Opiumhandel und Staatsmacht in Siam: Von der Kolonialzeit bis zum Zweiten Weltkrieg

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Die Geschichte des Opiumhandels in Südostasien ist eng verknüpft mit der politischen und wirtschaftlichen Entwicklung der Region während der Kolonialzeit und den Jahrzehnten danach. Während europäische Mächte ihre Kolonien durch Opiummonopole finanzierten, entwickelte das unabhängige Königreich Siam, das heutige Thailand, eigene Strategien im Umgang mit dieser lukrativen aber problematischen Droge. Der folgende Text beleuchtet, wie Siam von der Legalisierung des Opiums über die Etablierung staatlicher Monopole bis hin zur militärischen Expansion in opiumproduzierende Grenzregionen einen eigenen Weg beschritt, der von wirtschaftlichen Zwängen, politischen Ambitionen und internationalen Verflechtungen geprägt war. Dabei wird deutlich, dass die Bekämpfung des Opiumkonsums oft hinter fiskalischen Interessen und machtpolitischen Kalkülen zurückstand.

Die Etablierung des königlichen Opiummonopols in Siam

Zwar war Opium eindeutig ein koloniales Laster, aber das unabhängige Königreich Siam erwies sich als gelehriger Nachahmer und übernahm erfolgreiche Modelle aus der Region. Nach der Legalisierung des Opiums im Jahre achtzehnhunderteinundfünfzig entwickelte Siam eines der erfolgreichsten Monopole in Südostasien und festigte seine Position. Der große chinesische Bevölkerungsanteil in Bangkok bot einen aufnahmefähigen Markt, Opium wurde zu einer Haupteinnahmequelle des königlichen Haushalts und sicherte die Staatsfinanzen. Im Jahre neunzehnhundertfünf nahm die königliche Regierung zwanzig Prozent ihrer Steuern durch den Verkauf von fünfundneunzig Tonnen Opium in Bangkoks neunhundert Opiumhöhlen ein und profitierte erheblich. Als das Opium erst einmal zu einem integralen Bestandteil der Wirtschaft des Landes geworden war, fand es die Regierung zunehmend schwierig, den Handel aufzugeben und zu beenden. So verkündete Siams König Chulalongkorn im Jahre neunzehnhundertacht, dass die Droge auf ihre Konsumenten schlimme Auswirkungen habe und jedem Land Niedergang bringe, dessen Einwohner von der Neigung des Opiumrauchens abhängig seien.

Der Konflikt zwischen moralischen Ansprüchen und fiskalischen Interessen

Der König betonte jedoch auch, dass es viele Hindernisse bei der Erreichung des Ziels der Ausrottung des Lasters gebe und nannte als Hauptproblem den beträchtlichen Rückgang der Staatseinkünfte. Dessen ungeachtet sei es seine Pflicht und Schuldigkeit, das Volk nicht zu vernachlässigen und ihm nicht zu gestatten, sittlich immer weiter herabzusinken, indem es dieser schädlichen Droge fröne. Er habe daher beschlossen, dass die Ausbreitung der Opiumgewohnheit unter seinem Volke Schritt für Schritt vermindert werden solle, bis sie vollständig unterdrückt sei. Nicht einmal ein Gottkönig konnte sich jedoch gegen die unerbittlichen Zwänge der modernen Ökonomie stemmen und seine moralischen Absichten durchsetzen. In den folgenden zehn Jahren wuchs die Zahl der Opiumhöhlen um dreihundertsechzig Prozent auf dreitausendzweihundertfünfundvierzig und der Anteil des Opiums an den königlichen Einkünften stieg auf fünfundzwanzig Prozent.

