Der Widerstand gegen das DDR-Regime: Mutige Einzelpersonen und die innere Erosion eines Staates

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Die letzten Jahre vor dem Fall der Berliner Mauer waren geprägt von einer zunehmenden inneren Instabilität, wachsendem Widerstand und tiefgreifenden Veränderungen, die die Strukturen der DDR und den gesamten Ostblock erschütterten. Für die Menschen, die direkt betroffen waren, war diese Zeit eine Phase der Unsicherheit, des Unbehagens und der ständig drohenden Gefahr. Die Ereignisse, die sich zwischen 1987 und 1989 abspielten, sind kaum vollständig zu erfassen, so komplex und vielschichtig sind sie. Doch sie sind entscheidend für das Verständnis der letzten Jahre des Staates, der sich trotz äußerer Kontrolle und Propaganda immer mehr selbst zerlegte.

Seit dem Überfall auf die Umweltbibliothek und die Zionsgemeinde im November 1987 hatten kritische Stimmen kaum noch Ruhe gefunden. Dieses Jahr markierte den Beginn einer Welle von Ereignissen, die sich kaum vorhersehen ließen. Kaum war das eine Ereignis verarbeitet, folgte bereits das nächste – eine sich beschleunigende Kette von Eskalationen, die die innere Stabilität der DDR zunehmend in Frage stellten. Die politische Führung versuchte immer wieder, das System zu verteidigen und kontrollieren, doch die innere Dynamik war unaufhaltsam.

In der DDR selbst zogen die Partei- und Sicherheitsorgane, insbesondere die SED und das MfS, immer wieder neue Strategien und Maßnahmen aus der Tasche, um die Kontrolle aufrechtzuerhalten. Im Ostblock brodelte es bereits gewaltig, während der Westen noch kaum Antworten auf die Entwicklungen parat hatte. Die westlichen Politiker und Medien agierten noch immer in den Kategorien der frühen achtziger Jahre, während die Gesellschaften im Osten und im Osten Europas bereits tief in einer Krise steckten. Die Medien berichteten zwar, doch oftmals nur unkritisch und schönfärberisch über das, was sich hinter der Mauer abspielte. Dabei verkannten sie die innere Erosion, den Zerfall, der die DDR im Inneren bereits vollständig ergriffen hatte.

Die politische und gesellschaftliche Situation im Sommer 1989

Im Frühsommer 1989 glaubten die meisten Kommentatoren und Intellektuellen in der Bundesrepublik Deutschland noch, dass die DDR „trotz alledem“ eine gewisse Stabilität bewahren könne. Zwar wurde die Legitimität des Regimes zunehmend hinterfragt, doch die offizielle Sichtweise blieb, dass alles in Ordnung sei. Die politische Machtbasis wurde zwar in Frage gestellt, doch die grundlegenden Prinzipien des Systems und die Herrschaft der SED schien noch immer unantastbar.

Es war eine Phase, in der die meisten in der Bundesrepublik noch nicht realisierten, wie tief die innere Krise der DDR wirklich war. Die politische Diskussion drehte sich vor allem um die äußeren Zeichen der Stabilität, während die innere Erosion kaum Beachtung fand. Selbst in den wichtigsten Meinungsforen und Medien wurde kaum hinterfragt, ob die offiziellen Behauptungen über den Zustand des Staates noch haltbar waren. Die westlichen Politiker, inklusive Kanzler Kohl, Außenminister Genscher und viele andere, sprachen noch immer von der DDR, als ob sie eine legitime, demokratisch legitimierte Einheit sei. Doch das war eine Illusion, die immer mehr Risse zeigte.

Die zunehmende Selbstermächtigung der Bürger in der DDR

In dieser Phase begannen immer mehr Menschen in der DDR, ihre Rechte aktiv zu erkennen und einzufordern – als seien sie bereits staatlich garantiert. Seit Ende 1987 und Anfang 1988 wuchs die Zahl der sogenannten bewussten Bürger kontinuierlich an, obwohl formell keine echten Bürgerrechte existierten. Es waren Einzelpersonen, die sich mutig gegen das bestehende System stellten und ihre Bereitschaft zeigten, für ihre Überzeugungen einzustehen. Diese Menschen riskierten viel, doch sie waren entschlossen, ihre Stimme zu erheben und Veränderungen einzufordern.

