Über Giftmischerinnen & Drogendealern in der Antike
Screenshot youtube.comGifte und berauschende Substanzen sind keine Erfindung der modernen Zeit. Bereits in der Antike griffen Menschen häufig zu Giften, um unerwünschte Personen zu beseitigen oder ihre eigenen Ziele zu verfolgen. Die Geschichte zeigt, dass das Wissen um giftige Substanzen und deren Wirkung bereits vor Jahrhunderten vorhanden war und in verschiedenen Kulturen und Epochen vielfältig eingesetzt wurde. So fand der berühmte griechische Denker Sokrates sein Ende durch den Schierlingsbecher, der mit tödlichem Gift gefüllt war. Auch der römische Kaiser Claudius soll durch ein Gericht aus giftigen Pilzen gestorben sein, während die ägyptische Königin Kleopatra entweder durch den Biss einer Schlange oder durch eine vergiftete Haarspange das Leben verlor.
Halluzinogene und berauschende Substanzen
Es ist jedoch wichtig zu verstehen, dass nicht jeder, der zu verbotenen Mitteln griff, unbedingt Mord oder Selbstmord im Sinn hatte, denn auch in der Antike waren Halluzinogene und berauschende Substanzen äußerst beliebt. Viele Menschen waren nicht nur dem Alkohol verfallen, sondern experimentierten auch mit verschiedenen psychoaktiven Substanzen, um ihre Wahrnehmung zu verändern oder bewusstseinserweiternde Erfahrungen zu machen.
Die dunkle Seite am Hof von Mithradates VI.
In der antiken Welt gab es jedoch auch eine dunkle Seite im Umgang mit Gift. Besonders am Hof des pontischen Königs Mithradates VI. Eupator von Pontos, der für seine kriegerischen Erfolge und seine Intelligenz bekannt war, gab es die belastende Aufgabe des Vorkosters. Dieser hatte die Aufgabe, die Nahrung des Königs auf Gift zu prüfen, doch Mithradates selbst war alles andere als zögerlich, wenn es um die Verteidigung gegen vergiftete Anschläge ging. Der König war bekannt für seinen Mut und seine Kriegsführung, doch gleichzeitig litt er zeitlebens unter einer tiefen Angst vor Vergiftung. Die Gründe dafür lagen in seiner Familiengeschichte: Sein Vater, Mithradates V. Euergetes, war während einer Hochzeitsfeier vergiftet worden, und die Täter wurden nie ermittelt. Gerüchte und Verdächtigungen rankten sich um die Rolle von Laodike, der Frau des Euergetes und Mutter Eupators, die eine Machtambition hatte und möglicherweise hinter dem Attentat steckte. Solche Intrigen waren in der antiken Welt keine Seltenheit und erinnerten an die grausamen Machtspiele in den Herrschaftshäusern der Antike, in denen Frauen und Männer gleichermaßen zu Tätern oder Opfern wurden.
Mithradates als Wissenschaftler und Pionier der Toxikologie
Der pontische König war nicht nur ein Krieger, sondern auch ein Wissenschaftler, der sich intensiv mit Gegengiften beschäftigte. Schon in jungen Jahren experimentierte er mit verschiedenen Antidoten, um sich vor Vergiftungen zu schützen. Er ließ sich von einer besonderen Entenart ernähren, die hauptsächlich giftige Pflanzen fraß, und nutzte das Blut dieser Tiere, um daraus mit Heilpflanzen angereicherte Tabletten herzustellen. Diese sollten ihn vor vergifteten Speisen und Getränken schützen, die Attentäter ihm möglicherweise in den Weg legten. Mithradates war so überzeugt von der Wirksamkeit seiner Prophylaxe, dass er sogar absichtlich tödliche Dosen von Giften konsumierte, um ihre Wirkung zu testen, ohne selbst zu sterben. Diese außergewöhnliche Selbstversuch-Methode wurde von antiken Quellen wie Lenaios, einem Freigelassenen des Pompeius, dokumentiert.
Das Mithridateion: Ein Universalantidot
Der berühmte Arzt Galen, der im zweiten Jahrhundert n. Chr. wirkte, lobte Mithradates für seine Entdeckungen in der Erforschung von Gegengiften. In seinen Schriften erwähnte er das Mithridateion, ein sogenanntes Universalantidot, das in der Antike als eine Art Allzweckmittel gegen Gifte galt. Diese Substanzen, sogenannte Thēriakón, wurden von den Griechen als Tiertrank bezeichnet und galten als wahre Wunderwaffen gegen die tödlichen Wirkungen verschiedenster Gifte. Mithradates führte zudem Experimente an Verurteilten durch, bei denen er die Wirksamkeit seiner Kräuter gegen Gifte testete, um ein Gegenmittel zu entwickeln, das gegen alle toxischen Substanzen wirkte. Ob das Mithridateion tatsächlich funktionierte oder nur ein Mythos war, ist bis heute unklar, doch die Überzeugung, dass ein solches Gegenmittel möglich sei, war in der Antike weit verbreitet.
