Die totale Kontrolle und die Illusion der sorbischen Autonomie in der sowjetischen Besatzungszone

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Die Nachkriegszeit in der sowjetischen Besatzungszone war von einem radikalen Umbau der gesellschaftlichen und politischen Verhältnisse geprägt, der alle Lebensbereiche durchdrang. Die sowjetische Militäradministration etablierte ein System der umfassenden Überwachung und Disziplinierung, das auf Angst und Unterwerfung basierte. In diesem Umfeld mussten sich auch die Minderheiten, insbesondere das sorbische Volk, den neuen machtpolitischen Realitäten beugen. Was zunächst als Befreiung vom Nationalsozialismus erschien, entpuppte sich schnell als Übergang in eine neue Diktatur. Die Geschichte dieser Zeit zeigt, wie kulturelle Rechte instrumentalisiert wurden, um politische Loyalität zu erzwingen.

Die Speziallager und das Schweigen der Überlebenden

Im Sommer des Jahres neunzehnhundertsiebenundvierzig befanden sich in den sowjetischen Speziallagern auf deutschem Boden zehntausende Inhaftierte. Der weitaus größte Teil dieser Personen war formell nie durch ein Gericht verurteilt worden. Die Militäradministration erklärte den Entnazifizierungsprozess bereits im Frühjahr des Folgejahres für abgeschlossen. Dennoch wurden die überfälligen Entlassungen der Gefangenen keineswegs in die Wege geleitet. Die Lager dienten in erster Linie als präventive Sicherheitsmaßnahme zur Ausschaltung potenzieller Gegner.

Die Willkür der Besatzungsmacht und erste Zweifel

Die Inhaftierungen erfolgten ausschließlich auf Basis sicherheitspolitischer Erwägungen und tagespolitischer Opportunität. Gegenüber der deutschen Öffentlichkeit fiel es der Besatzungsmacht zunehmend schwerer, dieses Vorgehen juristisch zu rechtfertigen. Hohe sowjetische Funktionäre mussten intern einräumen, dass die angewandten polizeilichen Methoden in Mitteleuropa auf massiven Widerstand stießen. Die Menschen in dieser Region waren derartig rigide staatliche Eingriffe schlichtweg nicht gewohnt. Erst am Ende des Jahres neunzehnhundertneunundvierzig erfolgte der Beschluss zur Auflösung der meisten dieser Haftstätten.

Die Entlassungen und das auferlegte Schweigegelübde

Bei der Schließung der Einrichtungen wurde ein Teil der Gefangenen in den neu geschaffenen deutschen Strafvollzug überführt. Andere Häftlinge wurden der lokalen Polizei zur weiteren Aburteilung übergeben. Die in die Freiheit Entlassenen mussten über ihre erlittenen Qualen in der Haft striktes Stillschweigen bewahren. Viele ehemalige Insassen trugen lebenslang schwere körperliche und seelische Schäden davon. Eine öffentliche Thematisierung ihrer Schicksale war in der ostdeutschen Gesellschaft der Nachkriegsjahre strengstens untersagt.

Die Tabuisierung der Vergangenheit und die Festigung der Macht

Wer in den folgenden Jahrzehnten über die unmittelbare Nachkriegszeit schreiben wollte, musste die Geschehnisse verschweigen oder verfälschen. Verbrechen der Besatzungssoldaten oder das Sterben in den Internierungslagern durften nicht erwähnt werden. Das stalinistische Prinzip der Befriedung durch Angst und summarische Verhaftungen zeigte durchgreifende Wirkung. Diese Atmosphäre der Furcht ermöglichte es der allein herrschenden Partei, ihre Machtstellung schrittweise auszubauen. Jede Form von Widerstand oder abweichender Meinung wurde im Keim erstickt.

Die internationale Ausrichtung des Klassenkampfes

Auf internationaler Ebene verkündete die sowjetische Führung im Herbst 1947 die neue Stoßrichtung ihrer Politik. Der Klassenkampf wurde fortan primär auf die globale Bühne verlagert. Es ging nun um die direkte Konfrontation zwischen dem kapitalistischen und dem sozialistischen Lager. Die kommunistischen Parteien hatten die Aufgabe, ihre politischen Waffen in diesem internationalen Wettstreit zu erproben. Parallel zu diesen globalen Strategien vollzog die ostdeutsche Partei eine radikale Wende in der Deutschlandpolitik.

Der Weg in die staatliche Trennung und die Einbindung der Sorben

Mit der Vorbereitung eines ersten gesamtdeutschen Volkskongresses wurde die Gründung eines eigenständigen Teilstaates eingeleitet. Gleichzeitig richtete die nationale Organisation der Sorben ihre Tätigkeit strikt nach den Vorgaben der regierenden Partei aus. Bereits im Vorjahr hatten die lokalen Parteigremien und die sorbische Führung vereinbart, gemeinsame Kandidatenlisten für die Wahlen aufzustellen. Durch dieses Vorgehen sollte eine politische Annäherung der Sorben an bürgerliche Konkurrenzparteien effektiv verhindert werden. Die sorbischen Vertreter sollten stattdessen vollständig in das neue Gefüge integriert werden.

