Die Suche nach dem wahren Kern der römischen Gründungssage
Screenshot youtube.comDie menschliche Sehnsucht, mythische Erzählungen mit greifbaren, archäologischen Fakten zu verknüpfen, prägt die Geschichtswissenschaft seit jeher. Besonders bei der Entstehungsgeschichte großer Zivilisationen wie Rom versuchen Forscher unermüdlich, die Lücke zwischen legendären Überlieferungen und materiellen Hinterlassenschaften zu schließen. Diese Spannung zwischen dem Wunsch nach historischer Bestätigung und der harten Realität der Funde bildet den Kern jeder ernsthaften Auseinandersetzung mit der Antike. Wenn wir die früheste Phase der ewigen Stadt betrachten, müssen wir uns daher stets fragen, ob die steinernen Zeugnisse wirklich die Geschichten bestätigen, die sich die antiken Bewohner selbst über ihre Ursprünge erzählten.
Der vergebliche Versuch, Mythos und Materie zu vereinen
Die abschließende Frage, die sich bei der Betrachtung dieser Epoche stellt, ist, ob das archäologische Material und die mythischen Überlieferungen zu Romulus und Remus wirklich so unverbunden nebeneinander stehen bleiben müssen. Es ist verlockend zu glauben, dass sich unsere Untersuchungen zur frühesten Geschichte Roms nahtlos mit den Legenden verknüpfen lassen, die sich die Menschen in der Antike erzählten. Vielleicht lässt sich tatsächlich mehr historische Substanz in diesen Mythen finden, als es auf den ersten Blick scheint. Dieser reizvolle Gedanke hat viele moderne Historiker und Archäologen in ihren Studien zur Frühzeit Roms stark beeinflusst. So sind wir bereits dem Versuch begegnet, die Ursprünge des Septimontium als direkte Widerspiegelung des römischen und sabinischen Doppelcharakters der Stadt zu begreifen, den der Romulus-Mythos so eindringlich unterstreicht.
Archäologische Phantasiegebilde am Fuße des Palatins
Als man vor nicht allzu langer Zeit am Fuß des Palatins alte Erdbefestigungen entdeckte, löste dieser Fund alle möglichen wilden Spekulationen aus. Viele glaubten sofort, es handele sich dabei um ebenjene Begrenzungen, über die Remus am Gründungstag Roms gesprungen sei, womit er indirekt seinen eigenen Tod herbeigeführt habe. Solche Interpretationen sind jedoch nichts weiter als archäologische Phantasiegebilde. Man ist zwar zweifellos auf alte Befestigungen gestoßen, was an sich schon eine bedeutende und lobenswerte Entdeckung darstellt. Doch in welcher Beziehung diese Mauern zu der frühen Hüttensiedlung oben auf dem Palatin stehen, bleibt völlig rätselhaft.
Die Gefahr voreiliger Datierungen und Fehlschlüsse
Mit den Mythengestalten Romulus und Remus, die es in der historischen Realität niemals gegeben hat, haben diese Erdwälle rein gar nichts zu tun. Alle Versuche, die Datierung des Bauwerks und der damit verbundenen Funde so zu manipulieren, dass dabei der 21. April des Jahres 753 vor Christus herauskommt, beruhen auf groben Fehlschlüssen. Solche Scheinargumente dienen lediglich dazu, eine vorgefasste Meinung mit scheinbar wissenschaftlichen Mitteln zu untermauern. Die wahre Archäologie muss sich von derartigen romantischen Vorstellungen lösen und die Funde für sich selbst sprechen lassen. Nur so kann ein objektives Bild der frühen Siedlungsgeschichte entstehen.
Der einzige Ort der scheinbaren Verbindung im Forum
In ganz Rom gibt es nur einen einzigen Ort, an dem sich die frühzeitlichen Funde in einen unmittelbaren Zusammenhang zur literarischen Überlieferung bringen lassen. Dabei ist jedoch keine harmonische Übereinstimmung festzustellen, sondern es tut sich eine große und faszinierende Kluft auf. Dieser besondere Ort befindet sich an einem Ende des Forums in der Nähe der Hänge des Kapitols. Er liegt nur wenige Gehminuten vom Tempel des Jupiter Stator entfernt, in dem Cicero seine berühmte Schmährede gegen Catilina hielt. Gleich neben der Plattform, von der aus die Redner zum Volk sprachen, wurde gegen Ende des 1. Jahrhunderts vor Christus ein etwa zwölf Quadratmeter großes Rechteck aus auffallend schwarzem Marmor in das Pflaster des Forums eingelassen.
