Historische Perlen am nördlichen Rand des Spreewaldes
Screenshot youtube.comDer Spreewald in der Lausitz stellt eine einzigartige Kulturlandschaft dar, die durch ein verzweigtes Netz aus Wasserwegen, dichten Wäldern und einer tief verwurzelten sorbischen Tradition geprägt ist. Innerhalb dieser idyllischen Umgebung bieten die Ortschaften Alt Zauche, Neu Zauche und Straupitz einen tiefen Einblick in eine vergangene Epoche, die historische Architektur mit unberührter Natur verbindet. Diese Dörfer zeugen von einer bewegten Geschichte, die von adeligen Geschlechtern, kirchlichem Einfluss und landwirtschaftlichem Wandel geformt wurde. Heute laden sie Besucher dazu ein, die Ruhe abseits des Massentourismus zu genießen und die Spuren vergangener Jahrhunderte zu entdecken.
Die beiden verschlafenen Dörfchen Alt Zauche und Neu Zauche liegen am nördlichen Rand des Spreewaldes. Ihre Namen sind vermutlich vom Adelsgeschlecht von der Zauche abgeleitet, das im 14. Jahrhundert hierher kam und ein Rittergut bezog. Am Dorfanger von Alt Zauche steht das historische Hanschkow-Haus, in dem der örtliche Traditionsverein seinen Sitz hat.
Die abgeschiedene Lage der alten Kahnfährhäfen
Der Kahnfährhafen liegt drei Kilometer südlich des Ortes Alt Zauche. Bis in die 1930er-Jahre war der Ort noch an das Wassernetz des Spreewaldes angeschlossen und entsprechend gut mit Touristen gefüllt. Das änderte sich mit der Eindeichung des Gebietes, denn der Nordumfluter schottet das Dorf nun von den Fließen ab. Dafür ist es am Hafen schön ruhig, es gibt einen kleinen Imbiss, und man ist ganz schnell im Hochwald, dem urig bewachsenen Herzen des inneren Spreewaldes. Ähnlich ist die Situation im Nachbardorf Neu Zauche, wo man sogar zehn Kilometer über Wiesen und Felder fahren muss, bis man den Hafen erreicht.
Idyllische Kirchen und weite Wanderwege
Dieser Hafen in Neu Zauche sucht seinesgleichen, da er direkt am Waldrand und an einer großen Wiese gelegen ist. Es gibt wohl kaum einen stilleren und idyllischeren Ort, um eine Kahnfahrt zu starten. Im Ort selbst ist die neugotische Dorfkirche von 1862 sehenswert, deren schlanker Turm des Ziegelbaus von weither zu sehen ist. Eine ihrer drei Glocken wurde 1498 gefertigt und im Zweiten Weltkrieg abtransportiert, um eingeschmolzen zu werden. Im Jahr 1949 tauchte sie in Berlin-Tempelhof wieder auf und hängt seitdem am alten Platz, wobei die Kirche tagsüber für Besucher geöffnet ist.
Wanderungen und touristische Informationen
Von Neu Zauche führt ein etwa sechs Kilometer langer Wanderweg mit einem gelben Balken als Symbol zum Briesener See, der mit einem herrlichen Sandstrand und einem Zeltplatz aufwartet. Über Alt Zauche informiert die entsprechende Internetseite des Fremdenverkehrsvereins. Für Neu Zauche ist die Touristinformation Oberspreewald in Straupitz zuständig, die alle nötigen Auskünfte erteilt. Diese Einrichtungen helfen Reisenden, die verborgenen Schönheiten der Region optimal zu entdecken und zu genießen.
Gastronomie und Unterkünfte in Neu Zauche
Das Gasthaus Zur Spreewaldbahn bietet Nostalgie pur und Hausmannskost wie bei der Mutter. Es befindet sich in der Bahnhofstraße 8 in 15913 Neu Zauche. Das Gasthaus Zum Oberspreewald ist eine einfache Hotelpension mit gemütlichem Innenhof und Kegelbahn sowie gutbürgerlicher Küche im Restaurant.
Gehobene Erholung und regionale Spezialitäten
Der Spreewaldhof Romantik ist ein Erholungshotel mit drei Sternen am Ortsrand, ausgestattet mit Sauna, Fitnessraum und zwei Becken. Das Restaurant mit gehobener regionaler Küche akzeptiert externe Gäste nur mit Voranmeldung. In Alt Zauche bietet das Gasthaus In Mühle eine kleine Auswahl an regionalen Speisen im stimmungsvollen Blockhaus mit schönem Außenbereich, wobei nur Barzahlung möglich ist.
Weitere gastronomische und nächtliche Angebote
Das Gasthaus Bukoitza ist ein gemütliches Lokal in Alleinlage direkt am Eichkanal und auf halbem Weg nach Lübben. Es verfügt über eine schöne Gartenterrasse, solide Spreewaldkost und auch Ferienwohnungen. In Alt Zauche bietet das Landhaus Brodack eine gehobene Pension mit modernem rustikalem Ambiente, Doppel- und Mehrbettzimmern inklusive Halbpension und Kuchen am Nachmittag.
