Die globale Machtprojektion der Vereinigten Staaten und ihre verdrängte Kriegsgeschichte

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Die Vereinigten Staaten verstehen sich selbst gern als Schutzmacht der Freiheit, als Verteidiger demokratischer Ordnungen und als Garant einer internationalen Rechtsordnung. Ein Blick auf die weltweite Stationierung ihrer Streitkräfte, die Geschichte ihrer militärischen Interventionen und den Umgang mit den dadurch verursachten Verbrechen zeichnet jedoch ein deutlich widersprüchlicheres Bild. Die Vereinigten Staaten treten nicht nur als Staat auf, der seine eigenen Grenzen schützt, sondern als globale Ordnungsmacht, die politische Entwicklungen auf nahezu allen Kontinenten beeinflussen und notfalls mit militärischer Gewalt erzwingen will.

Ein Verteidigungsministerium mit weltweitem Anspruch

Von einem Verteidigungsministerium sollte man annehmen, dass es vor allem der Verteidigung des eigenen Landes dient. Anders verhält es sich mit dem amerikanischen Pentagon. Zu seinen Aufgaben gehören nicht lediglich der Schutz des nordamerikanischen Territoriums oder die Sicherung der eigenen Grenzen. Die Befriedung der afghanischen Provinz Kandahar, die Bekämpfung islamistischer Gruppen in Somalia und die militärische Kontrolle weit entfernter Regionen gehören ebenso zum Tätigkeitsfeld der Vereinigten Staaten.

Die amerikanischen Streitkräfte sind deshalb keine gewöhnliche Landesverteidigungsarmee. Sie sind weltweit einsetzbare Expeditionsstreitkräfte, die militärische Macht über große Entfernungen hinweg entfalten können. Ihre strategische Planung richtet sich auf die Beherrschung und Kontrolle globaler Räume. Der Wirtschaftswissenschaftler John Kenneth Galbraith beschrieb diese Denkweise bereits vor Jahrzehnten als strategischen Geist, der den gesamten Erdball betrachtet und ihn unmittelbar in Bereiche gegenwärtiger oder möglicher Einflussnahme aufteilt.

Diese Aufteilung ist längst in der militärischen Organisationsstruktur der Vereinigten Staaten verankert. Es gibt ein europäisches, ein afrikanisches, ein zentrales, ein südliches, ein nördliches und ein indopazifisches Regionalkommando. Hinzu kommt ein eigenes Kommando für den elektronischen und digitalen Raum. Sollte sich das Polareis weiter zurückziehen, dürfte vermutlich auch der arktische Raum noch stärker in die militärische Befehlsstruktur eingebunden werden. Die amerikanische Weltmachtordnung kennt kaum einen Bereich, der nicht als mögliches Einsatzgebiet betrachtet wird.

Schon die Existenz dieser Befehlsstruktur zeigt, wie außergewöhnlich der amerikanische Machtanspruch ist. Kein anderer Staat verfügt über ein auch nur annähernd vergleichbares weltweites Netz militärischer Zuständigkeiten. Man stelle sich vor, China würde ein eigenes Kommando für Lateinamerika errichten und einen chinesischen General damit beauftragen, zwischen Mexiko und Argentinien für Ordnung und Stabilität zu sorgen. In Washington würde ein solcher Schritt zweifellos als Ausdruck imperialer Anmaßung und als unmittelbare Bedrohung wahrgenommen werden.

Das größte Militärnetz der Welt

Auf die Vereinigten Staaten entfallen ungefähr 40 Prozent der weltweiten Rüstungsausgaben. Der amerikanische Rüstungshaushalt des Jahres 2019 lag bei mehr als 700 Milliarden US-Dollar. Allein die Steigerung gegenüber dem Vorjahr übertraf den gesamten nominellen Rüstungshaushalt Russlands. Diese Zahlen verdeutlichen, dass die militärische Überlegenheit der Vereinigten Staaten nicht nur auf moderner Technik beruht, sondern vor allem auf einer enormen finanziellen und organisatorischen Dauerleistung.

Seit dem Ende des Zweiten Weltkriegs haben die Vereinigten Staaten ein historisch beispielloses Netz militärischer Einrichtungen geschaffen. Weltweit unterhalten sie ungefähr 800 Militärstützpunkte in mehr als 80 Ländern. Kein anderer Staat besitzt auch nur annähernd eine vergleichbare Zahl ausländischer Militärbasen. Umgekehrt gibt es selbstverständlich keine ausländische Macht, die in den Vereinigten Staaten über ein entsprechendes Netz eigener Einrichtungen verfügt.

