Heilige Felsen und königlicher Schutz: Die Erforschung vorchristlicher Kultstätten in der Lausitz

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Im neunzehnten Jahrhundert erwachte in Europa ein verstärktes Interesse an der vorchristlichen Vergangenheit, das Forscher und Altertumskundler dazu bewegte, die Landschaft nach Spuren früherer Kulturen zu durchsuchen. Besonders die Region der Lausitz mit ihren markanten Felsformationen und beeindruckenden Naturdenkmälern rückte dabei in den Mittelpunkt wissenschaftlicher Betrachtungen. Diese Epoche war geprägt von dem Bestreben, die eigene nationale Identität durch die Erforschung altertümlicher Stätten zu festigen und zu verstehen. Die damals aufkommende Altertumsforschung verband romantische Vorstellungen von einer mythischen Vorzeit mit ersten systematischen Untersuchungen archäologischer Funde. In diesem geistesgeschichtlichen Kontext begann Karl Benjamin Preusker seine wegweisenden Forschungen zu den Felsheiligtümern der sächsischen Region.

Preuskers Entdeckung heiliger Kultstätten

Der Altertumsforscher Karl Benjamin Preusker, der in den Jahren 1786 bis 1871 lebte, konnte eine beachtliche Anzahl von Berggipfeln in der Lausitz identifizieren, die er als heilige Plätze der Vorzeit deutete. In verschiedenen legendenumwobenen Fels- und Steinformationen vermutete dieser Pionier der Regionalgeschichte heidnische Opferaltäre und Göttertempel, die einem Sonnenkult gedient haben sollten. Nach seiner Auffassung verehrten die Menschen der Vorzeit an diesen besonderen Orten die Sonne zu bestimmten Tagen im Jahr, wobei sie sowohl den Sonnenaufgang als auch den Sonnenuntergang in ihre rituellen Handlungen einbezogen. Preusker war überzeugt davon, dass diese natürlichen Felsformationen bewusst für kultische Zwecke genutzt und möglicherweise durch menschliche Eingriffe für ihre sakrale Funktion hergerichtet wurden. Seine Beobachtungen und Deutungen legten den Grundstein für eine intensive Auseinandersetzung mit der vorchristlichen Religiosität in dieser Region.

Die Einordnung in den europäischen Kontext

Nach der Überzeugung Preuskers standen diese Felsheiligtümer der Lausitz in ihrer kultischen Bedeutung gleichberechtigt neben den bekannten Megalithbauwerken Frankreichs, Skandinaviens, Norddeutschlands und der britischen Inseln. Als Göttertempel für die Verehrung der Sonne schrieb er den Felsformationen der Lausitz dieselbe religiöse Funktion zu wie dem berühmten Steinkreis von Stonehenge in England. Diese Einordnung zeigt das Bestreben des Forschers, die regionale Geschichte in einen gesamteuropäischen Zusammenhang zu stellen und die kulturelle Bedeutung der Lausitz hervorzuheben. Preusker erkannte jedoch auch, dass bei der Entstehung dieser sächsischen Heiligtümer die Natur den wesentlichen Teil der Arbeit geleistet hatte und der Mensch eher ergänzende Veränderungen vorgenommen haben dürfte. Er ging davon aus, dass zwar keine massive Aufschichtung von Felsplatten durch Menschenhand stattgefunden hatte, wie sie von anderen Orten bekannt war, aber dennoch bestimmte Felsblöcke möglicherweise an ihre heutigen Plätze verbracht worden waren.

