Der historische Triumph über den Hunger und die neue Plage des Überflusses

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Die Menschheitsgeschichte ist untrennbar mit dem Kampf gegen das ewige Leid der Nahrungsknappheit verbunden. Über weite Strecken der Vergangenheit stellte der Mangel an lebensnotwendiger Nahrung die größte Bedrohung für das Überleben der menschlichen Spezies dar. Erst in der jüngeren Vergangenheit gelang es durch technologische und gesellschaftliche Umwälzungen, diese biologische Grenze der Armut zu überwinden. Heute hat sich das Problem gewandelt, von einer reinen Überlebensfrage hin zu komplexen Fragen der Verteilung, der politischen Instrumentalisierung und der modernen Ernährungsgewohnheiten. Dieser Wandel markiert einen der tiefgreifendsten Brüche in der historischen Entwicklung unserer Zivilisation.

Die ständige Bedrohung durch die biologische Armut

Bis in die jüngere Vergangenheit hinein fristete der Großteil der Erdbevölkerung ein Dasein hart an der Grenze des biologisch Notwendigen. Unterhalb dieser Schwelle lauerten stets die tödlichen Gefahren der Unterernährung und des Hungers. Bereits ein kleiner Fehlschlag in der Landwirtschaft oder ein unglücklicher Zufall konnten für eine gesamte Sippe oder dörfliche Gemeinschaft das Ende bedeuten. Verheerende Regenfälle vernichteten die mühsam bestellten Getreidefelder, oder räuberische Banden raubten die letzten Nutztiere, was unweigerlich das Verhungern der gesamten Familie nach sich zog. Ein derartiges gemeinsames Unglück oder weit verbreitete Missstände führten unweigerlich zu gewaltigen Hungersnöten.

Die verheerenden Folgen kollektiver Katastrophen

Trafen schwere Dürren die alten Hochkulturen am Nil oder die mittelalterlichen Reiche auf dem indischen Subkontinent, starb regelmäßig ein erheblicher Teil der Einwohnerschaft. Die lokalen Vorräte waren rasch aufgebraucht, und der Transport von Gütern erfolgte derart langsam, dass ausreichende Importe schlichtweg unmöglich waren. Zudem fehlte es den damaligen Herrschaften an der nötigen Stärke und Organisation, um wirksame Hilfe zu leisten. Wer die historischen Aufzeichnungen jener Epoche studiert, stößt auf schreckliche Schilderungen von hungergeplagten Massen, die in den Wahnsinn getrieben wurden. Gegen Ende des barocken Zeitalters berichteten französische Beamte über die unfassbaren Zustände in den betroffenen Regionen.

Das grauenhafte Sterben in vergangenen Jahrhunderten

Die Bezirke waren überschwemmt von zahllosen verarmten Seelen, die geschwächt vom Hunger in den Straßen dahinsiechten. In ihrer tiefsten Verzweiflung griffen die hungernden Menschen zu den unglaublichsten Mitteln, um ihr Dasein notdürftig zu fristen. Sie verzehrten unreine Dinge wie Katzen oder das Fleisch von verendeten Pferden, während andere sich vom Blut der geschlachteten Rinder oder von weggeworfenen Küchenabfällen ernährten. Wieder andere kochten Brennnesseln, Unkraut und Wurzeln in Wasser, um den brennenden Schmerz im Magen zu lindern. Derartige entsetzliche Szenen spielten sich im gesamten französischen Königreich ab, nachdem schlechtes Wetter über mehrere Jahre hinweg die Ernten vernichtet hatte.

Die europäische Tragödie der frühen Neuzeit

Die Reichen verlangten für die gehorteten Lebensmittel exorbitante Preise, während die Armen massenhaft starben. In jenem Zeitraum verhungerten unzählige Menschen im Land des Sonnenkönigs, der sich derweil in prunkvollen Schlössern vergnügte. Im darauffolgenden Jahr traf dieselbe tödliche Katastrophe die baltischen Regionen und forderte einen gewaltigen Teil der dortigen Bevölkerung. Kurz darauf starben in den nordischen Gebieten bis zu einem signifikanten Anteil der Menschen, und auch die schottischen Distrikte verloren einen erheblichen Teil ihrer Einwohnerschaft an den Hunger. In der jüngsten geschichtlichen Epoche haben technologische, wirtschaftliche und politische Entwicklungen eine immer robustere soziale Absicherung geschaffen.