Naturverbundener Zeltplatz und lokales Handwerk
Der Spreewälder Seeferienplatz liegt direkt am schönen Briesener See, umgeben von Kiefernwäldern und ohne Parzellierung. Besucher sollten Kleingeld für Duschen mitbringen, denn es gibt einen Imbiss, einen sagenhaft schönen Sandstrand mit Mittelmeerflair sowie Boots- und Fahrradverleih. In Neu Zauche können Interessierte die Kerzenmanufaktur Ute Langer besuchen, wo handgefertigte Kerzen verkauft werden und das eigene Kerzen gießen möglich ist.
Die überraschenden Attraktionen von Straupitz
Der beschauliche Ort Straupitz überrascht mit mehreren Attraktionen, die über den Rahmen eines gewöhnlichen Dorfes hinausgehen. In der Holländerwindmühle mit lebendigem Museum wird auf traditionelle Weise Leinöl gepresst. Am alten Bahnhof warten Waggons der historischen Spreewaldbahn auf einen Besuch der Eisenbahnfreunde. Im Ortszentrum wollen Schlossensemble und Schinkelkirche von den Gästen bewundert werden. Für die Verhältnisse der umliegenden Spreewalddörfer ist Straupitz mit gut 900 Einwohnern eine größere Ortschaft am nördlichen Rand des Oberspreewaldes.
Der historische Wandel des Schlosses
Die Einwohnerzahlen gehen stetig zurück, und viele Häuser sowie Gehöfte sind verlassen und dem Verfall preisgegeben. Dennoch hat der verschlafene Ort einige sehenswerte Überraschungen zu bieten, allen voran die strahlend gelbe Schinkelkirche. Am südwestlichen Rand des Ortes lässt ein wuchtiges Herrenhaus in gediegenem Altrosa den Glanz vergangener Zeiten erahnen. Fast 300 Jahre lang diente es den Grafen von Houwald als standesherrschaftliche Residenz. Im Jahr 1655, als der sächsische General Christoph von Houwald die Standesherrschaft Straupitz erwarb, stand an dieser Stelle noch ein Wasserschloss.
Der Aufstieg des Grafen von Houwald
Houwald war bürgerlicher Herkunft, und sein Vater war Tuchmacher in Grimma. Im Dreißigjährigen Krieg machte Houwald eine steile militärische Karriere und war als Oberleutnant im Dienst der schwedischen Krone an der Eroberung Frankfurts an der Oder im Jahr 1631 beteiligt. Später trat er in kursächsische, dann in kurbrandenburgische Dienste. In den 1650er-Jahren hatte er sich zahlreiche Ehrentitel erworben und verfügte über ein enormes Vermögen. Davon kaufte er sich mehrere Landgüter, darunter die zu Sachsen-Merseburg gehörende Standesherrschaft Straupitz.
Der Umbau und die spätere Nutzung des Anwesens
Mit dem Erwerb der Herrschaft durfte sich der Veteran nun Graf nennen und das Adelsprädikat von führen. Sogleich begann er, die schwer vom Krieg geschädigte Gemarkung wieder aufzubauen, in diesem Zuge entstand auch eine neue Kirche. Das Wasserschloss ließ er zeitgemäß in ein Renaissanceschloss umbauen. Seine jetzige Gestalt allerdings erhielt es erst 1795 durch den Nachfahren Carl Gottlob Willibald von Houwald. Wie sein Vorfahre bemühten sich seine Nachfahren in den folgenden Jahrhunderten sehr um ihr Herrschaftsgebiet, etwa durch Neubauten oder das Vorantreiben der Wirtschaft.
Die Enteignung und der Schlosspark
Im Jahr 1945 wurde die Familie aus Straupitz vertrieben, und dass sie das Schloss nicht wiederbekommen hat, verraten die bunten Bastelarbeiten an den Fenstern und die moderne Turnhalle auf dem Grundstück. Seit 1947 nämlich wird Schloss Straupitz als Schule genutzt. Hinter dem Herrenhaus schließt sich der frei zugängliche Schlosspark an, den Christoph Heinrich Ernst Graf von Houwald ab 1905 als Erweiterung des Schlossgartens anlegen ließ. Heimische und ausländische Gehölze, mit Bedacht gewählte Sichtachsen und ein Wegenetz prägten damals den Park, der heute im Wesentlichen erhalten ist.
Die Sanierung des historischen Parks
Vernachlässigung und der Bau eines Sportplatzes auf einer großen Freifläche in den 1950er-Jahren führten jedoch zu Verwilderung und Änderungen der ursprünglichen Parkstruktur. Zum Glück sorgen Gemeinde, Vereine und freiwillige Helfer in jährlichen Arbeitseinsätzen dafür, dass der Park instandgehalten und Stück für Stück saniert wird. Besonders gut auf sich wirken lassen kann man die Parklandschaft bei einer Kahnfahrt vom benachbarten Kahnfährhafen. Wer möchte, kann sich Informatives und Sagenhaftes per Tonführer vom sprechenden Karpfen erzählen lassen.