Unterschiede zu Stonehenge und kalendarische Funktionen

Trotz aller Parallelen, die Preusker zwischen den Felsheiligtümern der Lausitz und den Megalithanlagen anderer Regionen sah, erkannte er für die Felsen der Lausitz keine konkrete kalendarische Funktion, wie sie der englische Arzt William Stukeley für Stonehenge nachgewiesen hatte. Stukeley, der zwischen 1687 und 1765 lebte, hatte bereits im achtzehnten Jahrhundert die astronomische Ausrichtung des englischen Steinkreises erforscht und diesen als Sonnentempel gedeutet. Preusker zeichnete selbst Darstellungen von Stonehenge und war sich der historischen Bedeutung dieses druidischen Denkmals bewusst, das bereits vom antiken Schriftsteller Diodor im ersten Jahrhundert vor Christus als Sonnentempel erwähnt worden war. Dennoch blieb er bei seiner Einschätzung, dass die Felsformationen der Lausitz zwar kultische Bedeutung besaßen, aber nicht dieselbe präzise astronomische Funktion erfüllten wie ihre britischen Pendants. Diese differenzierte Betrachtungsweise zeigt die wissenschaftliche Redlichkeit Preuskers, der nicht bereit war, alle Beobachtungen einem vorgefassten Schema unterzuordnen.

Königlicher Schutz für bedrohte Naturdenkmäler

Am 18. April des Jahres 1844 berichtete der Görlitzer Anzeiger von einer bemerkenswerten Initiative des Rittergutsbesitzers Hofrat von Heinitz, der den Hochstein bei Königshain angekauft hatte. Dieser Felsen, der damals zu Preußen gehörte und zu den alten Opfersteinen gezählt wurde, sollte durch diesen Kauf vor der Zerstörung bewahrt werden, da die Gefahr bestand, dass er als Baumaterial für den Eisenbahnbau verwendet werden könnte. Auf Betreiben mehrerer Grundherren aus der Lausitz hatte König Friedrich Wilhelm der Vierte von Preußen beschlossen, ebenfalls einen bedeutenden Felsen, den sogenannten Totenstein, anzukaufen und unter besonderen Schutz zu stellen. Diese Maßnahme erwies sich als wegweisend für den Denkmalschutz in der Region und setzte ein wichtiges Signal für den Umgang mit historischen Naturdenkmälern. Am 1. Juni 1844 vollzog der König dann die offizielle Schenkung des Totensteins an die Görlitzer Stände und erklärte diesen Felsen zum Denkmal der Vorzeit, was einen bis dahin einzigartigen Vorgang darstellte.

Der königliche Besuch und die feierliche Übergabe

Aus Anlass dieser bedeutenden Schenkung besuchte König Friedrich Wilhelm der Vierte die Stadt Görlitz und begab sich anschließend zu den Königshainer Bergen, um die geschützten Felsformationen persönlich in Augenschein zu nehmen. Die Landbevölkerung hatte sich in großer Zahl eingefunden und präsentierte sich in ihren bunten Trachten, wobei die Menschen auf allen Felsen und Höhen, ja sogar auf Bäumen positioniert waren, um das historische Ereignis zu beobachten. Diese eindrucksvolle Szene verdeutlicht die große Bedeutung, die der königlichen Initiative in der Bevölkerung beigemessen wurde. In der feierlichen Schenkungsurkunde, die der König mit seiner eigenhändigen Unterschrift und dem königlichen Siegel versah, wurde der im Gebirge von Königshain gelegene Totenstein als erhaltenswertes Kulturgut für die Geschichte des Vaterlandes bezeichnet. Der König übertrug diesen Felsen den Ständen der Lausitz mit dem ausdrücklichen Willen, dass dieses ehrwürdige Denkmal der Vorzeit vor Zerstörung und Beschädigung bewahrt bleiben sollte.