In ungefähr 160 Staaten befinden sich amerikanische Soldaten oder anderes militärisches Personal. Sie sind dort in unterschiedlicher Form tätig, übernehmen Ausbildungsaufgaben, unterstützen verbündete Streitkräfte, betreiben Nachrichtendienste oder sind unmittelbar an militärischen Operationen beteiligt. Die jährlichen Kosten für die Unterhaltung dieser weltweiten Stützpunkte belaufen sich auf ungefähr 150 Milliarden US-Dollar. Das militärische Netz ist damit nicht nur ein Instrument der Verteidigung, sondern eine dauerhafte Infrastruktur globaler Einflussnahme.

Mehr als die Hälfte der Staaten, in denen die Vereinigten Staaten Militärbasen unterhalten, sind keine stabilen Demokratien. Viele dieser Länder werden autoritär oder repressiv regiert. Die enge Zusammenarbeit mit solchen Regierungen zieht sich durch die gesamte amerikanische Geschichte seit dem Zweiten Weltkrieg. Sie reicht von der Präsidentschaft Harry Trumans bis in die Gegenwart. Die Vereinigten Staaten unterstützen damit nicht selten genau jene Machtstrukturen, deren politische Praktiken sie gegenüber anderen Staaten öffentlich verurteilen.

Der Politikwissenschaftler David Vine, einer der besten Kenner des amerikanischen Militärbasensystems, hat dieses Muster als alltägliche Unterstützung von Gewaltherrschaft und Unterdrückung in vielen Teilen der Welt kritisiert. In einem Staat, der sich selbst als besonders demokratisch und rechtsstaatlich darstellt, müsste eine solche Politik eigentlich einen nationalen Skandal auslösen. Stattdessen wird sie häufig als notwendiger Bestandteil der internationalen Sicherheitspolitik behandelt.

Ein widersprüchlicher Anspruch auf Demokratie

Entgegen ihrem demokratischen Selbstbild haben die Vereinigten Staaten im Verlauf ihrer Geschichte zahlreiche Regierungen destabilisiert oder beseitigt. Sie unterstützten Militärputsche, zerschlugen Befreiungsbewegungen, halfen brutalen Diktaturen an die Macht, ließen ausländische Politiker ermorden oder wirkten an entsprechenden Vorhaben mit. Außerdem griffen sie immer wieder in die Wahlen anderer Länder ein, wenn deren Ergebnisse nicht den eigenen strategischen Interessen entsprachen.

Besonders deutlich zeigt sich diese Politik in der westlichen Hemisphäre. Seit der Verkündung der Monroe-Doktrin betrachten die Vereinigten Staaten Mittel- und Südamerika als eine Region, in der sie sich ein besonderes Eingriffsrecht vorbehalten. Kaum ein Staat der westlichen Hemisphäre blieb von amerikanischem Druck, verdeckten Operationen oder direkter militärischer Gewalt vollständig verschont.

Guatemala, die Dominikanische Republik, Chile, Haiti, Grenada, Panama, El Salvador, Nicaragua, Bolivien, Honduras, Paraguay, Ecuador, Venezuela, Argentinien und Brasilien stehen beispielhaft für diese Entwicklung. In einigen Fällen unterstützten die Vereinigten Staaten Militärregime, in anderen destabilisierten sie linke Regierungen oder verhinderten soziale Reformen. Hinzu kamen wirtschaftliche Abhängigkeit, politische Erpressung und strukturelle Ausbeutung. Die amerikanische Politik verband dabei häufig militärische Gewalt mit wirtschaftlichen Maßnahmen und geheimdienstlicher Einflussnahme.

Die Diskrepanz zwischen Anspruch und Wirklichkeit ist offenkundig. Während Washington weltweit den Schutz von Freiheit, Menschenrechten und Demokratie beansprucht, wurden in zahlreichen Ländern Regierungen gestürzt, die demokratisch gewählt worden waren. Autoritäre Bündnispartner wurden dagegen unterstützt, sofern sie den geopolitischen und wirtschaftlichen Interessen der Vereinigten Staaten dienten.