Die bahnbrechenden Ausgrabungen unter dem schwarzen Stein
Gegen Ende des 19. Jahrhunderts führte der Archäologe Giacomo Boni Grabungen unter diesem schwarzen Stein durch. Er war damals ebenso berühmt wie Heinrich Schliemann, der Entdecker Trojas, aber nicht wie dieser mit dem zweifelhaften Ruf eines Hochstaplers behaftet. Bei seinen Arbeiten fand er die Überreste wesentlich älterer Bauwerke. Dazu gehörten unter anderem ein Altar, ein Stück einer großen freistehenden Säule und ein kurzer Steinpfeiler mit einer nahezu unverständlichen altlateinischen Inschrift. Dieser Text gilt wohl als einer der ältesten erhalten gebliebenen Texte in dieser Sprache überhaupt.
Religiöse Widmungen und die Zuschüttung der Kultstätte
Diese antike Anlage war absichtlich zugeschüttet worden, und das Füllmaterial enthielt alle möglichen ungewöhnlichen und alltäglichen Fragmente. Man fand kleine Tassen, Perlen und Knochen bis hin zu einigen aufwendig dekorierten Keramiken aus Athen, die aus dem 6. Jahrhundert vor Christus stammten. Nach diesen Funden zu urteilen, die offenbar religiöse Widmungen aufwiesen, bietet sich als offensichtlichste Erklärung an, dass es sich um eine frühe Kultstätte handelte. Möglicherweise war diese Stätte dem Gott Vulcanus geweiht. Bei der Umgestaltung des Forums im 1. Jahrhundert vor Christus wurde sie zugeschüttet, doch um die Erinnerung an die darunterliegende heilige Stätte zu bewahren, kennzeichnete man die Stelle mit dem besagten schwarzen Stein.
Die Deutungen der römischen Schriftsteller
Spätere römische Schriftsteller nahmen diese Stelle durchaus zur Kenntnis und machten sich intensive Gedanken über ihre tiefere Bedeutung. Einer von ihnen schrieb, der schwarze Stein markiere einen Unglücksort. Ihnen war klar, dass sich unter diesen Steinen etwas Jahrhundertealtes befand. Sie vermuteten jedoch keine religiöse Kultstätte, wie Archäologen mittlerweile relativ sicher annehmen, sondern ein Monument, das mit Romulus oder seiner Familie zu tun hatte. Mehrere antike Autoren vermuteten dort das Grab des Romulus, während andere es für das Grab des Faustulus hielten, des Ziehvaters von Romulus und Remus.
Die rätselhafte Inschrift und das Wissen der Antike
Wieder andere sahen darin das Grab eines Gefährten von Romulus namens Hostilius, der der Großvater eines späteren Königs von Rom war. Die Gelehrten wussten auch aus eigener Anschauung oder durch Hörensagen, dass sich unter der Oberfläche eine Inschrift befand. Ein antiker Autor gab zwei Möglichkeiten an, um was es sich handelte: entweder um ein Denkmal für Hostilius mit einer seine Tapferkeit bezeugenden Inschrift oder um eine von Romulus nach einem seiner Siege errichtete Statue. Er behauptete fälschlicherweise, Romulus habe seine Taten in griechischer Schrift eingeschrieben. Sicherlich traf keine dieser Annahmen zu, denn der Text war in Altlatein und nicht in griechischer Schrift verfasst.
Das Vermächtnis der vergrabenen Vergangenheit
Dieser Irrtum ist jedoch ein gutes Beispiel dafür, wie viel und zugleich wie wenig die römischen Historiker über ihre eigene vergrabene Vergangenheit wussten. Es zeigt auch, wie gern sie sich vorstellten, die Spuren des legendären Stadtgründers seien in ihrer Stadt oder dicht unter deren Oberfläche noch immer vorhanden. Der tatsächliche Inhalt dieser Inschrift führt uns, soweit wir ihn sinnvoll rekonstruieren können, in die nächste Phase der römischen Geschichte. Wir gelangen damit zur Abfolge nahezu ebenso mythischer Könige, die angeblich auf Romulus folgten. Diese Übergangsphase markiert den Punkt, an dem die archäologische Realität endgültig die mythische Erzählung ablöst.
