Das Scheitern der Reformversuche und der Anstieg des Konsums

Zwanzig Jahre, nachdem der König versprochen hatte, den Drogenhandel zu beenden, waren die Opiumimporte des Monopols auf einhundertachtzig Tonnen, mithin das Doppelte gestiegen. Damit frönte die größte Bevölkerungsgruppe von Süchtigen in ganz Südostasien ihrem Laster und der Konsum nahm weiter zu. Im frühen neunzehnten Jahrhundert reflektierte Siams anfänglicher Opiumhandel schlicht die Größe seines chinesischen Bevölkerungsanteils und dessen Nachfrage. Als die Dynastie in Bangkok Kanäle durch die thailändische Zentralebene baute, brauchte sie Legionen chinesischer Arbeiter, die bald die größte Exilgemeinde Südostasiens bildeten. Im Jahre achtzehnhunderteinundzwanzig lebten vierhundertvierzigtausend Chinesen in Siam, achtzehnhundertachtzig stellten sie die Hälfte der Einwohner Bangkoks und prägten die Stadt.

Die ersten Verbote und ihr Scheitern an internationalen Realitäten

Und mit den Chinesen kam das Opiumproblem und die Herausforderung für die siamesische Regierung. Im Jahre achtzehnhundertelf erließ König Rama der Zweite Siams erstes offizielles Verkaufs- und Konsumverbot und versuchte den Handel zu unterbinden. Im Jahre achtzehnhundertneununddreißig erließ ein anderer Thai-König ein neues Verbot und befahl die Todesstrafe für Großhändler und schwere Strafen. Trotz der guten Absichten der königlichen Gerichte scheiterten alle Versuche, das Problem mit gesetzlichen Mittel in den Griff zu bekommen und zu kontrollieren. Zwar konnten chinesische Händler festgenommen und bestraft werden, aber die britischen Handelskapitäne, die illegales Opium schmuggelten, genossen praktisch Immunität und Schutz. Wann immer ein britischer Kapitän festgenommen wurde, war Unheil verkündendes Gepolter aus der britischen Botschaft zu vernehmen, sodass der Verhaftete bald wieder auf freiem Fuß war und weiterschmuggeln konnte.

Der britische Druck und die Aufgabe der königlichen Monopole

Im Jahre achtzehnhundertzweiundfünfzig schließlich beugte sich König Mongkut britischem Druck und erteilte einem reichen chinesischen Kaufmann eine königliche Opiumlizenz und erlaubte den Handel. Im Jahre achtzehnhundertfünfundfünfzig blieb ihm nichts anderes übrig, als einen Handelsvertrag mit dem britischen Reich zu unterzeichnen. Dieser Vertrag senkte die Importzölle auf drei Prozent und schaffte die königlichen Handelsmonopole ab, die die fiskalische Basis der königlichen Verwaltung dargestellt hatten. Um die Einnahmeausfälle zu kompensieren, weitete der König die vier von Chinesen betriebenen Lasterlizenzen aus, die Opium, Lotterie, Glücksspiel und Alkohol umfassten. In der zweiten Hälfte des neunzehnten Jahrhunderts erbrachten sie zwischen zwölf und zweiundzwanzig Prozent aller Staatseinkünfte und sicherten den Haushalt. Nach nur einem Jahrzehnt stellte der Hof fest, dass ein Zustrom von geschmuggeltem Opium das Opiummonopol untergrabe, das der Metropole des Königreichs viel Gewinn eingetragen habe.