Die Anfänge der modernen amerikanischen Kriegführung

Die amerikanische Kriegsgeschichte reicht weit zurück. Die Vernichtung der indigenen Bevölkerung, der Sklavenhandel und die zahlreichen Kriege des 19. Jahrhunderts bilden einen eigenen Komplex. Bereits der Spanisch-Amerikanische Krieg am Übergang zum 20. Jahrhundert zeigt jedoch, wie früh sich die Vereinigten Staaten zu einer imperialen Macht entwickelten.

Während dieses Krieges schlugen amerikanische Truppen den Aufstand auf den Philippinen nieder und machten das Land zu einem Bestandteil ihres eigenen Herrschaftsbereichs. Die Eroberung wurde von schweren Verbrechen begleitet. In verschiedenen Regionen kam es zu Massakern, Vertreibungen und der systematischen Zerstörung von Dörfern. Ganze Landstriche wurden entvölkert. In einzelnen Fällen erhielten amerikanische Soldaten den Befehl, jeden Menschen zu töten, der älter als zehn Jahre war.

Eine Stadt mit ungefähr 17.000 Einwohnern wurde vollständig ausgelöscht. Es gab keine Überlebenden. Solche Verbrechen lassen sich nur schwer mit den später immer wieder beschworenen amerikanischen Grundsätzen von Freiheit, Demokratie, Menschenrechten und einer regelgebundenen internationalen Ordnung vereinbaren. Sie zeigen vielmehr, dass die Vereinigten Staaten ihre moralischen Grundsätze von Beginn an selektiv anwendeten.

Der kalifornische Sozialwissenschaftler Carl Boggs bezeichnete die Vereinigten Staaten als eine kriegsbesessene Nation und ihre Streitkräfte als die größte und aggressivste Kriegsmaschine der Geschichte. Nach seiner Einschätzung setzte der amerikanische Vernichtungsapparat seit Jahrzehnten besonders auf Luftangriffe. Die Vereinigten Staaten entwickelten und verwendeten alle wichtigen Kategorien moderner Massenvernichtungswaffen: konventionelle, atomare, biologische und chemische Waffen. Auch wirtschaftliche Sanktionen können nach dieser Sichtweise als eine Form massenhafter Gewalt betrachtet werden.

Den größten Blutzoll forderten dabei die konventionellen Luftangriffe. Sie trafen nicht nur Soldaten, sondern in großem Umfang auch Zivilisten. Städte, Wohnviertel, Dörfer, Verkehrswege, landwirtschaftliche Flächen und industrielle Anlagen wurden zu militärischen Zielen erklärt. Die technischen Möglichkeiten der modernen Kriegführung erlaubten es, ganze Regionen aus der Luft zu verwüsten, ohne dass die Angreifer ihre Opfer unmittelbar sehen mussten.

Der Luftkrieg gegen Japan

Ein frühes Beispiel für diese Form der Kriegführung war der Luftkrieg gegen Japan während des Zweiten Weltkriegs. Im Unterschied zu den Angriffen auf Deutschland nahmen die Vereinigten Staaten im Pazifik kaum Rücksicht auf die Zivilbevölkerung. Im März 1945 warf die amerikanische Luftwaffe fast 1.700 Tonnen Brandbomben auf Tokio. Große Teile der Stadt wurden zerstört, ungefähr 100.000 Menschen starben unmittelbar oder an den Folgen des Angriffs.

Mehr als 60 japanische Städte erlitten ein ähnliches Schicksal. Die Städte wurden mit Brandbomben angegriffen, die vor allem Wohngebiete in großflächige Feuer verwandelten. Die Zerstörung hatte nicht nur militärische Einrichtungen zum Ziel, sondern die städtische Bevölkerung insgesamt. Wenige Monate später folgten die Atombomben auf Hiroshima und Nagasaki. Sie beendeten den Krieg zwar rasch, führten jedoch zum Tod von Hunderttausenden Menschen und zu langfristigen gesundheitlichen Schäden.

Die amerikanische Kriegführung gegen Japan machte deutlich, dass die Vereinigten Staaten bereit waren, ganze Städte zu zerstören, wenn dies dem eigenen strategischen Ziel diente. Die Unterscheidung zwischen militärischen und zivilen Zielen verlor dabei zunehmend an Bedeutung. Die spätere Berufung auf humanitäre Grundsätze steht deshalb in einem erheblichen Spannungsverhältnis zu dieser Praxis.

