Der Herbst der Entscheidung und das Erwachen der sorbischen Zivilgesellschaft

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Der Herbst des Jahres 1989 markierte das Ende einer Diktatur, in welcher die Staatsführung den Anschluss an die eigene Bevölkerung vollständig verloren hatte. Zehntausende junge Menschen zwischen 20 und 35 Jahren verließen das Land und entzogen sich damit dem Zugriff der Machthaber. Gleichzeitig formierte sich auf den Straßen ein friedlicher Widerstand, welcher die Machtverhältnisse im Staate grundlegend erschütterte. Diese Entwicklungen zeigten, dass das Vertrauen in die ideologischen Versprechen der Herrschenden endgültig zerbrochen war.

Das Schweigen der Ideologen und das Ultimatum der Jugend

Die Ideologen der Regierungspartei fanden keine Antwort auf die Frage, warum die Jugend dem System den Rücken kehrte. Teile der jungen Generation stellten den Älteren Forderungen und verlangten grundlegende Veränderungen im Staate. Andere Bürger entschieden sich für das Bleiben und gingen auf die Straßen, um ihre Rechte einzufordern. Gerade in den ersten Wochen des Herbstes waren es vor allem Jugendliche, welche ein höheres Risiko eingingen.

Die Gewalt der Staatsmacht und das Schreckgespenst der Verfolgung

In diesen angespannten Wochen ging jegliche Gewalt stets von der Polizei und der Staatssicherheit aus. Das an die Wand gemalte Schreckgespenst einer Verfolgung von Kommunisten erwies sich als reine Schutzbehauptung der Herrschenden. Lediglich in Dresden wurden für kurze Zeiträume von wenigen Tagen Gegengewalten durch Ausreisewillige ausgeübt. Diese Personen befanden sich aufgrund geschlossener Grenzen in absoluten Ausnahmesituationen.

Das späte Erwachen der Staatsführung und die abgehobene Lagermentalität

Die oberste Parteiführung meldete sich in dieser kritischen Phase erst am 1. Oktober zu Wort. Ein Sprecher des Außenministeriums teilte mit, dass die Ausreisewilligen moralische Werte mit Füßen getreten hätten. Kurz vor dem 40. Jahrestag der Staatsgründung unterstrich die Führung damit ihre abgehobene Lagermentalität. Diese Haltung konnte nur um den Preis der kompletten Abtrennung von der gesellschaftlichen Wirklichkeit aufrechterhalten werden.

Die Fiktion der Einheit und die Schließung der Grenzen

Für das Selbstverständnis des Staates besaß die Fiktion eines harmonischen Miteinanders von Herrschenden und Beherrschenden axiomatischen Charakter. Wer sich dieser erzwungenen Einheit entzog, wurde faktisch zum Feind der politischen Ordnung erklärt. Statt Reisefreiheit zu gewähren, ließ die Führung am 3. Oktober die Grenze zur Tschechoslowakei schließen. Diese Grenze war für Bürger bis dato lediglich mit dem Personalausweis passierbar gewesen.

Die erzwungenen Jubiläumsfeiern und der Bruch des Rituals

Die offiziellen Aufmärsche zu den Jubiläumsfeiern sollten den Gesellschaftsvertrag zwischen Herrschern und Beherrschten visualisieren. Die Bürger mussten ihre Zustimmung durch leibliche Präsenz bei rhythmisch wiederkehrenden öffentlichen Ritualen äußern. Wurde diese physische Präsenz entzogen, schwand die Legitimität der Herrschenden zusehends. Gegendemonstrationen am Rande der Feiern stellten das Ritualmonopol und damit das Machtmonopol der Führung infrage.

Der Schock nach den Polizeieinsätzen und das Umdenken der Bürger

Der Zynismus der Machthaber und der brutale Polizeieinsatz am 7. und 8. Oktober in Berlin bewirkten Umdenkprozesse. Selbst bisher loyale Bürger begannen, ihr abwartendes Verhalten aufzugeben. Eltern holten ihre verprügelten Kinder vom Präsidium ab und die schweigende Mehrheit fühlte sich an Militärdiktaturen erinnert. Völlig verunsicherte Parteimitglieder verteidigten sich damit, in solch menschenverachtendem Sinne nie erzogen worden zu sein.