Die Sorge um den Einfluss der Kirche und die neue Ausrichtung

Lokale Parteifunktionäre beobachteten die Entwicklung mit Argwohn und fürchteten den Einfluss der Kirche auf die sorbischen Bauern. Es galt zu klären, ob die nationale Organisation oder die religiösen Institutionen die Gemüter der Menschen stärker bestimmten. Auf einer gemeinsamen Sitzung im Herbst 1947 wurde die neue Marschroute festgelegt. Die sorbische Bevölkerung sollte im Geist der neuen volksdemokratischen Ordnung zur tatkräftigen Mitarbeit erzogen werden. Dafür verbündete man sich offiziell mit allen als fortschrittlich eingestuften Kräften.

Die Umdeutung von Begriffen und die Diktatur des Volkes

Der in dieser Zeit inflationär gebrauchte Begriff des Volkes durfte keineswegs im soziologischen Sinne verstanden werden. Er bezeichnete vielmehr die abstrakte Instanz, auf welche die kommunistische Führung ihren Herrschaftsanspruch stützte. Auch der Begriff der Demokratisierung erfuhr eine vollständige inhaltliche Neudeutung durch die neuen Machthaber. Damit wurde das Ziel kaschiert, die Gesellschaft radikal umzuformen und eine kommunistische Ordnung zu errichten. Viele Menschen erkannten diesen Trick nicht und glaubten an die Rückkehr bürgerlich-humanistischer Werte.

Die Illusion der Wiedergutmachung und die neue Opferhierarchie

Tatsächlich waren die Kommunisten angetreten, genau diese traditionellen Werte systematisch auszumerzen. Bei einem Spitzentreffen im Spätherbst 1947 wurden die nationalen Fragen des sorbischen Volkes erörtert. Die Parteiführung zeigte sich bereit, den Sorben kulturelle und schulische Rechte einzuräumen. Gleichzeitig wurde eine enge politische und wirtschaftliche Verflechtung mit der deutschen Bevölkerung gefordert. Die praktizierte Nationalitätenpolitik erwies sich als äußerst wirksames Mittel zur Herrschaftssicherung.

Die Verdrängung der Schuld und die Instrumentalisierung des Antifaschismus

Von einer echten Wiedergutmachung nationalsozialistischen Unrechts konnte in diesem Zusammenhang keine Rede sein. Die Kommunisten fühlten sich für die Verbrechen der Vergangenheit nicht verantwortlich und wiesen jede Schuld von sich. Im neuen Staat war nicht Erinnerungsarbeit, sondern kollektive Verdrängung angesagt. Als anerkannte Opfer des Faschismus galten nur jene Personen, die sich bedingungslos dem neuen Gefüge unterwarfen. Minderheiten, die an ihrer traditionellen Lebensweise festhielten, wurden weiterhin stigmatisiert und ausgegrenzt.

Die Disziplinierung abweichender Lebensentwürfe

An die Stelle der früheren Verfolgung trat keineswegs Toleranz oder Verständnis für andersartige Lebensentwürfe. Die gewährten Leistungen waren keine Entschädigung für erlittenes Unrecht. Sie fungierten vielmehr als Belohnung für angepasstes und sozial diszipliniertes Verhalten. Die Partei legitimierte ihren Führungsanspruch ausschließlich aus der eigenen antifaschistischen Tradition. Man betonte, als einzige Gruppierung den Nationalsozialismus von Anfang an konsequent bekämpft zu haben.

Die Konstruktion eines bequemen Feindbildes

Um die Bevölkerung für das neue Gesellschaftsmodell zu gewinnen, wurde ein einfaches Feindbild konstruiert. Die Schuld am Nationalsozialismus wurde einer kleinen Gruppe von Monopolkapitalisten und Militaristen zugeschoben. Dem einfachen Volk wurde hingegen attestiert, dass es in die Irre geführt worden sei. Diese Narrative sollten die Menschen für den Wiederaufbau und die neuen Verhältnisse mobilisieren. Die institutionelle Zusammenfassung des sorbischen Lebens unter dem Dach der nationalen Organisation festigte diese Kontrolle.

Die Abwendung von der Macht und die Loyalität zur Partei

Die Führung der sorbischen Organisation blendete die repressiven Momente der politischen Wirklichkeit bewusst aus. Im Tausch für eine opportunistische Teilhabe an der Macht fügte man sich dem kommunistischen Herrschaftsanspruch. Noch im Frühjahr 1947 hatten manche Funktionäre gefordert, die Sorben nach Polen umzusiedeln. Man unterstellte ihnen, durch ihre Autonomiebestrebungen die staatliche Einheit gefährden zu wollen. Die moskautreue Fraktion konnte sich mit derartigen Vertreibungsplänen jedoch nicht durchsetzen.