Der Vernichtungskrieg in Korea

Nur wenige Jahre später führten die Vereinigten Staaten auf der koreanischen Halbinsel einen Krieg, der weite Teile des Landes in eine Trümmerlandschaft verwandelte. Angegriffen wurden Städte und Dörfer, Fabriken, Verkehrsverbindungen, landwirtschaftliche Nutzflächen und Staudämme. Die Bombardierungen richteten sich nicht nur gegen militärische Einrichtungen, sondern gegen die Lebensgrundlagen der gesamten Bevölkerung.

Neben großflächigen Luftangriffen setzten die amerikanischen Streitkräfte in erheblichem Umfang Napalm ein. Außerdem wurde der Einsatz biologischer Waffen erwogen und nach verschiedenen Berichten auch vorbereitet. Mehrfach wurde diskutiert, ob Atomwaffen eingesetzt werden sollten. Schon die Tatsache, dass diese Möglichkeit ernsthaft in Betracht gezogen wurde, zeigt die Bereitschaft zur äußersten Eskalation.

Die amerikanische Luftwaffe und die mit ihr verbundenen Luftstreitkräfte der Vereinten Nationen flogen mehr als eine Million Einsätze. Dabei wurden insgesamt fast 700.000 Tonnen Munition eingesetzt. Der amerikanische General Curtis LeMay, der bereits für die Brandbombenangriffe auf japanische Städte verantwortlich gewesen war, leitete auch die strategische Bombardierung Koreas.

LeMay räumte später ein, dass beinahe jede größere Stadt in Nord- und Südkorea niedergebrannt worden sei. Er sprach von mehr als einer Million getöteter koreanischer Zivilisten und von mehreren Millionen Menschen, die aus ihren Häusern vertrieben wurden. Die genaue Zahl der Opfer des Koreakrieges ist bis heute umstritten. Schätzungen reichen von 2 Millionen bis zu 5 Millionen Toten. Sicher ist jedoch, dass die Mehrheit der Opfer aus Zivilisten bestand.

Der Koreakrieg wurde in den Vereinigten Staaten später häufig als vergessener Krieg bezeichnet. Treffender wäre es, von einem unbekannten Krieg zu sprechen. Denn vergessen kann nur werden, was zuvor in das öffentliche Bewusstsein eingedrungen ist. Die Brutalität der amerikanischen Kriegführung in Korea wurde jedoch niemals in dem Maß öffentlich aufgearbeitet, das ihrer Bedeutung entsprochen hätte.

Die Zerstörung Indochinas

Weniger als ein Jahrzehnt nach dem Ende des Koreakrieges begannen die Vereinigten Staaten in Vietnam, Laos und Kambodscha eine neue Phase massiver Gewalt. Über Indochina wurden ungefähr 8 Millionen Tonnen Bomben abgeworfen. Die Sprengkraft entsprach nach bestimmten Berechnungen etwa 640 Atombomben der Größenordnung von Hiroshima.

Die Flächenbombardierung wurde gegenüber den Erfahrungen in Japan und Korea weiterentwickelt. Große Bomberverbände griffen weite Gebiete an. Anschließend kamen Streubomben, Weißer Phosphor, Napalm und andere Waffen zum Einsatz, die besonders schwere Verletzungen verursachten und große Flächen unbewohnbar machten. Auf Vietnam wurden insgesamt ungefähr 373.000 Tonnen Napalm abgeworfen. In Korea waren es im Vergleich dazu etwa 32.000 Tonnen gewesen.

Das Pentagon setzte in Vietnam außerdem in großem Umfang chemische Kampfmittel ein. Zwischen 1962 und 1971 wurden ungefähr 6.500 Sprühflüge durchgeführt, bei denen Agent Orange und andere giftige Substanzen über Wäldern und landwirtschaftlich genutzten Flächen ausgebracht wurden. Ziel war es, die Vegetation zu zerstören, Ernten zu vernichten und den gegnerischen Kräften die Möglichkeit zu nehmen, sich zu versorgen oder zu verstecken.

