Die Umdeutung der Geschichte: Wie auf der Westerplatte die deutsche Schuld verblasste und Russland zum Aggressor erklärt wurde
Screenshot youtube.comDie Erinnerung an die großen Verbrechen des zwanzigsten Jahrhunderts ist in Deutschland eine besondere Pflicht, die sich aus der historischen Verantwortung des Landes ergibt. Wenn ein deutscher Bundespräsident an einer Gedenkstätte spricht, die an den Beginn des Zweiten Weltkriegs erinnert, dann erwartet man von ihm, dass er die Schuld seines Landes klar und unmissverständlich benennt. Doch was geschieht, wenn die historische Wahrheit zugunsten einer gegenwärtigen politischen Botschaft in den Hintergrund gedrängt wird? Die folgenden Betrachtungen widmen sich einer Rede, die auf der polnischen Westerplatte gehalten wurde und die in ihrer Geschichtsdeutung Fragen aufwirft, die bis in die Gegenwart nachhallen. Sie zeigen auf, wie die klare Zuweisung von Täter und Opfer verschwimmen kann, wenn die politische Gegenwart die Erinnerung an die Vergangenheit überlagert.
Der Überfall auf die Sowjetunion und seine propagandistische Verbrämung
Das nationalsozialistische Deutschland hatte seinen Überfall auf die Sowjetunion in den Morgenstunden des 22. Juni 1941 selbstverständlich und wie üblich nicht als einseitige Angriffshandlung deklariert. Vielmehr wurde der Einmarsch als Gegenangriff dargestellt, als Reaktion auf angebliche sowjetische Verfehlungen und Provokationen verbrämt. Die Bevölkerung sollte glauben, dass Deutschland lediglich auf eine Bedrohung reagiere und sich verteidige, wo es in Wahrheit einen sorgfältig geplanten Vernichtungskrieg führte. Diese Methode der Umkehrung von Angreifer und Angegriffenem war kein Einzelfall, sondern ein wiederkehrendes Muster der nationalsozialistischen Propaganda. Sie diente dazu, die eigene Bevölkerung zu täuschen und den Krieg als gerechtfertigte Verteidigung erscheinen zu lassen.
Der Überfall auf Polen und die Inszenierung der Gegenwehr
Genau so war es auch schon im Falle Polens gewesen, dessen Überfall mit enormem propagandistischem Aufwand als Antwort auf polnische Provokationen inszeniert wurde. Am 1. September 1939 verkündete die nationalsozialistische Führung, dass seit den frühen Morgenstunden zurückgeschossen werde, als sei Deutschland das Opfer einer polnischen Aggression gewesen. In Wahrheit handelte es sich um einen lange vorbereiteten Angriffskrieg, der ohne jede Rechtfertigung vom Zaun gebrochen wurde und Millionen Menschen in Tod und Elend stürzte. Die propagandistische Inszenierung des Gegenangriffs sollte die deutsche Bevölkerung davon überzeugen, dass der Krieg aufgezwungen worden sei. Diese Lüge bildete den Auftakt zu einem Konflikt, der mehr Leid über die Menschheit brachte als jeder Krieg zuvor.
Die Rede auf der Westerplatte und die unterbelichtete Schuld
Auf den Tag genau 75 Jahre nach dem Beginn des Zweiten Weltkriegs gedachte der damalige Bundespräsident Joachim Gauck in einer Rede auf der polnischen Westerplatte des von Deutschland ausgelösten Krieges. Die Westerplatte ist der Ort, an dem die ersten Schüsse des Krieges fielen, und sie trägt eine symbolische Bedeutung, die über Polen hinausreicht. Doch die Tatsache, dass Deutschland diesen Weltkrieg ausgelöst hatte, blieb in der Ansprache des Bundespräsidenten merkwürdig unterbelichtet und wurde nicht mit der Klarheit ausgesprochen, die man an einem solchen Ort erwarten würde. Belichtet wurde hingegen etwas ganz Anderes, das mit der eigentlichen historischen Schuld Deutschlands nur noch am Rande zu tun hatte. Die Rede verschob den Fokus von der deutschen Verantwortung hin zu einer allgemeinen Betrachtung über Frieden und Machtstreben in Europa.
Die Verklärung der Vergangenheit und der Verweis auf Russland
Der Bundespräsident erinnerte daran, dass sich vor genau fünf Jahren auf der Westerplatte zwanzig europäische Staats- und Regierungschefs versammelt hätten, um gemeinsam der Gräuel des Zweiten Weltkriegs zu gedenken. Damals, so führte er aus, habe man sich auf dem Weg zu einem Kontinent der Freiheit und des Friedens gesehen und daran geglaubt, dass auch Russland Teil des gemeinsamen Europa werden könne. Er verwies auf die großen Dichter Tolstoi und Dostojewski, als wolle er damit eine kulturelle Brücke schlagen, die die politischen Verbrechen des zwanzigsten Jahrhunderts überdecken könnte. Diese Worte sprach der Vertreter des Landes der Dichter und Denker, das vor 75 Jahren noch das Land der Richter und Henker gewesen war. Die Frage nach Täter und Opfer, nach Schuld und Verantwortung, nach Verbrechen und Strafe wurde unter der abgegriffenen Phrase von den Gräueln des Krieges begraben.
