Vietnam in den 1950er Jahren: Eine kaum beachtete Krise im Schatten globaler Ereignisse

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In den späten 1950er Jahren war Vietnam in der öffentlichen Diskussion der Vereinigten Staaten nur von marginaler Bedeutung. Die Medienlandschaft, bestehend aus Zeitungen, Magazinen, Radio und Fernsehen, widmete dem Konflikt im Fernen Osten kaum Aufmerksamkeit. Besonders die Fernsehnachrichten, die in dieser Zeit zu einer der wichtigsten Informationsquellen für die amerikanische Bevölkerung geworden waren, beschränkten sich im Wesentlichen auf das Ablesen von Agenturmeldungen. Wenn überhaupt ausländische Nachrichten ausgestrahlt wurden, dann konzentrierten sie sich vor allem auf andere Krisen und Ereignisse, die damals die Welt in Atem hielten. Dazu zählten die Suez-Krise, der Ungarn-Aufstand im Jahr 1956, die Berlin-Krisen ab 1958, die atomare Aufrüstung sowie der Sputnik-Schock im Herbst 1957.

Der Start des sowjetischen Satelliten Sputnik markierte den ersten erfolgreichen Start eines künstlichen Himmelskörpers in der Geschichte. Dieses Ereignis bedeutete einen vorübergehenden, aber bedeutenden Vorsprung der Sowjetunion im Bereich der Wissenschaft, insbesondere in den angewandten Naturwissenschaften. Die Medien, die Öffentlichkeit und die Regierung beschäftigten sich intensiv mit diesem technologischen Wettlauf im All, der den Ausbau eines eigenen Raumfahrtprogramms der Vereinigten Staaten beschleunigte und verstärkte.

Während der Fokus der Medien auf diese technologische Konkurrenz lag, wurden die Entwicklungen in Südvietnam nur sporadisch erwähnt. In Zeitschriften wie Life wurden die repressiven Maßnahmen des südvietnamesischen Präsidenten Ngo Dinh Diem kritisiert. Auch im angesehenen Fachmagazin Foreign Affairs wurde die Lage in Südvietnam thematisiert, wenn auch nur mit kritischen Untertönen. William Henderson, ein bekannter Analyst, betonte, dass das Land „heute praktisch ein Polizeistaat“ sei, der durch willkürliche Verhaftungen, strenge Zensur und das Fehlen einer echten Opposition geprägt sei.

Trotz dieser kritischen Einschätzungen konnten sich Entwicklungsexperten, Akademiker, Journalisten und Politiker – abgesehen von einigen wenigen Ausnahmen – relativ leicht von den Mängeln des Regimes ablenken lassen. Beim Versuch, den Aufbau eines funktionierenden Staates nach kolonialem Vorbild voranzutreiben, war es fast unvermeidlich, dass es zu Reibungsverlusten kam. Ein auf den Trümmern der kolonialen Verwaltung errichteter Staat war kaum in der Lage, sofort den westlichen Vorstellungen von Demokratie zu entsprechen, zumal die Mehrheit der Bevölkerung in Südostasien bisher kaum mit demokratischen Prinzipien vertraut war.

Einmal, im Frühjahr 1957, richtete die amerikanische Öffentlichkeit ihren Blick sogar direkt auf den südvietnamesischen Autokraten. Anlässlich eines offiziellen Besuches wurde Diem die seltene Ehre zuteil, eine Rede vor beiden Kammern des Kongresses zu halten. Dieser Erfolg wurde in den Medien gefeiert, und ein Empfang in New York rundete die Tour ab. Die Saturday Evening Post titulierte Diem damals als „den Mandarin, der den Fahrplan der Roten umwirft“. Für einige Tage zierte das Bild eines lächelnden, in weißes Tuch gehüllten, zierlichen Mannes die Titelseiten der Medien, und niemand bezweifelte, dass dieser distinguierte Herr mit seinem französischen Akzent der fähige Präsident eines armen Landes war, das von kommunistischen Kräften bedroht wurde.

Auch im Kongress wurde Südvietnam nur am Rande wahrgenommen. Im Jahr 1959 wurde zwar eine Anhörung zu diesem Thema abgehalten, doch die Diskussionen konzentrierten sich weder auf die zentralen Fragen der amerikanisch-südvietnamesischen Beziehungen noch auf die Verknüpfung von Militär- und Wirtschaftshilfe mit konkreten Bedingungen. Stattdessen dominierte ein eher nebensächliches Thema: die Korruption in Saigon.

