Zwischen Mythos und Realität: Aussteiger, Rausch und Heilkunst von der Antike bis zur Gegenwart

Das Bild von Aussteigern, die unter Palmen im warmen Licht der Tropensonne einen Joint rauchen, ruft sofort Assoziationen an die rebellischen und freiheitsliebenden Strömungen der siebziger Jahre hervor. Doch die Sehnsucht nach Ausstieg, nach dem Verlassen gesellschaftlicher Zwänge und dem Eintauchen in alternative Lebenswelten, ist viel älter als die moderne Gegenkultur. Schon in den ältesten Erzählungen der Menschheit begegnet man Figuren, die sich bewusst von der Gemeinschaft abwenden, um in einer anderen Realität zu leben. Die griechische Mythologie bietet mit Odysseus ein eindrucksvolles Beispiel: Der listenreiche Held, der nach dem Trojanischen Krieg auf eine lange Irrfahrt geschickt wird, trifft auf seiner Reise auf die Lotophagen, ein Volk, das sich ausschließlich von den süßen, berauschenden Lotosblumen ernährt. Als einige seiner Gefährten von den Lotophagen aufgenommen werden und deren Nahrung kosten, verlieren sie jegliches Verlangen nach Heimkehr. Sie vergessen ihre Herkunft, ihre Ziele und ihre Verpflichtungen und möchten fortan nur noch in der Gemeinschaft der Lotosesser verweilen, den Alltag hinter sich lassen und sich dem süßen Nichtstun hingeben. Odysseus muss mit aller Kraft eingreifen, um seine Gefährten aus diesem Zustand zu reißen, sie gegen ihren Willen zurück auf das Schiff zu bringen und sie festzubinden, damit sie nicht wieder zu den Lotophagen zurückkehren. In dieser Episode spiegelt sich die uralte Faszination des Menschen für den Ausstieg aus der Realität und die Suche nach dem Rausch wider.
Die ersten Rauschmittel und ihre Wirkung in der Antike
Die Lotophagen sind jedoch keineswegs die einzigen, die in der Antike mit berauschenden Substanzen experimentierten. Schon in den frühesten literarischen Werken finden sich Hinweise auf die Verwendung von Rauschmitteln, die weit über den Konsum von Alkohol hinausgehen. In Homers Odyssee wird von einem geheimnisvollen Trank berichtet, den Helena, die berühmte Frau aus Sparta, den vom Krieg gezeichneten Männern reicht. Dieser Trank, dessen Rezept sie von einer ägyptischen Königin erhalten hat, soll Kummer, Schmerz und sogar die Erinnerung an erlittenes Leid auslöschen. Die Wirkung ist so stark, dass kein Tränenfluss mehr die Wangen der Trinkenden benetzt. Die antike Welt kannte die schmerzlindernde und bewusstseinsverändernde Kraft von Opiaten und anderen Pflanzen sehr genau. Opiate wurden nicht nur zur Linderung von Schmerzen eingesetzt, sondern auch als Schlafmittel, Narkotikum, zur Behandlung von Entzündungen, bei Verdauungsproblemen und Husten. Die Gefahren einer Überdosierung waren bekannt, doch die schleichende Entwicklung einer Abhängigkeit wurde erst viel später erkannt. Der Botaniker Theophrast von Eresos beschrieb bereits, wie der milchige Saft aus den unreifen Kapseln des Schlafmohns gewonnen wird. Später erläuterten Ärzte wie Scribonius Largus und Pedanios Dioskurides die Herstellung und Anwendung von Opium und entdeckten besonders wirksame Mohnsorten.
Die Vielfalt der antiken Rauschmittel und ihre Risiken
Neben Opium und Alkohol war die antike Welt reich an weiteren Substanzen, die sowohl medizinisch als auch zur Bewusstseinserweiterung genutzt wurden. Pflanzen wie Alraune, Bilsenkraut, Tollkirsche, Stechapfel, Schierling, Eisenhut, Hanf und verschiedene Pilze waren bekannt für ihre berauschenden oder schmerzlindernden Eigenschaften. Die Wirkung dieser Pflanzen war den Fachleuten der Antike vertraut, doch sie wussten auch um die Gefahren, die von einer unsachgemäßen Anwendung ausgingen. Ohne genaue Kenntnisse der Dosierung und der pharmakologischen Eigenschaften konnten viele dieser Pflanzen schwere Gesundheitsschäden oder sogar den Tod verursachen. Die Erfahrungswissenschaft der Antike ermöglichte es, diese Substanzen gezielt einzusetzen, sei es zur Linderung von Leiden oder zur Erzeugung von Rauschzuständen. Auch bestimmte Fischarten aus dem Mittelmeer waren für ihre halluzinogenen Effekte bekannt. Das Fleisch der Goldstrieme konnte bei Verzehr tagelange psychedelische Zustände hervorrufen, die in ihrer Intensität modernen Drogen wie LSD ähnelten. Die Pythia von Delphi, das berühmte Orakel des Apollon, saß auf einem Dreifuß über einer Erdspalte, aus der Gase aufstiegen, die sie in Trance versetzten. Ob es sich dabei um natürliche Dämpfe oder einfach um Sauerstoffmangel handelte, bleibt unklar, doch die Wirkung war so stark, dass sie als Sprachrohr der Götter galt.
