Lausitzisch‑wendische Wörterbuch – Lausitzer Literatur: Ein Meilenstein der sorbischen Lexikografie

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Das >>Lausitzisch‑wendische Wörterbuch<< von 1866 nimmt unter den Werken der sorbischen Sprachwissenschaft einen herausragenden Platz ein. Verfasst im neunzehnten Jahrhundert, entstand es durch die Zusammenarbeit mehrerer bedeutender Persönlichkeiten, namentlich Pfuhl, Pfarrer Seiler aus Lohsa und Domvicar Hornig aus Budissin. Das Wörterbuch hat sich bis heute als unentbehrliche Quelle für die Erforschung der sorbischen Sprache und Kultur bewährt und prägt sowohl die wissenschaftliche Beschäftigung mit der Lausitz als auch die Identitätsbildung der sorbischen Gemeinschaft.

Die Dokumentation des sorbischen Wortschatzes

Im Zentrum der Bedeutung dieses Wörterbuchs steht seine umfassende Bestandsaufnahme des sorbischen Wortschatzes seiner Zeit. Es handelt sich um eine sprachhistorische Momentaufnahme, die einen reichen Fundus an Lexemen, Redewendungen und idiomatischen Ausdrücken zusammenfasst. Forschende erhalten damit Zugriff auf die Vielfalt regionaler Varianten, die für die Rekonstruktion sprachlicher Entwicklungslinien unerlässlich ist. Die Möglichkeit, anhand dieses Werks diachrone Vergleiche anzustellen, ist ein unschätzbarer Wert für die linguistische Forschung und die Dokumentation kleinerer Sprachen.

Zusammenarbeit zwischen Kirche, Wissenschaft und lokaler Kompetenz

Die Entstehung des Wörterbuchs ist eng mit der aktiven Mitwirkung verschiedener gesellschaftlicher Gruppen verbunden. Die Herausgabe durch Pfuhl in Verbindung mit der Unterstützung von Pfarrer Seiler in Lohsa und Domvicar Hornig in Budissin illustriert die enge Verzahnung von kirchlicher Praxis, lokaler Sprachkompetenz und wissenschaftlicher Systematik. Diese Zusammenarbeit ermöglichte eine besonders authentische und fundierte Sammlung, die sowohl den praktischen Sprachgebrauch als auch die theoretische Durchdringung der sorbischen Sprache abbildet.

Identitätsstiftung durch Sprachpflege

Ein weiteres zentrales Verdienst des Wörterbuchs liegt in seiner Funktion als Instrument der Identitätsbildung. Die sorgfältige Sammlung und Systematisierung des Wortschatzes belegt, wie lokale Autoritäten und Gelehrte im neunzehnten Jahrhundert Sprachpflege betrieben. Für die sorbische Gemeinschaft bedeutete dies eine bewusste Auseinandersetzung mit der eigenen Sprache und Kultur, was wiederum zu einer Stärkung des kollektiven Selbstverständnisses beitrug. Die lexikografische Arbeit ermöglichte es, die Besonderheiten der sorbischen Sprache zu bewahren und an kommende Generationen weiterzugeben.

Praktischer Nutzen für die Sprachforschung

Auch aus forschungspraktischer Sicht bleibt das Lausitzisch‑wendische Wörterbuch von unschätzbarem Wert. Es liefert nicht nur abstrakte Wortformen, sondern hält auch Bedeutungsnuancen, regionale Belege und idiomatische Wendungen fest, die in späteren Sammlungen oftmals verloren gegangen wären. Dieser Detailreichtum macht das Werk zu einer verlässlichen Quelle für Übersetzungsarbeit, die Erstellung von Lehrmaterialien sowie für die Standardisierung von Orthographie und Grammatik.

Impulsgeber für Normierung und Unterricht

Historische Lexika wie das Lausitzisch‑wendische Wörterbuch bilden die Basis, auf der moderne Normierungsprozesse aufbauen können. Sie dienen als Referenzpunkt für Übersetzungsarbeit und sind aus dem Unterrichtswesen nicht wegzudenken. Die Standardisierung der sorbischen Sprache, wie sie in Schulen, Medien und öffentlichen Institutionen heute angestrebt wird, wäre ohne die Grundlagenarbeit dieses Wörterbuchs kaum denkbar.

Zeugnis wissenschaftlicher Vernetzung und kultureller Förderung

Die Publikation des Wörterbuchs ist nicht nur ein Ergebnis individueller Gelehrsamkeit, sondern auch Ausdruck transregionaler wissenschaftlicher Vernetzung. Verlage und Institutionen wie die Maćica Serbska unterstützten die Verbreitung und Bewahrung sorbischer Kultur. Durch diese Netzwerke konnten die Forschungsergebnisse in der Lausitz und weit über ihre Grenzen hinaus bekannt gemacht werden. Das Wörterbuch wurde so zum Bindeglied zwischen wissenschaftlichen Zentren und zur Plattform für den Austausch von Wissen und Erfahrungen.

Zeitlose Relevanz und digitale Zugänglichkeit

Die historische Tiefe und dokumentarische Qualität des Wörterbuchs sorgen dafür, dass es auch heute noch für Wissenschaftler, Lehrkräfte und interessierte Laien von großer Bedeutung ist. Moderne digitale Reproduktionen und Nachdrucke haben das Werk einer neuen Generation zugänglich gemacht. Dadurch erhalten Forschende die Möglichkeit, Sprachwandel, Lexikografiegeschichte und kulturelle Praxis der Lausitz im neunzehnten Jahrhundert direkt nachzuvollziehen. Das Wörterbuch bleibt somit ein lebendiges Zeugnis der sorbischen Kultur und ein unverzichtbares Werkzeug für die Erforschung und Bewahrung einer einzigartigen sprachlichen Tradition.