Die ersten Gesetze gegen den Schmuggel und die Übernahme des Direktvertriebs

Der Hof erließ daraufhin die ersten umfassenden Gesetze zur Unterbindung des Schmuggels und versuchte den illegalen Handel zu bekämpfen. Im Jahre neunzehnhundertsieben, nach einem halben Jahrhundert legalen Drogenverkaufs, gab der siamesische König ein neues Programm zur Unterdrückung dieser schädlichen Droge bekannt. Dem Beispiel der Niederländer und Franzosen folgend, schaltete seine Regierung die chinesischen Lizenznehmer aus und übernahm den Direktvertrieb des Opiums an die Opiumhöhlen. Fast wie zum Hohn der königlichen Absichten bewirkte das neue Monopol, wie diejenigen in Französisch-Indochina und der niederländischen Inselkolonie, einen nachhaltigen Anstieg der Opiumverkäufe. Die Zahl der Opiumhöhlen und Verkaufsstellen sprang von eintausendzweihundert im Jahr neunzehnhundert auf über dreitausend im Jahr neunzehnhundertsiebzehn. Die Zahl der Opiumsüchtigen stieg bis neunzehnhunderteinundzwanzig auf zweihunderttausend an und die Opiumgewinne lieferten weiterhin fünfzehn bis zwanzig Prozent aller staatlichen Steuereinkünfte.

Internationale Opposition und erste Reduktionsbemühungen

In Reaktion auf die wachsende internationale Opposition gegen den legalisierten Opiumhandel begann die Thai-Regierung in den zwanziger Jahren schließlich, den Handelsumfang des Opiummonopols zu reduzieren. Bis neunzehnhundertdreißig waren beinahe zweitausend Läden und Opiumhöhlen geschlossen worden, aber die verbleibenden achthundertsiebenunddreißig bedienten noch immer neunundachtzigtausend Kunden täglich. Um das königliche Engagement im Kampf gegen den Drogenhandel unter Beweis zu stellen, war Siam im Jahre neunzehnhunderteinunddreißig Gastgeber der Bangkoker Opiumkonferenz. Dies war ein weiteres Treffen der fortlaufenden Antiopiumdiplomatie und zeigte Siams Beteiligung an internationalen Bemühungen. Im Jahre neunzehnhundertzweiunddreißig jedoch kam es zu einer unblutigen Militärrevolte, in deren Folge eine konstitutionelle Monarchie eingeführt wurde und die Machtverhältnisse sich änderten.

Die Machtübernahme des Militärs und die Wende in der Drogenpolitik

Unter Oberst Phibul Songgram, einem Ultranationalisten, machte das Militär nach und nach die Politik zur Eindämmung des Opiums rückgängig und änderte den Kurs. Entschlossen, die Tai sprechende Bevölkerung des Shan-Staates von Britisch-Birma zurückzugewinnen, begannen junge Offiziere um Phibul offenbar damit, den Opiumhandel als Vehikel zu benutzen. Sie nutzten den Handel, um ihren Einfluss in Nordsiam und Birma auszudehnen und ihre Macht zu festigen. Die offizielle Beteiligung am Opiumhandel in den nördlichen Grenzgebieten nahm nach neunzehnhundertzweiunddreißig jedenfalls deutlich zu und wurde ausgeweitet. Im Jahre neunzehnhundertachtunddreißig, als Oberst Phibul Premierminister wurde, rückte die Frage der nördlichen Grenzgebiete endgültig ins Zentrum der Politik und der strategischen Planung. Um die expansionistischen Ziele des Regimes zu bekräftigen, änderte Phibul den Namen des Landes von Siam in Thailand und erhob damit indirekt Anspruch auf die Tai sprechende Region Nordbirmas.

Die Verbindung zum Opiumbergland und der Anstieg des Schmuggels

In den dreißiger Jahren entwickelte Bangkoks Opiummarkt direkte Verbindungen zu den Opiumbergen, die sich nördlich von Siam durch Birma bis nach China erstreckten. Als die revolutionäre Regierung im Jahre neunzehnhundertzweiunddreißig an die Macht kam, hatte die vorherige Schließung vieler legaler Opiumhöhlen bereits zu einem starken Anstieg des Karawanenschmuggels aus Birma geführt. Im Jahre neunzehnhundertsiebzehn waren es dreitausendzweihundertfünfzig Höhlen gewesen, jetzt nur noch achthundertsechzig. Zwar setzte die neue Regierung zunächst nach außen hin die Bemühung des Königs zur Unterdrückung der Droge fort, indem sie im Jahre neunzehnhundertzweiunddreißig oder dreiunddreißig alle legalen Importe unterband. Zugleich aber erhöhte sie die Zahl der Opiumhöhlen bis neunzehnhundertachtunddreißig wieder auf eintausendvierhundert und lockerte die Kontrolle. Dadurch veranlasste das Regime einen sprunghaften Anstieg des Schmuggels aus Birma und Yunnan und förderte den illegalen Handel.