Die Operation verseuchte mehr als 31.000 Quadratkilometer. Mindestens 4 Millionen Menschen waren den Giften ausgesetzt. Bis heute werden Krebserkrankungen, Lungenschäden, Missbildungen und andere schwere gesundheitliche Folgen mit dieser chemischen Kriegführung in Verbindung gebracht. Die Schäden wurden über Generationen weitergegeben. Eine klare Unterscheidung zwischen Kämpfern und Zivilisten fand nicht statt.

Im Krieg gegen Vietnam, Laos und Kambodscha wurde unter amerikanischen Soldaten die Vorstellung verbreitet, alles zu bekämpfen, was sich bewegte. Dieser Gedanke machte aus jeder Person in einem umkämpften Gebiet einen möglichen Feind. Dadurch wurde die unterschiedslose Tötung von Zivilisten nicht mehr als Ausnahme, sondern als unausweichliche Begleiterscheinung der Kriegführung behandelt.

Laos und Kambodscha als Zielscheiben

In Kambodscha ordnete Präsident Richard Nixon ein massives Bombardement an. Die amerikanische Führung weitete die Angriffe auf Gebiete aus, die offiziell nicht in gleicher Weise als Kriegsschauplätze anerkannt waren. Dadurch wurde ein großer Teil der kambodschanischen Bevölkerung in einen Krieg hineingezogen, der weder von ihr begonnen noch von ihr kontrolliert wurde.

Auch Laos wurde in einem Ausmaß bombardiert, das weltweit kaum bekannt ist. Zwischen 1964 und 1973 unterstützte der amerikanische Geheimdienst dort ein Luftbombardement, das gemessen an der Bevölkerungszahl als das größte der Geschichte gilt. Während ungefähr 580.000 Bombenangriffen wurden mehr als 2 Millionen Tonnen Munition eingesetzt. Einen besonders großen Anteil machten Streubomben aus.

Ungefähr 10 Prozent der laotischen Bevölkerung wurden getötet. Viele der abgeworfenen Streubomben explodierten nicht sofort. Sie blieben als tödliche Sprengkörper im Boden zurück und gefährden die Bevölkerung bis heute. Bauern, Kinder und Arbeiter werden noch Jahrzehnte nach dem Ende des Krieges verletzt oder getötet, wenn sie auf solche Bomben stoßen.

Der Krieg in Indochina war deshalb nicht mit dem Abzug der amerikanischen Truppen beendet. Die Zerstörung der Infrastruktur, die Vergiftung der Böden, die Verstümmelung ganzer Generationen und die zurückgebliebenen Sprengkörper verlängerten die Folgen über Jahrzehnte. Die betroffenen Gesellschaften mussten die Kosten eines Krieges tragen, dessen politische Entscheidungen in Washington getroffen worden waren.

Massaker an der Zivilbevölkerung

Zur Zerstörung Südostasiens trugen auch zahlreiche Massaker bei. Das Massaker von My Lai am 16. März 1968 ist das bekannteste Beispiel, war aber keineswegs ein Einzelfall. Der amerikanische Oberst Oran Henderson erklärte später, jede militärische Einheit von der Größe einer Brigade habe irgendwo ihr eigenes My Lai verborgen.

Nachdem der Journalist Seymour Hersh das Geschehen öffentlich gemacht hatte, berichteten auch andere Journalisten über ähnliche Vorfälle. Sie beschrieben Übergriffe, Erschießungen, Folter und die systematische Misshandlung von Dorfbewohnern. Viele dieser Verbrechen blieben dennoch ohne strafrechtliche Folgen. Die militärische Hierarchie war häufig eher daran interessiert, die Vorgänge zu vertuschen, als sie umfassend aufzuklären.

Der amerikanische Krieg gegen Vietnam, Laos und Kambodscha kostete ungefähr 5 Millionen Südostasiaten das Leben. Dem standen etwa 58.000 gefallene amerikanische Soldaten gegenüber. Allein das Geheimdienstprogramm Phoenix führte nach verschiedenen Schätzungen zur Tötung von ungefähr 40.000 Vietnamesen. Das entsprach etwa zwei Dritteln der gesamten amerikanischen Verluste in diesem Krieg.