Die Errichtung eines globalen Sicherheitsnetzes

Diese Absicherung hält die Menschheit zuverlässig über der gefährlichen biologischen Armutsgrenze. Manche Gegenden werden zwar noch immer von Nahrungsknappheit heimgesucht, doch diese Ausnahmen sind fast immer durch menschliche Politik und keineswegs durch Naturkatastrophen verursacht. Es gibt heute praktisch keine natürlichen Hungersnöte mehr auf dieser Welt, sondern ausschließlich politisch motivierte. Wenn in bestimmten Krisenregionen Menschen verhungern, dann liegt dies am Willen skrupelloser Machthaber. Auf dem Großteil des Planeten ist es heute so, dass der Verlust des Arbeitsplatzes oder des gesamten Besitzes wenigstens nicht zum Verhungern führt.

Der Schutz durch internationale Handelsstrukturen

Private Versicherungssysteme, staatliche Stellen und internationale Hilfsorganisationen bewahren die Betroffenen zwar nicht vor materieller Not, doch sie versorgen sie mit ausreichend täglichen Kalorien. Auf kollektiver Ebene macht das globale Handelsnetz Dürren und Flutkatastrophen zu bloßen Geschäftsmöglichkeiten, die eine Nahrungsmittelknappheit rasch und kostengünstig beheben. Selbst wenn Kriege oder Naturgewalten ganze Länder verwüsten, gelingt es dank internationaler Bemühungen in der Regel, den Massenhunger zu verhindern. Zwar leiden noch immer zahllose Menschen jeden Tag an Nahrungsmangel, aber in den meisten Staaten sterben nur recht wenige tatsächlich daran. Zweifellos verursacht materielle Armut zahlreiche andere Gesundheitsprobleme, und eine unausgewogene Ernährung verkürzt die Lebenserwartung selbst in den wohlhabendsten Staaten.

Der Unterschied zwischen Mangelernährung und Hungertod

So leiden beispielsweise in Frankreich zahllose Bürger unter Ernährungsunsicherheit, ohne zu wissen, ob sie mittags etwas zu essen bekommen. Sie gehen oft hungrig zu Bett und ernähren sich ungesund, mit einem Übermaß an Kohlenhydraten und einem Mangel an wichtigen Vitaminen. Doch diese Ernährungsunsicherheit ist keineswegs mit dem historischen Hungertod gleichzusetzen. Selbst in den heruntergekommensten Behausungen sterben die Menschen heute nicht mehr, weil sie wochenlang keinerlei Nahrung zu sich nehmen konnten. Der gleiche bemerkenswerte Wandel vollzog sich in zahlreichen anderen Ländern, allen voran in China.

Der historische Sieg über die Nahrungsknappheit im Osten

Jahrtausendelang verfolgte der Hunger jede dortige Regierung, und noch vor wenigen Jahrzehnten galt das Land als Synonym für Nahrungsmittelknappheit. Bei einer großen Welternährungskonferenz in Rom wurden den Delegierten apokalyptische Szenarien präsentiert, wonach das bevölkerungsreichste Land der Erde eine Katastrophe erleiden werde. Tatsächlich steuerte die Nation jedoch auf das größte Wirtschaftswunder der Geschichte zu, wodurch eine unvorstellbar große Zahl von Menschen der Armut entkam. Obwohl noch immer viele Bürger unter Mangel leiden, ist das Reich der Mitte in seiner gesamten Historie völlig frei von der tödlichen Geißel des Hungers. Tatsächlich ist in den meisten Ländern heute das weitaus schlimmere Problem, dass die Menschen viel zu viel essen.

Die neue Plage des Überkonsums

In vergangenen Jahrhunderten riet die französische Monarchin den hungernden Massen bekanntlich, doch einfach Gebäck zu verzehren, wenn kein Brot vorhanden sei. Heute nehmen die Ärmeren diesen Vorschlag für bare Münze, während die Reichen sich an Gartensalat und gedünstetem Gemüse erfreuen. Die Bewohner der Armenviertel stopfen sich stattdessen mit zuckerhaltigen Süßigkeiten und fettigen schnellen Mahlzeiten voll, was zu einer globalen Epidemie des Übergewichts geführt hat. Jährlich sterben mittlerweile weit mehr Menschen an den gesundheitlichen Folgen der Fettleibigkeit als an den direkten Konsequenzen des Hungers. Diese Entwicklung zeigt eindrucksvoll, wie sehr sich die globalen Herausforderungen verschoben haben.

Die Ambivalenz des modernen Wohlstands

Der historische Kampf gegen das Verhungern wurde weitgehend gewonnen, doch der Triumph bringt völlig neue gesundheitliche und gesellschaftliche Probleme mit sich. Die industrielle Herstellung von billiger, hochkalorischer Nahrung hat das Sterben durch Nahrungsmangel beendet, aber gleichzeitig eine neue Krankheit der Zivilisation entfacht. Die Menschheit muss sich nun der Frage stellen, wie sie den Überfluss gerecht und gesund verteilen kann. Der Sieg über den Hunger bleibt dennoch eine der größten zivilisatorischen Errungenschaften, auch wenn der Preis dafür in Form von Volkskrankheiten heute hoch ist.