März einfach aufzugeben, und bestanden auf der Abhaltung des Gottesdienstes an diesem Tag. Der Konflikt beschränkte sich somit nicht auf Lohsa, sondern hatte deutlich größere regionale Dimensionen. Der Streit um den Feiertag war dabei mehr als die bloße Auseinandersetzung über den kirchlichen Kalender.
Die soziale Dimension der Arbeitsorganisation
Für die bäuerliche Bevölkerung berührte die Anordnung unmittelbar den Alltag und die Arbeitsorganisation. Jeder zusätzliche Arbeitstag bedeutete die zusätzliche Belastung in der Gesellschaft, in der die Landbevölkerung ohnehin umfangreiche Arbeitsleistungen für die Grundherrschaft erbringen musste. Im Kirchspiel Lohsa entwickelte sich aus den Spannungen des Jahres 1794 schließlich der offene Aufstand. Die historische Überlieferung datiert den Aufstand der Fronbauern ausdrücklich auf März und August 1794 und nennt insbesondere die Dörfer Litschen, Driewitz und Weißkollm als besonders aktive Orte. Auch die historischen Aufzeichnungen aus Lippen halten fest, dass dortige Leibeigene beziehungsweise Fronbauern am Lohsaer Bauernaufstand beteiligt waren.
Der Konflikt mit der Gutsherrschaft
Im Mittelpunkt des Konflikts stand der Lohsaer Gutsherr Wolf Heinrich August von Muschwitz, der Lohsa und Mortka seit 1778 besaß. Der Konflikt verschärfte sich, nachdem einige Untertanen wegen des eigenmächtigen Läutens der Kirchenglocken am 25. März zur Rechenschaft gezogen werden sollten. Aus dem Streit über den Feiertag wurde damit der grundsätzliche Konflikt über die Autorität der Gutsherrschaft. Unter den Beteiligten und Anführern werden in der lokalen Überlieferung mehrere sorbische Bauern genannt. Dazu gehörten Jan Cuška, der als Zimmermann aus dem Raum Lohsa überliefert ist, Jan Tunka aus Weißkollm sowie Michael Bartsch beziehungsweise Michał Barč aus Driewitz.
Die gewaltsame Auseinandersetzung
Die Auseinandersetzung nahm schließlich den gewaltsamen Verlauf, als die große Gruppe von Bauern gegen die Gutsherrschaft zog und in deren Besitz eindrang. Der Gutsherr Wolf Heinrich von Muschwitz wurde nach den überlieferten Berichten auf der Flucht in Mortka aufgegriffen. Dort wurde er misshandelt und schließlich gezwungen, schriftlich auf die Verfolgung der Aufständischen zu verzichten. Auch gutsherrlicher Besitz in mehreren Orten des Kirchspiels wurde beschädigt oder verwüstet, wobei ausdrücklich auch Driewitz genannt wird. Die Zahl der Beteiligten war beträchtlich, wobei manche Darstellungen von mehr als 1.000 Aufständischen sprechen.
Die Dimension der Aufstandsbewegung
Andere Quellen nennen für den Aufstand im Kirchspiel Lohsa insgesamt etwa 2.000 Beteiligte. Diese Zahl bezieht sich auf den größeren Aufstand und sollte daher nicht ohne Weiteres mit der Zahl der Personen gleichgesetzt werden, die tatsächlich das Herrenhaus stürmten. Die sächsische Obrigkeit reagierte auf die Ausweitung der Unruhen mit militärischen Maßnahmen, da die Landesregierung die weitere Ausbreitung befürchtete. Insbesondere Unruhen in Dörfern bei Wittichenau sowie in der Standesherrschaft Muskau ließen die Ausdehnung der Bewegung erwarten. Deshalb wurden im August 1794 sächsische Truppen entsandt, um die Aufstände niederzuschlagen.