Unter ihnen war auch Martin Rohde, geboren im Jahr 1967, dessen Leben beispielhaft für den Mut und den Widerstand jener Zeit steht. Rohde wuchs in Berlin-Friedrichshagen am Müggelsee auf. Nach der Schulzeit absolvierte er die 10. Klasse in seiner Heimatstadt und lernte den Beruf eines Werkzeugmachers. Er war ein widerspenstiger, aber leistungsfähiger Schüler, der bereits in jungen Jahren durch sein Auftreten und seine Haltung gegen den vorgegebenen Einheitsstil auffiel.

Das Leben und die politische Haltung des Martin Rohde

Rohde war Mitglied der FDJ, doch schon früh zeigte er eine kritische Haltung gegenüber dem System. Er war politisch links eingestellt, aber auch sehr interessiert an gesellschaftlichen und historischen Fragen. Zu Hause hatte er viele Freiheiten, was ihm erlaubte, sich breit zu vernetzen und seine Ansichten frei zu entwickeln. Mit seinem Outfit und seinem Verhalten symbolisierte er schon damals, dass er sich bewusst gegen die uniformierte Gesellschaft stellte. Seine Interessen lagen bei Partys, gemeinsamer Freude und der Ablehnung des Einheitsdenkens.

Er las intensiv Tageszeitungen, Bücher und Magazine, gleichzeitig begann er, oppositionelle Materialien zu sammeln, die er aus kirchlichen Gruppen und Samisdat-Quellen bezog. 1985 trat er aus der FDJ aus, indem er einfach keine Beiträge mehr zahlte. Er schloss sein Abitur an einer Abendschule ab, besuchte Kurse in Latein und arbeitete ab Januar 1988 als Hausmeister und Kraftfahrer. Im selben Jahr traf er eine bedeutende Entscheidung: Er verweigerte den Wehrdienst vollständig, aus politischen Überzeugungen.

Seine Haltung zeigte sich auch bei den Wahlen im Mai 1989: Er nahm nicht teil, beteiligte sich aber aktiv an der Überwachung der Wahl, um mögliche Manipulationen aufzudecken. Diese Aktionen waren mutig, denn sie gingen gegen den offiziellen Konsens der Partei.

Die Festnahme in Frankfurt/Oder und Rohdes Mut

In der Nacht vom 1. auf den 2. Juli 1989 wurde Rohde in Frankfurt/Oder festgenommen, während er sich bei einer Party aufhielt. Grund dafür war, dass er an verschiedenen Stellen in der Oderstadt großformatige Parolen und Losungen gegen das Regime angebracht hatte. Zu den Sprüchen gehörten: „Herbst in Peking“, „Winter in Berlin“, „Frühling in Moskau“, „RAF Dich auf“, „Wer die Wahl hat, hat die Qual, wer nicht wählt, wird gequält“, „Bei Hager geht’s uns mager“, „Peking lebt“ und „Die Mauer stirbt“.

Rohde folgte dem Polizisten fast bereitwillig, überzeugt, dass er höchstens wegen Sachbeschädigung belangt werden könne. Er hoffte, die Beamten von seiner Überzeugung überzeugen und sie dazu bringen zu können, seine Argumente zu verstehen. Die Vernehmungsprotokolle und Niederschriften seiner Aussagen sind beispielhaft für Mut, Ehrlichkeit, Widerstandskraft und auch eine gewisse Naivität. Rohde zeichnete in den Verhören eine klare Vision davon, was im System der DDR verändert werden müsste. Er zeigte sich nicht als Feind sozialistischer Ideen, sondern als Gegner des kommunistischen Macht- und Herrschaftsprinzips.

