Buchdruck, Geld und Glaube: Wie die Erfindung der Druckerpresse, finanzielle Innovationen und der Durst nach Reichtum die Welt für immer veränderten
Screenshot youtube.comDie Geschichte der Menschheit ist untrennbar mit der Geschichte des Geldes, der technischen Erfindungen und des Glaubens verwoben. Selten jedoch trafen diese drei Kräfte so schicksalhaft aufeinander wie in jener Umbruchzeit, in der die Erfindung der Druckerpresse die Verbreitung von Gedanken revolutionierte, neue Finanzinstrumente den Bergbau und den Handel umwälzten und ein einzelner Mönch die religiöse Ordnung eines ganzen Erdteils ins Wanken brachte. Was auf den ersten Blick wie eine Abfolge getrennter Ereignisse erscheinen mag, erweist sich bei genauerem Hinsehen als ein dichtes Geflecht aus wechselseitigen Abhängigkeiten, in dem Geldströme, technische Möglichkeiten und geistige Aufbrüche einander bedingten und verstärkten. Die folgenden Ausführungen zeichnen dieses Geflecht nach und zeigen, wie eng die Entstehung des Buchdrucks, die Finanzwelt des sächsischen Silberbergbaus, der Protest eines einzelnen Mannes gegen die Kirche und die Eroberung ferner Kontinente miteinander verknüpft waren. Es ist die Geschichte davon, wie Innovationen, die eigentlich einem bestimmten Zweck dienen sollten, unvorhergesehene Folgen entfalteten und die Welt grundlegend umgestalteten.
Die Druckerpresse als Geschenk und Fluch der Kirche
Der Buchdruck, jene bahnbrechende finanzielle Innovation, welche die Kirche zur Mitte des fünfzehnten Jahrhunderts noch selbst mit Geldmitteln gefördert und finanziert hatte, sollte ihr im darauffolgenden Jahrhundert zum Verhängnis werden. Die Maschine, die einst dazu diente, religiöse Schriften in größerer Zahl zu verbreiten und die Gläubigen zu unterweisen, wurde zu jenem Werkzeug, das die Einheit der Kirche in Stücke riss. Martin Luther war in jeder Hinsicht ein Erzeugnis dieser neuen Technik, denn ohne die Druckerpresse hätte seine Botschaft niemals jene Reichweite erlangt, die sie schließlich erreichte. Zugleich war er aber auch ein Erzeugnis des Geldes, denn seine Herkunft, seine Familie und seine gesamte Lebenswelt waren von den finanziellen Strömen des sächsischen Bergbaus geprägt. Die Verbindung zwischen dem gedruckten Wort und dem geprägten Metall bildet den roten Faden, der sich durch die gesamte Geschichte dieser Umwälzung zieht.
Aufwachsen im Schatten der Silberstollen
Martin Luther wuchs im sächsischen Silberbergbaugebiet auf, in einer Landschaft, die vom Glanz und von der Härte des Erzabbaus gleichermaßen geprägt war. Sein Vater war Bergbauunternehmer, ebenso wie sein Bruder und drei seiner Schwäger, sodass die gesamte Familie in die Geschäfte unter Tage eingebunden war. Der Bergbau war ein überaus kostspieliges Unterfangen, denn je tiefer man in den Berg vordrang, desto teurer und aufwendiger wurde das gesamte Verfahren. Die Einheimischen, die mit dem Abbau begonnen hatten, sahen sich daher gezwungen, eine frühe Form der gemeinsamen Anteilsgesellschaft zu gründen, um die steigenden Anfangskosten überhaupt tragen zu können. Diese frühe Gesellschaftsform verteilte das Risiko auf viele Schultern und ermöglichte es auch kleineren Familien, sich an dem kostspieligen Geschäft zu beteiligen.
Die Familie Luther als Anteilseigner am Bergwerk
Die Familie Luther investierte, wie zahlreiche andere Anteilseigner auch, bereits vor Beginn der eigentlichen Arbeiten in die Gruben und Stollen. Jedes Vierteljahr standen die Geldgeber vor der Wahl, entweder weiteres Kapital einzuzahlen, um den Betrieb der Mine aufrechtzuerhalten, oder eine Auszahlung im Verhältnis zu ihren gehaltenen Anteilen zu empfangen. In den neunziger Jahren jenes Jahrhunderts begannen diese Anteile schließlich, Erträge in Form großer und hochwertiger Silbermünzen abzuwerfen, was den Wohlstand der beteiligten Familien erheblich mehrte. Martin Luther selbst besaß einige dieser Bergbauanteile und war somit unmittelbar an den finanziellen Schwankungen des Geschäfts beteiligt. Der Reichtum, der aus der Tiefe des Berges kam, prägte das Denken und die Erwartungen einer ganzen Generation von Sachsen.