Der frühere amerikanische Präsident Jimmy Carter erklärte 1977, die Vereinigten Staaten schuldeten Vietnam weder Entschädigungen noch eine Entschuldigung. Die Zerstörungen seien beiderseitig gewesen. Diese Darstellung kehrte jedoch die tatsächlichen Kräfteverhältnisse um. Vietnam verfügte weder über eine vergleichbare Luftwaffe noch über eine entsprechende industrielle Basis. Vietnamesische Städte wurden nicht von riesigen amerikanischen Bomberverbänden angegriffen, amerikanische Häfen nicht vermint und amerikanische Landschaften nicht mit chemischen Kampfmitteln vergiftet.

Die verdrängte Erinnerung

In den Vereinigten Staaten erinnert man sich heute vage an den Vietnamkrieg. An die Kriege in Kambodscha und Laos wird kaum gedacht. Bereits die Bezeichnung Vietnamkrieg verengt den Blick, weil sie den gesamten Indochinakrieg auf ein einziges Land reduziert. Die Zerstörung Kambodschas und Laos verschwindet dadurch aus dem allgemeinen Gedächtnis.

Auch der Koreakrieg hat im amerikanischen Bewusstsein kaum eine feste Gestalt angenommen. Seine Opfer, die systematische Zerstörung koreanischer Städte und die Möglichkeit eines Atomwaffeneinsatzes sind nur wenigen Menschen bekannt. Die fehlende öffentliche Erinnerung ist kein Zufall. Sie erleichtert es, die Vereinigten Staaten weiterhin als grundsätzlich wohlwollende Macht darzustellen.

Eine Gesellschaft, die die eigenen Kriegsverbrechen nicht kennt, kann aus ihnen auch keine politischen Lehren ziehen. Die Namen der getöteten Zivilisten, die zerstörten Dörfer und die langfristigen Folgen chemischer Kriegführung bleiben unsichtbar. Dadurch entsteht der Eindruck, die amerikanische Außenpolitik sei zwar manchmal fehlerhaft, im Kern jedoch stets von guten Absichten geprägt gewesen.

Indonesien und Osttimor

Um seine politischen Ziele durchzusetzen, war Washington nicht immer auf einen unmittelbaren Einsatz eigener Truppen angewiesen. In Indonesien vernichteten Teile der Armee und verbündete Milizen in den Jahren 1965 und 1966 Mitglieder und Unterstützer der Kommunistischen Partei. Auch zahlreiche Menschen chinesischer Herkunft wurden verfolgt und getötet. Verantwortlich war General Suharto, der später selbst Präsident Indonesiens wurde.

Die Zahl der Opfer ist bis heute nicht eindeutig geklärt. Die Schätzungen reichen von ungefähr 500.000 bis zu 3 Millionen Toten. Die Massaker wurden von den Vereinigten Staaten politisch unterstützt, weil Suharto als verlässlicher Gegner des Kommunismus und als geeigneter Partner im Kampf gegen den sowjetischen Einfluss galt.

Ungefähr zehn Jahre später erhielt Suharto aus Washington die Zustimmung zur Invasion Osttimors. Präsident Gerald Ford und Außenminister Henry Kissinger signalisierten, dass Indonesien mit keinen ernsthaften amerikanischen Konsequenzen rechnen musste. In der Folge verübten indonesische Truppen mit amerikanischer Unterstützung Massaker, Folter und Massenvergewaltigungen. Mindestens 100.000 Bewohner Osttimors wurden getötet.

Auch dieses Beispiel zeigt, dass die Vereinigten Staaten ihre politischen Maßstäbe nicht einheitlich anwenden. Regierungen, die als Gegner betrachtet werden, werden wegen Menschenrechtsverletzungen verurteilt und mit Sanktionen oder militärischem Druck überzogen. Verbündete Diktaturen können dagegen jahrelang unterstützt werden, sofern sie den strategischen Interessen Washingtons entsprechen.

Der Golfkrieg von 1991

Im zweiten Golfkrieg nach der irakischen Invasion Kuwaits griffen die Vereinigten Staaten einen bereits geschlagenen Gegner an. Viele irakische Soldaten befanden sich auf dem Rückzug und leisteten keinen Widerstand mehr. Auf der Straße zwischen Kuwait und Basra wurden sie dennoch in großer Zahl bombardiert und getötet.

Die amerikanische Führung wollte damit vor allem ihre militärische Überlegenheit demonstrieren. Präsident George H. W. Bush war entschlossen, einen sichtbaren amerikanischen Kriegserfolg zu erringen und das sogenannte Vietnam-Syndrom zu überwinden. Die politische Führung setzte sich dabei über den Einwand des verantwortlichen Generals Norman Schwarzkopf hinweg.

