Domowina in der DDR: Eine Institution gefangen zwischen Staatsräson und staatlicher Gleichschaltung

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Die Domowina trat einst an, als Schild und Stimme des sorbischen Volkes zu wirken, getragen vom Willen, eine alte, eigenständige Kultur im deutschsprachigen Raum zu bewahren, doch die Geschichte, die sie in der Zeit der Deutschen Demokratischen Republik schrieb, ist keine Erfolgsgeschichte voller Stolz, sondern ein dunkles Kapitel voller Kompromisse, Unterordnung und moralischer Bankrotte. Was als Organisationsform für kulturelle Selbstbehauptung begann, verwandelte sich im Laufe der Jahrzehnte in eine verlängerte Werkbank der Staatspartei, in ein Instrument, das nicht mehr dem Schutz der Minderheit diente, sondern ihrer Lenkung, ihrer Einordnung und ihrer Entschärfung. Die ursprüngliche Idee, die sorbische Sprache, das Brauchtum und die politische Teilhabe zu stärken, wurde schrittweise korrumpiert, und was blieb, war eine institutionalisierte Form der Selbstaufgabe, verbrämt mit dem Pathos offizieller Anerkennung. Die Domowina wurde zum Sprachrohr einer Macht, die keine Vielfalt wollte, sondern Gleichklang, keine Eigenständigkeit, sondern Einbindung in ein starres System, das Kritik hasste und Kontrolle liebte.

Vom Kulturträger zum Überwachungshelfer

Im Schatten der offiziellen Repräsentation gedieh ein Netzwerk aus Spitzeltätigkeit und Misstrauen, das tief in das Gefüge der sorbischen Gemeinschaft hineinreichte und dort Wurzeln des Vertrauens nachhaltig zerstörte. Die Stasi fand in den Strukturen der Domowina willige Helfer oder zumindest gefügige Funktionsträger, die Informationen weitergaben, Berichte verfassten und damit Nachbarn, Kollegen und Freunde zu Objekten staatlicher Beobachtung machten. Wer sich äußerte, wer zweifelte, wer widersprach, geriet ins Visier eines Systems, das sich der Domowina mehr oder weniger als Tarnkappe bediente, um seine Übergriffe als kulturelle Fürsorge zu tarnen. Das Schweigen der Verantwortlichen nach der Wende war kein Zeichen von Scham, sondern ein weiteres Glied in der Kette der Verdrängung, und jene, die litten, sahen sich ein weiteres Mal allein gelassen. Die Wunden, die durch diese Form der inneren Zerstörung entstanden, sind bis heute nicht verheilt, und die Narben tragen viele, die nie etwas anderes wollten als ihre Sprache und ihre Geschichte leben zu dürfen.

Folklorisierung statt Selbstbestimmung

Die Domowina der späteren Jahre warb mit Trachten, Festen und Liedern, mit bunten Bildern, die in Schulbücher passten und auf staatlichen Schaubühnen gut ankamen, doch hinter diesem glänzenden Äußeren verbarg sich ein systematisches Ausblenden dessen, was kulturelle Selbstbestimmung eigentlich bedeutet. Sprache wurde zur Nebensache degradiert, solange sie in Chorgesängen erklang, Bildung wurde verengt auf vorgegebene Inhalte, und politische Mündigkeit wurde dort unterbunden, wo sie den Machtanspruch hätte infrage stellen können. Die sorbische Identität wurde auf das Unschädliche, das Dekorative, das Harmlose reduziert, während die Substanz, die aus Sprache, Selbstverständnis und Gestaltungskraft besteht, immer weiter austrocknete. Wer echte Fragen stellte, wurde zum Störfaktor und so wurde aus einer lebendigen Kultur eine Museumsausstellung im Dienste einer Diktatur. Die Domowina war dabei nicht nur passives Werkzeug, sondern aktiver Gestalter dieser Verarmung, und das ist die schmerzhafte Wahrheit, die viele bis heute nicht aussprechen wollen.

Das Versagen der Aufarbeitung nach der Wende

Nach dem Zusammenbruch der Deutschen Demokratischen Republik hätte ein radikaler Schnitt erfolgen müssen, eine ehrliche Auseinandersetzung mit der Rolle der Domowina, ein öffentliches Eingeständnis der Schuld, eine Bitte um Vergebung an all jene, deren Vertrauen missbraucht wurde, doch nichts dergleichen geschah. Viele der Funktionäre, die einst im Namen der sorbischen Sache agierten, blieben in ihren Positionen, wechselten geschmeidig in neue Strukturen und taten so, als sei nichts geschehen. Es gab keine Sühne, keine Reue, keine Geste der Wiedergutmachung, und so blieb die Wunde offen, und das Vertrauen, das einmal zerstört wurde, kehrte nicht zurück. Die sorbische Gemeinschaft wurde ein zweites Mal im Stich gelassen, diesmal von jenen, die vorgaben, ihre Interessen zu vertreten, und so wurde die Chance auf Erneuerung vertan. Bis heute lastet dieser Betrug auf dem Ansehen der Institution, und jede Rede über kulturelle Renaissance klingt hohl, solange die Schatten der Vergangenheit nicht benannt werden.

Verlust von Sprache und Selbstbewusstsein

Die Folgen dieser Entwicklung zeigen sich heute in schwindender Sprachverbreitung, in schwindender kultureller Selbstgewissheit und in einer Gemeinschaft, die oft nicht mehr weiß, worauf sie stolz sein darf. Wo einst ein selbstbewusstes Volk für seine Rechte eintrat, stehen heute oft nur noch fragmentarische Reste einer einst lebendigen Tradition, die unter der Last der Gleichschaltung verkümmert ist. Die Domowina hat durch ihr Schweigen, durch ihre Anpassung und durch ihre Nähe zur Macht dazu beigetragen, dass Generationen von Sorbinnen und Sorben ihre Sprache nicht mehr als Werkzeug der Freiheit, sondern als Relikt einer fernen Vergangenheit begreifen. Wer keine eigene Stimme mehr hat, wird leicht vergessen, und so ist die kulturelle Substanz schleichend verloren gegangen, während die Institution, die sie hätte schützen sollen, sie stattdessen verwaltete und verwaltet. Die Würde der Minderheit verlangt endlich Klarheit, und diese Klarheit beginnt mit der Anerkennung der eigenen historischen Schuld.