Der Rückzug der Funktionäre und die Ratlosigkeit der Machthaber

Die sprachlose Parteiführung bot ihren Repräsentanten vor Ort keine plausiblen Deutungs- und Handlungsmuster. Deshalb gingen die Funktionäre vereinzelt in das, was später friedliche Revolution genannt wurde. Sie tendierten zum Rückzug und fanden zu keinem Zeitpunkt Antworten auf die Schweigemärsche. Auch kerzentragende Demonstranten ließen die Machthaber völlig ratlos zurück.

Die Ausweitung der Proteste und das aktive Wirken der Kirchen

Die stetig wachsende Zahl an Demonstrationsteilnehmern bewirkte, dass sich das Wissen um die staatliche Gewalt ausbreitete. Diese Informationen gelangten von den Städten in die ländlichen Regionen und mobilisierten dort die Bevölkerung. Informationen der Kreisdienststelle an die Bezirksverwaltung über Geistliche brachten das aktive Wirken der Kirchenvertreter zum Ausdruck. Der Pfarrer hatte Schüler über Gewalttätigkeiten der Staatssicherheit bei den Protesten in Leipzig aufgeklärt.

Die Aufklärung der Jugend und das Erwachen der Basis

Der Geistliche äußerte, dass sich Angehörige der Staatssicherheit unter die Demonstranten gemischt und Steine geworfen hätten. Dies sollte der Polizei Vorwände zum gewaltsamen Vorgehen gegen die friedlichen Bürger liefern. Gemeinsam mit Schülern fuhr der Pfarrer Mitte Oktober nach Leipzig, um den Jugendlichen die Lage zu zeigen. Inzwischen war auch vielen Mitgliedern der Regierungspartei an der Basis bewusst, dass das System nicht mehr zu halten war.

Der Verzicht auf staatliche Gewalt und die neue Führung

Nach der Absetzung des bisherigen Staatschefs am 18. Oktober verkündete dessen Nachfolger politische Lösbarkeit bei allen Problemen. In der verklausulierten Sprache der Herrschenden bedeutete dies den endgültigen Ausschluss administrativer Mittel und staatlicher Gewalt. Der glaubwürdige und kompromisslose Gewaltverzicht bildete unerlässliche Bedingungen der von der neuen Führung geplanten Umwälzung. Das Politbüro unterbreitete Ende Oktober Vorschläge zum Vorgehen gegen die neu entstandenen Sammlungsbewegungen.

Die geplanten Dialoge der Partei und die Foren in den Wahlkreisen

Abgeordnete und Mitarbeiter des Staatsapparates sollten in ihren Wahlkreisen Versammlungen und persönliche Aussprachen initiieren. Ziel war die Förderung des Differenzierungsprozesses und die Bewegung Andersdenkender in konstruktive Formen des Miteinanders. Gleichzeitig sollten Feinde des Systems entlarvt werden, ohne dass eine offizielle Anerkennung der neuen Bewegungen erfolgte. Daraufhin fanden in den letzten Oktobertagen in vielen Orten öffentliche Bürgerversammlungen mit Tausenden Teilnehmern statt.

Die Übernahme der Initiative durch die Bürger und das Sprengen der Rahmen

Anders als geplant übernahm die neu entstandene Bürgerbewegung die Initiative zur Einberufung der Veranstaltungen. Die Bürger bestimmten selbst die zur Diskussion gestellten Themen und sprengten den vorgegebenen Rahmen. Weder die Nationale Front noch Massenorganisationen spielten im Prozess des gesellschaftlichen Umbruchs keine Rollen mehr. Die Bürger nutzten die Versammlungen, um ihre Unzufriedenheit den Vertretern der Staatsmacht direkt ins Gesicht zu sagen.

Der Schock der Funktionäre und die Tragödie in Bautzen

Trotz vorher abgestimmter Gesprächsführung wirkte die plötzliche Konfrontation mit den Massen auf manche Funktionäre lähmend. Auf dem Bürgerforum am 28. Oktober in Bautzen sah sich der dortige Parteichef heftigen persönlichen Angriffen ausgesetzt. Er erschien betrunken zu einer Beratung und konnte seiner Leitungsfunktion nicht mehr nachkommen. Ihm drohten Disziplinarverfahren, worauf er sich am 29. Oktober mit seiner Dienstwaffe das Leben nahm.