Seine Vernehmer waren vermutlich überrascht von seiner Offenheit. Rohde belastete sich selbst so stark, dass sie wahrscheinlich kaum umhin kamen, über ihn und seine Überzeugungen nachzudenken. Er blieb standhaft, verriet keine Namen oder Herkunft von oppositionellen Materialien, unterschrieb keine Protokolle, weil sie seine Aussagen falsch wiedergaben, und trat zeitweise in einen Hungerstreik. Diese Umstände waren für ihn eine große Belastung, doch er blieb unbeugsam.

Die kritische Haltung und die Verteidigung der eigenen Überzeugung

In den Verhören bekannte sich Rohde offen zu den Oppositionsgruppen, nannte Missstände beim Namen und kritisierte die Pressepolitik der DDR. Er sprach von Menschenrechtsverletzungen und stellte die Legitimität des Systems grundsätzlich infrage. Im Juli 1989 fragte der Vernehmer: „Wie kommen Sie dazu, zu behaupten, dass in der DDR das Recht auf freie Meinungsäußerung nicht gewährleistet sei?“ Rohde antwortete ehrlich: „Konkret sehe ich das an meinem eigenen Beispiel, weil ich mich momentan in Untersuchungshaft befinde, nur weil ich von meinem verfassungsmäßigen Recht auf freie Meinungsäußerung Gebrauch gemacht habe, indem ich die Schriften im Stadtgebiet Frankfurt (Oder) angebracht habe.“

Einen Monat nach seiner Festnahme verfasste Rohde eine ausführliche Stellungnahme, die im Kern eine Grundsatzkritik an der DDR darstellte. Sie endete mit den Worten: „Ich bereue die Tat als solche, doch ich kann meine Meinung zum jetzigen Zeitpunkt nicht bereuen, weil ich fest davon überzeugt bin, dass sie richtig ist.“ Trotz Einzelhaft und Repressionen gelang es dem MfS nicht, ihn zu brechen.

Das Urteil und die spätere Entwicklung des Mutigen

Am 22. September 1989 wurde Rohde vom Kreisgericht Frankfurt/Oder zu 14 Monaten Gefängnis verurteilt. Das Arbeitskollektiv, das Teil des Systems war, zeigte sich trotzdem teilweise solidarisch: Bereits am 20. September erklärten sie, dass Rohde für sein Vergehen gerade stehen müsse, aber nach der Haft wieder aufgenommen und unterstützt werden sollte, um wieder im Kollektiv Fuß zu fassen.

Der Direktor des Betriebs, in dem Rohde arbeitete, war typisch für das System: Im September kündigte er an, dass Rohde nach seiner Rückkehr nur noch den Hof kehren werde. Doch im Jahr 1990 änderte sich die Haltung: Als Rohde im selben Jahr vor Verantwortlichen stand, wurde er als „Held“ bezeichnet. Kurz vor Weihnachten 1989 wurde er schließlich aus der Haft entlassen.

Das neue Leben nach der Haft und die Rehabilitation

Nach seiner Freilassung fand Rohde ein anderes Land vor. Im Februar 1990 drehte er einen 17-minütigen Film über seinen Fall, der bis heute bewegt. Das Material entstand an Originalschauplätzen und dokumentiert eindrucksvoll die Ereignisse. Am 21. August 1991 erfolgte seine offizielle Rehabilitierung durch das Bezirksgericht Frankfurt/Oder.

Seitdem lebt Rohde in der Schweiz, studiert dort, gründete eine Familie und arbeitet gegenwärtig an einer Dissertation zur französischen Erinnerungskultur im 19. Jahrhundert. Seine Geschichte ist ein Beispiel für Tausende von Menschen, die im Sommer 1989 für Demokratie und Freiheit auf die Straße gingen. Sie traten ohne Netz und doppelten Boden für ihre Überzeugungen ein und trugen auf individuelle Weise, aber mit großer Wirkung dazu bei, die SED-Diktatur zu beenden – oft völlig unerkannt, aber entscheidend für den Ausgang der Ereignisse.