Amerikanische Flugzeuge blockierten den Rückzugskonvoi, indem sie Fahrzeuge am Anfang und am Ende der Kolonne zerstörten. Anschließend wurden die eingeschlossenen Fahrzeuge über Stunden hinweg bombardiert. Die Straße verwandelte sich in ein langes Feld ausgebrannter Fahrzeuge, zerfetzter Körper und zerstörter militärischer Ausrüstung.

Zum Einsatz kamen unterschiedliche Bomben, darunter auch Streubomben und schwere Sprengbomben. Die Angriffe wurden fortgesetzt, obwohl die irakischen Einheiten nicht mehr in der Lage waren, sich zu verteidigen. Die Piloten trafen auf einen nahezu wehrlosen Konvoi. Militärisch war die vollständige Vernichtung der Menschen in den Fahrzeugen nicht erforderlich.

Die Straße wurde dadurch zum Schauplatz eines einseitigen Massakers an Zehntausenden Menschen. Viele der Getöteten waren Soldaten, die sich auf dem Rückzug befanden. Nach den Grundsätzen des Kriegsvölkerrechts hätten sie nicht ohne weiteres angegriffen werden dürfen. Dennoch wurde dieser Vorgang in der westlichen Öffentlichkeit kaum als Kriegsverbrechen diskutiert.

Folter und Misshandlung im Irak

Nach der Invasion des Irak im Jahr 2003 gehörten Folter und rassistische Misshandlung zu den schwerwiegendsten Merkmalen der amerikanischen Besatzungspolitik. Gefangene wurden in provisorischen Lagern festgehalten, geschlagen, getreten, entkleidet, sexuell misshandelt und bedroht. Viele Männer wurden bei nächtlichen Razzien festgenommen, mit Kabelbindern gefesselt und mit Säcken über dem Kopf abtransportiert.

Die Verhaftungen trafen häufig nicht nur bewaffnete Gegner, sondern auch deren Familien. Frauen und Kinder mussten mit ansehen, wie Männer aus ihren Häusern verschleppt wurden. In manchen Fällen wurden Gefangene geschlagen, obwohl sie sich an ihren Angehörigen festhielten. Die Gewalt diente nicht immer der Gewinnung von Informationen. Häufig ging es nur darum, Angst zu verbreiten und die betroffenen Menschen zu demütigen.

Einige Gefangene wurden nach ihrer Freilassung weit entfernt von ihrer Heimat in der Wüste ausgesetzt. Die Bewacher nahmen ihnen die Fesseln und die Säcke vom Kopf, schossen jedoch anschließend in die Luft oder in den Boden, um sie erneut in Panik zu versetzen. Solche Handlungen hatten keinen militärischen Zweck. Sie dienten der Unterhaltung der Täter und der vollständigen Entmenschlichung der Opfer.

Der Journalist Seymour Hersh berichtete später, im Pentagon würden geheime Unterlagen und Filmaufnahmen aufbewahrt, die noch schwerere Verbrechen dokumentierten. Dazu gehörten Aufnahmen von Misshandlungen an Kindern weiblicher Gefangener. Sollte diese Darstellung zutreffen, wäre das bisher bekannte Ausmaß der amerikanischen Folterpraktiken im Irak nur ein kleiner Ausschnitt der tatsächlichen Vorgänge.

Der moralische Nimbus der Vereinigten Staaten

Nach dieser Rückschau stellt sich eine grundlegende Frage: Wie können die Vereinigten Staaten trotz ihrer langen Kriegsgeschichte bei der eigenen Bevölkerung und in großen Teilen der Welt weiterhin den Ruf einer Macht genießen, die grundsätzlich das Gute will? Wie ist es möglich, dass ein Staat, der Regierungen stürzt, Diktaturen unterstützt, Städte bombardiert und Gefangene foltert, zugleich als führender Verteidiger von Freiheit, Demokratie und Menschenrechten gilt?

Die Vereinigten Staaten können bis heute im Sicherheitsrat der Vereinten Nationen auf einer moralisch überlegenen Position auftreten. Sie präsentieren sich als unbestechliche Verteidiger internationaler Grundsätze und verurteilen andere Staaten wegen Handlungen, die sie selbst in vergleichbarer oder noch umfassenderer Weise begangen haben. Die eigenen Verbrechen werden dagegen als bedauerliche Fehler, notwendige Maßnahmen oder unvermeidliche Folgen militärischer Einsätze dargestellt.