Der Einbruch des Bergbaus und die wachsende Kluft
Zwischen der Jahrhundertwende und den dreißiger Jahren des neuen Jahrhunderts führte jedoch ein schwerer Einbruch im Bergbau, möglicherweise verursacht durch übermäßiges Schürfen, zu einer Kreditklemme und einer tiefgreifenden regionalen Depression in Sachsen. Die Familie Luther litt in dieser Zeit erheblich unter den verschlechterten finanziellen Verhältnissen, während die Kirche sich weiterhin bereicherte und ungerührt Geld durch den Verkauf von Ablassbriefen schöpfte. Der Gegensatz zwischen den plötzlich verarmten Silberminenbesitzern und dem anhaltenden Prunk der kirchlichen Einrichtungen war mit Händen zu greifen. Diese schmerzliche Diskrepanz zwischen dem eigenen Niedergang und dem unerschütterlichen Reichtum der Kirche könnte zumindest einen Teil jener Empörung erklären, die Luther schließlich zu seinem Protest trieb. Das Gefühl, durch ein ungerechtes System benachteiligt zu werden, während andere im Überfluss schwelgten, brannte sich tief in das Bewusstsein des jungen Mönches ein.
Die monumentale Erpressung durch den Vatikan
Der Zeitpunkt seines Protests fiel mit einer monumentalen und dreisten Erpressung zusammen, die der Vatikan in jenen Tagen durchführte. Im Herbst des Jahres, in dem Luther seine berühmten Leitsätze veröffentlichte, kam eine Ablassmesse nach Sachsen und bot den Gläubigen Auswege aus dem Fegefeuer gegen bare Münze an. Das eingesammelte Geld sollte angeblich für den Wiederaufbau des Petersdoms in Rom verwendet werden, doch ein erheblicher Teil floss in Wahrheit in die Kassen einer mächtigen Bankiersfamilie. Der Erzbischof von Mainz, der Nachfolger des einstigen Dienstherrn Gutenbergs, schuldete dieser Familie eine enorme Summe in Dukaten. Der Bischof hatte das geliehene Geld verwendet, um den Papst zu bestechen, damit dieser ihm das begehrte Bischofsamt verlieh, ein Amt von unschätzbarem Wert, da er dadurch zu einem der sieben Kurfürsten des Heiligen Römischen Reiches aufstieg.
Ein Gebräu aus Geld, Macht und Empörung
Geld, Bankwesen, Bestechung, Korruption, Lügen und das Versprechen auf Erlösung vermischten sich in jenen Tagen zu einem explosiven Gebräu, das einen Mann wie Luther bis zur Weißglut treiben musste. Die Verflechtung von geistlicher Autorität und weltlichem Gewinnstreben war so offensichtlich, dass sie selbst den gutgläubigsten Frommen empören musste. Luther erkannte, dass die Kirche nicht mehr dem Seelenheil der Menschen diente, sondern zu einem Apparat der Geldvermehrung verkommen war. Diese Erkenntnis ließ ihn nicht mehr los und wurde zum treibenden Motor seines gesamten weiteren Wirkens. Aus der persönlichen Empörung über die eigenen finanziellen Nöte und die seiner Familie wurde eine universale Anklage gegen ein System, das den Glauben zur Ware gemacht hatte.
Der erste Anschlag und die Macht des gedruckten Wortes
Sein erster Anschlag, den er am Festtag Allerheiligen an die Tür des Wittenberger Doms heftete, war bewusst in knappen Stichworten statt in ausformulierten Sätzen gedruckt worden. Diese gedrungene Form war kein Zufall, denn Stichworte ließen sich auf Gutenbergs Maschine wesentlich schneller nachdrucken und verbreiten als lange Fließtexte. Luthers Leitsätze waren eher als Gesprächsanstöße und als Einladungen zur Auseinandersetzung gedacht denn als endgültige Schlussfolgerungen. Sie ermöglichten es anderen, sich an der Debatte zu beteiligen, eigene Gedanken hinzuzufügen und die Diskussion in immer neue Richtungen zu lenken. Diese Offenheit der Form war ein wesentlicher Grund dafür, dass die Botschaft eine so ungeheure Resonanz fand und sich nicht als abgeschlossenes Lehrgebäude abtat, sondern als lebendiger Austausch.