Die militärische Niederschlagung
Die militärische Intervention beendete den offenen Widerstand, und anschließend wurden zahlreiche Beteiligte strafrechtlich verfolgt. Nach den verfügbaren Darstellungen wurden 18 Bauern zu Zuchthausstrafen zwischen zwei Wochen und zwei Jahren verurteilt. Weitere drei Bauern erhielten mehrjährige Strafen und wurden zum Festungsbau nach Dresden gebracht. Die überlieferten Angaben sprechen damit von mindestens 21 namentlich beziehungsweise gerichtlich erfassten schweren Bestrafungen. Die häufig anzutreffende Angabe von 25 Bauern sollte deshalb nur verwendet werden, wenn dafür die konkrete archivalische Quelle angegeben werden kann.
Die historische Einordnung der Bestrafungen
Die heute leichter zugänglichen historischen Darstellungen nennen 18 Zuchthausstrafen und drei Festungsstrafen. Auch die Behauptung, die Schwadron Dragoner habe die Aufständischen erst Monate später überwältigt, lässt sich mit diesen Quellen nicht bestätigen. Die militärische Niederschlagung erfolgte bereits im August 1794. Die Ereignisse von 1794 sind zugleich das bedeutende Kapitel der Geschichte der Sorben in der Lausitz. Bei den Aufständischen handelte es sich in der Region vielfach um sorbische Fronbauern, deren Namen bis heute mit dem Aufstand verbunden sind.
Die sorbische Geschichtsschreibung
Auch die sorbische Geschichtsschreibung hat sich wiederholt mit dem Ereignis beschäftigt und die kulturelle Bedeutung herausgearbeitet. Der Aufstand war somit kein isoliertes lokales Ereignis, sondern gehörte zu der Reihe bäuerlicher Proteste in den Lausitzen am Ende des 18. Jahrhunderts. Zwischen 1790 und 1794 kam es in verschiedenen Teilen des sorbischen Siedlungsgebietes zu größeren Bauernunruhen. Die Konflikte richteten sich gegen unterschiedliche Formen herrschaftlicher Belastung und gegen Eingriffe in traditionelle Rechte und Gewohnheiten. Der wesentliche Hintergrund der Auseinandersetzungen war die soziale und rechtliche Stellung der Landbevölkerung.
Die Last der Erbuntertänigkeit
In der Lausitz hatte sich seit dem 17. Jahrhundert die allgemeine Erbuntertänigkeit der Landbevölkerung durchgesetzt. Die Bauern waren damit in besonderer Weise an die Grundherrschaft gebunden, die von ihren Untertanen verschiedene Leistungen und Dienste verlangen konnte. Dazu gehörten insbesondere Hand- und Spanndienste, Abgaben und weitere Verpflichtungen, die das tägliche Überleben sicherten. Dass diese Belastungen erheblich sein konnten, zeigen auch spätere Aufzeichnungen aus der Region. Für Litschen etwa sind für die Jahre 1807 bis 1813 insgesamt 1.120 Tage Gespanndienste und 3.705 Tage Handdienste überliefert.
Die Grenzen der herrschaftlichen Macht
Diese Zahlen stammen zwar aus der späteren Zeit als der Aufstand von 1794, verdeutlichen aber die Größenordnung der Fronleistungen. Der Konflikt von 1794 lässt sich deshalb nicht allein als Protest gegen den einzelnen gestrichenen Feiertag verstehen. Der Streit um den 25. März war vielmehr der konkrete Anlass, an dem sich bereits vorhandene soziale Spannungen entluden. Die Bauern stellten damit zugleich die Frage, wie weit die Befugnisse der Gutsherrschaft gegenüber ihren Untertanen reichen durften. Der Anführer Jan Cuška wurde später zu der Symbolfigur des Lohsaer Bauernaufstandes.
Die künstlerische Aufarbeitung
Besonders im 20. Jahrhundert wurde seine Geschichte in der sorbischen Erinnerungskultur aufgegriffen und gewürdigt. Der sorbische Maler Horst Schlossar schuf 1955 das Gemälde Rebell Jan Cuška, das die Szene des Aufstandes von 1794 darstellt. Das Bild entstand ursprünglich für die Ausstattung der 1955 eröffneten Lohsaer Schule, wobei die weitere Fassung später angefertigt wurde. Heute befindet sich das Gemälde im Ratssaal von Lohsa und erinnert an die mutigen Taten der Vergangenheit. Bemerkenswert ist, dass Schlossars Darstellung nicht einfach als zeitgenössische Abbildung des Aufstandes verstanden werden kann.
