Geschichte der Drogen: Die globale Ordnung nach dem Kalten Krieg
Screenshot youtube.comMit dem Ende des Kalten Krieges entstand eine neue weltpolitische Ordnung, die zusammen mit der fortschreitenden wirtschaftlichen Globalisierung die Dynamik des illegalen Drogenhandels grundlegend veränderte. Der Zerfall des Eisernen Vorhangs beseitigte die bisherige globale Struktur, die den Opiumhandel über Jahrzehnte geprägt hatte. Diese Umbrüche führten zu einer rasanten Ausweitung des Opiumhandels in Zentralasien, begünstigten die Entstehung neuer krimineller Netzwerke und eröffneten neue Schmuggelrouten durch China und Russland.
Verflechtung von Drogenkonsum und kriminellen Netzwerken
Seit dem Ende des Kalten Krieges sind die weltweite Verbreitung von Drogenkonsum und die Verflechtungen krimineller Organisationen eng miteinander verbunden. Sie bilden ein komplexes Geflecht aus Handelswegen und illegalen Verbindungen, das sich über Kontinente erstreckt. Gegen Ende der neunziger Jahre konsumierten weltweit Millionen Menschen illegale Substanzen wie Opiate, Kokain und Amphetamine, was die Dimension des Problems verdeutlicht.
Die Rolle der Prohibition und ihre Folgen
Die Prohibitionspolitik bildet die zentrale Grundlage für die enormen Profite im Drogenhandel. Diese Gewinne fördern nicht nur Korruption, sondern auch den steigenden Konsum illegaler Substanzen. In den neunziger Jahren stiegen die Preise für Drogen dramatisch an: Während ein Kilogramm Heroin in den Ursprungsländern vergleichsweise günstig war, erreichten die Straßenpreise in den Konsumländern ein Vielfaches davon. Ähnliches galt für Kokain und Amphetamine, deren Herstellung und Schmuggel trotz hoher Risiken äußerst lukrativ blieben.
Scheitern der Prohibitionspolitik und globale Auswirkungen
Die Erfahrungen der jüngeren Vergangenheit zeigen, dass die Prohibitionspolitik nicht nur versagt hat, den illegalen Handel einzudämmen, sondern das weltweite Angebot an Drogen sogar verstärkt hat. In jedem der US-amerikanischen Drogenkriege führte die Verbotsstrategie zu unbeabsichtigten Nebenwirkungen: Die lokale Bekämpfung des Anbaus oder Handels stimulierte den Markt auf globaler Ebene. Ähnlich wie bei legalen Gütern führt eine Verknappung des Angebots bei gleichbleibender Nachfrage zu höheren Preisen, was wiederum die Produktion an anderen Orten anregt.
Beispiel Türkei und Frankreich in den siebziger Jahren
Ein anschauliches Beispiel für diese Dynamik ist der erste US-Drogenkrieg unter Präsident Nixon, der sich auf die türkische Opiumproduktion konzentrierte. Durch diplomatischen Druck und finanzielle Unterstützung versuchte man, den Anbau in der Türkei zu reduzieren. Gleichzeitig übte das Weiße Haus Druck auf französische Behörden aus, um Heroinlabors in Marseille zu schließen. Doch die komplexen Mechanismen des illegalen Drogenmarktes führten dazu, dass dieser anfängliche Erfolg bald in eine Niederlage umschlug, da sich der Handel und die Produktion an andere Orte verlagerten und neue Schmuggelwege entstanden.
Die Auswirkungen des US-Drogenkriegs auf den Opiumhandel
Obwohl die Türkei rund 80 Prozent des US-Heroinangebots bereitstellte, machte ihr Anteil am asiatischen Opium nur sieben Prozent aus. Eine konstante globale Nachfrage bei sinkendem Angebot ließ die internationalen Opiumpreise steigen und förderte dadurch die Produktion in anderen Regionen. Der Leiter der DEA-Vertretung in Mexiko-Stadt berichtete, wie die Erfolge Nixons die Heroinproduktion in Mexiko nach oben trieben: „Es ist eine bittere Ironie“, so seine Einschätzung, „dass der Erfolg der Drogenbekämpfung in Europa offenbar mit dem Aufstieg von braunem Heroin in Nordamerika verbunden ist… Der Heroinmarkt scheut ein Vakuum.“
Verlagerungseffekte im globalen Drogenmarkt
In den 1990er Jahren konnten UN-Forscher einen ähnlichen Effekt in Asien beobachten. Beispielsweise fiel in Nordlaos der lokale Erzeugerpreis für Heroin von 263 Dollar auf nur noch 65 Dollar pro Kilo, nachdem kolumbianische Heroinexporte 1996 in die USA zunahmen. Die Politik der Erntevernichtung führte nicht nur zur Angebotsverringerung, sondern förderte auch den Anbau in den betroffenen Regionen.