Dieovernächtliche Sensation und der Siegeszug der Druckerpresse
Die Thesen wurden über Nacht zu einer Sensation, die niemand in diesem Ausmaß vorhergesehen hatte. Der Buchdruck brachte jenen entscheidenden Durchbruch, der es Luther ermöglichte, seinen Kampf gegen die römisch-katholische Kirche vom stillen Klosterturm hinab auf den überfüllten Marktplatz zu tragen. Die kirchliche Hierarchie sollte die Macht dieses neuen Netzes der Verbreitung bald mit voller Wucht zu spüren bekommen. Noch vor dem Ende jenes Jahres wurden Abschriften der Thesen in Leipzig, Nürnberg und Basel gedruckt und immer wieder nachgedruckt. Luthers literarisches Schaffen war in dieser Zeit von einem geradezu ungeheuren Umfang, denn er verfasste mehrere Abhandlungen, die in den darauffolgenden Jahren in einer gewaltigen Anzahl von Exemplaren verkauft wurden.
Flugschriften als Waffe des Volkes
Seine Flugschriften waren bewusst zum Vorlesen geschrieben und in deutscher Sprache statt in Latein verfasst, damit auch der einfache Mann sie verstehen konnte. Sie waren in der Regel sechs bis acht Seiten lang, was sie leicht verdaulich und zugleich gut zu verstecken machte. Die Schriften enthielten Zeichnungen und derbe Darstellungen von schmierigen Mönchen, korpulenten Bischöfen und korrupten Päpsten, die beim Leser ebenso Entsetzen wie Gelächter hervorrufen sollten. Die Flugschrift, die gleichermaßen schockieren und zum Lachen bringen wollte, war die bevorzugte Waffe Luthers und seiner Mitstreiter im Kampf um die Köpfe der Menschen. Durch diese bewusste Mischung aus Ernst und Spott erreichte die Botschaft auch jene Schichten, die einem rein theologischen Text niemals Aufmerksamkeit geschenkt hätten.
Das Netz der rebellischen Pfarrer
Mit der Zeit verbreiteten sich Luthers antirömische Ideen immer weiter, und seine rebellischen Pfarrer erlangten Stellen in städtischen Gemeinden und größeren freien Städten, wodurch das Netz der Verbreitung immer dichter und fester wurde. Luther selbst stand als Schöpfer der Ideen im Zentrum dieses Geflechts und erzeugte unablässig neue Gedanken und Schriften. Die ihm verbundenen Pfarrer trugen diese Gedanken in ihre Gemeinden, und die Gemeindemitglieder verbreiteten die Botschaft wiederum in ihrem eigenen Umfeld weiter. Jede Diskussion, ob im Hinterzimmer eines Gasthauses, an einer Mautstelle, auf dem Marktplatz oder in den Werkstätten der Handwerkerzünfte, gab den Menschen ein Gefühl der Beteiligung, das sie nie zuvor erlebt hatten. Zum ersten Mal wurden einfache Leute nach ihrer Meinung zu Fragen gefragt, die weit über das Wetter und die tägliche Arbeit hinausgingen.
Das Gespräch als Quelle der Gemeinschaft
Die Aufforderung zur Teilnahme vermittelte den Menschen das Gefühl, Teil einer größeren Bewegung zu sein und mit der eigenen Stimme Gewicht zu besitzen. Ehefrauen unterhielten sich mit ihren Ehemännern über die neuen Gedanken, Bäcker stritten mit Metzgern über die rechte Lehre, und Goldschmiede tauschten sich mit Geldverleihern über Moral und Erlösung aus. Die Themen kreisten um die ewigen Fragen des Lebens, um die rechte Lebensführung, um das Jenseits und natürlich um die Frage, wie der Mensch vor Gott bestehen könne. Diese Gespräche verwandelten die Städte in lebendige Foren des Denkens und des Zweifelns. Die alte Ordnung, in der allein die Kirche das Recht hatte, über Glaube und Seelenheil zu sprechen, bröckelte mit jedem einzelnen Wort ein wenig weiter.