Die Korruptionsaffäre um den Opiumimport aus dem Shan-Staat

Allein im Jahre neunzehnhundertfünfunddreißig beschlagnahmte Siams Regierung fünf Tonnen illegales Opium und zeigte das Ausmaß des Schmuggels. Im Verlauf der folgenden fünf Jahre belief sich das beschlagnahmte Opium auf siebenundzwanzig Tonnen, dreiundzwanzig Prozent des vom Monopol verkauften Opiums. Die Widersprüche einer Politik, die die Opiumimporte senkte, den Verkauf von Drogen in lizenzierten Opiumhöhlen aber weiterhin gestattete, führte zu Siams erstem großen Fall von Opiumkorruption. Die Affäre begann im Mai neunzehnhundertvierunddreißig, als der Direktor der für den Opiumverkauf zuständigen Steuerbehörde nach Keng Tung in den birmanischen Shan-Staat reiste. Ohne dazu bevollmächtigt zu sein, schloss er mit lokalen Händlern einen Vertrag über die Lieferung von fünfzehn Tonnen Opium für das Monopol ab. Nur locker von den Briten kontrolliert, wurden im Shan-Staat zwanzig bis dreißig Tonnen für lizenzierte Opiumhöhlen und unbekannte Mengen für den illegalen Karawanenhandel geerntet.

Der gescheiterte Versuch der Vertuschung und der öffentliche Skandal

Nachdem sein Finanzminister das Angebot als anstößig und illegal zurückgewiesen hatte, benachrichtigte der Direktor der Steuerbehörde dennoch seine Kontaktleute in Keng Tung. Er teilte mit, dass er eine Belohnung für die Beschlagnahmung des Opiums zahlen würde, sobald es über die Grenze gebracht worden sei. Und in der Tat beschlagnahmten seine Beamten am neunten Januar neunzehnhundertfünfunddreißig kurz hinter der Grenze neun mit insgesamt neun Tonnen Opium beladene Lastwagen. Der Fall wurde zum öffentlichen Skandal, als der britische Berater des siamesischen Finanzministeriums, James Baxter, in einem offenen Brief in der Straits Times von Singapur die Details der Transaktion mitsamt der Belohnung für die Informanten veröffentlichte. Am Ende dementierte der Finanzminister jedoch alle Anschuldigungen, und die Nationalversammlung lehnte es mit einem Votum von achtundvierzig zu siebzehn ab, die Angelegenheit zu debattieren. Das Verkaufssteueramt vermarktete das Opium wie geplant offiziell über seine lizenzierten Opiumhöhlen und der Handel ging weiter.

Die Aufgabe der Heuchelei und die Förderung des Eigenanbaus

Mit Phibuls Amtsantritt als Premierminister im Jahre neunzehnhundertachtunddreißig gab die Regierung jede Heuchelei der Opiumbekämpfung auf und belebte das Monopol wieder und förderte den Handel. Da es, wie offizielle Vertreter behaupteten, unmöglich sei, den Transport dieses Schmuggelopiums durch einen Grenzstreifen aus Bergen und Dschungel zu verhindern, ermutige ein Verbot nur die Süchtigen zum heimlichen Rauchen. Sie müssten ohne geeignete lizenzierte Lokale auskommen und würden so weiter konsumieren. Zur Versorgung ihrer Opiumhöhlen gab die Regierung bekannt, den Mohnanbau unter den Bergstämmen Nordsiams fördern zu wollen. Damit wollte man die Importkosten senken und den Schmuggel kontrollieren und den Handel regulieren. Schon zwanzig Jahre zuvor hatte Siam das Potenzial der Eigenproduktion unter Beweis gestellt, als es versuchsweise fünf Tonnen Stammesopium kaufte und testete. Im Dezember neunzehnhundertachtunddreißig stimmte die Regierung zu, die Opiumernte zweier Bergdörfer zu kaufen.