Das Werk als Zeugnis der Erinnerungskultur
Das Gemälde entstand mehr als 160 Jahre nach dem historischen Ereignis und ist damit selbst das Zeugnis der späteren Erinnerungskultur. Es zeigt, wie der Bauernaufstand von 1794 im 20. Jahrhundert als Symbol für Widerstand gegen Unterdrückung und für soziale Selbstbehauptung interpretiert wurde. Die wissenschaftliche Beschäftigung mit dem Bild weist zugleich darauf hin, dass einzelne dramatische Elemente der Darstellung nicht unmittelbar als historische Tatsachen betrachtet werden dürfen. Die Bauernunruhen von 1790 und 1794 markieren den wichtigen Wendepunkt in der regionalen Sozialgeschichte. Sie zeigen, dass die ländliche Bevölkerung der Lausitz keineswegs passiv gegenüber den bestehenden Herrschaftsverhältnissen war.
Die Grenzen der historischen Gleichsetzung
Wenn lebenswichtige Interessen berührt wurden, waren die Bauern bereit, gemeinschaftlich und notfalls auch gewaltsam Widerstand zu leisten. Gleichzeitig darf man die Ereignisse nicht rückwirkend mit modernen Vorstellungen von Demokratie oder Menschenrechten gleichsetzen. Die Bauern von 1790 und 1794 kämpften vor allem um konkrete Rechte, überlieferte Gewohnheiten und die Begrenzung herrschaftlicher Eingriffe in ihr tägliches Leben. Dennoch gehören diese Konflikte zu der Entwicklung, in der die traditionelle feudale Gesellschaftsordnung zunehmend unter Druck geriet. Die unmittelbare Wirkung des Aufstands war zunächst begrenzt, da die Obrigkeit sich militärisch durchsetzte.
Die langfristigen Folgen der Erhebung
Die Obrigkeit bestrafte zahlreiche Beteiligte, und die grundsätzliche Aufhebung der Erbuntertänigkeit in Sachsen erfolgte erst Jahrzehnte später. In Sachsen wurde die Erbuntertänigkeit 1832 aufgehoben, wobei in der Lausitz bestimmte Formen von Frondiensten und Verpflichtungen darüber hinaus noch einige Jahre fortbestanden. Trotzdem blieb der Lohsaer Bauernaufstand im regionalen Gedächtnis erhalten und prägt das historische Selbstverständnis bis heute. Heute gehört er zu den zentralen Themen der Heimatgeschichtsausstellung des Zejler-Smoler-Hauses in Lohsa. Dort wird der Aufstand von 1794 gemeinsam mit der Geschichte der Gutsherrschaften, der sorbischen Kultur und der späteren Entwicklung der Region dargestellt.
Das Vermächtnis des Widerstands
Die Geschichte von 1790 und 1794 erzählt damit nicht nur von dem Streit zwischen Bauern und Gutsherren. Sie macht sichtbar, wie eng in der Lausitz Fragen von Wasser, Landwirtschaft, Arbeit, Religion, sozialer Abhängigkeit und sorbischer Dorfgesellschaft miteinander verbunden waren. Aus zunächst konkreten Konflikten entwickelte sich der breite Widerstand, der mehrere Orte erfasste und schließlich das Eingreifen des sächsischen Staates erforderlich machte. Der Lohsaer Bauernaufstand von 1794 gehört deshalb zu den bedeutendsten bäuerlichen Erhebungen der Lausitz am Ende des 18. Jahrhunderts. Er steht als Mahnmal für den unermüdlichen Kampf der einfachen Leute um das selbstbestimmte Leben in Würde.