Die öffentliche Wahrnehmung macht diese Doppelmoral besonders deutlich. Die sogenannten grünen Männchen auf der Krim und die vergleichsweise begrenzte russische Unterstützung für Kämpfer in der Ostukraine wurden über Jahre hinweg als Beweis für die besondere Aggressivität Russlands behandelt. Die wesentlich umfangreichere amerikanische Interventionsgeschichte blieb dagegen weitgehend außerhalb des öffentlichen Bewusstseins.

Die entscheidende Frage lautet deshalb, wie ein Staat wiederholt brutal handeln und sich dennoch ein nahezu engelsgleiches Medienbild bewahren kann. Wie konnte ein amerikanischer Präsident Woche für Woche im Lagezentrum des Weißen Hauses die nächste Liste geplanter Tötungen durch unbemannte Fluggeräte bestätigen und trotzdem als Friedensfürst gelten? Barack Obama erhielt für seine Außenpolitik und sein Auftreten sogar nach seinem Ausscheiden aus dem Präsidentenamt weiterhin große Anerkennung.

Auch kirchliche und politische Institutionen im Westen behandelten ihn weiterhin als moralische Autorität. Dass unter seiner Präsidentschaft zahlreiche Menschen durch gezielte Tötungen aus der Luft starben, wurde dabei kaum berücksichtigt. Obama selbst hatte seine Fähigkeit, Menschen töten zu lassen, mit einer bemerkenswerten Offenheit beschrieben. Diese Aussage beeinträchtigte seinen Ruf als Friedenspolitiker jedoch nur geringfügig.

Propaganda und historische Amnesie

Die naheliegende Erklärung für diese Widersprüche liegt in einem außerordentlichen Erfolg amerikanischer und westlicher Propaganda. Sie hat es geschafft, bestimmte historische Tatsachen aus dem öffentlichen Bewusstsein zu verdrängen oder ihre Bedeutung herabzusetzen. Andere Ereignisse werden dagegen in einem völlig unausgewogenen Maß hervorgehoben und skandalisiert.

Die Macht über die Darstellung der Vergangenheit ist zugleich Macht über die Gegenwart und die Zukunft. Wer entscheidet, welche Verbrechen erinnert und welche vergessen werden, beeinflusst auch die politischen Urteile späterer Generationen. Die amerikanische Außenpolitik erscheint dadurch nicht als zusammenhängende Geschichte militärischer Interventionen, sondern als Abfolge einzelner, voneinander getrennter Entscheidungen.

Die Erinnerung an die Opfer wird auf diese Weise von der politischen Verantwortung getrennt. Hiroshima und Nagasaki werden als notwendige Maßnahmen zur Beendigung des Zweiten Weltkriegs dargestellt. Korea erscheint als vergessener Krieg. Vietnam wird als tragischer Fehler bezeichnet. Laos und Kambodscha verschwinden fast vollständig aus der Erinnerung. Die Massaker in Indonesien und Osttimor werden kaum mit der amerikanischen Unterstützung für die dortigen Regime verbunden.

Eine solche Geschichtsdarstellung verhindert, dass die wiederkehrenden Muster erkannt werden. In vielen Fällen wurden Regierungen unterstützt, wenn sie amerikanischen Interessen dienten, selbst wenn sie ihre eigene Bevölkerung unterdrückten. Militärische Gewalt wurde als Verteidigung bezeichnet, wirtschaftlicher Druck als Schutz der Ordnung und die Beseitigung missliebiger Regierungen als Förderung der Demokratie.

Diese propagandistisch erzeugte Amnesie ist eine der größten Gefahren für den Frieden. Menschen, denen die Möglichkeit genommen wird, aus der eigenen Geschichte zu lernen, sind besonders leicht manipulierbar. Wer die Verbrechen der Vergangenheit nicht kennt, kann neue Kriege als notwendige Verteidigung, humanitäre Pflicht oder Kampf für die Freiheit akzeptieren. So bleibt die globale Machtpolitik der Vereinigten Staaten trotz ihrer blutigen Bilanz für viele Menschen mit dem Bild einer wohlwollenden und moralisch überlegenen Schutzmacht verbunden.