Die Erklärung des erfolgreichen Eigenanbaus und die Migration der Bergstämme

Die Regierung gab zwei Jahre später, im März neunzehnhundertvierzig, bekannt, das lokale Experiment sei erfolgreich gewesen und habe funktioniert. Von nun an, erklärte die Phibul-Regierung, würde Thailand in der Lage sein, sein eigenes Opium zu erzeugen und unabhängiger zu werden. In den vierziger Jahren kam es zu einer wachsenden Migration von Bergstämmen nach Thailand und veränderte die Demografie. Die Hmong und Yao waren bereits seit Mitte des neunzehnten Jahrhunderts aus Südchina nach Indochina eingewandert. Aber erst jetzt überquerten größere Gruppen von Hochlandopiumbauern von Laos aus die Grenze nach Thailand und siedelten sich an. Ihre mageren Ernten gelangten selten viel weiter als über die benachbarten Städte und Dörfer hinaus und blieben lokal. Die Thai-Bauern des Tieflandes selber konnten gar kein Opium anbauen, denn die in dieser Region einzig vertretene Yunnan-Sorte des Schlafmohns gedieh nur in einem kühlen, gemäßigten Klima.

Die geografischen Grenzen des Opiumanbaus und die Rolle der Bergvölker

In diesen tropischen Breiten konnte die empfindliche Pflanze also nur in Berglagen über eintausend Meter Höhe gedeihen, wo die Luft kühl genug war. Da die Thai-Bauern fest in den schwülwarmen Tieflandtälern verwurzelt waren, wo sie Reisfelder kultivierten, blieb die Opiumproduktion in Thailand den Bergstämmen vorbehalten. Wie auch im übrigen Südostasien war der Anbau auf die Hochlandregionen beschränkt und die Tieflandbevölkerung ausgeschlossen. Obwohl Thailand während des Zweiten Weltkriegs von seinen Hauptlieferanten Iran und Indien abgeschnitten war, hatte es keine Schwierigkeiten, die Versorgung des königlichen Monopols mit Rohopium selbst sicherzustellen. Durch seine Militärallianz mit Japan konnte es den Shan-Staat Nordostbirmas besetzen und gewann so Zugang zu den Opiumanbaugebieten entlang der chinesischen Grenze und sicherte die Versorgung.

Die Allianz mit Japan und die territorialen Expansionspläne

Nachdem sich Premierminister Phibul im Jahre neunzehnhundertvierzig mit Japan verbündet hatte, verkündete er ein quasi-faschistisches Programm für Thailand. Zu diesem Programm gehörte auch das Ziel territorialer Expansion und die Erweiterung des Einflussbereichs. In einem im Jahre neunzehnhundertvierzig unterzeichneten Geheimabkommen willigte Phibul ein, Japans Kriegsanstrengungen im Tausch gegen die Anerkennung der eigenen Ansprüche auf den Shan-Staat zu unterstützen. Von ihren Stützpunkten in Thailand aus marschierte die japanische fünfzehnte Armee in Südbirma ein und besetzte im März neunzehnhundertzweiundvierzig Rangun. Entschlossen, die berühmte Birmastraße abzuschneiden, über die der Munitionsnachschub aus Indien für die chinesische Streitkräfte in Yunnan verlief, stießen die Japaner in drei Kolonnen nach Norden vor. Sie vernichteten die Verteidigungslinien der Alliierten und eroberten strategisch wichtige Positionen.