Die Rolle der lokalen Bauern und Kreditvergabe
Die meisten Bauern finanzieren ihren Anbau durch Kredite von Drogenkartellen, die nach der Ernte in Naturalien beglichen werden. Werden Mohn- oder Kokapflanzen zerstört, sind sie gezwungen, die nächste Ernte zu verdoppeln, um Schulden zu begleichen und die Aussaat neu zu finanzieren. Nach Einsätzen von chemischen Sprühstoffen durch US-Flugzeuge versuchen die Bauern, sich so schnell wie möglich zu erholen: Manche wandern ab, andere bepflanzen neu, doch fast alle sind auf Kredite angewiesen – meist von Koka-Käufern.
Fehlgeschlagene Ausrottungsmaßnahmen und ihre Konsequenzen
Trotz Investitionen von 1,7 Milliarden Dollar in die Vernichtung der kolumbianischen Kokaernte stieg die Produktion zwischen 2000 und 2001 um 25 Prozent. Die Intensivierung der Sprühmaßnahmen 2002 führte laut den Vereinten Nationen vor allem zu einer Verlagerung der Anbauflächen. Klaus Nyholm vom United Nations Office for Drug Control (UNDCP) in Kolumbien erklärte: „Das Ausräuchern hat eine Wirkung, aber diese besteht unserer Ansicht nach vor allem in einer Verlagerung.“
Marktanreize und die Anpassungsfähigkeit der Produzenten
Selbst abgelegene Bergbauern reagieren auf Marktanreize – sei es durch klimatische Bedingungen, politische Unruhen oder steigende Nachfrage. Solange die Nachfrage nach Drogen und die Preise in den wohlhabenden Konsumländern hoch bleiben, werden Händler alles tun, um das Angebot zu sichern.
Der globale Kreislauf der Prohibitionspolitik
In den letzten drei Jahrzehnten hat die Prohibitionspolitik der USA und der UN vor allem dazu geführt, dass Produktion, Verarbeitung und Schmuggel in den drei wichtigsten Handelsregionen – von der Türkei und Laos in Asien, über die Anden in Südamerika bis an die US-Grenze – immer wieder angekurbelt wurden. Jede neue Phase des Drogenkriegs ließ die Produktion weiter ansteigen. Da Opium in vielen Klimazonen kultiviert werden kann, verlagert sich der Anbau durch die Bekämpfungsmaßnahmen einfach auf andere Regionen der Welt.
Repression und die globale Ausbreitung des Drogenhandels
Da die Chemie des menschlichen Gehirns grundsätzlich alle Menschen potenziell süchtig machen kann, führt ein repressives Vorgehen lediglich dazu, dass Drogenhändler neue Märkte in anderen Stadtteilen, Ländern oder sogar auf anderen Kontinenten erschließen. Die hohe Flexibilität der Marktverhältnisse verwandelt die harte Hand der Repression von einem Abschreckungsmittel in eine Art Wünschelrute, die Konsum und Produktion immer weiter in neue Regionen treibt und das globale Drogenproblem verschärft. So hat die Prohibition aktiv dazu beigetragen, den Drogenhandel zu einer der größten Industrien der Welt zu machen. Ende der 1990er Jahre schätzten die Vereinten Nationen den Wert des globalen Drogenmarktes auf etwa 400 Milliarden Dollar, mit 180 Millionen Konsumenten – das entspricht 4,2 Prozent der erwachsenen Bevölkerung – und einem Anteil von acht Prozent am weltweiten Handel, größer als der Textil-, Stahl- oder Automobilhandel.
Gesundheitliche und gesellschaftliche Folgen des illegalen Drogenhandels
Neben den erheblichen gesundheitlichen Schäden durch Drogenkonsum, insbesondere durch die Verbreitung von HIV-Infektionen infolge intravenösen Gebrauchs, bei denen bis 1996 schätzungsweise fünf bis zehn Prozent der Neuerkrankungen auf den Drogenhandel zurückzuführen sind, ist das illegale Geschäft auch ein bedeutender Faktor für Polizei, Zoll, Militär und Politik. Es untergräbt die territoriale Souveränität von Staaten – sowohl in Industrie- als auch in Entwicklungsländern.