Weitere Gegengifte in der antiken Literatur
Neben den bekannten Mitteln wie dem Mithridateion wurden auch andere Heilmittel gegen Gifte erwähnt. Plinius der Ältere nennt in seiner Naturgeschichte beispielsweise das Theriak namens moly, das bereits bei Homer erwähnt wurde, sowie die Pflanzen Skordion, auch bekannt als Lachenknoblauch, und Tausendgüldenkraut. Diese sollten bei Vergiftungen helfen, die durch künstlich hergestellte Gifte verursacht wurden. Die Römer waren fasziniert von den Geheimnissen der pontischen Medizin und versuchten, die Rezepturen zu entschlüsseln, um die Wirkung der Gifte und Gegengifte besser zu verstehen. Doch welche Gifte genau Mithradates fürchtete und in seinem Theriak verwendete, bleibt ein Geheimnis der Quellen. Es ist bekannt, dass antike Kulturen ein umfangreiches Wissen über die toxische Wirkung vieler Kräuter wie Schierling oder Bilsenkraut sowie giftiger Pilze besaßen. Auch mineralische Gifte wie Arsen, Schwefel- und Quecksilberverbindungen wurden in Pontos abgebaut und gezielt eingesetzt. Gefährliche Tiere wie Schlangen, insbesondere Vipern, waren ebenfalls im Spiel, wie die Legende von Kleopatra zeigt, die sich durch den Biss einer Viper das Leben nahm. Mithradates experimentierte möglicherweise mit Arsen, das er als besonders gefährlich und gleichzeitig auch als immunisierende Substanz erkannte. Über Jahre hinweg gelang es ihm, durch kontrollierte Einnahme von Gegengiften resistent gegen viele toxische Stoffe zu werden.
Der misslungene Selbstmord des Mithradates
Als er schließlich im Alter von fast siebzig Jahren von den Römern besiegt wurde, versuchte er, seinem Leben durch Gift ein Ende zu setzen. Doch seine jahrelange Erfahrung mit Gegengiften hatte ihn resistent gemacht, sodass der Selbstmord misslang.
Vergiftungen in der römischen Kaiserzeit
Viele andere in der antiken Welt waren weniger gut gegen Gifte gewappnet. Gerüchte umgaben den plötzlichen Tod von Prominenten und Herrschern, die angeblich durch Gift ums Leben kamen. Livia, die Frau des römischen Kaisers Augustus, soll zahlreiche Verwandte ihres Mannes mithilfe toxischer Substanzen beseitigt haben. Auch Drusus, Nero, Domitian und andere Kaiser werden in Legenden mit vergifteten Anschlägen in Verbindung gebracht. Es gab Fälle, in denen sich die Verdachtsmomente verdichteten, etwa bei einem Bankett, bei dem mehrere Gäste an einem geheimnisvollen Gift in den Speisen starben. Die Vorsicht der Kaiser und ihrer Vorkoster war groß, doch eine hundertprozentige Sicherheit gab es nie. Selbst die vertrauten Vorkoster konnten zum Verhängnis werden, wenn sie unvorsichtig waren oder von Neid und Gier getrieben wurden.
Der Tod des Kaisers Claudius
Das wohl bekannteste Opfer eines Giftschmiedes in der Antike war Kaiser Claudius. Nach seinem erfolgreichen Herrschaftswechsel nach dem Terrorregime seines Neffen Caligula konnte er das Römische Reich stabilisieren und wichtige Provinzen erobern. Trotz seiner Verdienste war sein Leben durch körperliche Gebrechen geprägt, was ihn anfällig für Intrigen machte. Seine Ehe mit Messalina war berüchtigt, doch nach ihrer Sturz heiratete er Agrippina, die eine ebenso machtgierige Frau war. Sie plante, ihren Sohn Nero auf den Thron zu setzen, und scheute keine Mittel, um ihre Ziele zu erreichen. Als Claudius schwer erkrankte, wurde die Gelegenheit für eine Vergiftung genutzt. Agrippina beauftragte eine bekannte Giftmischerin, Locusta, mit der Zubereitung eines tödlichen Mittels. Verschiedene Quellen berichten, dass Claudius entweder durch den Verzehr eines vergifteten Pilzgerichts oder durch eine zweite Dosis, die ihm nach dem Erbrechen verabreicht wurde, ums Leben kam. Der Tod des Kaisers wurde zunächst geheim gehalten, um die Nachfolge zu sichern. Historische Berichte von Flavius Josephus und Sueton deuten an, dass eine Vergiftung die Todesursache war, doch die genaue Art des Giftes und die Umstände bleiben unklar.