Der Vormarsch in den Shan-Staat und die thailändische Besatzung

Die östliche japanische Kolonne trieb die demoralisierten Nationalchinesen vor sich her und marschierte in den Shan-Staat ein. Der Hauptverband erreichte am dreißigsten April die Birmastraße, während ein kleineres Kommando auf Keng Tung im Süden zumarschierte. Als sich die Kampflinien nach Westen in Richtung Indien vorschoben, luden die japanischen Kommandeure ihre Thai-Verbündeten ein, den südlichen Shan-Staat zu besetzen. Dieser lag nun in sicherer Entfernung vom Kampfgeschehen und war strategisch weniger relevant. Im Mai neunzehnhundertzweiundvierzig marschierte die thailändische Nordarmee in den Shan-Staat ein und übernahm die Kontrolle. In dessen wichtigster Marktstadt Keng Tung richtete Generalmajor Phin Chunnahawan, Gouverneur des von Bangkok nun sogenannten Vereinigten Thaistaates, eine Militärverwaltung ein. Diese regierte das Gebiet in den folgenden zwei Jahren und etablierte die thailändische Präsenz.

Der Vorstoß zur chinesischen Grenze und der Rückzug

Nach dem Ende des Monsunregens im September marschierte die Nordarmee weiter Richtung China und expandierte. Sie überwand schwachen Widerstand vereinzelter Garnisonen der Nationalchinesen und erreichte im Januar neunzehnhundertdreiundvierzig die chinesische Grenze. Einige Monate nach der militärischen Besetzung Keng Tungs importierte das thailändische Opiummonopol sechsunddreißig Tonnen aus dem Shan-Staat. Damit brachte es die Opiumerträge auf Rekordniveau und maximierte die Einnahmen. Gegen Ende des Kriegs, als die japanischen Streitkräfte Rückschläge an der indischen Front hinnehmen mussten, begann sich die thailändische Nordarmee wieder aus dem Shan-Staat zurückzuziehen. Vier Monate später, im Juli neunzehnhundertvierundvierzig, enthob ein neues Zivilkabinett Premierminister Phibul seines Amtes. Bangkok beorderte Gouverneur Phin aus Keng Tung zurück und demobilisierte seine Nordarmee und beendete die Besatzung.

Die historische Bedeutung der thailändischen Besatzung für den Drogenhandel

In den Annalen des Zweiten Weltkriegs taucht das thailändische Vorrücken in den Shan-Staat nur als geringfügige Militäroperation auf. Es erscheint als Fußnote der großen Schlachten, die anderswo ausgetragen wurden und die Weltgeschichte prägten. Aus einer anderen Perspektive betrachtet ist die Besetzung jedoch eine wichtige Phase in der Entwicklung des südostasiatischen Drogenhandels. Viele der politischen Verbindungen, die aus den ungleichartigen Hochländern der Region das Goldene Dreieck schufen, wurden während der thailändischen Besatzung geknüpft. In den frühen fünfziger Jahren, nur wenige Jahre nach dem Krieg, sollte General Phibuls Clique, darunter viele Veteranen der Nordarmee, ihre Kontakte zum nationalchinesischen Militär nutzen. Sie nutzten diese Kontakte, um beträchtliche Mengen von Opium aus dem Shan-Staat zu importieren und den Handel zu kontrollieren.

Die Entstehung des Opiumkorridors zwischen Birma und Bangkok

Dieses Bündnis formte einen Opiumkorridor zwischen Birma und Bangkok, der noch vierzig Jahre später eine zentrale Rolle im südostasiatischen Drogenhandel spielte. Mit ihrer Besetzung des Shan-Staates bildeten sich eigentümliche Allianzen zwischen lokalen Eliten und einflussreichen thailändischen Militärs. Diese Verbindungen prägten die regionale Politik und den Drogenhandel nachhaltig. Im Rückblick auf seine Abreise aus Keng Tung im Jahre neunzehnhundertvierundvierzig erinnerte sich Phin, der später zum thailändischen Stabschef avancierte. Er berichtete, dass über eintausend Regierungsvertreter und andere Wohlgesinnte zu seiner Verabschiedung gekommen seien. Viele von ihnen hätten geweint und ihre Verbundenheit gezeigt. Ebenso bedeutsam war, dass die Besetzung Kontakte zu nationalchinesischen Militärs im nahen Yunnan ermöglichte und neue Beziehungen schuf.