Korruption und die Macht der Drogenkartelle
Laut einem UN-Bericht von 1997 kontrollieren „hochgradig zentralisierte“ transnationale Verbrecherorganisationen mit etwa 3,3 Millionen Mitgliedern weltweit einen Großteil des Drogenhandels. Mit ihren enormen Profiten wirken diese Geschäfte in vielen Städten wie Sydney, Bangkok, Hongkong, Manila, New York, Marseille und Istanbul äußerst korrumpierend. In den meisten Fällen beschränkt sich die Korruption auf einzelne Beamte oder Polizeieinheiten, doch wenn sie nicht eingedämmt wird, kann sie sich ausbreiten und die Strafverfolgung unterwandern. In extremen Fällen – etwa in New York, Hongkong, Sydney und Mexiko-Stadt – kooperierten Verbrechersyndikate mit korrupten Polizisten, wobei die Polizei die Händler schützte und im Gegenzug Verdächtige an die Syndikate lieferte, um den Eindruck wirksamer Strafverfolgung zu erwecken.
Von Polizeikorruption zu „Drogenstaaten“
Bereits in den 1960er Jahren schloss die US-Antidrogenbehörde (damals noch das Federal Bureau of Narcotics, FBN) in New York eine informelle Allianz mit heroinhandelnden Mafia-Clans, bei der die Polizei die Händler schützte und ihre Rivalen verfolgte. In den 1980er Jahren verschaffte systematische Korruption innerhalb der mexikanischen Bundespolizei den Drogenhändlern Schutz und verdeckte Hinweise, während die Polizei selbst von Bestechungsgeldern, Anerkennung und Beförderungen profitierte. Während Polizeikorruption in Städten mit hohem Drogenkonsum häufig vorkommt, beschränkt sie sich meist auf einzelne Einheiten. Doch in Produktions- und Verarbeitungsgebieten kann die Macht des illegalen Handels durch sein wirtschaftliches Gewicht und seinen Einfluss ganze Staaten in „Drogenstaaten“ verwandeln. In den 1990er Jahren erreichten Drogenkartelle in bedeutenden Anbauländern wie Kolumbien, Myanmar, Afghanistan und Pakistan ausreichend politischen Einfluss, um die Strafverfolgung zu behindern, Sicherheitskräfte zu neutralisieren und in manchen Regionen Rebellen oder Warlords an die Macht zu bringen. So erzielte die pakistanische Heroinindustrie 1988 einen Jahresumsatz von etwa acht Milliarden Dollar – halb so groß wie die legale Wirtschaft des Landes –, wobei der Geheimdienst den Handel kontrollierte und Drogengroßhändler sogar Parlamentswahlen beeinflussten. Ähnlich zahlten mexikanische Kokainkartelle bis 1994 jährlich Bestechungsgelder in Höhe von 460 Millionen Dollar und erzielten Umsätze von 30 Milliarden Dollar – das Vierfache der mexikanischen Ölexporte. Damit waren in beiden Ländern die Grenzen bloßer Polizeikorruption längst überschritten. In solchen Staaten hatten Drogen die vielfältige Kombination aus wirtschaftlichem und institutionellem Einfluss erreicht, die einen „Drogenstaat“ definiert.
Die globale Schattenwirtschaft und staatliche Verstrickungen
Im Laufe des späten 20. Jahrhunderts nährte die Drogenprohibition weltweit eine illegale Wirtschaft, in der Verbrechersyndikate, Hochlandkrieger, ethnische Befreiungsbewegungen, Terrornetzwerke und geheime Operationen ihre Finanzen aus Drogenhandel und -produktion speisten. Rückblickend auf die miserable Bilanz des Anti-Drogen-Kriegs lässt sich kaum etwas finden, das Anlass zu Optimismus oder gar zum Feiern gibt. Für den durchschnittlichen Amerikaner, der Zeuge des erbärmlichen Spektakels des Drogenhandels auf den Straßen wird, ist es kaum vorstellbar, dass der Staat – direkt oder indirekt – in den internationalen Drogenhandel verstrickt sein könnte. Während des Kalten Krieges jedoch waren amerikanische Diplomaten und CIA-Agenten auf mehreren Ebenen am Drogenhandel beteiligt: durch zufällige Kollaborationen, verdeckte Bündnisse mit Großhändlern, Unterstützung für bekannte Drogenhändler, deren kriminelle Aktivitäten weitgehend ignoriert oder verschleiert wurden, und gelegentlich durch aktive Beteiligung am Opiumtransport. Washington hält im Allgemeinen an seiner Prohibitionspolitik fest und verschließt die Augen vor der Tatsache, dass die Strategien im Anti-Drogen-Kampf – von der Türkei in den 1970er Jahren bis zu Kolumbien heute – die Produktion nur anregen und das globale Angebot an illegalen Drogen weiter erhöhen. Es ist, gelinde gesagt, ironisch, dass die USA ihr eigenes Drogenproblem selbst verursacht haben.
