Die Moskauer Direktiven und die Liquidierung der Konkurrenz

Der sowjetische Außenminister hatte bereits Anfang 1947 Richtlinien für eine sorbische Kulturautonomie vorgegeben. Um die Loyalität gegenüber der Besatzungsmacht zu beweisen, betrieb die Führung die Beseitigung konkurrierender Vertretungsorgane. Der im Frühjahr 1947 gegründete Nationalausschuss wurde endgültig ausgeschaltet. Auch der gemeinsame Exekutivrat der verschiedenen sorbischen Gruppierungen verlor seine Bedeutung. In der späteren Geschichtsschreibung wurde dieser Vorgang als Sieg der fortschrittlichen Kräfte verklärt.

Die gewaltsame Neuordnung und die Unterwerfung der Elite

Man betonte die harten Auseinandersetzungen mit reaktionären und nationalistischen Kräften. Dieser als Sieg gefeierte Prozess ging in der Realität mit einer gewaltsamen Depravierung von Partizipationschancen einher. Ein Großteil der sorbischen Bevölkerung wurde durch Liquidation, Einschüchterung und Umerziehung mundtot gemacht. Die Führung nahm auf dem Parteitag der regierenden Partei die symbolische Kommunikation mit der neuen Elite auf. Die Antwort des Parteivorsitzenden machte die politische Grundrichtung unmissverständlich klar.

Die Einheit des Volkes und die Grenzen der Toleranz

Den Sorben wurden kulturelle Rechte zugestanden, jedoch jegliche nationale Eigenständigkeit verweigert. Die Partei versicherte ihre Unterstützung bei der freien Entfaltung kultureller Angelegenheiten. Gleichzeitig wurde das Wohl der Bevölkerung nur in der geschlossenen Einheit des deutschen Volkes gesehen. Im Frühjahr 1948 verabschiedete der sächsische Landtag ein Gesetz zur Wahrung sorbischer Rechte. Damit wurde die zugesagte Kultur- und Schulautonomie in die praktische Politik überführt.

Die Fesselung an die sozialistische Ideologie

Diese Autonomie bedeutete freilich keine Selbstständigkeit in nationaler Hinsicht. Die gewährten Rechte wurden von vornherein durch das stalinistische Diktum der nationalen Form und des sozialistischen Inhalts begrenzt. Unter dem Begriff der Form wurden lediglich einige wenige ethnographische Details akzeptiert. Dazu gehörten lyrische Auslassungen über die Natur sowie traditionelle Trachten und Volkstänze. Das Fundament der Macht blieb jedoch unantastbar die Diktatur des Proletariats.

Das sowjetische Modell der minimalen Autonomie

Um diese Diktatur herum durfte man nach eigenem Gusto singen und tanzen. Die den Sorben gewährte Autonomie entsprach dem sowjetischen Modell der Nationalitätenpolitik in seiner minimalen Variante. Es wurde weder ein eigener nationaler Bezirk noch eine Region oder Republik geschaffen. Die Bolschewiki unterdrückten Bestrebungen ethnischer Gruppen erbarmungslos, wenn sie die territoriale Einheit gefährdeten. Anstelle von Unabhängigkeit bot man die Rekrutierung lokaler Eliten aus den Reihen der Nationalitäten an.

Das Fehlen einer nationalen Elite in der Niederlausitz

Im Zuge der Umsetzung des Gesetzes wurden bis zum Ende der fünfziger Jahre neue kulturelle Einrichtungen aufgebaut. Administrative und wirtschaftliche Eigenständigkeit blieb den Sorben hingegen strikt verwehrt. Die Übertragung des sächsischen Gesetzes auf die benachbarte Provinz erwies sich als überaus schwierig. Der Grund dafür war das Fehlen einer notwendigen neuen nationalen Elite in der Niederlausitz. Lokale Verwaltungschefs konstatierten bereits im Sommer 1948 die erfolgreiche Liquidierung der sorbischen Bewegung.

Das endgültige Scheitern der autonomen Bestrebungen

Die einst aufgeflammten autonomen Bestrebungen waren von der Staatsmacht endgültig zerschlagen worden. Die Geschichte der sorbischen Minderheit in dieser Ära ist ein Paradebeispiel für die Mechanismen totalitärer Herrschaft. Kulturelle Zugeständnisse dienten ausschließlich der Maskierung politischer Unterdrückung. Wer sich dem System nicht bedingungslos unterwarf, wurde gnadenlos aus der Gesellschaft gedrängt. Das Erbe dieser Zeit wirkt bis in die heutige Erinnerungskultur hinein.