Die politische Bedeutung Vietnams: Eine Nebenrolle in der obersten Regierung

Auf der höchsten Regierungsebene spielte Vietnam seit 1955 nur eine marginale Rolle. Präsident Dwight D. Eisenhower und Außenminister John Foster Dulles vertrauten darauf, dass Ngo Dinh Diem die Lage im Griff hatte, die kommunistischen Kräfte in Nordvietnam ausschaltete und einen stabilen, funktionierenden Staat aufbaute. Die Militärs im Pentagon waren überwiegend zuversichtlich und glaubten, dass die südvietnamesische Armee, die sogenannte ARVN, einen konventionellen Angriff Nordvietnams erfolgreich abwehren könnte.

Bei alarmierenden Nachrichten aus Vietnam reagierten die Militärs vor allem mit der Forderung nach mehr finanziellen Mitteln und Waffen. Doch die grundsätzliche Einschätzung ihrer Entscheidungen wurde nie ernsthaft in Frage gestellt. Innerhalb des Militärs gab es jedoch auch einflussreiche Persönlichkeiten, die sich gegen den Kurs der Regierung wandten. General Collins, der amerikanische Sonderbotschafter in den Jahren 1954/55, betonte nachdrücklich, dass die politischen Fragen eine weitaus größere Bedeutung hätten als militärische Probleme. Bereits 1954 hatten die amerikanischen Stabschefs der politischen Führung widersprochen, als sie zu der Einschätzung kamen, ein kommunistisch kontrolliertes Indochina beeinträchtige nicht die Sicherheit der USA.

Auch nach 1954 wandten sich führende Militärs wie General Matthew Ridgway gegen ein dauerhaftes Engagement der USA in Südvietnam. Sie hielten die politische Lage für zu instabil und Diem für ungeeignet, um das Land durch die Schaffung eines nationalen Bewusstseins zu einen. Eine weitere Gruppe, bestehend aus Analytikern, die das amerikanische Engagement grundsätzlich befürworteten, forderte eine Neuausrichtung der Prioritäten. Statt die Ausbildung der ARVN zu einer konventionellen Armee zu forcieren, plädierten sie – unterstützt durch die CIA – für eine koordinierte, politisch-militärische Strategie, die auch Anti-Guerilla-Taktiken, sogenannte Counterinsurgency, einschloss.

Angesichts der offensichtlichen Unfähigkeit der ARVN nach 1958, den ländlichen Aufstand wirkungsvoll zu bekämpfen, befürworteten diese Strategen eine stärkere Berücksichtigung von Guerillakriegsführung. Während der Amtszeit Eisenhowers konnten weder Gegner des Engagements noch Kritiker der Strategie entscheidend Einfluss auf die entscheidenden Prozesse nehmen. Präsident Eisenhower, die führenden Außenminister und die meisten hochrangigen Pentagon-Vertreter orientierten sich an den optimistischen Einschätzungen des Kommandanten in Saigon, Generalleutnant Samuel T. Williams, auch bekannt als „Hanging Sam“.

Williams war fest davon überzeugt, dass die Fähigkeiten Diems und seines Bruders ausreichend seien, um das Land vor dem Chaos und der kommunistischen Übernahme zu bewahren. Er glaubte, dass die Übertragung amerikanischer militärischer Strukturen auf Südvietnam, die Ausbildung der Armee auf einen konventionellen Krieg und die rückhaltlose Unterstützung Diems die einzig möglichen Wege seien, um den Einfluss der Kommunisten einzudämmen. Kritische Stimmen innerhalb des Militärs wurden von Williams als kommunistische Propaganda abgetan. Für ihn stand fest, dass der Aufbau einer leistungsfähigen, schlagkräftigen südvietnamesischen Armee das wichtigste Ziel war.

Die Realität in Saigon und Washington: Pessimismus und Unsicherheit

In der amerikanischen Botschaft in Saigon sowie bei der CIA-Mission wurde die Lage jedoch viel differenzierter gesehen, wenn auch deutlich pessimistischer als Williams es formulierte. Diplomaten und CIA-Mitarbeiter beobachteten mit wachsender Sorge die zunehmenden Auswüchse des Polizeistaates, die Unzufriedenheit der Bevölkerung und die zunehmende Distanz zwischen Regierung und Volk. Sie mahnten dringend Reformen an, doch die Kommunikation mit den Brüdern Nhu und Diem wurde immer schwieriger.