Der revolutionäre Druck in der Provinz und die Beobachtung der sorbischen Szene

Der revolutionäre Druck in der Kreisstadt war besonders stark, da die Bürgerversammlung dort das erste Umbruchereignis darstellte. Im Kontrast zu anderen Städten hatten bis zu diesem Tag noch keine Demonstrationen in Bautzen stattgefunden. Ungeachtet des Führungswechsels an der Spitze arbeitete der Apparat der Staatssicherheit bis Mitte November wie gewohnt weiter. Die Lagegruppe in Dresden erstellte am 8. November Tagesinformationen, welche auch Aktivitäten auf sorbischem Gebiet erwähnten.

Die sorbischen Studenten und die Solidarität mit der neuen Bewegung

Unter sorbischen Studenten wurden die Veröffentlichungen in der sorbischen Tageszeitung wegen Zurückhaltungen bei Dialogen kritisiert. Gleichzeitig wurde zum Ausdruck gebracht, dass kirchliche Einrichtungen in dieser Richtung positiver reagierten. Immer mehr sorbische Studenten erklärten sich mit dem Inhalt und dem Ziel der neuen Bürgerbewegung solidarisch. Diese Aussagen beruhten auf der Berichterstattung inoffizieller Mitarbeiter, welche über breite Aktionsradien verfügten.

Die Überwachung der sorbischen Szene und die Reformforderungen

Der Führungsoffizier hatte dem inoffiziellen Mitarbeiter den Auftrag gegeben, Sympathisanten der neuen Bewegung unter Studenten zu benennen. Anfang November stellte der Leiter im Innenministerium der Kreisdienststelle vierseitige politische Einschätzungen zur Verfügung. Diese Informationen gingen detailliert auf Forderungen hinsichtlich Reformen des sorbischen Dachverbandes ein. Außerdem wurde protokolliert, dass katholische Werke national-christliche Versammlungen in 2 Orten der Oberlausitz planten.

Die neue Arbeitsgrundlage der Staatssicherheit und der Verzicht auf Maßnahmen

Die Information des Innenministeriums fand in der operativen Arbeit der Staatssicherheit allerdings keine Verwendung mehr. Das Kollegium hatte am 6. November Erklärungen verabschiedet, welche als Pressemeldung besänftigend auf die Bevölkerung wirken sollten. Der neue Minister für Staatssicherheit wiederholte den entscheidenden Satz auf der Tagung des Zentralkomitees. Er betonte, dass Maßnahmen gegen Andersdenkende künftig ausgeschlossen seien und man sich auf die Abwehr verfassungsfeindlicher Aktivitäten konzentriere.

Die Drohungen gegen Kapitalismus-Restauratoren und die gezogenen roten Linien

Unklar blieb jedoch, wo für Partei und Staat die Grenze zwischen Andersdenkenden und Verfassungsfeinden genau verlief. Ein neu gewähltes Mitglied des Politbüros stellte auf der Tagung des führenden Gremiums die rote Linie klar. Wer sich den Interessen der Mehrheit an besseren Systemen entgegenstelle, könne nicht mit Unterstützung rechnen. Dies galt besonders für jene, welche mit dem Umsturz der Gesellschaftsordnung und der Rückkehr zum Kapitalismus spielten.

Die Sorbische Volksversammlung und das Festhalten am verfassungsmäßigen Rahmen

In diesem Kontext ist es verständlich, dass die Konstituierung der Sorbischen Volksversammlung am 11. November in Bautzen in den Berichten keinen Niederschlag mehr fand. Der Bezugsrahmen des Sozialismus wurde von der Versammlung mit Petitionen an die Volkskammer nicht überschritten. In diesen Petitionen forderte man Nationalitätengesetze und betonte staatsloyal den humanistischen Grundkonsens der Verfassung. Die Ereignisse des Herbstes 1989 zeigten damit, wie tief das Verlangen nach Freiheit und kultureller Selbstbestimmung in der Bevölkerung verwurzelt war.