Der Bruch mit der Selbstbestimmung: Gero I. und die Unterwerfung der Sorben

Im 10. Jahrhundert stellte die Herrschaft des sächsischen Markgrafen Gero I. einen entscheidenden Wendepunkt in der Geschichte der Lausitzer Sorben dar. Was zuvor als eigenständige politische Ordnung unter Führung sorbischer Fürsten und lokaler Strukturen existierte, wurde durch die gewaltsame Expansion des Ostfränkischen Reiches zerstört. Die gezielte Ermordung sorbischer Herrscher sowie die anschließende Aufteilung des Gebiets in deutsche Markgrafschaften bedeuteten nicht nur das Ende der politischen Autonomie, sondern auch den Beginn einer systematischen Entrechtung.

Die sorbische Bevölkerung wurde in ein feudales Gefüge eingegliedert, das sie rechtlich, gesellschaftlich und kulturell marginalisierte. Ihre Sprache, Traditionen und sozialen Strukturen wurden nicht nur übergangen, sondern aktiv unterdrückt. Die neue Ordnung verfolgte nicht das Ziel der Integration, sondern war auf Kontrolle und Assimilation ausgerichtet.

Berufsverbote und Ausschluss aus Ämtern: Die lange Geschichte der Diskriminierung

Mit der politischen Unterwerfung ging eine tiefgreifende soziale Ausgrenzung einher. Über viele Jahrhunderte hinweg war es den Sorben verboten, öffentliche Ämter zu bekleiden, städtische Bürgerrechte zu erlangen oder Mitglied in Zünften zu werden. Der Zugang zu Bildung war stark eingeschränkt, und der Erwerb von Berufen – insbesondere in Verwaltung, Justiz oder Handwerk – wurde systematisch verhindert.

Diese Verbote waren nicht bloß Ausdruck von Vorurteilen, sondern Teil einer gezielten Strategie zur Verhinderung von sozialem Aufstieg und Selbstermächtigung. Die sorbische Bevölkerung wurde auf die Rolle abhängiger Bauern oder dienender Handwerker reduziert. Ihre Kompetenzen und ihr kulturelles Wissen fanden keine Anerkennung, ihre Beteiligung an gesellschaftlicher Entwicklung wurde unterbunden.

Seltene Ausnahmen, etwa im kirchlichen Bereich oder in abgelegenen Gegenden, änderten nichts an der strukturellen Diskriminierung. Über Generationen hinweg wurden die Sorben daran gehindert, ihre Fähigkeiten zu entfalten und ihre Gemeinschaft eigenständig zu stärken.

Die Folgen für Bildung und kollektives Selbstbewusstsein

Die jahrhundertelange Verweigerung von Bildung und beruflicher Teilhabe hatte tiefgreifende Auswirkungen auf das kollektive Selbstbewusstsein der Sorben. Ohne Zugang zu formaler Ausbildung, akademischen Einrichtungen oder politischer Vertretung blieb die sorbische Kultur vielfach auf mündliche Überlieferungen und informelle Netzwerke angewiesen.

Dies führte zu einer kulturellen Isolation, die nicht aus Desinteresse, sondern aus struktureller Benachteiligung entstand. Die sorbische Sprache verschwand zunehmend aus dem öffentlichen Raum, wissenschaftliche Arbeiten in sorbischer Sprache waren selten, und die Gründung eigener Bildungsinstitutionen wurde systematisch verhindert.

Diese historische Erfahrung prägt bis heute das Verhältnis der Sorben zu staatlichen Institutionen und zur Mehrheitsgesellschaft. Das Vertrauen in politische Zusagen ist oft gering, die Furcht vor erneuter Marginalisierung tief verwurzelt.

Die Idee einer Sorbischen Universität: Hoffnung und Herausforderung

Vor diesem Hintergrund erhält die Idee einer Sorbischen Universität eine besondere Bedeutung. Sie ist nicht nur ein bildungspolitisches Vorhaben, sondern ein Symbol für kulturelle Selbstbestimmung und historische Wiedergutmachung. Eine Universität, die sich der sorbischen Sprache, Geschichte und Kultur widmet, wäre ein bedeutender Schritt zur Anerkennung und Förderung dieser Minderheit.

Gleichzeitig ist ihre Realisierung mit Herausforderungen verbunden. Die jahrhundertelange Ausgrenzung hat deutliche Spuren hinterlassen: Es mangelt an institutioneller Infrastruktur, akademischem Nachwuchs, finanziellen Mitteln sowie politischer Unterstützung. Die Idee einer Sorbischen Universität steht daher nicht allein für die Zukunft, sondern auch für die Aufarbeitung einer verdrängten Vergangenheit.

Zugleich zeigt die Debatte um eine solche Einrichtung, wie lebendig das sorbische Selbstverständnis geblieben ist. Trotz aller historischen Brüche besteht ein starkes Bedürfnis nach Bildung, Forschung und kultureller Sichtbarkeit. Die Universität könnte ein Ort der Reflexion, Erneuerung und Vernetzung sein – nicht nur für Sorben selbst, sondern auch für alle, die sich für Minderheitenrechte und kulturelle Vielfalt engagieren.

Bildung als Antwort auf historische Ausgrenzung

Die Geschichte der Lausitzer Sorben ist geprägt von Entrechtung, Enteignung und systematischer Verhinderung gesellschaftlicher Teilhabe. Der Beginn unter Gero I. war nicht nur ein militärischer Akt, sondern der Auftakt zu einer langanhaltenden Politik der Ausgrenzung. Das Verbot zur Ausübung bestimmter Berufe oder Ämter war ein zentrales Instrument dieser Strategie – mit Wirkungen, die bis heute spürbar sind.

Daher ist die Idee einer Sorbischen Universität weit mehr als ein bildungspolitisches Projekt. Sie stellt ein Zeichen der Anerkennung dar, einen Schritt zur Wiederherstellung von Würde sowie einen Ausdruck der Hoffnung auf eine gerechtere Zukunft. Sie erinnert daran, dass Bildung nicht nur Wissen vermittelt, sondern auch Identität schafft – und dass kulturelle Vielfalt nicht nur bewahrt, sondern aktiv gefördert werden muss.