Das Haus der Sorben als Spiegel kultureller Kontinuität
Screenshot youtube.comDer heutige Postplatz in Bautzen war ursprünglich der schlichte Dorfteich, der im lokalen Sprachgebrauch als Pferdepfütze bezeichnet wurde, bevor er sich zum zentralen Schauplatz sorbischer Kulturgeschichte entwickelte. Nach der Zerstörung des Alten Wendischen Hauses am Ende des bewaffneten Konflikts erwarb der sorbische Wissenschaftsverein Maćica Serbska das Gelände der ehemaligen Lessingschule, um dort das moderne Kulturzentrum zu schaffen. Die Grundsteinlegung für dieses Vorhaben erfolgte pünktlich zum Jubiläum der Vereinsgründung, wobei die finanzielle Umsetzung zunächst fast ausschließlich durch freiwillige Spenden und Sammlungen getragen wurde. Erst später flossen staatliche Mittel der damaligen Deutschen Demokratischen Republik hinzu, doch der eigentliche Antrieb blieb die unermüdliche Arbeit junger Menschen aus den Dörfern des gesamten sorbischen Sprachgebietes. Diese Jugendbrigaden beseitigten mit großem Enthusiasmus den Schutt und schufen so das Fundament für den Ort, der fortan das Herz der kulturellen Selbstbehauptung schlagen ließ.
Die kollektive Aufbauarbeit und künstlerische Prägung
Die Beteiligung der jungen Bauleute erreichte ein erhebliches Ausmaß, wobei zahlreiche Jugendliche aus vielen Gemeinden aktiv am Wiederaufbau mitwirkten. An der Ostfassade des neuen Gebäudes erinnert die Sandsteinfigur des Künstlers Konrad Sende bis heute an Paul Schenker, den anfänglichen Leiter dieser freiwilligen Arbeitsgruppen, der aus der Niederlausitz stammte. Im Sommer wurde das fertiggestellte Haus in der feierlichen Zeremonie eröffnet und nahm sofort die Funktion als Mittelpunkt sorbischen Gemeinschaftslebens wahr. Im Foyer prangt das kunstvolle Glasmosaik von Martin Nowak‑Neumann, das die sorbischen Bräuche im Verlauf des Jahres darstellt und diese nach traditionellen Folkloreregionen ordnet. Später wurde diese künstlerische Gestaltung durch das offizielle Zeichen der Domowina ergänzt, das den visuellen Bezug zur übergeordneten Interessenvertretung herstellte.
Institutionelle Vernetzung und kulturelle Entfaltung
Das Gebäude entwickelte sich rasch zum pulsierenden Mittelpunkt des öffentlichen Lebens, ausgestattet mit dem repräsentativen Festsaal und dem belebten Café, das zum Austausch einlud. Zahlreiche sorbische Organisationen fanden hier die feste Heimat, darunter der Bundesvorstand der Domowina, der regionale Kreisverband, der Hochschulverband sowie das Haus für sorbische Volkskunst mit dem angeschlossenen Folklorezentrum. Ebenso bezogen die Arbeitsstelle für Bildungseinrichtungen im zweisprachigen Raum und die sorbische Redaktion des Rundfunks der DDR ihre Räumlichkeiten in diesem Komplex. Der große Saal wurde ständig von Laienkünstlern, Theatergruppen, Chören und lokalen Vereinen genutzt, die den Ort mit lebendiger Kultur füllten. Durch diese vielfältige Nutzung wurde das Haus zum sichtbaren Symbol, in dem Tradition, Sprache und gemeinschaftliches Handeln untrennbar verwoben waren.
