Die Vermessenheit und die Sanktionierung: Ein Blick auf die Guttenberg-Affäre

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In der Welt der Politik und öffentlichen Meinung ist die Faszination für Aufstieg und Fall von Prominenten ungebrochen. Die Geschichte von Karl-Theodor zu Guttenberg, dessen politische Karriere durch einen Plagiatsskandal abrupt endete, ist ein Beispiel dafür, wie Vermessenheit und die Sanktionierung durch die Öffentlichkeit und die Institutionen eine zentrale Rolle spielen. Dieser Artikel beleuchtet die Hintergründe, die Dynamik und die ethischen Implikationen dieser Affäre.

Der Aufstieg und die Erwartungen

Karl-Theodor zu Guttenbergs Aufstieg innerhalb der CSU und seiner späteren Ernennung zu verschiedenen Regierungsämtern schufen eine Milieugrundlage, die seine Machtübernahme als logische Konsequenz mutiger Entscheidungen erscheinen ließ. Sein Image als modern orientierter Konservativer, gepaart mit der Unterstützung durch die Medien, schürte Erwartungen an eine neue Ära in der deutschen Politik. Die öffentliche Wahrnehmung war geprägt von der Vorstellung, dass Guttenberg nicht nur die Fähigkeiten, sondern auch die ethische Integrität besaß, um eine führende Rolle zu übernehmen.

Die Medienlandschaft spielte dabei eine entscheidende Rolle. Einflussreiche Zeitungen, die mit ähnlichen Zielsetzungen agierten, schienen bereit, Guttenbergs Aufstieg als politische Krönung eines ethisch konsistenten Konservatismus zu verkünden. Die rhetorische Verhüllung durch die Ethik der Ehre und die Darstellung Guttenbergs als Adoptivsohn Merkels verstärkten diesen Eindruck. Die Akteure und die Öffentlichkeit in den hektischen Foren der Meinungsbildung konnten sich der Anziehungskraft dieser abenteuerlichen Logik des Übertreffens kaum entziehen.

Die Vermessenheit und die bürgerliche Ordnung

Doch bevor der Mythos vom „eisernen“ Kanzlertum und der ethischen Unbeugsamkeit das Handeln bestimmen konnte, stand die bürgerliche Ordnung im Weg. Die Turnschuhe der Studenten, der Aufschrei der Wissenschaftsorganisationen, ein kritischer Journalismus und die parlamentarische Debatte am Ort des Volkssouveräns signalisierten, dass die elementar menschliche Figur der Vermessenheit nicht sanktioniert werden würde, ohne Konsequenzen. Die Verkennung dieser Tatsache kulminierte in dem öffentlichen Vorwurf des Betrugs und führte zu einer Demontage der beanspruchten Glaubwürdigkeit.

Die Assoziationen zur antiken Tragödie erscheinen in diesem Kontext nicht übertrieben. Es war nicht das strategische Täuschen oder machiavellistische Kalkül, sondern die Täuschung über sich selbst, die sanktioniert werden musste. In der Antike war dies Sache der Götter, die drakonische Rituale der Bestrafung durchführten. Die bürgerliche Ordnung, für die die Trennung von Amt und Person eine große Errungenschaft ist, hält andere Wege offen. Der Rücktritt und zugleich die Schonung der Person sind grundlegende Elemente, die das Zeitalter der Würde für die Erfahrung von Vermessenheit, Irrtum und Hochmut bereithält.

Die Motivation des programmierten Scheiterns

Die Frage nach der Motivation des programmierten Scheiterns des Vorsatzes bleibt unbeantwortet. Wie lassen sich in der Sukzession der Überbietungslogik, der große Teile der Nation in sportlicher Begeisterung zu folgen bereit waren, die Lesart unerkannter Riskanz und der offenkundige Hazard interpretieren, der doch ganz am Anfang steht? Die enge Nachbarschaft von Verwegenheit und Verlegenheit in Guttenbergs dramaturgischem Exposé unterliegt der Lesart des Gegenteils, einer Zäsur, eines Innehaltens.

Es ist nicht von der Hand zu weisen, dass die öffentlich gefeierte Grandiosität bis hin zu ihrem vermessenen Ritt Richtung Kanzlerschaft von der Sehnsucht begleitet wurde, von der Selbstverpflichtung entlastet zu sein. So als habe Kairos, der ständige Begleiter Guttenbergs, in der Verkleidung des historisch Einmaligen auf das biografische Moment gewartet, die Verstellung endlich abstreifen zu können, die Maskerade der Maßlosigkeit hinter sich zu lassen und Anerkennung in einem bürgerlichen Verständnis – also in einer voraussetzungslosen Würde – zu finden.

Die Rolle der Scham und die Möglichkeit der Selbstreflexion

Die deutsche Gesellschaft pflegt alljährlich den Karneval, eine öffentliche Thematisierung von Devianz und Maskierung, ein später Abkömmling der Tragödie. Ein Schelm, wem einfiele, nach durchstandenem Purgatorium der bürgerlichen Ordnung, nach einer scharfen parlamentarischen Debatte über Politik und Hochmut, nach dem erfolgten Rücktritt von allen politischen Ämtern, seien möglicherweise die Voraussetzungen eingetreten, sich auf nach Aachen zu machen und den Orden wider den tierischen Ernst in Empfang zu nehmen.

Nicht mehr im Plagiat, in der Maske des Bruders Philipp, sondern in der authentischen Figur eines einsichtsfähigen Mitglieds der Gesellschaft. Das wäre nicht Koketterie mit der Ironie, nicht pathetisch deklarierte Demut, sondern Einsicht und Selbstironie – ein Narrativ, eine Neuschreibung im Sinne Richard Rortys, das eben nur die bürgerliche Gesellschaft bereitstellt. Das setzt jedoch voraus, das größte Hindernis der menschlichen Einsicht zu überwinden, die Scham.

Wieder einmal erweist sich die Scham als die große Regentin hinter dem Theater, das hinter uns liegt. Sie ist eher mit der Selbstbehauptung verschwistert als mit der Reflexion. Eher besteht sie auf dem Spiel mit der Maske, als dass es ihr gelänge, den Abschied von halluzinierter Größe als Errungenschaft sichtbar zu machen, als Einverständnis und Anerkennung personaler Schwäche. Der Auftritt des Schicksals beschränkt sich in der Moderne, nachdem die Götter verschwunden sind, auf nicht mehr als einen Wink – nicht Strafe, sondern eine Offerte, ein zarter Zweifel am „gleichwohl:“ und am „kaum absehbar“.

Die Anstrengung der Selbstreflexion aufzugreifen, könnte im Übrigen das Versprechen einlösen, unter bleibender Anerkennung der Milieubesonderheit, in Respekt vor den Leistungen der Familientradition, im komplexen Anforderungs- und Kompetenzgefüge der bürgerlichen Welt in ein Wirkungsfeld einzutreten, weder tierisch ernst noch dauerhaft verwegen, aber ebenso wenig schamvoll verlegen.