Der Sermon, der die Sprache des Volkes sprach
Luthers bahnbrechende Veröffentlichung war eine Predigt über Ablass und Gnade, die in einem Deutsch verfasst war, das jeder Mensch von Sachsen bis zum Rheinland verstehen konnte. Diese Schrift wurde allein im Jahr nach ihrem Erscheinen vierzehnmal nachgedruckt, was für die damalige Zeit eine beispiellose Verbreitung darstellte. Schätzungsweise wurden in den Jahren zwischen Luthers erstem Protest und der Mitte der dreißiger Jahre sieben Millionen Flugschriften gedruckt, und mehr als ein Viertel davon stammte aus der Feder des Wittenberger Mönches. Der Priester war eine geradezu ungeheure Erscheinung im Verlagswesen jener Tage, und da Erfolg stets weiteren Erfolg nach sich zieht, wollte jeder aufstrebende Drucker ihn verlegen. Ein lutherisches Schreiben hielt den gesamten Betrieb in den Druckereien am Laufen und sicherte den Werkstätten ein beständiges Auskommen.
Geld als Treibstoff der neuen Religion
Es ging bei der Ausbreitung des Protestantismus nicht nur um Fragen der Moral und des Glaubens, denn auch das Geld trieb die neue Religion mit großer Kraft voran. Ein wesentlicher Reiz dieser neuen Lehre bestand für weltliche Herrscher darin, dass ein konvertierender Monarch die gesamten Vermögenswerte der alten Religion an sich reißen konnte. Der englische König, der wegen seiner Verschwendungssucht auch als der große Verderber bekannt war und ein überaus schlechter Verwalter seiner Finanzen war, fand den Gedanken, Kirchenländer zu beschlagnahmen, äußerst verlockend. Könige und Fürsten in ganz Deutschland folgten diesem Beispiel und enteigneten den Besitz der Kirche in großem Umfang. Aus der Sicht eines bankrotten Herrschers war der Protestantismus wie ein unverhoffter Geldsegen, und für den Landesfürsten war die Beschlagnahmung von Kirchengrund ein sicherer Weg, rasch zu Reichtum zu gelangen.
Der Protestantismus als Strategie der Steuervermeidung
Auch in den unteren Ebenen der gesellschaftlichen Ordnung spielte das Geld eine nicht zu unterschätzende Rolle bei der Verbreitung der neuen Lehre. Luther hatte einen günstigeren Weg zur Erlösung aufgezeigt als den teuren Kauf von Ablassbriefen, der die einfachen Menschen über Generationen hinweg finanziell ausgepresst hatte. Durch ein gutes und aufrichtiges Leben konnten die Gläubigen die bisherige Ablasssteuer umgehen und dennoch dasselbe geistliche Ergebnis erzielen. Man könnte mit einigem Recht sagen, dass der Protestantismus in seiner praktischen Wirkung einer Strategie zur Vermeidung einer kirchlichen Steuer gleichkam. Diese finanzielle Erleichterung machte die neue Lehre für breite Schichten der Bevölkerung attraktiv und trug wesentlich zu ihrer raschen Verbreitung bei.
Die neue Würdigung der Arbeit und des Erwerbs
Die rebellische Religion stellte auch in einer anderen grundlegenden Hinsicht einen Bruch mit den älteren Formen des Christentums dar. Der Protestantismus würdigte den Erwerb von Geld durch harte Arbeit, durch gute Taten und durch unternehmerisches Engagement, anstatt Reichtum als sündhaft zu verdammen. Für die Anhänger der radikaleren Strömung des Protestantismus waren Reichtum und Vermögensbildung sogar irdische Zeichen für den vorherbestimmten Platz des Menschen im Himmel. Diese Auslegung stellte das herkömmliche christliche Denken über Geld, Reichtum und Armut vollständig auf den Kopf und kehrte die alten Wertmaßstäbe um. Man könnte sagen, dass das Geld von diesem Augenblick an eine eigene Religion besaß, die ihm eine geistliche Weihe verlieh, die es zuvor nie gehabt hatte.
Die Rolle der Druckereien bei der Bekehrung der Städte
In Deutschland konvertierte eine Stadt nach der anderen zum Protestantismus, und der Buchdruck spielte dabei eine entscheidende und nachweisbare Rolle. Städte, die über mindestens eine Druckerei verfügten, nahmen die neue Lehre deutlich eher an als solche, die keine besaßen. Städte mit mehreren miteinander wetteifernden Druckereien wurden sogar noch häufiger protestantisch, da der Wettbewerb um Luthers Schriften den Absatz und damit die Verbreitung der Ideen zusätzlich anheizte. Luther selbst reiste umher, hielt Vorträge und schrieb unermüdlich Briefe, um das Netz der Anhänger zu stärken und zu festigen. Wittenberg blieb dabei der Ausgangspunkt der gesamten Bewegung, das Zentrum des Aufruhrs, in dem rebellische Priester den Meister persönlich hören und von ihm lernen wollten.