Zwischen Heilkunst und Sucht: Die fließenden Grenzen
Die Grenze zwischen heilender Medizin und süchtig machender Droge war in der Antike oft schwer zu ziehen. Ein berühmtes Beispiel ist das Theriak, ein komplexes Arzneimittel, das von vielen Herrschern eingenommen wurde, um sich gegen Vergiftungen und Krankheiten zu schützen. Mark Aurel, einer der bedeutendsten Kaiser Roms und ein herausragender Denker, konsumierte täglich Theriak, um seine chronischen Beschwerden zu lindern. Der Arzt Galen berichtet, dass dem Theriak in der Regel Opium beigemischt wurde, doch wenn Mark Aurel unter starker Müdigkeit litt, wurde der Mohnsaft weggelassen, was dazu führte, dass er nachts nicht schlafen konnte. Die Frage, ob Mark Aurel tatsächlich süchtig war, bleibt offen. Seine Gesundheit war von Kindheit an fragil, er führte ein asketisches Leben, schlief wenig und arbeitete viel. Seine einzige Zuflucht fand er in seinen philosophischen Selbstbetrachtungen, in denen er seine stoische Haltung festhielt. Trotz seiner Abneigung gegen das höfische Leben und seine Vorliebe für Einsamkeit musste er als Kaiser grausame Kriege führen und schwere Entscheidungen treffen. Das Theriak war für ihn möglicherweise mehr als nur ein Heilmittel – vielleicht war es auch ein Mittel, um dem Druck und der Einsamkeit seines Amtes zu entkommen.
Die Suche nach Linderung und Eskapismus im Spiegel der Geschichte
Die antike Welt war geprägt von einer tiefen Ambivalenz gegenüber Rauschmitteln. Einerseits wurden sie als wertvolle Heilmittel geschätzt, andererseits war man sich der Gefahren bewusst, die von ihnen ausgingen. Die Menschen suchten Linderung von Schmerzen, wollten dem Alltag entfliehen oder spirituelle Erfahrungen machen. Die Geschichten von Odysseus und den Lotophagen, von Helena und ihrem Trank, von Mark Aurel und seinem Theriak zeigen, wie eng die Suche nach Heilung, Rausch und Eskapismus miteinander verwoben waren. Die antiken Ärzte und Botaniker verfügten über ein erstaunliches Wissen über die Wirkung und Anwendung verschiedenster Substanzen, doch die Risiken einer Abhängigkeit oder Vergiftung waren allgegenwärtig. Die Faszination für den Ausstieg aus der Realität, für das Überschreiten der Grenzen des Bewusstseins, ist ein zeitloses Thema, das bis in die Gegenwart nachwirkt. Die antike Erfahrungswissenschaft legte den Grundstein für die moderne Pharmakologie, doch die Fragen nach dem richtigen Maß, nach Nutzen und Gefahr, nach Heilung und Sucht sind bis heute aktuell geblieben.
Die zeitlose Faszination des Rauschs
Die Beschäftigung mit Rauschmitteln, Ausstieg und Heilkunst in der Antike offenbart eine Welt voller Widersprüche und Sehnsüchte. Die Geschichten von Aussteigern, von berauschenden Pflanzen und geheimnisvollen Tränken zeigen, dass der Wunsch nach Linderung, nach Vergessen und nach neuen Erfahrungen ein grundlegender Bestandteil der menschlichen Natur ist. Die antiken Mythen und Berichte sind mehr als nur Geschichten aus ferner Zeit – sie spiegeln universelle Fragen und Herausforderungen wider, die auch heute noch relevant sind. Die Suche nach dem richtigen Umgang mit Rausch und Heilung, nach dem Gleichgewicht zwischen Nutzen und Gefahr, bleibt eine Aufgabe, die jede Generation aufs Neue bewältigen muss.


