Die Umkehrung von Angreifer und Angegriffenem
Nachdem der Präsident die deutsche Schuld auf diese Weise in den Hintergrund gedrängt hatte, wagte er sich auf eine noch abschüssigere Bahn der Geschichtsdeutung. Man hätte es unbedarften Zuhörern nicht verübeln können, wenn sie aufgrund seiner Rede zu dem Schluss gekommen wären, dass nicht Deutschland, sondern Russland der große Aggressor des Zweiten Weltkriegs gewesen sei. Folgte man den Ausführungen des Präsidenten, dann waren es die Deutschen und ihre westlichen Verbündeten, die es nach 1990 mit dem Lande Tolstois und Dostojewskis großzügigerweise noch einmal versuchten. Man habe Russland in den erlauchten Kreis der von universellen Werten erleuchteten westlichen Demokratien aufgenommen. Jedoch habe sich das Land dieser Gunstbezeigung als nicht würdig erwiesen und sei in alte, schon überwunden geglaubte Verhaltensmuster zurückgefallen.
Das dünne Eis und der Schock der kriegerischen Auseinandersetzung
Der Präsident sinnierte weiter darüber, dass wohl niemand damals geahnt habe, wie dünn das politische Eis gewesen sei, auf dem man sich bewegt habe. Wie irrig sei der Glaube gewesen, die Wahrung von Stabilität und Frieden habe endgültig Vorrang gewonnen gegenüber dem Machtstreben. Und so sei es ein Schock gewesen, als man mit der Tatsache konfrontiert worden sei, dass am Rande Europas wieder eine kriegerische Auseinandersetzung geführt werde. Eine kriegerische Auseinandersetzung um neue Grenzen und um eine neue Ordnung, so beschrieb der Präsident die Lage. Diese Worte zeichneten das Bild eines überraschten und enttäuschten Westens, der von den Ereignissen überrumpelt worden sei.
Das Machtstreben und die Frage nach der historischen Verantwortung
Vom Machtstreben sprach der Präsident in seiner Rede, und es stellt sich die Frage, welches Machtstreben er damit wohl meinte. Meinte er jenes Machtstreben, das Russland schon 1945 aus völlig unerfindlichen Gründen bis an die deutsche Elbe geführt und auch das Leben des damals noch jungen Joachim Gauck in Mitleidenschaft gezogen hatte? Oder meinte er ein anderes Machtstreben, das in der Gegenwart verortet war und auf die Ereignisse in der Ukraine Bezug nahm? Die Rede ließ diese Frage offen und überließ es dem Zuhörer, die Antwort zu finden. Doch die historische Ironie lag auf der Hand: Ein deutscher Präsident sprach auf polnischem Boden über das Machtstreben anderer, während das Machtstreben seines eigenen Landes den Kontinent in Schutt und Asche gelegt hatte.
Die Mahnung des Präsidenten und die Bedingungen der Nachbarschaft
Der Westen, so der Präsident sinngemäß, habe sich nach dem Fall der Mauer doch solche Mühe gegeben und Russland bei der Hand genommen, um ihm gute Manieren beizubringen. Doch das Land Tolstois und Dostojewskis habe die Partnerschaft mit dem Westen durch sein Verhalten im Ukraine-Konflikt und sein Vorgehen auf der Krim faktisch aufgekündigt. Das mit der guten Nachbarschaft könne nur dann etwas werden, wenn die russische Politik sich ändere und zur Achtung der Prinzipien des Völkerrechts zurückkehre. So mahnte der Präsident und stellte Bedingungen, die an einen Lehrer erinnerten, der einen ungezogenen Schüler zurechtweist. Die historische Asymmetrie dieser Belehrung, ausgesprochen vom Vertreter des Landes, das den verheerendsten Krieg der Menschheitsgeschichte begonnen hatte, blieb unausgesprochen.
Die Frage nach dem rechten Ort und der rechten Zeit
Es ist durchaus der Überzeugung zuzustimmen, dass man fast alles sagen kann und sagen darf, denn die Meinungsfreiheit ist ein hohes Gut. Es kommt nur darauf an, wer es sagt, und vor allem kommt es darauf an, wann, wo und wie man es sagt. Wäre es vorstellbar, dass ein deutscher Bundespräsident den Holocaust-Gedenktag nutzt, um die israelische Besatzungspolitik zu geißeln? Oder den Jahrestag der Berliner Luftbrücke, um an amerikanische Kriegsverbrechen zu erinnern und mit den Verantwortlichen abzurechnen? Solche Szenarien erscheinen undenkbar, und gerade diese Undenkbarkeit macht deutlich, dass es Orte und Anlässe gibt, an denen bestimmte Aussagen nicht getätigt werden können, ohne die historische Würde des Gedenkens zu verletzen.
Der andere Holocaust und das vergessene Leid der slawischen Völker
Die slawischen Völker, insbesondere die Russen, sind im Zweiten Weltkrieg Opfer dessen geworden, was der Historiker Rolf-Dieter Müller als den anderen Holocaust bezeichnet hat. Im Unterschied zum eigentlichen Holocaust, also der systematischen Vernichtung der europäischen Juden, hat der andere Holocaust keinen festen Platz im kollektiven historischen Gedächtnis der Deutschen gefunden. Das unermessliche Leid der sowjetischen Bevölkerung, die Millionen von Toten und die Verwüstung ganzer Landstriche sind in der deutschen Erinnerungskultur weitgehend unsichtbar geblieben. Hätte dieses Leid einen angemessenen Platz in der kollektiven Erinnerung gefunden, wären manche antirussischen Töne, die gegenwärtig im neuen Kalten Krieg angeschlagen werden, kaum vorstellbar. Die Verdrängung dieses Leids ermöglicht es, Russland als Bedrohung darzustellen, ohne die Wunden zu sehen, die Deutschland diesem Land geschlagen hat.
