Die Rückkehr der Jünger in die Städte
Beeindruckt von Luthers radikaler Botschaft kehrten diese Jünger in die neu bekehrten freien Städte zurück, um die Botschaft dort zu verbreiten und zu festigen. Sie trugen das gedruckte Wort und die mündliche Lehre gleichermaßen in ihre Gemeinden und schufen so eine doppelte Wirkungskraft. Die Kombination aus dem massenhaft vervielfältigten Text und dem persönlichen Vortrag vor der Gemeinde erwies sich als unschlagbar in ihrer Überzeugungskraft. Auf diese Weise entstand ein sich selbst verstärkender Kreislauf, in dem jede neue bekehrte Stadt weitere Anhänger hervorbrachte und die Bewegung unaufhaltsam wuchs. Der Buchdruck war dabei das Rückgrat, das dem gesamten Geflecht seine Stabilität und seine Reichweite verlieh.
Die Begegnung zweier Welten im Winter der Reformation
Im Winter jenes Jahres, in dem Luther seine Streitschriften verfasste und die religiöse Ordnung Europas erschütterte, kam es auf einem anderen Kontinent zu einer Begegnung zwischen zwei Männern, die den Lauf der Menschheitsgeschichte für immer verändern sollte. Mehr als zwei Jahrzehnte zuvor war ein Seefahrer auf der Suche nach Geld, insbesondere nach chinesischem Gold, zufällig über den amerikanischen Kontinent gestolpert. In den darauffolgenden Jahren brachen zahlreiche unabhängige spanische Abenteurer über den Atlantik auf, auf der Suche nach ihrem persönlichen Glück und vor allem nach Gold, das sie in enormen Mengen finden sollten. An einem Morgen im Herbst stieg ein spanischer Schreiber und späterer Eroberer einen Damm hinauf, um dem Kaiser der Azteken zum ersten Mal gegenüberzutreten. Der Kaiser überreichte den Europäern Geschenke und bot ihnen Gastfreundschaft an, eine Großzügigkeit, die weder damals noch jemals danach von den Ankömmlingen erwidert wurde.
Die Zerstörung einer Zivilisation
Wenige Monate nach diesem ersten Treffen begannen die Europäer damit, die große Stadt der Azteken systematisch zu zerstören, den Kaiser zu töten und sein Volk in die Knechtschaft zu treiben. Die Gründe für die technologische Überlegenheit der Spanier waren vielfältig und tief in der Geschichte der beiden Erdteile verwurzelt. Die Europäer verfügten über Schiffe, Gewehre, Räder und Stahl, während die Bewohner Amerikas diese Werkzeuge nicht besaßen. Sie besaßen außerdem Kompasse, Karten, Pferde, Kanonen und dressierte Hunde, die die Einheimischen in Angst und Schrecken versetzten. Vielleicht am schwerwiegendsten jedoch war die Tatsache, dass die Europäer gegen eine Vielzahl von Krankheiten unempfindlich waren, die die einheimische Bevölkerung in verheerendem Ausmaß dahinrafften.
Die technologische Kluft und ihre Ursachen
Die gewaltige technologische Kluft, die sich bei diesem schicksalhaften Zusammentreffen zweier Kulturen offenbarte, wurde von manchen Beobachtern als eine Begegnung zwischen dem Europa der Wiederergeburt und den ältesten Hochkulturen Mesopotamiens beschrieben. Geschichtsschreiber führen die relative Rückständigkeit der mesoamerikanischen Kulturen auf verschiedene tieferliegende Ursachen zurück. So waren die Europäer beispielsweise wesentlich länger sesshafte Ackerbauern gewesen, was die Entwicklung größerer und stärker verdichteter städtischer Bevölkerungen ermöglicht hatte. Selten erwähnt wird in diesen Erklärungen jedoch die Tatsache, dass die Azteken nur über eine sehr einfache und rudimentäre Form von Geld verfügten. Diese Beobachtung wirft die Frage auf, ob das Fehlen eines ausgereiften Geld- und Finanzsystems die technologische Entwicklung der aztekischen Kultur gehemmt haben könnte.