Auf amerikanische Ratschläge reagierten die Brüder meist mit langen Monologen, in denen sie ihre persönlichen Theorien darlegten. Sie ließen die amerikanischen Besucher meist mit dem festen Vorsatz zurück, nie wiederzukommen. William Colby, damals Leiter der CIA-Mission, fasste die Situation in seinen Memoiren so zusammen: „In einer Lage, in der das gegenseitige Verständnis zwischen zwei Kulturen ohnehin schwierig genug war, gab es viel zu wenige echte Kommunikationskanäle.“

Der amerikanische Botschafter Elbridge Durbrow formulierte im Dezember 1960 in einem Telegramm an das Außenministerium seine Einschätzung der Stimmung unter den Diplomaten: „Wir könnten schon bald vor der herausfordernden Aufgabe stehen, andere Führungspersönlichkeiten zu finden und aufzubauen.“

Diem, Manipulation und die begrenzten Einflussmöglichkeiten der USA

Diem verstand es meisterhaft, Militärs und Diplomaten gegeneinander auszuspielen, um die Forderungen nach Liberalisierung und Demokratisierung im Keim zu ersticken. General Williams hatte nicht unrecht, wenn er meinte, dass bis auf weiteres keine politische Alternative zu Diem in Sicht war. Die Einflussmöglichkeiten der USA gegenüber dem südvietnamesischen Autokraten waren trotz umfangreicher wirtschaftlicher Unterstützung begrenzt.

Homer Bigart, ein bedeutender amerikanischer Journalist, formulierte 1957 treffend: „Geh unter oder schwimm mit Ngo Dinh Diem.“ Die amerikanische Regierung entschied sich für Letzteres. Sie setzte auf die militärische Sicherung des Landes, während politische Reformen stets nachrangig behandelt wurden. Die Entscheidung, Diem an der Macht zu halten, war politischer Natur, die Mittel dazu waren vor allem militärischer Art.

Das Scheitern der bisherigen Strategie und die alarmierende Erkenntnis

Doch nach zwei Jahren Bürgerkrieg in Südvietnam wurde immer deutlicher, dass die bisherige Strategie nicht den gewünschten Erfolg brachte. Im Mai 1960 erreichte diese Erkenntnis auch den Nationalen Sicherheitsrat in Washington. Präsident Eisenhower zeigte sich zwar besorgt über die Entwicklungen, doch ein Rückzug aus dem Projekt des „nation building“ kam für ihn niemals infrage.

Das Protokoll einer geheimen Sitzung dokumentierte: „Der Präsident erklärte, dass er eine Reihe von Berichten über Südvietnam erhalten habe. Bisher seien wir stolz auf Diem gewesen und hätten gedacht, dass er gute Arbeit leiste. Doch nun schien er zunehmend tyrannisch und blind gegenüber der tatsächlichen Lage.“ Das Treffen drehte sich um die Frage, ob man Maßnahmen ergreifen sollte, um Diem dazu zu bewegen, mehr mit der Bevölkerung zu kommunizieren.

Eisenhower war sich bewusst, dass die Lage komplex war und die Proteste gegen Diem zunahmen. Dennoch war er, wie viele seiner Berater, davon überzeugt, dass die USA in der Lage seien, die politischen, wirtschaftlichen und sozialen Entwicklungen in Vietnam zu kontrollieren und zu steuern. Diese Annahme war jedoch eine Illusion. Was die US-Politik im Jahr 1960 ausmachte, war letztlich nur eine Taktik: die Unterstützung einer antikommunistischen Regierung und deren Stützung durch die Armee, um einen kommunistischen Sieg zu verhindern.

Das Vietnam des Jahres 1960, so die Einschätzung des Historikers David L. Anderson, war eine „Zeitbombe“, die jederzeit explodieren konnte. Die politische Instabilität, die soziale Spaltung und die Unfähigkeit der amerikanischen Strategen, nachhaltige Kontrolle auszuüben, machten das Land zu einem gefährlichen Pulverfass, das jederzeit in Flammen aufgehen konnte.

 

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