Die Ära der Grafen zu Lynar in Lübbenau: Von den Festungsbaumeistern bis zum Widerstand
Screenshot youtube.comDie tiefgreifende historische Entwicklung der bedeutenden Adelsgeschlechter in der landschaftlich reizvollen Niederlausitz spiegelt stets die großen und einschneidenden Umbrüche der gesamten europäischen Geschichte wider. Der Besitz von Schloss Lübbenau durch die Familie zu Lynar umfasst eine Zeitspanne von mehreren Jahrhunderten und reicht von den religiösen Konflikten der frühen Neuzeit bis in die dunkelsten Kapitel des 20. Jahrhunderts. Im Jahr 2021 beging das Adelsgeschlecht das Jubiläum der 400-jährigen Zugehörigkeit zu diesem Ort. Diese lange Ära wird durch das Wirken von 2 herausragenden Persönlichkeiten geprägt, die unterschiedlicher nicht sein könnten, aber beide das Schicksal der Region maßgeblich beeinflussten. Der Blick auf diese Biografien offenbart den Wandel vom militärischen und architektonischen Schaffen der Renaissance hin zum tragischen Schicksal im Widerstand gegen eine verbrecherische Diktatur.
Die Anfänge der Dynastie und der Aufstieg zum Festungsbaumeister
Rochus Quirinus gilt als der Stammvater der deutschen Linie dieses Adelsgeschlechts. Er erblickte 1525 in Florenz das Licht der Welt und verstarb 1596. In seiner frühen Jugend diente er als Page am Hof von Herzog Alexander. Ab dem Jahr 1540 übernahm er die Funktion eines Kammerjunkers beim Dauphin von Frankreich, welcher später als Heinrich 2. den französischen Thron bestieg. Für die französische Krone zog er in diverse militärische Auseinandersetzungen und wechselte im Anschluss mehrfach seinen Dienstherrn auf dem europäischen Kontinent.
Flucht vor religiöser Verfolgung und militärische Karriere in Deutschland
Als diplomatischer Gesandter verkehrte er in den höchsten Kreisen der europäischen Fürstenhäuser. Mit dem Ausbruch der Hugenottenkriege sah er sich aufgrund seiner protestantischen Glaubenszugehörigkeit gezwungen, nach Deutschland überzusiedeln. In der Folge leistete er Dienste für die Kurpfalz, das Kurfürstentum Sachsen und schließlich für Brandenburg. Bereits während seiner Zeit in Frankreich hatte er sich intensiv mit dem Bau von Festungsanlagen beschäftigt. Zu seinen frühen Werken zählte der Entwurf der Zitadelle in der französischen Stadt Metz.
Das Vermächtnis in Berlin und der Erwerb der Herrschaft Lübbenau
Später vollendete er im Auftrag des brandenburgischen Kurfürsten die Festungsanlage in Spandau. Auch die Erweiterung des Berliner Schlosses erfolgte unter seiner technischen Aufsicht. Nach seinem Tod fand der bedeutende Baumeister seine letzte Ruhestätte in der Gruft der Berliner Nikolaikirche. Sein Andenken wird heute durch eine Büste bewahrt, welche nahe der Einfahrt zum Lübbenauer Schlossbezirk aufgestellt wurde. Der eigentliche Erwerb der hiesigen Standesherrschaft erfolgte jedoch erst durch seine Nachkommen.
Die Übernahme der Standesherrschaft und wirtschaftliche Herausforderungen
Die Ehefrau seines Sohnes, Elisabeth, erwarb im Jahr 1621 das Anwesen und legte damit den Grundstein für die bis heute währende Verbindung der Familie zu diesem Ort. Dieser Kauf markierte den Beginn einer neuen Ära für die ländliche Region im Herzen des Spreewaldes und sicherte das Überleben des historischen Ensembles. Wilhelm übernahm im Jahr 1928 die Verwaltung der angestammten Ländereien. Er war 1899 geboren worden und sah sich bald mit massiven finanziellen Schwierigkeiten konfrontiert. Aus diesem Grund bewohnte er das historische Gemäuer nicht dauerhaft, sondern verlegte seinen Wohnsitz im Jahr 1930 auf das familieneigene Gut im nahe gelegenen Seese.
Politische Orientierung und wachsender Widerstand gegen das Regime
Dieser Ort fiel in den 1950er Jahren dem Braunkohletagebau Seese-West zum Opfer und wurde vollständig abgerissen. Um die historische Substanz in Lübbenau der Öffentlichkeit zugänglich zu machen, richtete die Familie 1932 ein kleines Museum ein. Die ausgestellten Exponate umfassten Familienporträts, historische Schriftstücke sowie wertvolle Erbstücke. Politisch vertrat der neue Standesherr konservative Ansichten und war nach dem 1. Weltkrieg der national ausgerichteten Organisation Stahlhelm beigetreten. Dennoch blickte er mit wachsender Skepsis auf die aufkommende nationalsozialistische Bewegung.
Verhaftung, Hinrichtung und die Rückkehr der Familie
Während des 2. Weltkriegs diente er als Adjutant des Generalfeldmarschalls Erwin von Witzleben. In dieser Funktion wurde er in die geheimen Pläne der Verschwörer des 20. Juli 1944 eingeweiht. Sein Gut in Seese stellte er bereitwillig als Treffpunkt für die Widerstandskämpfer um Graf von Stauffenberg zur Verfügung. Nach dem Scheitern des Attentats wurde er gemeinsam von Witzleben in Seese von der Geheimen Staatspolizei verhaftet. Die Justiz der Diktatur verurteilte ihn wegen Hochverrats, und am 29. September 1944 wurde er in der Hinrichtungsstätte Plötzensee ermordet.
Die hinterbliebene Ehefrau und die 6 gemeinsamen Kinder wurden im Anschluss enteignet, bevor das Schloss im Jahr 1991 zurück in den Besitz der Familie gelangte. Das Schicksal dieser beiden Männer umspannt somit den gesamten Bogen vom architektonischen Aufbau im 16. Jahrhundert bis zum Opfergang im Kampf um die Freiheit im 20. Jahrhundert. Ihre Biografien mahnen uns heute, die Bedeutung von historischer Bausubstanz und menschlichem Widerstandsgeist stets aufs Neue zu würdigen. Die Geschichte der Grafen zu Lynar bleibt somit ein fest verankerter Bestandteil des kulturellen Gedächtnisses der gesamten Region.