Die geheimen Kontakte zu den Nationalchinesen und die Nachkriegsentwicklung

Zwar waren die Chinesen zu Beginn des Kriegs Gegner, aber die sich abzeichnende Niederlage der Japaner bewog das thailändische Militär. Auf Befehl von Premierminister Phibul traf es sich im April neunzehnhundertvierundvierzig an der Grenze mit dem Kommandeur der dreiundneunzigsten Division der Guomindang, General Lu Wi-eng. Als Agenten des amerikanischen Geheimdienstes OSS, die in Yunnan operierten, geheime Kontakte zu Thai-Militärs im benachbarten Keng Tung aufnehmen wollten, mussten sie feststellen. General Lu verfügte bereits über detaillierte Listen von Offizieren der Nordarmee und war gut informiert. Nach dem Krieg, als die rotchinesische Armee Yunnan eroberte, zogen sich Überreste dieser Einheit, der dreiundneunzigsten Division, nach Birma zurück. Dort entwickelten sie später im Bündnis mit General Phins Militärfraktion den Shan-Opiumhandel und festigten ihre Position.

Die dreißig Tonnen Shan-Opium als Vorbote der Nachkriegspolitik

Die sechsunddreißig Tonnen Shan-Opium, die Thailand während der Besatzung Keng Tungs durch die Nordarmee aus der Region in die Heimat exportiert hatte, sind ein erster Vorschein der Politik des Drogenhandels in der Nachkriegszeit. Die Logistik dieser besonderen Lieferung bleibt im Dunkeln, nicht aber die politischen Verbindungen, die sich aus dem Shan-Feldzug ergaben. Bezeichnenderweise waren viele Thai-Militärs, die nach dem Zweiten Weltkrieg den Opiumhandel mit Birma dominierten, Veteranen aus der Zeit der Besetzung des Shan-Staates. General Phin, Architekt des Militärputsches von neunzehnhundertsiebenundvierzig und späterer Stabschef, wurde im Jahrzehnt nach dem Krieg Thailands führender Politiker. Und aus den Reihen seiner Nordarmee stammten auch die anderen politisch wichtigen Militärs: General Phao Siyanan, Feldmarschall Sarit Thanarat, General Krit Siwara und General Kriangsak Chamanan.

Die anhaltende Bedeutung der Drogeneinkünfte für das Militär

Obwohl nicht jeder Führer jeder Armeefraktion am Shan-Opiumhandel beteiligt war, blieben Drogeneinkünfte in der Nachkriegszeit doch eine wichtige Quelle der thailändischen Militärmacht. Sie sicherten Einfluss und Ressourcen und prägten die Politik. Außerdem hatte der Krieg in keiner Weise die Opiumexporte aus Yunnan nach Südostasien unterbrochen und der Handel lief weiter. Trotz ihrer Gegnerschaft verkaufte die nationalchinesische Regierung, die über die Opiumanbauprovinzen Südchinas herrschte, der japanischen Armee beträchtliche Mengen Rohopium. Die japanische Armee besetzte Birma und die Küstenregionen Chinas und benötigte die Droge. Zudem sickerten Schmugglerkarawanen von Yunnan über die Grenze und lieferten erhebliche Mengen billigen Opiums für thailändische Süchtige. So ging Thailand aus dem Zweiten Weltkrieg mit einem unvermindert großen Bevölkerungsanteil Süchtiger hervor. Das Land blieb weiterhin von importiertem Opium abhängig und die Nachfrage bestand fort.