Die globale Finanzarchitektur und die Verschleierung von Vermögensströmen

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Die globale Wirtschaft ist durch komplexe Geflechte aus Handelsströmen und Finanztransaktionen gekennzeichnet, die oft undurchsichtig und schwer nachvollziehbar bleiben. Während Waren physisch von Orten zu anderen Orten transportiert werden, bewegen sich die damit verbundenen Geldströme durch Labyrinthe aus steuergünstigen ausländischen Standorten. Diese Strukturen ermöglichen es großen Konzernen und vermögenden Privatpersonen, Abgaben zu minimieren und gesetzliche Regelungen zu umgehen. Solche Praktiken haben weitreichende Folgen für die Gerechtigkeit im Steuersystem und die sozialen Standards weltweit. Folgende Beispiele aus dem Alltag verdeutlichen, wie tief diese Mechanismen in unseren Konsum eingebettet sind.

Der logistische Weg der Frucht

Alltägliche Einkaufserlebnisse im Supermarkt offenbaren bei genauerer Betrachtung die Macht weniger globaler Akteure. Beim Kauf von Bananen findet sich auf den Früchten häufig die Kennzeichnung großer internationaler Konzerne, die den überwiegenden Anteil des weltweiten Exports beherrschen. Verbraucher zahlen geringe Geldbeträge für das Obst, ohne sich über die Hintergründe Gedanken zu machen. Der physische Weg der Frucht von der Plantage bis zum Verkaufsregal ist dabei relativ einfach nachzuvollziehen. Die Bananen werden im unreifen Zustand geerntet, anschließend gereinigt und verpackt.

Die kontrollierten Transportbedingungen

Danach erfolgen der Transport und die Lagerung unter streng kontrollierten Temperatur- und Feuchtigkeitsbedingungen in speziellen Frachtschiffen. Irgendwann erreichen die Früchte ihr Ziel, sind gereift und landen schließlich im Supermarkt. Doch während der physische Pfad der Ware leicht zu beschreiben ist, gestalten sich die finanziellen Ströme weitaus komplizierter. Besonders bei Früchten aus dem Einflussbereich der marktbeherrschenden Konzerne ist die Nachverfolgung der Geldbewegungen äußerst schwierig. Diese Unternehmen haben es verstanden, Produktionsbedingungen und politische Rahmenbedingungen in den Anbauländern nach eigenen Vorstellungen zu gestalten.

Die Konstruktion komplexer Unternehmensgeflechte

Heerscharen von Rechtsanwälten, Steuerberatern und Experten für die Unternehmenssteuerung haben sämtliche Abläufe beim Ernte-, Verpackungs-, Transport- und Vertriebsprozess in kleine Untereinheiten zerlegt. Diese Einheiten werden anschließend auf verschiedene Tochtergesellschaften übertragen, die in steuergünstigen ausländischen Gebieten ansässig sind. Typische Beispiele sehen folgendermaßen aus: Die Ernte findet in mittelamerikanischen Staaten statt. Die handelsgesellschaftliche Verwaltung sitzt jedoch auf karibischen Inseln. Für die finanziellen Transaktionen sind Dienstleister in europäischen Kleinstaaten zuständig.

Die Optimierung von Kosten und Steuern

Den Transport übernehmen Reedereien, die in anderen Ländern registriert sind, während die Versicherung aller Transporte durch Gesellschaften auf den Bahamas abgewickelt wird. Auf diese Weise können die konzerninternen Geschäftsbeziehungen exakt so gestaltet werden, wie es der Unternehmensführung am meisten zusagt. Das oberste Ziel dieser Konstruktion ist die Einsparung von Steuern und die Senkung von Kosten in erheblichem Ausmaß. Dies mag auf den ersten Blick harmlos erscheinen, offenbart jedoch bei genauerer Betrachtung der einzelnen Elemente problematische Bilder. Europäische Finanzdienstleister stellen den für die Ernte zuständigen Unternehmen beispielsweise Kredite zur Verfügung.