Das Geld als Motor der Erfindungskraft
Geld ist, wie sich immer wieder zeigt, ein wesentlicher Antrieb für Erfindungen und technische Neuerungen. Die Azteken verwendeten für kleine Geschäfte verderbliche Kakaobohnen als Zahlungsmittel und stützten sich im Übrigen auf ein System aus Tauschhandel, Schenkungen und Tributen. Trotz ihres unbestrittenen landwirtschaftlichen Geschicks und ihrer beachtlichen architektonischen und rechnerischen Fähigkeiten besaßen sie kein eigentliches Münzgeld und kein entwickelt Finanzwesen. Die Europäer hingegen profitierten von einer jahrtausendealten Überlieferung monetärer Versuche, die bis in die frühesten Hochkulturen zurückreichte, und verwendeten geprägte Münzen bereits seit den Zeiten der alten Lyder. Will man die Unterschiede zwischen der Neuen und der Alten Welt erklären, so verdient die Geschichte des Geldes und seiner Entwicklung gewiss eine besondere Erwähnung.
Die Plünderung einer Welt
Die Azteken besaßen vielleicht kein ausgefeiltes Geldsystem, aber sie besaßen Gold und Silber in gewaltigen Mengen, und die Spanier griffen zu, was immer sie in die Finger bekommen konnten. Einer Schätzung zufolge war der gesamteuropäische Bestand an Gold und Silber im Jahrhundert nach der Entdeckung Amerikas auf das Fünffache der ursprünglichen Menge angewachsen. Riesige Flotten, beladen mit Goldbarren, verließen die Neue Welt in Richtung Spanien und wurden von freiberuflichen Gelegenheitsmachern finanziert und ausgerüstet. Bewaffnete Profiteure, die Eroberer, raubten den amerikanischen Kontinent in einem Maßstab aus, der in der Geschichte ohne Beispiel war. Der Reichtum, der über den Atlantik strömte, veränderte die wirtschaftlichen Verhältnisse in Europa von Grund auf und ließ alte Mächte erbeben.
Die Zukunft des Geldes liegt im Papier
Die Spanier plünderten zwar die Minen der Neuen Welt, doch diese Besessenheit von Gold und Silber war letztlich eine Verbeugung vor der Vergangenheit. Die Zukunft des Geldes sollte eine völlig neue Gestalt annehmen, nämlich die des Papiergeldes mit seinen finanziellen Begleiterscheinungen, den Märkten für Anteile und für Schuldverschreibungen. Geld in Form von schweren Goldbarren, das die robusten spanischen Schiffe auf ihren Überfahrten belastete, war ein Auslaufmodell. Die Zukunft sollte dem federleichten Papier gehören, das in den Händen von Kaufleuten und Händlern eine nie dagewesene Beweglichkeit und Wirksamkeit entfaltete. Der Übergang vom schweren Metall zum leichten Papier war nicht weniger revolutionär als die Erfindung der Druckerpresse selbst, denn er veränderte die Art, wie Menschen wirtschafteten, handelten und Macht ausübten.
Das Zeitalter des Seehandels und der Aufstieg der kleinen Nationen
Ein neues Zeitalter des Handels und der Eroberung brach an, und die Ozeane öffneten die Welt für jene Nationen, die den Mut und die Mittel besaßen, sie zu überqueren. Seefahrernationen, nicht jene mit großen Landmassen und ausgedehnten Grenzen, übernahmen die finanzielle Führungsrolle in der neuen Ordnung. Im siebzehnten Jahrhundert war Holland, das kleinste Land Europas, der größte Gewinner dieser Entwicklung und stieg zur führenden Handelsmacht der Welt auf. Die niederländischen Kaufleute begriffen als Erste, dass die Zukunft nicht im Anhäufen von Goldbarren lag, sondern in der geschickten Lenkung von Geldströmen, in der Finanzierung von Unternehmungen und in der Gründung gemeinsamer Handelsgesellschaften. So schloss sich der Kreis, der mit der Erfindung der Druckerpresse und den ersten Aktiengesellschaften der sächsischen Bergleute begonnen hatte, und mündete in eine neue Weltordnung, in der nicht mehr das Schwert allein, sondern das Geld und seine Vermehrung die Geschicke der Völker bestimmten.