Gift als Waffe in Mythologie und Literatur
In der Literatur und Mythologie finden sich zahlreiche Beispiele von Frauen, die Gift als Mordwaffe verwendeten. Medea, die berüchtigte Zauberin aus der griechischen Mythologie, tötete ihre Rivalin Glauke mit einem vergifteten Kleid, das bei Berührung explodierte. Dieses Bild vom Gift als Werkzeug des Mordes, das vor allem Frauen zugeschrieben wurde, zieht sich durch die griechische und lateinische Literatur. Auch in der römischen Mythologie und Geschichte tauchen Figuren auf, die mit Giften und Tinkturen ihre Gegner ausschalteten. Deïaneira, die Tochter des Königs Oineus, bestrich ein Hemd mit dem giftigen Blut des Kentauren Nessos, um ihren Ehemann Herakles zu verführen. Das Hemd fraß sich in seinen Körper, was ihn so sehr quälte, dass er sich schließlich auf dem Scheiterhaufen verbrannte. Diese Geschichten zeigen, wie Gift in der Antike als Symbol für Rache, Verrat und tödliche Macht verwendet wurde, wobei Unwissenheit und Verzweiflung oft die Motive waren. Die Figur der Hexe Canidia, die einen Jungen entführen und aus seinen Eingeweiden einen Liebestrank brauen wollte, ist ein weiteres Beispiel für die dunkle Seite des Giftgebrauchs. Manchmal wurden Gifte auch scherzhaft oder im Übermut eingesetzt, wie Horaz andeutet, als er vermutete, dass Canidia sein Essen vergiftet haben könnte, weil er Knoblauch kaum ertragen konnte.
Weitere Fälle von Giftmischerei in Rom
Auch am römischen Kaiserhof gab es immer wieder Berichte von Giftmischerninnen, die im Verborgenen tätig waren. Germanicus, der im Jahr 19 n. Chr. unter mysteriösen Umständen starb, wurde nach seinem Tod mit dem Verdacht auf einen Mord durch Gift belastet, insbesondere weil er zuvor mit dem Statthalter Syriens, Gnaeus Calpurnius Piso, im Streit lag. Piso selbst wurde verdächtigt, schwarze Künste und Giftmischerei betrieben zu haben, doch Beweise blieben spärlich. Seine Frau Plancina wurde ebenfalls beschuldigt, sich mit dunklen Künsten zu beschäftigen, und starb schließlich durch Selbstvergiftung, bevor sie vor Gericht gestellt werden konnte. In der späteren römischen Geschichte war die Giftmischerei ein bekanntes Mittel zur politischen Intrige. Die berüchtigte Giftmischerin Locusta, die in der Antike für ihre kriminellen Machenschaften berüchtigt war, wurde beauftragt, für Nero ein Mittel herzustellen, um den möglichen Erben Britannicus auszuschalten. Nero vertraute ihren Fähigkeiten so sehr, dass er sogar Schüler bei ihr schulen ließ. Das Gift, das sie für Nero bereitete, war für den Einsatz bei Britannicus bestimmt, doch es wirkte nicht schnell genug, sodass der Junge mehrere Erbrechen erlitt. Schließlich wurde ein stärkeres Gift zubereitet, das Britannicus in seinem Schlaf tötete. Nero war so von Locustas Können überzeugt, dass er sie sogar für die Herstellung von Gift für seine Flucht aus Rom heranzog. Nach seinem Sturz wurde sie hingerichtet, doch die Spuren ihrer Arbeit und die dunkle Verbindung zwischen Macht und Gift blieben in der Geschichte präsent.
Fazit: Die ambivalente Rolle der Gifte in der Antike
Die antike Welt war geprägt von einem tiefen Wissen über Gifte, deren Wirkung und Gegenmittel. Das verführerische Spiel mit tödlichen Substanzen, die Macht, Leben und Tod auf engstem Raum miteinander verbanden, zeigt die dunkle Seite der menschlichen Kultur. Gifte waren nicht nur Werkzeuge des Mordes, sondern auch Mittel der Wissenschaft, der Macht und der Selbstverteidigung. Das Wissen um die Toxine und die Fähigkeit, sie zu kontrollieren, waren in der Antike ebenso bedeutend wie heute. Doch die Geschichten von vergifteten Königen, Kaisern und Frauen, die mit Giften ihre Gegner ausschalteten, bleiben als dunkle Legenden und warnende Erinnerungen an die verführerische und gefährliche Kraft der Toxine bestehen.


