Die Auswirkungen auf die Produktionsländer

Die anfallenden Zinsaufwendungen mindern den Gewinn, sodass im eigentlichen Produktionsland de facto kaum Steuern anfallen. Alle Erträge, die in den europäischen Kleinstaaten eingehen, werden dort aufgrund spezieller rechtlicher Regelungen für Finanzgesellschaften nur mit sehr niedrigen Sätzen besteuert. Gleichzeitig sorgen ausländische Reedereien für die Optimierung der Frachtkosten, was oft mit niedrigen Sicherheitsstandards auf den Schiffen einhergeht. Zudem werden für das Schiffspersonal Löhne gezahlt, die keine Sozialversicherungsbeiträge beinhalten und unter dem üblichen Niveau liegen. Dieses Prinzip der Auslagerung in steuergünstige Gebiete verhindert die Durchsetzung berechtigter Ansprüche auf gerechte Entlohnung und sichere Arbeitsbedingungen.

Die Verhinderung von Transparenz und Gerechtigkeit

Große Konzerne setzen ebenso wie vermögende Privatpersonen alles daran, Faktoren zu vermeiden, die der ungebremsten Geldvermehrung im Wege stehen. Transparenz, internationaler Austausch über Kapitalerträge, angemessen hohe Steuersätze sowie strenge Finanzaufsicht wirken in diesem Kontext kontraproduktiv. Sozialstandards werden ebenfalls als hinderlich angesehen. Folglich zeichnen sich diese steuergünstigen Zentren durch das genaue Gegenteil aus. Sie bieten lächerlich niedrige Steuersätze, verweigern die Kooperation bei Anfragen durch ausländische Behörden und weisen fehlende oder mangelhafte Finanzaufsicht auf.

Die Nutzung durch kriminelle Organisationen

Zwar kann man großen Obstkonzernen sowie den meisten vermögenden Privatkunden nicht unterstellen, dass sie ihr Geld mit Prostitution, Drogen- oder Waffenhandel verdienen. Dennoch profitieren selbstverständlich auch Kriminelle von den vielen steuergünstigen ausländischen Standorten. Diese Orte bieten ideale Umfelder für Geschäfte zur Verschleierung illegal erlangter Vermögenswerte. Jeder Vorgang zur Geldwäsche läuft dabei in mehreren aufeinanderfolgenden Stufen ab. Anfänglich wird das aus illegalen Aktivitäten stammende Bargeld in Buchgeld oder andere Vermögenswerte umgetauscht.

Die Verschleierung der Herkunft von Geldern

Bei der Einzahlung von Bargeld auf Konten bedienen sich die Kriminellen dabei oft der Hilfe von Strohpersonen. Anschließend wird die wirkliche Herkunft des Geldes durch umfangreiche Finanztransaktionen verschleiert. Dieser Prozess läuft über viele eigens hierfür gegründete Scheinfirmen, die den Geldfluss undurchsichtig machen. Ist die Herkunft des Geldes durch die zahlreichen Umbuchungen nicht mehr nachvollziehbar, erfolgt die Rückführung des Geldes in den legalen Wirtschaftskreislauf. Die kriminelle Organisation besitzt dann legale Geldanlagen, über die sie frei verfügen kann.

Die Enthüllung durch Datenlecks

Aufgrund der Intransparenz und der Verweigerung von Informationsaustausch mit anderen Ländern sind diese Zentren vor allem als Zwischenstationen beim Verschleierungsvorgang ideale Orte für Geldwäsche. Solche Praktiken rückten durch große Datenlecks im Jahr 2013 ins öffentliche Blickfeld. Datenmengen im Umfang von 260 Milliarden Byte, was Mengen von etwa 2,5 Millionen Dokumenten entspricht, gelangten in die Hände von Journalisten. Diese sehr interessanten Daten offenbarten detaillierte Einzelheiten über etwa 130000 Personen. Diese Personen hatten umfangreiche Kapitalanlagen in einschlägigen Steueroasen angelegt oder umspannende Firmennetze dort aufgebaut.