Das Turmgebäude und der Kornspeicher
Auch das Gebäude schräg gegenüber vom Schloss direkt am Parkplatz gehört zum Schlossensemble. Das sogenannte Turmgebäude, gut zu erkennen an dem halb verstümmelten Turm in der Mitte des Daches, wurde 1805 als Mehrzweckgebäude errichtet. Neben der Gutsverwaltung befanden sich hier Pferdeställe, Remisen und Lagerräume unter anderem für Getreide. Der Turm war mit einer großen Uhr geschmückt und wurde noch bis 1945 als Feuerwachturm genutzt, heute nutzen ihn nur noch die Störche. Kaum zu übersehen an der Kirchstraße auf halbem Weg zum Schloss ist der ehemalige Kornspeicher mit seiner Fachwerkfassade und den markanten Lüftungsklappen.
Die Umnutzung des Kornspeichers
Der Kornspeicher wurde in der zweiten Hälfte des 18. Jahrhunderts errichtet und diente nicht nur der Lagerung von Getreide, sondern auch der von Eis. Noch bis 1992 erfüllte der Getreidespeicher seinen ursprünglichen Zweck. Heute kann man das historische Bauwerk von innen besichtigen und die Geschichte des Ortes nachvollziehen. Neben Ausstellungsräumen gibt es eine Töpferwerkstatt mit Laden und ein kleines Café mit einem lauschigen Außenbereich. Diese kulturelle Nutzung bewahrt das Erbe der Region für zukünftige Generationen.
Die Villa und die steinernen Obelisken
Den Eingang zum ehemaligen Schlossgelände markieren zwei steinerne Obelisken schräg gegenüber der Kirche, deren Erbauungsdatum nicht bekannt ist. Gleich daneben erhebt sich eine imposante Villa mit roten Fenstersimsen und Blumenornamenten an der Fassade. Ernst Otto von Houwald veranlasste gleich nach seiner Übernahme der Standesherrschaft 1855 ihren Bau. Dafür ließ er das sogenannte Neue Haus, das sich vorher an dieser Stelle befunden hatte, abreißen. Johanna Helene von Houwald hatte es sich im 18. Jahrhundert als Witwensitz errichten lassen.
Die architektonische Meisterleistung der Schinkelkirche
Heute beherbergt die schmucke Villa zwei Arztpraxen und eine Physiotherapiepraxis für die lokale Bevölkerung. Die Straupitzer Dorfkirche ragt wie eine goldene Hüterin über den ansonsten unscheinbaren Ort. Mit ihren mediterran gestalteten Doppeltürmen ist sie das Schmuckstück der Gemeinde und von weither zu sehen. Ihre auffällige Architektur geht auf den preußischen Baumeister Karl Friedrich Schinkel zurück. Im Jahr 1826 veranlasste der Standesherr von Straupitz, Karl Heinrich Ferdinand Freiherr von Houwald, den Bau einer neuen Kirche, da die alte zu klein und baufällig war.
Die Finanzierung und Einweihung der Kirche
Zu dieser Zeit war Schinkel bereits ein Stararchitekt, und das kleine Nest Straupitz lag sicherlich jenseits seines Interessenhorizonts. Allerdings war er mit dem Bruder des Bauherrn, Ernst von Houwald, bekannt, der sich als Dichter und Dramatiker einen Namen gemacht hatte. Vielleicht war dieser ein Bewunderer oder ein Freund, jedenfalls gelang es Ernst, den Meister für die Bauplanung der neuen Kirche zu gewinnen. Mit 1700 Plätzen und einem Kostenvoranschlag von 24000 Talern war der Neubau ein gewaltiges Projekt, zumal eine Dorfkirche laut königlicher Verordnung eigentlich nicht mehr als 8000 Taler kosten durfte. Schinkel aber setzte sich durch, und die enormen Kosten teilten die Familie Houwald und die Straupitzer Bevölkerung untereinander auf.
Die königliche Unterstützung und Fertigstellung
König Friedrich Wilhelm der Dritte, der Schinkel 1810 mit dem repräsentativen Ausbau Berlins beauftragt hatte, war von der im Bau befindlichen Kirche offenbar so angetan, dass er sie durch beachtliche 2000 Taler bezuschusste. Diese königliche Geste unterstrich die Bedeutung des Bauwerks für die gesamte Region. Die feierliche Einweihung der prächtigen Kirche erfolgte schließlich im Jahr 1832. Seitdem steht sie als unübersehbares Wahrzeichen für die kulturelle und historische Bedeutung von Straupitz. Sie bildet den würdigen Abschluss eines Rundgangs durch diese bemerkenswerte Ortschaft am Rande des Spreewaldes.
