Die Bestimmungen der königlichen Schenkungsurkunde

In der historischen Urkunde vom ersten Juni 1844 legte Friedrich Wilhelm der Vierte fest, dass das geschützte Naturdenkmal jedem Frevel unzugänglich bleiben, allen Freunden der Natur und der Geschichte jedoch jederzeit zugänglich sein sollte. Durch diese Schenkung wollte der König seinen Getreuen Ständen zugleich einen Beweis seines gnädigen Wohlwollens offenbaren und ein Zeichen für die Wertschätzung der regionalen Geschichte setzen. Die umfangreichen Titel des Königs, der unter anderem Markgraf der Ober- und Niederlausitz war, unterstrichen die Bedeutung dieser Maßnahme für die Region. Diese königliche Initiative markierte einen wichtigen Meilenstein in der Geschichte des Denkmalschutzes und trug maßgeblich dazu bei, dass die Felsformationen der Lausitz bis heute erhalten geblieben sind. Der Schutz dieser Stätten ermöglichte es späteren Generationen, sich weiterhin mit der vorchristlichen Vergangenheit der Region auseinanderzusetzen und die kulturelle Bedeutung dieser Orte zu erforschen.

Weitere Forschungen und archäologische Funde

Alfred Moschkau, ein weiterer bedeutender Forscher der Region, sah in dem Fund von fünfzig Bronzeäxten und mehreren Urnen in Olbersdorf eine Bestätigung für die Annahme, dass es sich bei dem über Olbersdorf auf dem Töpferberg befindlichen Felsentor um ein vorgeschichtliches Heiligtum handeln könnte. Dieser Gelehrte zählte für die Lausitz eine Reihe weiterer bis dahin nicht genannter mutmaßlicher Felsheiligtümer auf und entwickelte damit ein umfassenderes Bild der sakralen Landschaft der Region. Wie bereits Preusker sah auch Moschkau einen religiösen Zusammenhang zwischen den Felsen der Lausitz und den Monumenten der Megalithkultur, wobei er insbesondere Parallelen zu Stonehenge in England herausarbeitete. Diese Forschungen trugen dazu bei, das Bewusstsein für die kulturelle Bedeutung der Region zu schärfen und legten den Grundstein für spätere archäologische Untersuchungen. Die Arbeiten dieser Pioniere der Regionalgeschichte zeigen, wie wichtig es ist, natürliche Formationen nicht nur unter geologischen Gesichtspunkten zu betrachten, sondern auch ihre mögliche kulturelle und religiöse Bedeutung zu erforschen.

Die Lausitz in der Gegenwart

Diese historische Region, die von einer reichen kulturellen Vielfalt geprägt ist, bewahrt trotz aller modernen Entwicklungen ihre einzigartigen Naturdenkmäler und historischen Stätten. Die Felsformationen der Königshainer Berge und andere geschützte Naturdenkmäler sind heute wichtige Ziele für den Tourismus und die regionale Identitätsbildung. Der damalige königliche Schutz dieser Stätten erweist sich im Nachhinein als weitsichtige Maßnahme, die es ermöglicht hat, diese Zeugnisse der Natur- und Kulturgeschichte für nachfolgende Generationen zu bewahren.

Kulturelles Erbe und moderne Identität

Die Lausitz ist zudem die Heimat des sorbischen Volkes, einer slawischen Minderheit, die ihre Sprache, Traditionen und kulturellen Eigenheiten bis heute lebendig hält. Diese kulturelle Vielfalt bereichert die Region und zeigt sich in zahlreichen Bräuchen, Festen und kulturellen Einrichtungen, die das sorbische Erbe pflegen und vermitteln. Die historischen Felsheiligtümer und Naturdenkmäler bilden dabei einen wichtigen Teil des kulturellen Gedächtnisses der Region und tragen zur Identitätsstiftung bei. Moderne Forschungsprojekte beschäftigen sich weiterhin mit der vorchristlichen Vergangenheit der Lausitz und untersuchen die Felsformationen mit neuen wissenschaftlichen Methoden. Dabei wird deutlich, dass die Interpretationen des neunzehnten Jahrhunderts zwar teilweise überholt sind, aber dennoch einen wichtigen Beitrag zur Bewusstseinsbildung für den Schutz dieser einzigartigen Kulturlandschaft geleistet haben. Die Region steht heute vor der Aufgabe, ihr reiches kulturelles und natürliches Erbe mit den Anforderungen einer nachhaltigen Zukunftsentwicklung in Einklang zu bringen.

 

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