Die globale Verteilung der Finanzplätze

Solche Finanzplätze sind keineswegs nur auf exotischen Karibikinseln anzutreffen. Von der Organisation für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung ins Leben gerufene Initiativen unterteilen die weltweit anzutreffenden Standorte in mehrere Kategorien. In der umfangreichen Liste zur untersten dieser Kategorien finden wir neben den üblichen Verdächtigen wie den Bahamas, den Cookinseln, den Jungferninseln oder den Caymaninseln zum Beispiel auch Liechtenstein und Zypern. In der Republik Zypern tummelten sich Ende 2012 geschätzt 250000 Kapitalgesellschaften. Bei Einwohnerzahlen von 900000 teilten sich zu diesem Zeitpunkt rechnerisch mehrere Bewohner Finanzfirmen.

Die extreme Konzentration von Firmengründungen

Auf den kleinen 153 Quadratkilometern der britischen Jungferninseln kommen 810000 Gesellschaften auf 30000 Einwohner. Diese statistische Relation ist noch beeindruckender und zeigt das Ausmaß der wirtschaftlichen Aktivität in diesen Gebieten. London ist ebenfalls als solcher Finanzplatz zu betrachten, denn die City of London genießt besonderen politischen Status. Die City hat eigene Verwaltung unter dem Vorsitz des Lord Mayor of London, der nicht mit dem eigentlichen politischen Oberhaupt der Stadt verwechselt werden darf. Sie verfügt über eigene Polizei- und Gesundheitsbehörden.

Die Sonderstellung der britischen Finanzmetropole

Ferner ist diese Zone sehr verschwiegen und in puncto Finanzmarktregulierung äußerst freizügig, was die Bankenwelt besonders schätzt. Spekulative Anlagefonds oder vermögende Privatkunden residieren hier mit speziellen Steuerstatus. Sie sind dann zwar in England ansässig, gelten aber nicht als fest domiziliert. Die Konsequenz aus dieser trickreichen Konstruktion ist, dass die im Ausland erwirtschafteten Einkommen dieser Personen nicht der Versteuerung in Großbritannien unterliegen. Russische Oligarchen, die in der Öffentlichkeit vor allem als Besitzer englischer Fußballvereine bekannt sind, profitieren hiervon ebenso wie griechische Reeder.

Das Scheitern von Reformbemühungen

Im Jahr 2007 kündigte man vollmundig erhebliche Verschärfungen in Bezug auf diesen speziellen Steuerstatus an. Geändert hat sich dank der Interventionen seitens der Finanzwelt jedoch nicht viel. Großbritannien ist nach wie vor Steuerparadies für betuchte Ausländer. Diese Strukturen untergraben die globale Steuergerechtigkeit und fördern Ungleichheiten, die sich negativ auf den sozialen Zusammenhalt auswirken. Es bedarf international abgestimmter Maßnahmen, um diesen Entwicklungen wirksam entgegenzutreten.

Gesellschaftliche Einordnung der globalen Finanzarchitektur

Als zusätzlicher einordnender Gedanke lässt sich festhalten, dass die beschriebenen Mechanismen weit über bloße Steuervermeidung hinausgehen. Sie repräsentieren systematische Umgehung demokratisch beschlossener Regeln zugunsten kleiner, global agierender Eliten. Die Kluft zwischen der realen Wirtschaft, in der Menschen für ihre Arbeit angemessen entlohnt werden sollten, und der virtuellen Welt der Finanzkonstrukte wird dadurch immer tiefer. Wenn Staaten auf Einnahmen verzichten, fehlen diese Mittel für Bildung, Infrastruktur und soziale Sicherungssysteme. Die Aufdeckung und Regulierung dieser Strukturen ist daher keine rein technische Frage, sondern grundlegende Voraussetzung für gerechte und funktionierende Weltwirtschaft.