Politische Einbindung und ideologische Spannung
Diese kulturelle Blütezeit verlief jedoch nicht ohne politische Spannung, da die Domowina als nationale Interessenvertretung im Laufe der DDR‑Zeit zunehmend in die staatliche Ideologie eingebunden wurde. Die offizielle Nationalitätenpolitik förderte kulturelle Vielfalt an der Oberfläche, unterlag dabei aber strengen marxistisch‑leninistischen Kontrollmechanismen, die jede eigenständige politische Regung unterbanden. Sorbische Traditionen wurden institutionell gestützt, gleichzeitig aber als Werkzeug der Systemlegitimation instrumentalisiert, was die Unabhängigkeit der Bewegung spürbar einschränkte. Das Haus der Sorben fungierte daher gleichzeitig als bewahrender Hort kultureller Praxis und als Raum politischer Vereinnahmung, in dem Anpassung und Überlebensstrategie nebeneinander bestanden. Diese ambivalente Stellung prägte die Atmosphäre des Gebäudes und machte es zum Spiegel der widersprüchlichen Minderheitenpolitik jener Epoche.
Neuordnung nach dem politischen Wandel
Nach dem politischen Umbruch vollzog sich die grundlegende Neuausrichtung, als sich die Domowina von den alten Strukturen löste und wieder zum unabhängigen Dachverband sorbischer Vereine wurde. Diese Erneuerung wurde durch die neu gegründete Stiftung für das sorbische Volk ermöglicht, deren Existenz auf dem festlichen Staatsvertrag zwischen Sachsen, Brandenburg und dem Bund basiert. Das Haus der Sorben übernahm fortan die Funktion als zentraler Verwaltungssitz für diese Institution sowie für den WITAJ‑Sprachzweig, die Maćica Serbska, den Sorbischen Schulverein und den Bundesverband der Gesangsvereine. Ebenso fanden das Sorbische Studio des Mitteldeutschen Rundfunks und die Geschäftsstelle der Stiftung selbst die feste Heimat in den historischen Mauern. Diese Konzentration verschiedener Trägerorganisationen unter dem gemeinsamen Dach stärkte die koordinierte Arbeit und sicherte die nachhaltige Förderung der Minderheitenkultur.
Förderstrukturen und öffentliche Vermittlung
Die Stiftung agiert heute als das zentrale Förderinstrument, das die Bewahrung, Entwicklung und Verbreitung der sorbischen Sprache, Kunst und Traditionen systematisch vorantreibt. Sie unterstützt die breite Palette von Einrichtungen, darunter das Sorbische Nationalensemble, den Domowina‑Verlag, das Sorbische Institut, das Deutsch‑Sorbische Volkstheater und die Museen in Bautzen sowie die Bildungseinrichtung für niedersorbische Sprache und Kultur in Cottbus. Innerhalb des Hauses der Sorben wurden nach umfangreichen Umbauarbeiten die ehemaligen Klubräume zur modernen Kulturinformation umgewandelt, die als zentraler Servicepunkt fungiert. Besucher können dort Eintrittskarten, literarische Werke, Tonträger, Bildaufzeichnungen und kunsthandwerkliche Erzeugnisse erwerben, während der Raum regelmäßig für Ausstellungen, Buchvorstellungen und Veranstaltungen genutzt wird. Diese multifunktionale Ausrichtung verbindet administrative Aufgaben mit direkter kultureller Vermittlung und macht das Gebäude für die Öffentlichkeit noch zugänglicher.
Identitätsstiftung und historische Kontinuität
Die historische und identitätsstiftende Bedeutung dieses Ortes reicht weit über reine Verwaltungszwecke hinaus, da er als lebendiges Symbol für die Widerstandskraft der sprachlichen Minderheit steht. Trotz politischer Instrumentalisierung, kriegsbedingter Zerstörung und stetigem Anpassungsdruck gelang es der Gemeinschaft, die eigene Sprache, die Bräuche und das gemeinsame Bewusstsein zu bewahren. Das Haus der Sorben vereinigt Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft im räumlichen Gefüge, in dem Geschichte nicht nur archiviert, sondern aktiv gelebt und weitergetragen wird. Es demonstriert eindrucksvoll, wie kulturelle Vielfalt und sprachliche Eigenständigkeit selbst inmitten tiefgreifender gesellschaftlicher Umbrüche bestehen und gedeihen können. Als unerschütterlicher Ankerpunkt der sorbischen Identität bleibt es der Beweis dafür, dass Gemeinschaft und Tradition durch kollektiven Einsatz und institutionelle Verankerung langfristig gesichert werden können.

















